Karlas Blick in die Zukunft_Berufswahl

„Mama, muss ich jetzt schon wissen was ich werden möchte?“ Karla und ich sind auf dem Weg zu einer Einkaufskooperative. “ Ich verneine, das Kind ist gerade zwölf geworden. Sie hat noch Zeit. Karla sieht gedankenverloren in die Ferne.

„Also ich weiß ja was ich werden möchte. Aber irgendwie geht das nicht.

Ihre schmale Gestalt wirkt zerbrechlich. Es ist früher Abend. Ein kühler Herbstwind lässt frösteln. Es dämmert bereits. “ Ich will ja Schauspielerin werden, aber wenn du nicht gerade mega berühmt bist, verdienst du einfach kein Geld. “

„Du könntest Regie studieren“, schlage ich vor.

„Regisseur?“

„Nee.“ Das klingt entschieden.

„Und warum nicht?“

„Weil ich selbst auf der Bühne stehen will“, sagt sie, als sei es das normalste der Welt. “

Mir Sachen auszudenken, was andere machen sollen und so, das ist mir zu kompliziert.“

„Na gut, dann bleibt es bei Schauspielerin. Wenn es zum Leben nicht reicht, könntest du Hartz 4 dazu beantragen.“

Karla schaut mich mit unergründlichen Blick an.

„Nee, das will ich nicht, da wird man voll kontrolliert.“Und weißt du, wenn ich mein Leben in der Zukunft sehe, dann sehe ich mich in einem alten Haus mit einem Pferd, zwei Hunden und zwei Katzen. Meinst du die Hartz 4 Vergeber halten das für lebensnotwendig?

„Ich würde ja auch gerne einen Streunerhund aufnehmen und Käfighühner und ich will im Theater arbeiten. Aber wo kommt dann das Geld für die Tiere her?“

„Später erzähle ich dem Gatten von Karlas Überlegungen. „Ach“,  sagt dieser, das klingt doch nach einem guten Lebensentwurf.“

 

Alltagssplitter

Der langgezogene Ruf eines Schwarzspechtes, kalter Nieselregen, klackende Eicheln. Auch um diese Zeit schon unermüdliche Joggerinnen.

Klopfen in der Heizung, der Wind der über die Dachterasse fegt.

Ich würde auch gern in einer Jagdhütte leben, so wie der Protagonist von Winter in Maine. Umgeben von lauter Büchern, mit Hund. Nicht für immer, aber für eine Zeit von zwei bis drei Wochen. Wie soll man herausfinden was man noch will, wenn die Zeit fehlt es zu überdenken? Auf der anderen Seite denke ich, das Leben ist das was ist. In jedem Moment, egal wo man ist, es geht um Präsenz und darum die kleinen Dinge wertzuschätzen. Winter in Maine war eine wunderbare Lektüre.

 

Midoggyparade im September-Wie kam euer Hund zu euch?

Midoggyparade im September: Wie kam euer Hund zu euchSunny und Charly 019Angefangen hat alles mit einem traurigen Ereignis. Ich lag bereits im Bett, als es klingelte. Der Gatte an der Tür rief: Ist Sunny da? “ Nein, brummelte ich verschlafen.“ „Auf der Straße liegt eine angefahrene Katze, weiß.“ Es gab keine weißen Katzen außer der unsrigen in dieser Straße. Es konnte nur Sunny sein.

Der Gatte trug sie auf dem Arm herein, sie war eiskalt aber noch am Leben. Sie hatte keine Chance. Die Kinder kamen um sich zu verabschieden, wir fuhren zum Tierarzt und begruben Sunny , unsere kleine Türkisch Van, wenige Stunden später neben unserem sibirischen Kater Luka.

Ubu, verstand nicht was passiert war, er wartete auf Sunny. Sie hatte stets zwischen seinen Pfoten geschlafen, mit ihm gespielt, war mit Gassi gelaufen. Ubu wartete stundenlang, tagelang. Er lief zum Grab und bedeutete mir, ich solle sie da wieder raus holen, jedenfalls verstand ich es so. Er wartete und wurde immer trauriger.rote farbe 020

„Wir brauchen Gesellschaft für Ubu, er ist kein Hund den man allein halten kann. “ Wir suchten eine gute Tierschutzorganisation und fanden sie. Wir verliebten uns sofort in sie: eine kleine Hündin mit Rehaugen aus Kreta. Sie hatte dort in einer Famile gelebt, mit vielen anderen Hunden und Gewalt erlebt. 20170803_092040

Es gab noch andere Bewerber, letztendlich konnten wir jubeln. “ Ubu , du bekommst Gesellschaft!“ Die Kinder und ich posteten Bilder über Whats App. Die Zeit bis zu ihrer Ankunft erschien unendlich lang.  Dann war es soweit. Ein heißer Tag im Juli. Wir warteten lange. Wie aufregend war es Luna am Flughafen in Empfang zu nehmen. „Das ist ja ein Handtaschenhund“, sagte Julius überrascht. Luna zitterte in ihrer Box. Im Bulli versuchte Julius vorsichtig die Tür der Box zu öffnen um ihr Wasser zu geben. Schwupps, sass sie auf seinem Schoß und ging dort auch nicht mehr herunter. In den ersten Tagen war unser Sohn Julius der Halt für Luna. Sie folgte ihm überallhin. Weder schaute sie Ubu an, noch zeigte Ubu Interesse für sie.

„Du spinnst doch Ubu“, sagte ich beschwörend.  „Das haben wir vor allem für dich gemacht.“ Ubu aber musste das Gefühl bekommen haben , plötzlich zum alten Eisen zu gehören. Er schmollte. Nach etwa einer Woche, änderte sich das. Gemeinsam buddeln sie Löcher im Garten, durchstreifen den Wald und spielen den lieben, langen Tag miteinander.  Der Tag beginnt bereits fröhlich, wenn diese kleine Kokonidame vor überschäumender Energie kaum zu halten ist. “ Komm schon , ein neuer Tag, jeh lass uns den Wald erkunden.“ Sie ist fröhlich und temperamentvoll. Und Ubu. Ubu ist glücklich:)

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Was machst du eigentlich an einem Dienstag im September?

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen.

6.00 Uhr:Der Tag beginnt mit einem Kokonilächeln, quer über die ganze kleine Hundeschnauze. “ Luna gönn mir noch einen Cappucino.“

Zeitung lesen im Bett, derweil Cappucino trinken…

6.30: Jetzt aber los. Ubu und Luna lassen sich freudig an die Leine nehmen.

Morgens bemerkt man bereits die Herbstluft. Kühle, klare Luft. Bald ist der Holunder reif. Die Kokonidame gräbt nach Maulwürfen, geht auf Raupenjagd und animiert Ubu zu den wildesten Tobereien. Fast 6 Wochen ist sie nun bei uns.

7.00: Ich verteile Futter, der Kater kehrt pünktlich von seinen nächtlichen Ausflügen zurück.

7.10. Die Kette bekomme ich jetzt nicht mehr aufs Fahrrad, also nehme ich das Auto.  Auf dem Weg zur Kita begegne ich der Nachbarin, sie hält in der einen Hand einen Kaffee und im anderen Arm ihren kleinen Hund. „Er ist einfach noch zu müde morgens. Ich muss ihn immer in den Wald tragen, dann geht es. Und grüßen sie mir meine kleine Freundin!“ Damit ist Karla gemeint, die morgen zwölf Jahre alt wird und später mal Hunde in Spanien retten will.  „Schauspieler will ich auch werden, aber da verdient man nicht so gut und beim Hunde retten verdient man auch nichts. Aber weil du ja immer sagst, dass das Geld nicht wichtig ist und Arbeit Spaß machen soll, hab ich mir gesagt: ich mach einfach zwei Sachen. Morgens Hunde retten, nachmittags und abends Schauspieler.“ Das war vor drei Jahren, als sie das sagte, verändert hat sich der Wunsch bisher nicht.

Vielleicht wäre es auch für mich eine Lösung, den Cappucino im Wald zu trinken. Es wäre nicht nur zeitsparend, irgendwie hätte es auch was. Die Wärme des Cappucinos in der Kühle des Herbstwetters.

Als ich die Kita betrete stelle ich fest, dass die Heizperiode begonnen hat. Es ist verdammt heiß und stickig. Ich reiße die Fenster auf, drehe die Heizung herunter, beginne das Frühstück vorzubereiten und befasse mich gedanklich mit dem Apfelprojekt in Zeiten schlecht tragender Apfelbäume.

Das Arbeitsjahr, welches ich von Sommer zu Sommer  rechne, hat harmonisch begonnen.

Ich treffe M. die sich fragt, warum das Leben immer schneller verrinnt. Als Kind erschien ein Jahr so lang, heute ist es kaum mehr als ein Wimpernschlag.

Die Kinder stellen sich diese Frage nicht. Sie sind.  Was ist es was unsere Zeit so schnell zum Vergehen bringt?

14.00: Die Stadt besteht aus Baustellen. Kind 1 muss von der Schule abgeholt werden.

„Du musst verdammt nochmal einen Schulterblick machen!“ Der Gatte ist genervt.

„Ich kann keinen Schulterblick machen, weil ich den Kopf nicht nach rechts drehen kann“, zische ich durch die Zähne.  Es schmerzt höllisch.

Zuhause ruhe ich mich aus. Das schwüle Wetter ist furchtbar, dann will Kind 2 abgeholt werden. Kind 3 möchte einkaufen. Karla hat morgen Geburtstag. Im Einkaufszentrum

besuche ich eine Apotheke. Es ist früher Abend. „Ich brauche etwas das hilft.“ Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die ganze rechte Seite betroffen ist. „Nehmen sie Finalgon“, sagt die Apothekerin, „aber vorsichtig.“ Großflächig streiche ich den verspannten Nacken mit der Salbe ein. Es passiert nichts. Ich packe mehr darauf. Dann wird mir warm, nicht nur am Nacken. „Mein Gott diese Salbe erzeugt Fieber.“ Übelkeit kommt auch dazu.  Anna kauft ein, Smarties, Brötchen, eine Fahrradklingel für Karla. Zuhause lege ich mich hin. Mir ist übel. Anna hilft Karla bei  Mathe, Anna macht Abendbrot, Anna schnappt sich die Hunde und geht Gassi. Erst als es dämmert fühle ich mich in der Lage aufzustehen. Die Stachelbeeren müssen gegossen werden und dann wird der Geburtstagstisch gedeckt.

Mittlerweile geht es mir besser, während das Haus bereits in einen Dämmerschlaf versunken ist.

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