Der dritte Oktober

Im 30 Jahre alten Tagebuch steht mein Trainingsplan. Gebraucht habe ich ihn nicht.

August 89

Ich saß draußen in der Dunkelheit und konnte durch das Fenster A. dabei zuschauen, wie sie Puppenköpfe modellierte. Ich rauchte F6 oder Cabinett. Es war eine warme Sommernacht, meine letzte Nacht in der DDR, meine letzte Nacht im Katharinenhof in der Nähe von Bautzen. Es muss August gewesen sein. Das Wochende lag vor mir.

Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Bautzen. Das weiß ich-vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht hatte mich auch die alte Frau K. in ihrem Auto mitgenommen, als sie zum Einkauf fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Zug stieg. Ich erinnere mich an die Grenzkontrolle zur CSSR. Ich erinnere mich daran kaum Angst verspürt zu haben.

Ich ging einfach.

Warum, lässt sich schlecht sagen. Die Erinnerung täuscht. Ich vermag mich in dieses junge Ich kaum noch zurück zu versetzen. Vielleicht war es dem Gefühl geschuldet, nach dem nicht Eintritt in die SED keine Optionen mehr zu haben. Ent-täuschung hatte stattgefunden. „Wollen wir heute das Morgen bauen“ galt nicht mehr. Vielleicht war es auch das Reisen wollen. Ich trampte damals oft . Guben-Halle Neustadt.

Halle-Neustadt-Berlin,

Halle-Neustadt-Budapest, so weit man eben kam.

Vielleicht hat das nicht mehr genügt.

Keleti/Budapest

Geplant hatte ich zu der Botschaft in Budapest zu gehen. Diese war wegen Überfüllung geschlossen. Jemand der mich ansprach:

Kommen sie aus Deutschland?

Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie zurück?

Nein.

Dann kam das Taxi und fuhr mich in das Zeltlager der Malteser.

Ich hätte Angst verspüren müssen, aber ich erinnere mich nur an einen kurzen Funken Misstrauen.

Ich hatte eine „Kraxe“ auf dem Rücken. Die ARD filmte mich, beim Betreten des Zeltlagers.

IHier blieb ich bis zum 11. September.

Tagsüber streifte ich durch Budapest. Ging schwimmen, las in Cafes. Ich verspürte kein Angst. Noch immer nicht. Ich verspürte kein Ungeduld, keine Erwartung.

11. September:

Mit dem Trabbi wurde ich über Wien nach Passau mitgenommen.

Der Empfang war euphorisch. Ich war nur wenig älter, als es meine ältesteste Tochter jetzt ist. Ab Passau reiste ich wieder allein.

Der Grenzbeamte in Passau, der mir ungläubig zuhörte, als ich sagte ich sei allein und wüsste auch nicht wohin. Der gab mir die Adresse in Heidelberg. Ich zog es nicht in Betracht meine Großmutter anzurufen. Als ich es später doch tat, sagte sie genervt: Ich weiß nicht was ihr hier alle wollt. Wir haben genug Arbeitslose.“

Kommen durfte ich als ich Wohnung und Arbeit gefunden hatte. Ich

hauste in einem winzigen Zimmer, einer Kajüte, keine Küche , kein Bad, dafür aber mitten in der Altstadt. Klo halbe Treppe. Das war mir vertraut. Unvertraut waren die japanischen Reisegruppen, die nachmittags manchmal den Hinterhof bestaunten.

Das Heidelberger Jahr war ein besonderes Jahr mit wunderbaren Menschen, Spaziergängen auf dem Philosophenweg, grasen am Neckar und einem Gefühl von Abenteuer und Glück.

Ich hatte die DDR loswerden wollen, in Wahrheit war sie mir ganz nah. Sie liess mich nie los.

Um so älter ich werde, um so näher rücken die Erinnerungen und sie überfallen mich geradezu an tagen wie Diesen..

Kiel richtete dieses Mal den Tag der Deutschen Einheit aus. Auf den Dächern Scharfschützen.

10 Antworten auf „Der dritte Oktober

  1. Diejenigen Erinnerungen die tief in unsere Festplatte eingebrannt werden kommen immer später im Leben und wollen sich selbst erklären. Du bist wahrscheinlich deinem Bauchgefühlt gefolgt und hast dir selbst vertraut. Für dich wird das verlassen der DDR immer anders sein, als für die Menschen, welchen einfach die Grenze geöffnet wurde. Du hattest einen Bruch mit dem System, was vielen anderen fehlen mag, um wirklich das System hinter sich zu lassen, doch irgendwann sterben auch die Zweifler, Unentschlossenen und ewig Gestrigen aus und dann ist die getrennte Republik wirklich nur noch ein Eintrag im Geschichtsbuch …

    1. Ja der Bruch war selbst gewählt. Das die DDR dann aber quasi geschluckt wurde, war trotzdem schmerzhaft, auch wenn ich selbst diese Auswirkungen gar nicht erlebte. DDR war eben nicht nur Diktatur und Mangelwirtschaft, in erster Linie war sie Heimat.

      1. Selbst als 25 jährigem Jungspund war mir bewußt, wie falsch die Annektierungen der DDR war, aber da wollten sich etliche Wessis und ebenfalls einige Ossis mit Ruhm bekleckern, aber geblieben sind nur die Westmärchen der Notwendigkeit sich sofort alles unter den Nagel zu reissen …

  2. Danke für deinen Bericht. Als die Revolution auf dem Höhepunkt war, die Botschaften überfüllt waren, die Menschen über die grüne Grenze in Ungarn rannten…saß ich nur wie gelähmt vor dem Fernseher mit DDR-Programmen. Als gebütiger Görlitzer wohnten wir nicht weit voneinander. Dennoch scheint ein Unterschied im Denken vor sich gegangen zu sein. Ich hätte gern manches anders gesehen, doch ich wäre nicht weggegangen. Alleinerziehend mit Kind, in ein kapitalistisches Land, der Kapitalismus, das “Gespenst, dass in Europa umging”…ich hatte mit Stasi und co nichts zu tun gehabt, ich hatte kein Westfernsehen und keine Bekannten, die auf Demonstrationen gingen…also direkt gesagt, ich war Gefangene im “Tal der Ahnungslosen” und dachte nur: Was wird das hier? …als die Wahrheiten auch im letzten Winkel des Landes ankamen, hätte ich gern gesehen, dass die Menschen etwas aus der Chance machen, statt sich einnehmen zu lassen. War das wirklich das Ziel derer, die auf die Straße gingen? Doch ich sah auch die Möglichkeiten, die sich für jeden eröffneten. Man konnte sich plötzlich entfalten. Nur dauerte es eine Zeit, bis aus einer Unmündigen eine Selbstbestimmte wurde. Erst 19 Jahre später, als die Kinder aus dem Haus waren, traute ich mich, einen Traum zu verwirklichen und zog nach Paris. Heut lebe ich in Hamburg und führe eine Ehe, die “Ossi und Wessi” zusammenführte. Das ist meine ganz persönliche deutsche Einheit 🙂 es funktioniert, weil wir aufeinander achten und verschiedene Lebenserfahrungen berücksichtigen.

    1. Vielen Dank für diesen spannenden Kommentar. Bei dem Schreiben des blogeintrags fiel mir selbst auf wie merkwürdig dieses bindungsloses Gefühl von damals war und es lässt sich für mich nur damit erklären, dass meinem sozialistischen Patriotismus erhebliche Querschüsse zugefügt wurden. Damals war das schmerzhaft, aber im Nachhinein hat es mich absolut unanfällig für dogmen gemacht, Damals war ich wie taub, das System war für mich schon weit vorher zusammengebrochen. ich hab mich noch mal umgewendet ein letzter Blick. Ich war froh all das hinter mir lassen zu können. Ich wusste nicht an was und wem ich überhaupt noch glauben konnte. Der Katharinenhof war nur eine Durchgangsstation. Ich war dort knapp ein Jahr. Ich wollte nicht mehr kämpfen für irgendetwas, aber ja ich hätte mir gewünscht, dass es eine alternative zum gefressen werden, gegeben hätte. Zeit etwas anderes eigenes zu entwickeln. Was hast du in Paris gemacht? Und Hamburg ist toll! Wir führen auch eine gesamtdeutsche Ehe, die Völkerverständigung klappt so leidlich:)))

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