Einsamkeit, Knausgard lesen, „Kämpfen“

Wenn ich die Wahl habe, und diese habe ich selten, entscheide ich mich für Einsamkeit. Einen Zustand, den ich zu teilen, nur mit Hund und Kater gewillt bin. Der verbliebene Kater ist ähnlich solitär.  Man merkt ihm an, dass er das erste Lebensjahr ohne Menschen verbracht hat.

Es gibt noch Einladungen, allerdings werden sie, zugebenermaßen, seltener. Bei einigen Gelegenheiten überlege ich kurz, bei anderen länger,  um mich dann doch gegen Geselligkeit zu entscheiden. Die Momente, wenn der Vorort wie ausgestorben erscheint, keine menschliche Stimme im Haus zu vernehmen ist. Die Seele reagiert auf diese Stille, wie eines dieser zusammengepressten Vierecke, die in Wasser getaucht, sich zu weichen Tüchern ausdehnen.

Ich lese Knausgard und zwischendurch räume ich auf. Ich quäle mich ein wenig mit seiner Celananalyse. Der Geist ist unwillig, will nicht arbeiten.

Und dann lese ich diesen Satz bei Knausgard: ich finde ihn jetzt beim Durchblättern nicht. Also sinngemäß: Gruppen geben mir nichts. Er legitimiert ein Gefühl in dem er ausspricht, was sich nicht gehört. Man stellt sich nicht freiwillig ins Abseits.

Ein weiterer Satz: „Wenn ich mich um den Haushalt kümmere, bin ich ein guter Mensch. Wenn nicht, bin ich ein schlechter Mensch.“

Es gibt ungeschriebene Regeln, wie die der Pflege des Vorgartens.  In unserem Vorgarten wachsen Schwertlilien, Rosen, Mohn und jede Menge Quecke. Der Gatte will im Sommer das Leck im Rohr beheben.  Dafür wird er den Vorgarten komplett zerstören müssen. Ich mag Vorgartenpflege nicht und im Herbst werde ich aus den Wildbeeten Rasen machen.

Aber das Kopfschütteln älterer Damen beim Anblick meines momentanen Vorgartens, sagt mir: Du bist ein schlechter Mensch. Ein nachlässiger Mensch, einer ohne preußische Tugend. Da hilft es auch nicht, dass die Kinder ziemlich gut geraten sind, ich arbeite und so weiter und so fort. Ich drohe ihnen mit einem Videoprojekt. Reaktionen auf einen Vorgarten oder so ähnlich. Ich drohe nur gedanklich. Und frage mich wie lange ich noch Widerstand leiste. wahrscheinlich werde ich morgen der Quecke zu Leibe rücken.

“ Die Grenzen des Sozialen, die unser Zusammenleben regulieren und dafür verantwortlich sind, sind nicht abstrakt. Es sind nicht die Gedanken. Die sind konkret. Überschreitest du aber Soziale Grenzen, schmerzt es.“ (Knausgard „Kämpfen“)

Es ist immer eine Entscheidung, ob es das Einordnen oder das Abseits ist, welches mehr schmerzt. Der Schmerz des Abseits ermöglicht Freiheit und Stille. Ich jedenfalls ziehe den Schmerz des Abseits dem Schmerz des Einordnens zugunsten der Freiheit vor. Meistens.

Später wird die trubelige Familie das Haus wieder besetzen und mich. Und ich werde die Tür zur Stille schließen. Es ist die einzige Gruppe, in deren Gesellschaft ich mich wirklich wohl fühle.

Outdoortage und Anderes

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Am Vormittag versucht Feuer zu machen mit Stöcken, Steinen, Distel und Zunder. Später Sand und Feuersteine gesucht, Donnerkeile und Seesterne gefunden. Seeschwalben beobachtet, Lehm bearbeitet, Teamspiele veranstaltet. Die Fortbildungstage sind richtig gut.

Verpasst habe ich Karlas Ritt auf dem neuen Pferd und Julius Cellovorspiel. Zuhause angekommen, ist das Haus voller pubertierender 13Jähriger. Während man Mädchen in diesem Alter kaum merkt, auch wenn sie gebündelt auftreten, sieht das bei den Jungs anders aus. Laut und wild.  Julius feiert in seinen Geburtstag hinein.

Ich werd mir noch mal Haselstöcke schneiden, den Feuerversuch wiederholen. Lese gerade „Wir Weicheier“. Nicht meine gängige Literatur, aber in dem was van Creveld zur Kindheit schreibt, gebe ich ihm Recht.

Karla hatte Probeunterricht in Latein und Französisch. “ Und wie wars?“

In Latein wusste ich zwei Wörter: Sklave und Schwert.“

Und Französisch?

„Da hab ich die Marseillaise gesungen. Ganz alleine“

Frage mich welches Licht das auf unsere Familie wirft.

 

 

Was machst du eigentlich so Freitags?

 

fragt Frau Brüllen, weil es ein Fünfter ist. Link. Es ist ein Mai, der kein Mai sein will. Er rebelliert und lässt die Winde wehen. Aber im Haus ist es warm. Wir konterrebellieren mit der Heizung als Waffe. Die Pubertiere hängen müde am Frühstückstisch. Wir waren gestern lange im Konzert gewesen.

Tatsächlich hatte ich damals, das Buch nicht mehr aus den Händen legen können. Es geht um Unterdrückung, „Brot und Spiele“ und Rebellion.

Wir brechen in den nasskalten Tag auf. Nur der Hund chillt. Am Nachmittag bringe ich Karla zum Chor. Nebenan ist ein Buchladen. Zum Glück kann ich dort überbrücken. Anna liest „Tote Mädchen lügen nicht.“ Die Netflix Serie ist umstritten, also nehme ich mir vor einen Überblick über die Thematik zu gewinnen.  Irgendwann bemerke ich Susanne, die ein paar Meter weiter auf dem Sofa sitzt und liest.  Auch sie habe ich Jahre nicht mehr gesehen. Es ist unglaublich, wie viel in drei Jahren passieren kann. Nun ist es Abend geworden. Die Pubertiere wollen einen Film sehen, der Gatte und ich lesen.

Verstörende Gratwanderung-die Spandauer Tagebücher von Albert Speer

Hab ich geahnt, dass der Zufallsfund vom Flohmarkt mich so in seinen Bann ziehen würde?

Speer im Nürnberger Prozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, schreibt Tagebuch in dem er Gefängnisalltag und Vergangenheit schreibend verarbeitet.

Worüber und wie er es schreibt beeindruckt.  Intellektuell, leise, bescheiden gerade deshalb beunruhigt es. Mich irritiert es sehr. Keine Parolen, keine Worthülsen, nur Betrachtung des Damals und Jetzt.

Speer strukturiert sich seinen Tag in der Zelle vorerst selbst. Mit Gleichmut beginnt er sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Langeweile setzt er Achtsamkeit entgegen.  So betrachtet er zum Beispiel die Dinge in seiner Zelle, Tisch, Stuhl, Kleiderhaken,  im Versuch so viele Detail als möglich wahrzunehmen. Er gibt dem Tag einen Klang nach Schritten des Wachpersonals. Der russische Monat klingt und schmeckt anders als der englische.  Vogelstimmen, Geschirrgeklapper, Betrachtungen der Natur im Gefängnishof beim täglichen Rundgang. Er wird hier täglich 7 Kilometer laufen und dabei in Gedanken die Welt bereisen. Speer ein feinsinniger Naturliebhaber? Später kommt Gartenarbeit dazu. Ein verwahrlostes Stück Land soll urbar gemacht werden. Er entwickelt Begeisterung für Säen, Ernten, Strukturieren. Es ist harte körperliche Arbeit. Speer arbeitet wie besessen. “ Ich habe wie besessen gearbeitet um zu verdrängen“, wird er später über seine Zeit als Architekt und Rüstungsminister sagen. In den verbleibenden Stunden in seiner Zelle liest er Dostojewski und Tolstoi bis zu vier Stunden am Tag. Sein Tagebuchaufzeichnungen schreibt er auf Toilettenpapier, schmuggelt sie nach draußen.  Von den Nachrichten abgeschnitten, sind eine Horde Spatzen, die alle Sonnenblumenkerne vertilgen, die Nachricht des Tages. Die Aufzeichnungen sind nachdenklich, besonders in der Reflektion des Gewesenen. Er bezeichnet sich als Jemanden, der mit dem Zeitgeist schwimmt, davon profitiert. Speer begegnet einem in seinen Tagebüchern als hinterfragender, disziplinierter, tiefsinniger und ernsthafterCharakter. Hier ist er frei von Selbsterhebung, aber auch frei von der großen Schuld. Er geht nicht bis auf den Grund, gesteht sich den Wahnsinn der Judenvernichtung nicht ein, stellt sich dem Thema Zwangsarbeiter nicht.  Die Gestaltung Germanias- der  Traum der Alles rechtfertigte, der Pakt mit dem Teufel geschlossen, kein Opfer zu groß. Die Diskrepanz ist schwer nachzuvollziehen. Ist es nur Selbsttäuschung oder Täuschung? Speer lässt sich nicht fassen.

Begleitend sehe ich Dokumentationen. Dokumentationen die bezeugen: hätte man damals erkannt, wie viel Speer von der Gräueltaten des NS-Regimes wusste, wie tief er sich in diese  verstrickte, wäre er mit einer zwanzigjährigen Haft nicht davon gekommen.  Tritt er deshalb der Gefangenschaft mit so viel Gleichmut entgegen? Er ist der Todesstrafe entkommen, noch einmal Goldmarie.

Vorerst habe ich die Spandauer Tagebücher von Albert Speer unterbrochen und lese nun „Der Nürnberger Prozess“ von Joe J. Heidecker und Johannes Leeb.

Es ist Palmsonntag.

Visionen ?

Heute ist wieder Tagebuchbloggen bei Frau Brüllen und ich bin mit dabei.

„Hast du eigentlich Visionen für dein Leben?“, fragt mich die Freundin auf Whats App. Bei Visionen fällt mir assoziativ, der von Speer entworfene Kuppelbau ein und der Frage: ob er sich nach zwanzig Jahren Haft, dann mit dem Entwerfen von Turnhallen zufrieden geben könne. Zur Haft stellt er sich mit stoischen Gleichmut. Noch immer lese ich die Spandauer Tagebücher. Gestern „Speer und er“ (Teil1, Germania) gesehen. Ein aufwendiger, großartiger Film mit brillanten Darstellern. Das Dubiose des Albert Speer lichtet sich auch hier nicht. Nichts bei Speer ist klar greifbar. Später kamen die Kinder dazu. Ich hielt sie nicht ab. „Ob diese architektonischen Entwürfe denn Kunst seien“, fragte der Mittlere. „Und ob man bei „Bösen“ überhaupt von Kunst sprechen könne“, fragte die Jüngste. Auch Riefenstahl wurde interviewt.

Morgens zur Arbeit mit dem Rad. Nicht ohne vorher die Tageszeitung überflogen zu haben.  Wahlbenachrichtigungen gibt es jetzt per vereinfachten Deutsch.

Nach der Arbeit, treffe ich Marina in der Stadt auf einen Cappucino. Wir haben uns lange nicht gesehen, die Zeit scheint um sie einen Bogen zu schlagen. Vielleicht hat sie Angst vor gutaussehenden Mathematikerinnen. Ich schätze ihre Klugheit, den Humor und die innere Unabhängigkeit.

Unsere Kinder werden älter.  Das eigene Leben beginnt wieder an die Tür zu klopfen. Vielleicht äußert es sich in Fragen, wie der nach der Vision. Ich will meine Arbeit so gut machen wie es mir  möglich ist, meine Kinder unterstützen ihre eigenen Werte auszubilden.

Abends sehe ich wieder „Speer und er“. Es geht um den Nürnberger Prozess. Ich bitte die Kinder, mich allein schauen zu lassen. Die Originalbilder aus Bergen Belsen mute ich ihnen nicht zu.

Es ist kühler geworden. Im Wäldchen blühen die Buschwindröschen.

Wochenendblitzlicht

 

 

Mit Fernglas und Rad in den morgendlichen Sonntag gestartet. Die gesuchten Ornithologen sind nicht dort wo ich sie erwarte. Wahrscheinlich pirschen sie schon durch Wald und Flur. Auf dem Rückweg kaufe ich beim Flohmarkt die Spandauer Tagebücher von Albert Speer. Ich ahne nicht, wie sehr mich dieser Zufallsfund in seinen Bann ziehen wird.

Karla vom Chorwochenende abgeholt, später bei Sina Kaffee getrunken. Das Hühnervolk unterliegt der Stallpflicht. Nur das Mobbingopfer ist freilaufend. Die Freundin nennt es Opferschutz und Quarantäne.  Auf dem Rückweg streiten der Gatte und ich uns über Mitläufertum, Wendehälse und Untertane.   Für mich persönlich ist der Untertantypus der verachtungswürdigste.

Weitere Themen:

Hat ein Jugendlicher die Möglichkeit freien Denkens, wenn er als Kind einer starken Prägung unterzogen wurde? Was hatten die Mitglieder der weißen Rose gemeinsam?  Später beginne ich in den Spandauer Tagebücher zu lesen. Es ist ein nachdenkliches, kluges Buch-das ist das Erschreckende.

Rettung eines Eichelhähers-wenn der Vogel am Haken hängt….

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Na los Ubu, lass uns den Morgen nutzen. Hunderunde Und dann hing in 4 Meter Höhe der Eichelhäher,  einen Angelhaken im Schnabel. Irgendjemand muss die Angelschnur mit Wurm schwungvoll in den Baum befördert haben. Ein Wurm am Haken im Baum, ein Leckerbissen in luftiger Höhe. Nun zappelt das Tier mit heiseren Krächzen, seit zwanzig Minuten schon. Eine Menschentraube hatt sich gebildet. Der Spazierweg ist beliebt und belebt, besonders am Sonntag.Der  Förster ist von Anwohnern verständigt, braucht aber noch weitere zwanzig Minuten.  Ich rufe  die Nachbarin an. Ob sie vielleicht einen Apfelpflücker hat?  Der Häher kämpft ums Überleben. Die Nachbarin trifft zeitgleich mit dem Förster ein. Der Apfelpflücker wird mittels langer Stange verlängert. Ein engagierter Vorortbewohner pflückt den Vogel vom Baum . Das Tier fällt in den Fluss, wird aber  herausgefischt.  Kundig entfernt der Förster den Angelhaken aus dem Schnabel und einen weiteren von der Kralle. Er ist erbost über den Angelhaken im Baum. Den verletzten Eichelhäher setzt er hinter einem Baumstumpf ab. “ Den Rest muss die Natur entscheiden“, sagt er.  Erstaunlich ist, dass ein kleiner Zaunkönig und eine Kohlmeise zu dem Verletzten fliegen, als wollten sie nach ihm schauen. Später sehen wir nochmal nach dem Rabenvogel, da springt er schon von Baumstumpf zu Baumstumpf und macht erste Flugversuche. Eigentlich hatten wir ihn ins Tierheim bringen wollen, auch die Vogelschutzwarte war benachrichtigt und wartete den Neuzugang……