Selbstlob-Alltagssplitter

„So was kannst du nicht schreiben“, sagt der Gatte abends. „Was?“

„Na das mit dem Selbstlob, dass jemand deinen Blog so gut findet und das du einfach toll bist.“

Ich bin erschrocken, nicht über  seine Zurechtweisung, sondern darüber, dass er es glaubt. “ Das war ein Diss“, (so würde es Anna in ihrer pubertären Sprache nennen).

Er schaut fragend. Ich wollte jemanden ärgern oder spiegeln.

„Meinst Du ich würde das über mich im Internet so verbreiten ?“ Er zuckt mit den Schultern. Offensichtlich hält er es für möglich.

Neun Stunden tägliche Arbeit liegen hinter mir. Das Holzboot ist gebaut, die Ostereier mit Rasierschaum gefärbt, die Osterkörbe gebastelt, die Tonschälchen fertig, die Kresse gesät, die Eier bemalt, Pompons hergestellt, Osterhasen gebastelt. Ostern kann kommen. Ich bin müde.  Zum Lesen komme ich nicht, aber der Urlaub naht. Der Gatte hemdsärmelig im gelben Regenponcho, baut im Sprühregen den Garten zu Bauland zurück. Es gibt wohl viele Interessenten, die dort bald bauen wollen. Noch nisten die Singvögel in der  Tanne. Auch der Teich muss abgelassen werden.

Verstörende Gratwanderung-die Spandauer Tagebücher von Albert Speer

Hab ich geahnt, dass der Zufallsfund vom Flohmarkt mich so in seinen Bann ziehen würde?

Speer im Nürnberger Prozess zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, schreibt Tagebuch in dem er Gefängnisalltag und Vergangenheit schreibend verarbeitet.

Worüber und wie er es schreibt beeindruckt.  Intellektuell, leise, bescheiden gerade deshalb beunruhigt es. Mich irritiert es sehr. Keine Parolen, keine Worthülsen, nur Betrachtung des Damals und Jetzt.

Speer strukturiert sich seinen Tag in der Zelle vorerst selbst. Mit Gleichmut beginnt er sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Der Langeweile setzt er Achtsamkeit entgegen.  So betrachtet er zum Beispiel die Dinge in seiner Zelle, Tisch, Stuhl, Kleiderhaken,  im Versuch so viele Detail als möglich wahrzunehmen. Er gibt dem Tag einen Klang nach Schritten des Wachpersonals. Der russische Monat klingt und schmeckt anders als der englische.  Vogelstimmen, Geschirrgeklapper, Betrachtungen der Natur im Gefängnishof beim täglichen Rundgang. Er wird hier täglich 7 Kilometer laufen und dabei in Gedanken die Welt bereisen. Speer ein feinsinniger Naturliebhaber? Später kommt Gartenarbeit dazu. Ein verwahrlostes Stück Land soll urbar gemacht werden. Er entwickelt Begeisterung für Säen, Ernten, Strukturieren. Es ist harte körperliche Arbeit. Speer arbeitet wie besessen. “ Ich habe wie besessen gearbeitet um zu verdrängen“, wird er später über seine Zeit als Architekt und Rüstungsminister sagen. In den verbleibenden Stunden in seiner Zelle liest er Dostojewski und Tolstoi bis zu vier Stunden am Tag. Sein Tagebuchaufzeichnungen schreibt er auf Toilettenpapier, schmuggelt sie nach draußen.  Von den Nachrichten abgeschnitten, sind eine Horde Spatzen, die alle Sonnenblumenkerne vertilgen, die Nachricht des Tages. Die Aufzeichnungen sind nachdenklich, besonders in der Reflektion des Gewesenen. Er bezeichnet sich als Jemanden, der mit dem Zeitgeist schwimmt, davon profitiert. Speer begegnet einem in seinen Tagebüchern als hinterfragender, disziplinierter, tiefsinniger und ernsthafterCharakter. Hier ist er frei von Selbsterhebung, aber auch frei von der großen Schuld. Er geht nicht bis auf den Grund, gesteht sich den Wahnsinn der Judenvernichtung nicht ein, stellt sich dem Thema Zwangsarbeiter nicht.  Die Gestaltung Germanias- der  Traum der Alles rechtfertigte, der Pakt mit dem Teufel geschlossen, kein Opfer zu groß. Die Diskrepanz ist schwer nachzuvollziehen. Ist es nur Selbsttäuschung oder Täuschung? Speer lässt sich nicht fassen.

Begleitend sehe ich Dokumentationen. Dokumentationen die bezeugen: hätte man damals erkannt, wie viel Speer von der Gräueltaten des NS-Regimes wusste, wie tief er sich in diese  verstrickte, wäre er mit einer zwanzigjährigen Haft nicht davon gekommen.  Tritt er deshalb der Gefangenschaft mit so viel Gleichmut entgegen? Er ist der Todesstrafe entkommen, noch einmal Goldmarie.

Vorerst habe ich die Spandauer Tagebücher von Albert Speer unterbrochen und lese nun „Der Nürnberger Prozess“ von Joe J. Heidecker und Johannes Leeb.

Es ist Palmsonntag.

Visionen ?

Heute ist wieder Tagebuchbloggen bei Frau Brüllen und ich bin mit dabei.

„Hast du eigentlich Visionen für dein Leben?“, fragt mich die Freundin auf Whats App. Bei Visionen fällt mir assoziativ, der von Speer entworfene Kuppelbau ein und der Frage: ob er sich nach zwanzig Jahren Haft, dann mit dem Entwerfen von Turnhallen zufrieden geben könne. Zur Haft stellt er sich mit stoischen Gleichmut. Noch immer lese ich die Spandauer Tagebücher. Gestern „Speer und er“ (Teil1, Germania) gesehen. Ein aufwendiger, großartiger Film mit brillanten Darstellern. Das Dubiose des Albert Speer lichtet sich auch hier nicht. Nichts bei Speer ist klar greifbar. Später kamen die Kinder dazu. Ich hielt sie nicht ab. „Ob diese architektonischen Entwürfe denn Kunst seien“, fragte der Mittlere. „Und ob man bei „Bösen“ überhaupt von Kunst sprechen könne“, fragte die Jüngste. Auch Riefenstahl wurde interviewt.

Morgens zur Arbeit mit dem Rad. Nicht ohne vorher die Tageszeitung überflogen zu haben.  Wahlbenachrichtigungen gibt es jetzt per vereinfachten Deutsch.

Nach der Arbeit, treffe ich Marina in der Stadt auf einen Cappucino. Wir haben uns lange nicht gesehen, die Zeit scheint um sie einen Bogen zu schlagen. Vielleicht hat sie Angst vor gutaussehenden Mathematikerinnen. Ich schätze ihre Klugheit, den Humor und die innere Unabhängigkeit.

Unsere Kinder werden älter.  Das eigene Leben beginnt wieder an die Tür zu klopfen. Vielleicht äußert es sich in Fragen, wie der nach der Vision. Ich will meine Arbeit so gut machen wie es mir  möglich ist, meine Kinder unterstützen ihre eigenen Werte auszubilden.

Abends sehe ich wieder „Speer und er“. Es geht um den Nürnberger Prozess. Ich bitte die Kinder, mich allein schauen zu lassen. Die Originalbilder aus Bergen Belsen mute ich ihnen nicht zu.

Es ist kühler geworden. Im Wäldchen blühen die Buschwindröschen.

Wochenendblitzlicht

 

 

Mit Fernglas und Rad in den morgendlichen Sonntag gestartet. Die gesuchten Ornithologen sind nicht dort wo ich sie erwarte. Wahrscheinlich pirschen sie schon durch Wald und Flur. Auf dem Rückweg kaufe ich beim Flohmarkt die Spandauer Tagebücher von Albert Speer. Ich ahne nicht, wie sehr mich dieser Zufallsfund in seinen Bann ziehen wird.

Karla vom Chorwochenende abgeholt, später bei Sina Kaffee getrunken. Das Hühnervolk unterliegt der Stallpflicht. Nur das Mobbingopfer ist freilaufend. Die Freundin nennt es Opferschutz und Quarantäne.  Auf dem Rückweg streiten der Gatte und ich uns über Mitläufertum, Wendehälse und Untertane.   Für mich persönlich ist der Untertantypus der verachtungswürdigste.

Weitere Themen:

Hat ein Jugendlicher die Möglichkeit freien Denkens, wenn er als Kind einer starken Prägung unterzogen wurde? Was hatten die Mitglieder der weißen Rose gemeinsam?  Später beginne ich in den Spandauer Tagebücher zu lesen. Es ist ein nachdenkliches, kluges Buch-das ist das Erschreckende.

Rettung eines Eichelhähers-wenn der Vogel am Haken hängt….

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Na los Ubu, lass uns den Morgen nutzen. Hunderunde Und dann hing in 4 Meter Höhe der Eichelhäher,  einen Angelhaken im Schnabel. Irgendjemand muss die Angelschnur mit Wurm schwungvoll in den Baum befördert haben. Ein Wurm am Haken im Baum, ein Leckerbissen in luftiger Höhe. Nun zappelt das Tier mit heiseren Krächzen, seit zwanzig Minuten schon. Eine Menschentraube hatt sich gebildet. Der Spazierweg ist beliebt und belebt, besonders am Sonntag.Der  Förster ist von Anwohnern verständigt, braucht aber noch weitere zwanzig Minuten.  Ich rufe  die Nachbarin an. Ob sie vielleicht einen Apfelpflücker hat?  Der Häher kämpft ums Überleben. Die Nachbarin trifft zeitgleich mit dem Förster ein. Der Apfelpflücker wird mittels langer Stange verlängert. Ein engagierter Vorortbewohner pflückt den Vogel vom Baum . Das Tier fällt in den Fluss, wird aber  herausgefischt.  Kundig entfernt der Förster den Angelhaken aus dem Schnabel und einen weiteren von der Kralle. Er ist erbost über den Angelhaken im Baum. Den verletzten Eichelhäher setzt er hinter einem Baumstumpf ab. “ Den Rest muss die Natur entscheiden“, sagt er.  Erstaunlich ist, dass ein kleiner Zaunkönig und eine Kohlmeise zu dem Verletzten fliegen, als wollten sie nach ihm schauen. Später sehen wir nochmal nach dem Rabenvogel, da springt er schon von Baumstumpf zu Baumstumpf und macht erste Flugversuche. Eigentlich hatten wir ihn ins Tierheim bringen wollen, auch die Vogelschutzwarte war benachrichtigt und wartete den Neuzugang……

Entschleunigung in Lissabon

Direkt nach der Arbeit Karla zur Schauspielschule gefahren. Dann hatte dieser Adrenalinjunkie mir den Parkplatz vor der Stadtbücherei stehlen wollen. Gesiegt.  Atemlos, aber durchaus mit Genugtuung stand ich nun, Ildiko von Kürthy´s „Neuland“ in der Hand,  am Fenster der Bibliothek.

Außer Puste beobachtete ich den Parkplatz. Ein  noch junggebliebener  Herr, gediegen,  vermutlich auch gebildet,  trat hinzu und blätterte in einem VHS Heft. “ Muss nur mal kurz nachsehen wo mein Kurs stattfindet, murmelte er.  Er war gerade am Gehen, als ich fragte: „haben sie gefunden was sie suchten?“ Ja heute ist mein erster Portugisisch Kurs Es entspann sich ein Gespräch über Lissabon, Pessoa und James Joyce..Ildiko von  Kürthy war mir augenblicklich unangenehm. Ich lese grundsätzlich nur sehr anspruchsvolle Literatur. Natürlich. Leider sieht man mir das nicht auf den ersten Blick an.  Vorsichtig legte ich das Buch aufs Fensterbrett. Diese Blondine auf dem Cover! . Ich hätte lieber Proust unterm Arm gehabt oder Paul Auster.

Mein Blick verweilte auf dem noch immer gut frequentierten Parkplatz.

 

Des netten Herrens Tochter hatte vor wenigen Tagen  ein neues Leben in Lissabon begonnen.  Zu hoch das Tempo Berlins.  Als er gegangen war, nahm ich nachdenklich Ildiko von Kürthy von der Fensterbank.

„Neuland.“ Zugegeben, ich mag das Buch sehr.