Der Illusionist von Steven Galloway

9783630874579_Cover[1]Da verliert einer langsam sein Erinnerungsvermögen und füllt die Leerstellen mit fremden Leben. Viele Fakten lässt uns der Autor über diesen Mann, Martin Strauss, der gerade eine beunruhigende Diagnose von seinem Arzt erhält, nicht zukommen.

Der Illusionist, der im Roman als Zwischenerzähler fungiert, lebt allein und leidet an Konfabulation.

Ob er leidet, kann man indes in Frage stellen, denn Strauss erinnert sich an ein atemberaubendes Leben in der Nähe des großen Magiers Harry Houdini. Seine einzige Aufgabe bleibt allerdings, die eigentliche Hauptperson des Buches in den Vordergrund zu rücken.

Die Hauptperson Harry Houdini alias Erik Weisz,  erlangt zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch spektakuläre Stunts und Entfesselungsaktionen Weltruhm. Strauss hält sich für dessen Mörder, einen Mord den er nicht begangen haben kann.

Der Autor Steven Galloway begibt sich auf  die Spuren Houdinis.

Houdini hineingeboren in eine jüdische  Budapester Familie, die schon bald nach Amerika emigriert und vorerst in Armut lebt,  muss schon früh seinen Teil  zum Lebensunterhalt beitragen.  Zaubertricks sind seine erste Einnahmequelle.  Er erarbeitet sich den Aufstieg vom Kleinkünstler zum großen Star der Weltbühnen mit harter Arbeit und dem beständigen Spiel mit dem Tod. „Mehr gewagt hat keiner.“

Houdini fasziniert durch spektakuläre  Aufführungen. Zudem  verkehrt er in spiritistischen Kreisen ohne selbst Spiritist zu sein.

Später  wird ein großer Antrieb seines Leben die Entlarvung der spiritistischen Täuschungen sein.  Dieser Tatsache, wie auch seiner vermuteten Nähe zu Geheimdienstkreisen ist es geschuldet, dass   bis heute über Houdinis Tod spekuliert wird: „Wie starb Houdini wirklich?“. Wer war  Schuld an seinem Tod?

Der Autor Steven Galloway hält sich an historische Fakten, nicht ohne manche Annahmen und Details  auszuschmücken.

Ein Roman der  zu fesseln vermag in der steten Auslotung der Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit und der einen faszinierenden Einblick in die magische Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts bietet.

„Der Illusionist“ war für mich ein eher zufälliger Buchfund. Um so mehr freute es mich, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen wollte.  Ein sehr lesenswerter, faszinierender Roman, den ich gern weiterempfehle.

Steven Galloway, Jahrgang 1975,  ist kanadischer Romanautor und publizierte bisher vier Romane. “ Der Cellist von Sarajevo wurde ein internationaler Bestseller. Er unterrichtet Creative Writing an der University of British Columbia. und lebt mit seiner Familie in Vancouver.

Die Deutsche Erstausgabe des Romans „Der Illusionist“ erschien am 23. März 2015 im Luchterhandverlag (Verlagsgruppe RandomHouse).

Aus dem Englischen übersetzt wurde es von Benjamin Schwarz.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ænglisch von Sarah Kirsch

9783421046499_Cover[1]Sarah Kirsch-eine deutsche Lyrikerin-das war mir bekannt. Unbekannt war mir die von ihr geschriebene Prosa. Ich bin neugierig, ich lese „Aenglisch.“

„Ænglisch“ sind Tagebuchaufzeichnungen einer Reise nach Cornwall und Devon, die Sarah Kirsch im Alter von 65 Jahren unternimmt. „Augustus“ 2000 geht sie mit ihrem Sohn an Bord.

Eigenwillig  schreibt Sarah Kirsch , mit feiner Beobachtung, freiem Geist und junger Seele, sich jeglichen Konventionen entziehend. Mit Harry Potter als Reiselektüre begibt sich sich „on Tour“ auf englischem Boden.

Haus-Möwen die den Wecker ersetzen, Hitchcock-Möwen die das Essen stehlen, dazu anthrazitfarbenes Meer und Luft die nach Atlantik und Ärmelkanal riecht.Ihr Berliner Slang untermalt das Gesehene. Mit gekonnten Sprachspielereien verwandelt sie alltägliche Sequenzen zu Literatur.

„Ein launisches Atlantik-Kanalwetter, bei dem man nit weeß, was es allet im Köcher  oder uff de Pfanne hat. Ne kleene Regenhaut muß man schon haben. Für alle Felle.“

Sarah Kirsch schreibt täglich Tagebuch, notiert scheinbar nichtige Dinge:

In der Sonne gesessen und am Strand nach Muscheln gesucht. Dann hier im Zimmer Tee gekocht und ne Pastete gegessen, darnach Haare gewaschen, das Haus um die Zeit hatte ein Bad frei.“

Nachrichtensplitter, Naturbeobachtungen, Alltagserledigungen, kaum etwas erscheint zu unbedeutend um nicht Eingang in ihre Tagebuchaufzeichnungen zu finden.

Sie überarbeitet ihre Notizen zehn Jahre später.

Ehrlich, unverfälscht, unangepasst.

Dieses  Reisetagebuch wird von Moritz Kirsch 2012 in die endgültige Form gebracht.

Auch die Fotos sind von ihrem Sohn. Es ist ein liebevoll gestaltetes Büchlein, bei dem bereits das Cover mit dem ungewöhnlichen AE im Titel neugierig macht.

Zur Autorin: Sarah Kirsch, 1935 in Limlingerode/Harz geboren, wird 1977 aus der DDR ausgebürgert.  Sie lebt seit 1981 als Schriftstellerin und Malerin in Tielenhemme/ Schleswig -Holstein und stirbt im Mai 2013.

Leseprobe

Das Buch erschien am 30.März 2015 bei DVA.

Ich bedanke mich bei der Random House Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar.


Ein Jahr auf dem Land von Anna Quindlen

9783421046666_Cover[1]Man erwartet Landlust, man bekommt mehr.

Rebecca Winter ist Fotografin und erfolgreich-gewesen.

Im Alter von 60 Lenzen sind ihre finanziellen Mittel aus ruhmreichen Tagen aufgebraucht.

Zeit Bilanz zu ziehen, Neuorientierung ist notwendig.  Als Fotografin ist sie erledigt-glaubt sie. „Die Währung einstigen Ruhms bringt mit der Zeit immer weniger Zinsen ein.“

Unwürdig erscheint es ihr, Verabredungen für Restaurant und Cafe aus Geldmangel abzulehnen oder Zeitmangel  als Grund vorzutäuschen. In dieselbe Kategorie fallen Urlaubs- und Geburtstagseinladungen, die sie mit dem Verweis auf  Terminschwierigkeiten ausschlägt. Keine Klagen, immer überwiegt die Ratio. Es wächst jene Idee für die Dauer eines Jahres ihre New Yorker Wohnung zu vermieten, um mit diesen Einnahmen sich ein einfacheres Wohnen auf dem Lande zu ermöglichen. Alter und Lebenssituation (sie ist geschieden-Ben ihr Sohn nicht mehr auf sie angewiesen) haben auch Vorteile. Sie ist unabhängig in ihren Entscheidungen, wenn man von den finanziellen Nöten mal absieht.

Alles dreht sich um Neuanfang, um die Frage was bleibt, wenn vieles verloren ist.

Ihr ist bewusst,  dass das neue Leben auf dem Land kein Spaziergang werden wird. Die ländliche Idylle lässt sich nicht lumpen und zeigt gleich zu Beginn, das sie auch anders kann. Die ersten Nächte sind schlaflos. Jagende Nachbarn und lärmende Waschbären sind Nachtgestalten deren Bekanntschaft sie bisher nicht machte, auf die sie jedoch mit der ihr eigenen Besonnenheit reagiert.

Rebecca ist eher Pragmatikerin als Romantikerin. Sie ist eigenständig, gewillt anzukommen. Nichts scheint wirklich mühsam zu sein. Es ist wie es ist.

Ihre Tage sind durchstrukturiert.

Die selbst auferlegte Ordnung gibt ihr Halt. Sie braucht einen Fahrplan um Sicherheit zu fühlen, erkennbare Routine im Alltag. Rebecca ist dort wo sie ist, das ist ihre große Stärke. Mit  nahezu buddhistischer Gelassenheit nimmt sie die Höhen und Tiefen des Lebens an ohne sie zu bewerten. Sie erlebt sich weder als Berühmtheit noch als Versagerin. Sie ist Rebecca, sie lebt jetzt auf dem Land. Allein im Hier und Jetzt taucht sie in das Landleben ein,  dass keineswegs so ereignislos ist wie es scheint.  Seine Geheimnisse erschließen sich nur nicht auf den ersten Blick. Es gelingt Anna Quindlen im lockeren Plauderton den Alltag sichtbar zu machen, ohne alltäglich zu werden.  Es ist ein ruhiger Fluss, unspektakulär, unaufgeregt, sachlich. Erst am Ende des Buches finden sich auch andere Töne.

Ich persönlich mag ja ländlich geprägte  Romane ganz gern. Man kann sich so schön wiederfinden. Ich wohne auch ländlich und nächtliche Schüsse sind keine Seltenheit. Das außer Rehen,  auch mal Katzen oder Hunde getroffen werden, muss als Kollateralschaden gewertet werden. Waschbären lärmen hier nachts noch nicht, aber Marder können ebenso viel Krach machen,  neben unermüdlich rasenmähenden Nachbarn am Tage. Quindlens Roman ist kurzweilig und unterhaltsam,  auch wenn das reale Landleben manchmal spannendere Momente bereithält.

Wie es ausgeht? Verrate ich natürlich nicht, wenn es sich auch erahnen lässt.

Zur Autorin: Anna Quindlen,  1952 geboren,  ist erfolgreiche Autorin von Romanen und Sachbüchern. Ihre Kolumnen in der New York Times erhielten 1992 den Pulitzer- Preis.

Ein Jahr auf dem Land  von Anna Quindlen, wurde übersetzt von Tanja Handels und erschien im Februar 2015 bei DVA (Verlagsgruppe Random House).

Zweistein-ein Kater auf der philosophischen Hintertreppe

„Warum wechseln Menschen so oft ihr Fell? Besitzen Zweibeiner einen Klagemuskel? Warum ist Glück nicht gerecht aufgeteilt?“
Fünfzig Anekdoten  lose miteinander verflochten werfen einen Katerblick auf das Leben. Es ist ein Blick auf die Welt ebenso durchdringend wie entspannt, ebenso ernst wie amüsiert.

Miniaturen die einem zum Nachdenken bringen ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Geschichten die einem zum Lächeln bringen im geistreich verspielten Plauderton. Sie sind Balsam für die Seele des stressgeplagten Zweibeiners. Sie sind wie ein Schnurren das sich auf überreizte Nerven legt.

Philosophisch, leise und humorvoll, schleicht sich „Zweistein“ in die Seele des Lesers. Ein guter Beobachter ist der Kater. Und nicht nur das.
Auch kleine Wunder  vermögen ihn noch zum Staunen zu  bringen.  Den Wirrnissen des  Lebens wirft er ein bezaubernd hintersinniges Lächeln zu. Von diesem Büchlein bin ich wirklich angetan. Ein herzerwärmendes Buch, ein Kleinod, sprachlich ebenso schön wie seine Illustrationen. „Zweistein und das Brummen der Welt“ wird nicht nur einen festen Platz in meinem Bücherregal einnehmen.Zweistein Es ist ein Buch, das sich auch wunderbar verschenken lässt. Mir wäre Einiges entgangen ohne die Begegnung mit diesem liebenswerten Kater.

Die Autorin Franziska Wolfheim, 1962 geboren, ist Journalistin und Autorin und lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
Stefanie Clemen ist Zeichnerin, Buchillustratorin und lebt in Hamburg.

„Zweistein und das Brummen der Welt“ ist 2014 in der RandomHouse Verlagsgruppe bei Knaus  erschienen.

Buchdetails

Erscheinungsdatum Erstausgabe : 10.03.2014
Aktuelle Ausgabe : 10.03.2014
Verlag : Knaus
ISBN: 9783813506105
Fester Einband: 144 Seiten