Verstörende Gratwanderung-die Spandauer Tagebücher von Albert Speer

Hab ich geahnt, dass der Zufallsfund vom Flohmarkt mich so in seinen Bann ziehen würde?

Speer im Nürnberger Prozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, schreibt Tagebuch in dem er Gefängnisalltag und Vergangenheit schreibend verarbeitet.

Worüber und wie er es schreibt beeindruckt.  Intellektuell, leise, bescheiden gerade deshalb beunruhigt es. Mich irritiert es sehr. Keine Parolen, keine Worthülsen, nur Betrachtung des Damals und Jetzt.

Speer strukturiert sich seinen Tag in der Zelle vorerst selbst. Mit Gleichmut beginnt er sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Langeweile setzt er Achtsamkeit entgegen.  So betrachtet er zum Beispiel die Dinge in seiner Zelle, Tisch, Stuhl, Kleiderhaken,  im Versuch so viele Detail als möglich wahrzunehmen. Er gibt dem Tag einen Klang nach Schritten des Wachpersonals. Der russische Monat klingt und schmeckt anders als der englische.  Vogelstimmen, Geschirrgeklapper, Betrachtungen der Natur im Gefängnishof beim täglichen Rundgang. Er wird hier täglich 7 Kilometer laufen und dabei in Gedanken die Welt bereisen. Speer ein feinsinniger Naturliebhaber? Später kommt Gartenarbeit dazu. Ein verwahrlostes Stück Land soll urbar gemacht werden. Er entwickelt Begeisterung für Säen, Ernten, Strukturieren. Es ist harte körperliche Arbeit. Speer arbeitet wie besessen. “ Ich habe wie besessen gearbeitet um zu verdrängen“, wird er später über seine Zeit als Architekt und Rüstungsminister sagen. In den verbleibenden Stunden in seiner Zelle liest er Dostojewski und Tolstoi bis zu vier Stunden am Tag. Sein Tagebuchaufzeichnungen schreibt er auf Toilettenpapier, schmuggelt sie nach draußen.  Von den Nachrichten abgeschnitten, sind eine Horde Spatzen, die alle Sonnenblumenkerne vertilgen, die Nachricht des Tages. Die Aufzeichnungen sind nachdenklich, besonders in der Reflektion des Gewesenen. Er bezeichnet sich als Jemanden, der mit dem Zeitgeist schwimmt, davon profitiert. Speer begegnet einem in seinen Tagebüchern als hinterfragender, disziplinierter, tiefsinniger und ernsthafterCharakter. Hier ist er frei von Selbsterhebung, aber auch frei von der großen Schuld. Er geht nicht bis auf den Grund, gesteht sich den Wahnsinn der Judenvernichtung nicht ein, stellt sich dem Thema Zwangsarbeiter nicht.  Die Gestaltung Germanias- der  Traum der Alles rechtfertigte, der Pakt mit dem Teufel geschlossen, kein Opfer zu groß. Die Diskrepanz ist schwer nachzuvollziehen. Ist es nur Selbsttäuschung oder Täuschung? Speer lässt sich nicht fassen.

Begleitend sehe ich Dokumentationen. Dokumentationen die bezeugen: hätte man damals erkannt, wie viel Speer von der Gräueltaten des NS-Regimes wusste, wie tief er sich in diese  verstrickte, wäre er mit einer zwanzigjährigen Haft nicht davon gekommen.  Tritt er deshalb der Gefangenschaft mit so viel Gleichmut entgegen? Er ist der Todesstrafe entkommen, noch einmal Goldmarie.

Vorerst habe ich die Spandauer Tagebücher von Albert Speer unterbrochen und lese nun „Der Nürnberger Prozess“ von Joe J. Heidecker und Johannes Leeb.

Es ist Palmsonntag.