Proust lesen- Die Gefangene-wir leben nur mit dem was wir nicht lieben

Nieselregen, Nebelschwaden, Lieblingswetter. Jetzt kehrt Stille ein im Haus. Ich kehre zu Albertine zurück und bleibe gleich beim ersten Satz hängen.

„Wir leben nur mit dem, was wir nicht lieben, was wir einzig in unsere Nähe gezogen haben, um die unerträgliche Liebe zu töten, ob es sich nun um eine Frau, ein Land oder auch um eine Frau handelt, die ein Land miteinschließt. Wir hätten sogar große Angst, die Liebe könne noch einmal beginnen, wenn es von neuem zu einer Abwesenheit käme.“

Ich stimme nicht überein. Das Verliebtsein hört auf, das Fahrwasser der Liebe ist ruhiger. Zum Glück, wer will schon ständig dieses sich verlieren, das Auf und Ab.

Nein ich stimme nicht überein.

 

Proust lesen Tag 120-Sodom und Gomorrha-Albertine

Hamburg:entgegen der Gewohnheit ist der Zug pünktlich. Noch ist der Wind warm. Auf der Mönckebergstrasse spielen ein paar junge Typen Schlagzeug auf Mülltonnen. Es groovt. Die Saison ist beendet, die Touristenströme ebben ab.

Viel Polizei, auch Helikopter, Streifenwagen bilden Barrikaden. HSV hat gegen Sankt Pauli gespielt. Ich befinde mich auf dem Rückweg.

Proust:

Marcel auf dem Weg zu den Verdurins, wird von einer Betriebsstörung der Straßenbahn ausgebremst. Nachgelesen: Die Bahn verbindet die verschiedenen Welten, Verdurin, Sodom, Gommorrha, La Raspelliere und Balbec. In diesem Falle will Marcel zu den Verdurins, bei denen sich später zeigen wird, dass sie im Wandel der Gesellschaft die Aufsteiger sind und macht statt dessen einen Stopp im Kasino, somit wendet er sich der Welt Gomorrhas zu

Cottard (Verbindung zur Welt der Verdurins) begleitet ihn. Marcel trifft dort wie erwartet auf Albertine, die in Ermangelung junger Männer mit ihrer Freundin Andree tanzt.  Cottard weist Marcel daraufhin, dass die Brüste der Beiden sich beständig berühren und glaubt sie befänden sich auf dem Höhepunkt der Lust. Das Misstrauen bei Marcel ist geweckt, er hält eine Neigung Albertines zu anderen Frauen für möglich. Er beginnt in gewohnter Intensität um dieses Thema zu kreisen.

 

Wetter:

Ein Kolonie Eichelhäher in der Konifere, sie kreischen und krakeelen in Variationen. Die Sonne geht rot auf. Bei 8 Grad ist es herbstlich kühl, fast schneidende Luft. Die Sommerblumenmischung fröstelt.

Proust lesen Tag 116-Sodom und Gomorra- Albertine

Kiel:

Ich beobachtete einen Ohrenkneifer, der eine Ameise unter die Fuge der Holztreppe schleppte.

Ein warmer Tag, spätsommerlich.

Proust: Marcel und Albertine verstricken sich in Nähe und Distanzkämpfe.

Proust lesen Tag 96-Guermantes-Albertine

Proust: Ein Stelldichein mit Albertine, das von François misstrauisch beäugt wird. Ein erster Kuss.

Im Kommentar finde ich eine Bemerkung, dass die Textstelle zur Insektenbeobachtung auf abnorme sexuelle Veranlagungen hinweist.

Kiel:

Wetter: gerade so eben noch warm. Die Wespen sind eine Plage.

Proust lesen Tag 66-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec

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Proust: Marcel ist mit der kleinen Schar unterwegs.

Albertine zu Marcel: „Ich darf mit Israelitinnen nicht verkehren, sagte Albertine.

Die Art, wie sie das Wort „Israelitinnen „(mit scharfem s) aussprach, bewies zur Genüge, auch wenn man den Rest des Satzes nicht gehört hätte, daß Sympathie gegenüber den Angehörigen des auserwählten Volkes nicht das Gefühl war, das die jungen Töchter frommer Familien der Bourgeoisie beseelte; man hätte sie sicher leicht noch glauben machen können, die Juden brachten kleine Christenkinder um.(Marcel)

„Außerdem haben sie scheußliche Manieren.“(Albertine)

Dieser Aspekt der heutigen zwanzig Seiten soll genügen.  Ich frage mich ob Proust seinen Protagonisten den Antisemitismus neutral beobachten lässt, als Sittengemälde der damaligen Zeit.

Kiel:

Heute morgen ließ uns ein bedeckter Himmel aufatmen, besonders die Katzen wurden etwas agiler.

Die Möwen observieren ihr Territorium , nichts bleibt unentdeckt.

Proust lesen Tag 62-Im Schatten junger Mädchenblüte-Erster Aufenthalt in Balbec-wandelbare Albertine

Proust: Im Atelier von Elstir findet Marcel Inspiration und erhält Lektionen im wirklichen Sehen. Elstir, der von Marcel gehört hatte, wie enttäuscht dieser von der Kirche Balbecs war, zeigt ihm das mythologische, religiöse und verborgene Wissen, welches in Reliefs und Architekur von Balbecs Kirche  eingeschrieben sind.

Weiterhin wartet Marcel auf die kleine Schar, insbesondere auf Albertine, diese aber taucht immer da auf wo er sie nicht vermutet. So streift Marcel mit Elstir lange am Strand entlang. Er versucht den Maler in ein Gespräch zu verwickeln, um möglichst bis ans Ende der Promenade  zu gelangen,  an der er die kleine Schar vermutet. Vergebens.

„Es wurde Abend; wir mußten heim; ich geleitete Elstir ein Stück zu seinem Haus zurück, als plötzlich, wie Mephisto vor Faust“, am Ende der Straße gleich einer unwirklichen, diabolischen Konkretisierung einer meiner eigenen entgegensetzten Wesensart, jener fast barbarischen Vitalität….“ die kleine Schar auftaucht.“

Hier an dieser stelle ein Ausflug zum Erscheinungsbild von Albertine, so wie sie Marcel wahrnimmt.

Erste Begegnung an der Promenade in Balbec:  gassenjungenhaft, tief über die Augen gezogene schwarze Polomütze, gerade Nase, blitzende, lachende Augen, geranienfarbener Teint, matt schimmernd-blass, brünett, stolz, unbewegliches Gesicht, groß

2. Begegnung: Albertine mit Gouvernante am Haus: schwarze strahlende Augen, etwas geraderes Profil, Nasenflügel etwas länger, füllige Wangen, rosiger Teint

3.Begegnung: am Fenster von Elstirs Atelier: volle Wangen, forschender verweilender Blick, Schönheitsfleck am Kinn.

4.Begegnung jetzt auf dem Heimweg mit Elstir: Ist es Albertine deren Gesicht Marcel erscheint, als sähe es aus wie ein Kuchen?

„Ich habe gesagt, daß Albertine mir an jenem Abend nicht als die gleiche erschienen war wie an den vorhergehenden und daß sie mir überhaupt jedesmal anders erscheinen sollte. Doch ich spürte in diesem Augenblick, daß bestimmte Veränderungen in Aussehen, Bedeutung und Größe eines Menschen auch von der Wandelbarkeit gewisser zwischen diesem  Wesen und uns bestehenden Gegebenheiten abhängen können,…“

Das so erhoffte ist eingetroffen, aber jetzt macht Marcel einen Rückzieher.

Er bleibt stehen, verweilt an einem Schaufenster, lässt den Maler Elstir vorgehen, der die Mädchen kennt,  in der Gewissheit den jungen Damen gleich vorgestellt zu werden. Die Aufregung, die Sehnsucht ist schon der nahen Sättigung, der Erfüllung  gewichen. ER wird sie kennen lernen. Elstir aber, lässt die jungen Damen ziehen, ohne sie Marcel vorgestellt zu haben.

Marcel im Bedauern die Gelegenheit nicht ergriffen zu haben, sinnt über die verschiedenen Albertines nach: Jener der er am Strand zum ersten Mal begegnete, Jener vom Vortag am Fenster von Elstirs Atelier und der Albertine von heute. Um sie so zu sehen, wie er sie beim ersten Mal sah, müsse er aus der Situation herausgehen.

Kiel:

Warmer Tag, bedeckter Himmel, kein Regen.