Nach dem Aufwachen die Biographie von Virginia Woolf zur Hand genommen.

„Verallgemeinerungen, starre Einstellungen, summarische Urteile sind tödlich. Eine gute Biographie ist die Aufzeichnung dessen, was sich ändert, nicht dessen, was geschieht. Allmählich, unmerklich werden wir andere. Denn ein Ich, das sich ständig ändert, ist ein Ich, das weiterlebt.

„Es mag zutreffen, dass Freunde zum Teil gewählt werden, um ein Leben zu leben, das wir in unserer eigenen Person nicht leben können.“

Hermione Lee/ Virginia Woolf /Ein Leben

 

Mutter sein dagegen sehr….Mascha Kaleko (für meine Kinder Anna, Julius und Karla)

Mutter sein dagegen sehr
„Mutter sein dagegen sehr“

„Manchmal nach verhängter Strafe
-Sonntag nicht ins Kino gehn-
Seh ich mich, das heisst, im Geiste,
Vor dem armen Sünder stehn.

Lieber Sohn, hör ich mich sagen.
Strafe, heisst es zwar, muss sein!
Doch mir leuchten ein paar Zeilen
Meiner Rolle nicht ganz ein:

Muss es „Elternstrenge“ geben
In der Welt des Achsobald?
Einmal nur in diesem Leben ist man dreizehn Jahre alt!

Achsobald, und arm an Haaren,
Bist auch du ein Herr mit Wanst.
– Flegel in den Flegeljahren.
Flegle dich so lang du kannst!

… Kam Sokrates immer pünktlich nach Hause?
Wusch Holbein sich täglich vom Kopf bis zur Zeh?
Ass Gandhi sein Frühstücksbrot brav in der Pause?
War Napoleon höflich zu seiner Armee?

Ob Aeschylus fleissig sein Verb konjugierte,
Etcetera, – bleibe dahingestellt.
Ob Hafis sich seine Sandalen polierte?
War Byron stets sparsam mit Taschengeld?

– Sag Liebster: Ob wir nicht zu streng mit ihm sind?
Gewiss, die Prinzipien. (Ach, hol sie der Wind!)
Und kommenden Sonntags marschiert unser Sünder
Ins Kino. Wie alle verzogenen Kinder.“
Mascha Kaléko

„Die Arbeit wartet, während du dem Kind den Regenbogen zeigst, aber der Regenbogen wartet nicht, während du deine Arbeit erledig

Auf der Suche

Wo beginnt man zu suchen, wenn man der Person die man früher gewesen ist, auf die Spur kommen möchte? Wer war ich am Beginn des eigenständigen Lebens? Wo wollte ich hin? Was liegt verschüttet unter all den Rollen die ich im Verlauf meines Lebens eingenommen habe?

Du tauchtest in meinem Traum auf, als Mahner : was ist aus deinen Träumen geworden? Und selbst im Traum hatte ich keine Antwort.  Meine Tochter spielt Geige, mein Sohn Saxophon und Anna ist nun eine junge Frau. Aber ich fand die Antwort auf deine Frage nicht. Ich stieg heute also in den Keller hinab um die Tagebuchkiste zu suchen. Ich suchte lange. In der hintersten Ecke des Kellers wurde ich fündig. Es hatte einen Wasserschaden gegeben. Die Tagebücher sind in einem  sich auflösenden Zustand. Ich nahm Annas Rucksack und belud ihn mit dem Ich meiner Vergangenheit. Ächzend unter der Last trug ich sie in mein Zimmer.

20171206_164748

Die Tagebücher sind ausgepackt, erste Seiten bereits gelesen.

17.8.89 von Ost nach West

„Die Sonne brennt die Erde aus. Unbarmherzig sendet sie ihre versengenden Strahlen auf alles was lebt. Selbst in der Nacht ist es warm, an Schlaf kaum zu denken. Ich habe zu meinem Verbrauch nur noch acht Mark. Nun lasse ich also alles hinter mir. Dieses schöne Stückchen Land, die Freunde. Dieses Land-es hält mich nicht mehr. Ich muss es riskieren. Ich packe den Rucksack mit der wichtigsten Habe auf meinen Rücken.  Eine letzte Zeile. Ich vertraue Gott. Er wird mich führen.“

Das Tagebuch sechs Jahre später erzählt von einer großen Verliebtheit und dem Schmerz des Abschieds.

20171206_180636.jpg

20.06.95

„Heute kam mir dein Bild abhanden. ES verschwamm schon Tage vorher. Die Konturen lösten sich auf.  Übrig geblieben ist nur der Anflug eines Lächelns und die Neigung des Kopfes. Und ich ließ los .“

Oh mein Gott denke ich, dieser Liebeskummer war furchtbar. Ich schließe das Tagebuch lieber erst mal. Das werde ich lesen, wenn niemand mehr wach ist.

Ein Tagebuch gilt der Zeit in Kassel.

Und dann komme ich zur Kieler Zeit.

„Haben heute unsere Aufführung gehabt im Blücher. Improvisation aus dem Publikum heraus. Meine Eifersuchtsszene glückte.  R. spielte zum Gefühlschaosausbruch, Weinen und Fluchen,  fröhliche Melodien.“

R. wurde mein Gatte und Vater unserer wunderbaren Kinder.  Der Alltag ist seit 17 Jahren schnell und oft atemlos.  Es gibt keine Zeit zum in sich gehen. Nur jetzt-in der Zeit der Krankschreibung und in den Träumen.  Die Tagebücher ab 2002 erzählen von steter Müdigkeit, dem Wahnsinn Kinder und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, Sorge um die Kinder, Sitzrunden am Sandkasten, erster Schultag. Ich habe es gewagt die Tagebücher aus der Versenkung zu holen. Bald wird Ruhe im Haus einkehren. Die Reise kann beginnen.

20171206_185628

 

 

 

Wenn der Wind weht-Tagebuchbloggen am 5.-zwischen Rilke und Marianne Faithfull

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen und ich bin mit dabei.

Schon wieder diesen Traum geträumt, der in Variationen immer wiederkehrt. Nach dem Aufwachen schlage ich Rilke auf: Briefe an einen jungen Dichter. Rilke lese ich selten, aber heute ist es das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Ich bin unruhig, als würde die zu enge alte Haut Risse bekommen. Der Sturm in den Träumen ist in meinem Innern nun ins Wachbewusstsein gedrungen. Er rüttelt an den Fensterläden. Die Rosen die gestern der Bote brachte, stehen auf dem Tisch. Sie irritieren mich ebenso sehr wie sie mich erfreuen.

Ich bin krankgeschrieben, habe zuviel Zeit. Das Hamsterrad steht still. Nur der Postbote bringt Pakete für die Nachbarn. Ich will vom Postboten wissen,  ob es nicht komisch sei für DHL zu fahren, während es Bombendrohungen gibt. Er winkt ab: „Ach alles maßlos übertrieben.“ Die fremden Pakete lege ich auf die Treppe. Im Keller suche ich nach einem alten Tagebuch. Ich finde es nicht. Draußen kommt Wind auf, Böen. Sie rütteln an den alten Apfelbäumen und fahren dem Rhododendron durch die Blätter. Am frühen Nachmittag kommen die Teenies nach Hause, essen Mittag, übernehmen die Hunderunde. Ich räume hier und dort etwas weg. Und der Wind draußen schlägt Purzelbäume.  Kurz bevor ich zum Termin zum Zahnarzt aufbreche, klingelt die Nachbarin.  Sie möchte ihr Paket haben. Ich würd sie gern fragen, wie sie es anfängt so gut auszusehen, aber ich lasse das lieber. Vielleicht hole ich mir Tipps von youtube.

Letzte Woche lief auf dem Zahnarzt-TV ein Film über Schottland. Ich hab solch eine Sehnsucht nach der schroffen Wildnis Orkneys. Fast wären mir die Tränen gekommen.  Späte Pubertät oder Wechseljahre?

Marianne Faithfull den ganzen Tag im Kopf.

marianne-faithfull-gira-50-aniversario2

Julius kommt spät von der Saxophonstunde. Cello übt er später. Ich muss dem Kindergartennikolaus noch einen Text für jedes Kind schreiben. Anna flucht weil sie nicht mehr kochen darf. Aber es steht noch Essen auf dem Herd und ich will die Küche nicht bis 22 Uhr belagert wissen.

Der Wind streift ums Haus unruhig und heimatlos.

 

 

Ich bin mir selbst abhanden gekommen

Ich habe Blumen bekommen.

Einen Strauß Rosen.

Fast hätte ich dem Boten die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Man weiß ja: Vorweihnachtszeit. Erpressung bei DHL, Drückerbanden, Hausierer, Kleinkriminelle.

Der Bote ruft mir durch die nun verschlossene Tür zu: „wenn dieses ihr Name ist, dann sind jene Rosen für sie. Fleurop.“

Misstrauisch öffne ich. „Nennen sie mir den Absender.“

Den weiß er nicht, aber nun bin doch neugierig geworden.

Du?

Ich habe Blumen bekommen.

Einen Strauß dunkelroter und gelber Rosen.

Karla kaut Kekse und freut sich.

Cooler Strauß Mama, richtig cool.

Ich habe Blumen bekommen. Und ich erinnere mich an all die Ideale und Träume.

Ich bin mir selbst abhanden gekommen.

Der Strauß, das muss man erwähnen, ist ein Dankeschön.

 

 

 

 

Danksagung

Donnerstagabend verlasse ich die Zahnarztpraxis mit einem Zahn weniger, vorher wurde noch etwas operiert, aber nun bin draußen und bereite noch schnell das Referat vor. Die Betäubung beginnt nachzulassen, Schmerz stellt sich ein. Ohne das Referat kein Zertifikat, ich gehe zur Nachbarin hinüber um Schmerztabletten zu erbitten.

Nächster Morgen:  Frühdienst, irgendwie geht es.  Gegen 14.00 Uhr verlasse ich den Arbeitsplatz, lasse den Zahnarzt einen Blick auf die vernähte Wunde werfen und fahre weiter zur Waldausbildung.  Das Referat wird gehalten, frei ohne Karteikarten. Am Abend noch einmal schnell mit den Hunden raus.

Am Samstag morgen geht es in eisiger Kälte wieder los zum Bauernhofkindergarten. Wir kraxeln über Heuböden, streicheln Schweine und frei umherstreifende Katzen. Erst am Nachmittag halte ich das Zertifikat in meinen Händen. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, es unter diesen Umständen hinzubekommen.  Deshalb hier die Danksagung:

Vielen Dank an meine Kollegen, die mir Zeitfenster schufen.

Vielen Dank an den Gatten, der mir ein Wochenende zum Schreiben schenkte.

Vielen Dank Billa für die Ermutigung und den Tipp, die Hamburger Zeit in den Bücherhallen zu verbringen, um dort die Arbeit zu schreiben.

Vielen Dank an Nathalie für die Hilfe bei der Themenauswahl.

Ein Dank an die tolle Dozentin, die mir Aufschub gewährte.

Und einen großen Dank an Anne, die die Arbeit korrigierte.

Vielen Dank an meine beste Freundin Inke, die sich auch die Mühe machte, die Arbeit durchzusehen.

Vielen Dank Jule für die Schmerztabletten;)

Einen Dank an die Blogger die Anteil genommen und beglückwünscht haben:)