Handke in der Desinfektion/Alltagssequenz

Ein Taschenbuch mit darin enthaltener Handke Biografie war verloren gegangen und fand sich nun in einer Schale Swiffer( Werbung) tücher wieder.

So desinfiziert war er nicht mehr derselbe.

Anna (17) kommt genervt aus der Schule : „Kunst! Bildbetrachtung! Das braucht kein Mensch!“

„Was betrachtet ihr denn?“

„Rembrandt! Braucht kein Mensch!“

“ Rembrandt ist cool“, sagen der Gatte und ich. Der hat das Licht in die Bilder gebracht. Erzählen dann noch was von Versenkung, Aufmerksamkeit, zweiter Dimension u.s.w.

Ich öffne mein Buchpaket. „Hej die Lehre des Sainte Victoire ist da! Ich lese rein. „Herrjeh, Cezanne….Bildbetrachtung. Davon habe ich wirklich keine Ahnung. Hab nur sozialistische Kunst interpretieren gelernt. Das Reine, Gesunde, du weißt schon.“

Anna verlässt mit triumphierendem Schritt das Wohnzimmer.

Wer weiß, wozu es mal gut sein wird, über Bildbetrachtung reden zu können, Anna !“

Anna hört mich nicht mehr. Sie ist oben, im Dachzimmer.

Karlas (14) Frage zu Handke /Nachtrag und Martenstein mit der Trennung zwischen Werk und Handwerker

Beim Aufwachen erfasse ich, dass Karla die Frage nach der politischen Verführbarkeit, schon des öfteren stellte.

Mein Stottern und Stammeln zur Nazifrage (ja diesen Begriff fand ich auch deplatziert) im Bezug auf Handke, gestellt von Karla zwischen meinem Putzen der Küche, Wäsche aufhängen und Hundeversorgung; ging nicht. Ich hätte um Aufschub bitten sollen.

Stattdessen stammelte ich von Europa statt EU, von technisch statt global. Die Geschwindigkeit des Tages liess keinen Platz mehr um denken zu können.

Immerhin war ich in der Lage gewesen zu sagen:

„Er hat versucht die andere Seite zu verstehen. Vielleicht hat er sich da verrannt. Ich kann das nicht beurteilen. Der Witz ist nur, dass manche urteilen ohne ihn gelesen zu haben. Das funktioniert nicht, kann nicht funktionieren.

Tatsächlich fragte mich Karla, ob ich ihr denn erlauben würde, ein bestimmtes Buch zu lesen. Und ich ob ich glauben würde, dass es ihr passieren könne, dann zu kippen.

Wenn man in der Lage sei, Gegenpositionen nachvollziehen zu wollen, sei man auch in der Lage zu kippen. Irgendsoetwas sagte ich. Und das es manchmal schwierig sei, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Die Welt bewege sich dazwischen. Wer dir sagt, er hat die Wahrheit, hat sie in der Regel nicht.

Heute morgen Harald Martenstein gelesen. Erfrischend. Sehr erfrischen. Sind Zahnimplantate in den Zähnen von einer extremistisch eingestellten Zahnärztin okay und trägt der Schrank Schuld , wenn er von einem Tischler mit falscher moralischer Auffassung gebaut wurde?

Link hier

Sind schlechte Bücher von politisch gefestigten Autoren besser als gute Bücher von eventuellen Irrläufern ?

Ich träumte wirr in dieser Nacht und werde nun das Haus putzen.

Karlas Frage zu Handke

„Ja das habe ich mitbekommen, war ja nicht zu überhören, wenn du mit Papa diskutiert hast. . Und hältst du Handke für einen Nazi?“

Nein, das tue ich nicht. Er mag die EU nicht besonders, glaube ich. Also, mag nicht so gerne dieses immer technischer werden und globaler werden. Zurück zu den Wurzeln und so.

Karla denkt nach.

„Meinst du, Leser könnten durch seine Bücher zu Nazis werden oder die EU blöd finden oder so? “

Alltagssequenz-ratlos

Nach der zweiten Zweistundenschicht dieses Tages am Klavier, bitte ich um Gnade. „Karla, ich kann nicht mehr.“

Sie wirkt nicht ausgelastet.

Und ich frage mich, wie es sein kann, dass ihr das Programm was sie hat nicht ausreicht. Was macht man mit so einem Kind?

„Vielleicht USA, sagt sie oder Kanada. Wir haben kein Geld sage ich, wie du weißt. Bei deinen Noten wäre vielleicht ein Stipendium drin, aber du bist erst 14.“

Ich bin ratlos. Julius auch, der sagt: man das ist doch krass, so ein Überaktionismus. Ich kann nicht Cello üben, weil sie vom Klavier nicht mehr wegkommt.

Kalt war es heute. Bei 4 Grad knisterte das Laub unter den Füßen. Das erste Mal Handschuhe tragen in diesem Jahr. Bussarde kreisten am wolkenlosen Himmel. Und immer noch überall Pilze.

Nun gibt es dampfenden Tee und Vorfreude auf Bratäpfel. Ich lese die „Kindergeschichte“ von Handke.

„dann räumen wir die halben Bibliotheken leer“

……“also wenn wir so anfangen, dann räumen wir, dann hängen wir Nolde aus dem Kanzleramt ab, was ich auch eine schwierige Entscheidung finde, dann räumen wir die halben Bibliotheken leer, dann darf kein Knut Hamsun mehr auf der Messe rumstehen.“

„…das unter dem Strich jetzt, irgendwie, Handke dieses komische Label hat, da steht jetzt irgendwie ganz riesig Genozidleugner, so ein Warnschild. So wird man dem literarischen Werk von Handke nicht gerecht.“

„….deshalb zu sagen, dieser Mann, darf keinen Nobelpreis kriegen, das ist der Schritt, den ich nicht mehr mitgehe.“

Thea Dorn zur Handke -Nobelpreis Debatte , Literarisches Quartett vom 18.10.2019

Handke und die rechte Ecke

„Die Hakenkreuze an der Wand, Auslöser der literarischen Mordtat, gab es tatsächlich……

Im wirklichen Leben ist er erzürnt über die Nazi-sSchmierei, dass er einen Farbtopf nimmt und das Hakenkreuz zusammen mit Amina und den Widrich Kindern mit grauer Farbe übermalt. „

Aus ‚Meister der Dämmerung“ von Malte Herwig

Vierte Oktoberwoche mit einem aufprallenden Kleiber und immer noch Handke

Wir saßen gerade beim Frühstück. Mit Kerze und Duft von selbstgebackenen Brötchen. Ja so sind die Dienstfrühstücke bei uns, da dumpfte ein dunkler Aufprallton in die kauende Stille.

Erschrocken fuhren wir auf. Durch das bodentiefe Fenster hindurch, sah man auf dem Kopfsteinpflaster, sonnenüberflutet, einen Vogel auf dem Rücken liegend nach Luft schnappen. Kein schöner Anblick.

„Dem gehts wie mir“, dachte ich. Wir aßen weiter. Auf dem Tisch bekämpfte ein kriegerischer Ritter den Drachen. Postkartenmotiv.

„Ein Kleiber“, sagte ich. „Nein kein Kleiber, so sieht kein Kleiber aus, gab Silke reflexhaft zurück. Ich unterdrückte ein Gähnen.

Man überlegte, helfen oder nicht. Inzwischen drehte sich der Vogel auf seine Füße, saß aufgeplustert und benommen im Sonnenschein. Es kam keine Katze.

Das Frühstück war beendet. Ich nahm mein Handy, ging zu dem Unglücksraben, der doch ein Unglückskleiber war. Aber das sagte ich nicht mehr. Wozu auch.

Kleiber kann man mit ihrem eigenen Ruf anlocken. Sie fallen immer wieder darauf herein, kommen nah heran. Diesen hatten wir nicht gelockt. Er war einfach so auf Abwege geraten. Leider im atemberaubenden Tempo. Der noch Geschockte sah mich skeptisch an, während ich mich bemühte ein Foto zu machen. Ich blieb ruhig stehen. „Mach das du weg kommst“, raunte ich ihm zu. Er nahm meinen Rat an.

Am Wochende Why we should read Handke gelesen. Abgesehen von der Debatte, kann ich für mich nur sagen: Ich lese Handke gern. Man tritt aus dem Alltäglichen heraus.Der Nobelpreis ist mir egal, so beschließe ich es.

Lustigste Szene der Woche: Julius umringt von zwei im sitzen bettelnden Hunden, hielt ein Schälchen Hundefutter in der Hand und segnete es mit einem katholischen Ritus. Ich musste lachen und sagte: „Fehlt nur noch der gelbe Bademantel.“

„Häh?“, sagte Julius. Ich erklärte ihm, dass er gerade den Beginn eines sehr bekannten Buches nachgespielt hätte. „Als hätte Anna beim Frühstück, Zwieback in Lindenblütentee getaucht und Kindheitserinnerungen zum Besten gegeben.

„Versteh ich nicht“, sgte Julius und fütterte die Hunde.

Mild klingt der Oktober aus. In den Vorgärten beginnen sich Skelette, Spinnen und dergleichen mehr zu sammeln. „Süßes sonst Saures“ war noch nie meins. Trotzdem findet die Party immer hier statt. Man will den Kindern ja nicht die Kindheit verderben oder die Jugend.

Die Stare fliegen davon?

Die Krähen in der Einkaufsstrasse haben ihren „Schlafbaum“ wieder bezogen. Das wirkt besonders zur Weihnachtsmarktzeit surreal. Handke schreibt in der Niemandsbucht, etwas von Heizungsluft, die die Spatzen genau auf dem Baum schlafen lässt.

Heute wird der Oberbürgermeister gewählt.

Donnerstag mit einem Kommentar von Gerda zur Handke Debatte

Ich möchte hier gern noch einmal einen Kommentar von Gerda (sie führt den sehr inspirierenden und wunderbaren Blog gerdakazakou.com) , Raum geben. Liebe Gerda, ich danke dir an dieser Stelle für diesen detaillierten, sehr interessanten und vor allem sehr persönlichen Kommentare zur Debatte um den Nobelpreis für Peter Handke.

Es ist schwer, nach einer solchen Lektüre (TAZ-Artikel von Sila) Worte zu finden. Und doch will ich es versuchen. Sila beschwert sich, dass Handke davonrennt und längst verstorbene Autoren als Zeugen seiner Kunst anruft. Dazu noch die falschen, wie Sila meint. Sila macht Handke mitverantwortlich für die Schrecknisse, die eine Mädchen in Srebrenica passierten. Was erwartet er von Handke? Ein “mea culpa”? Das würde er ihm ins Gesicht spucken. Ist denn eine Verständigung zwischen dem, der sich zu den Opfern zählt, und dem, der es mit den Tätern hielt, überhaupt möglich? Nicht, wenn der eine für sich die ausschließliche Opferrolle für sich in Anspruch nimmt und dem anderen die Schuld des Täters zuteilt. Handke kann da ja nur sprachlos bleiben.
Ich möchte am liebsten auch sprachlos bleiben. Es wäre einfacher. Es wäre auch einfacher, sich der allgemein geltenden Sicht der Dinge anzuschließen. Wie der Gatte sagt: “Hättest du im Geschichtsunterricht aufgepasst”, dann hätte ich nun die richtige Sicht der Dinge: Milosewich der Massenmörder, das bosnische Volk und auch das kosovarische das Opfer. Die NATO-Bombardierungen die Rettung für die Vergewaltigten,die Vertriebenen, die Ermordeten. Sie verhinderten ein “neues Auschwitz” (Fischer)..

Ich habe aufgepasst, sehr sogar. ich habe drei Monate ununterbrochen geweint – nicht über die Ermordung der Bosnier und Kosovaren freilich, denn das hielt ich weitgehend für Gräuelpropaganda, sondern darüber, dass Deutschland seine Rolle in der Welt fand, indem es ein drittes Mal Belgrad zerbombte.
Ich habe später ein paar Waisenkinder von serbischen Bosniern finanziell adoptiert. Etwa 60 000 waren es wohl insgesamt. Vaterlose Kinder wie ich selbst, denn mein Vater fiel in Russland. Auch er ein “Täter”. Eine kleine griechische linke Organisation “Karawane der Solidarität” versuchte, diesen Kindern zu helfen, damit sie und ihre Mütter, sofern die noch existierten, überlebten. Wieviele Flüchtlinge leben noch in den Lagern? Es waren hunderttausende, vertrieben aus der Kraijna (Kroatien), Bosnien und aus dem Kosovo.
Der Krieg, der Jugoslawien zerstörte, hat ungeheures Leid verursacht. Haben die Serben, hat Milosevic diesen Krieg begonnen? allein? Oder wer sonst noch? Wer war an der Zerstörung des Landes interessiert? Wer hat daran mitgewirkt? (einiges kann man dazu bei Wikipedia lesen). Ich habe all die Facetten dieses Krieges, der zugleich ein Übungsfeld für neue Waffen war (depleted Uranium) und eine Vorbereitung für weitere Kriege (Irak, Afganistan, Libyen, Syrien, Iran), tagtäglich verfolgt. Und ich habe Handkes Reaktion damals sehr gut verstanden. Sie war mir sympathisch. Er war nicht feige – ganz im Gegenteil. Er war mutig, denn seine Fürprache für Serbien war im deutschsprachigen Raum unerwünscht. Aber nun ist er offenbar müde geworden und mag nicht mehr reden, wenn die jungen Schriftstelller ihm ihre Wunden zeigen.

Dienstag 22.10.19

„Karla muss heute ihre Spitzenschuhe bezahlen“, sage ich und knurre „Merde Prekariat. Niemand fragt wo wir die 107 Euro hernehmen und die 130 für das elektronische Wörterbuch für den Mittleren noch dazu, aber gut : ab und an kaufe ich mir ein Buch. Ich sollte das nicht mehr tun. Aber wir arbeiten beide über 40 Stunden, da muss es auch mal für ein Buch reichen oder auch zwei.

„Hast du den Text gelesen , den von Tijan Sila?, frage ich den Gatten, bevor wir uns die Klinke in die Hand geben. „Nee, hatte noch keine Zeit.“

„Dann liest er doch. Murmelt großartig oder so etwas.

„Sehe ich das richtig, das du diesem Stanisic Recht gibst jetzt?“ fragt er mich.

Ich nicke. „Siehst du „, sagt der Gatte zu unserer Ältesten, „deshalb ist es wichtig in Geschichte gut aufzupassen. Hätte deine Mutter das getan, hätte sie über den Jugosklawienkrieg Bescheid gewusst.

Ich wusste über die Jugoslawienkjriege etwas, aber ich hatte Handke dazu nicht gelesen.

Und sonst: Sonniger Oktobertag. Wohin mit all dem Eichenlaub? Anna kocht Reis mit Erbsen und ich geh arbeiten.