Blumen gießen bei Tante Ulrike

Tante Ulrike mochte ich sehr, sie kaute immer Wrigley Spearmint Gum,  den ihr Tante Klara aus Hamburg schickte. Tante Ulrike fuhr oft in den Urlaub ans Schwarze Meer, nach Bulgarien und Ungarn.

Mama und ich gossen in dieser  Zeit die Blumen im Wintergarten der Plattenbauwohnung, einem verglasten Balkon. Der Perserkater Felix lag meist unter’m Gummibaum.

In der Wohnung liefen wir sockfuß über schwere orientalische Teppiche, staubten ebenso schwere Möbel ab.

“Bürgertum” sagte Mama, in meiner Erinnerung, wertfrei. Großvater lebte als Schweinezuchtmeister mondäner, fast allein in einem Gutsherrenhaus in einem abgelegenen Dorf.

„Uranabbau“ hatte jemand gesagt und „Normbrecher“.

Opa war Arbeiterklasse, nicht Bürgertum, die Erklärungen von Mama verstand ich nicht.

Tante Ulrike und Onkel Andre waren bürgerlich, vielleicht wegen des Kaugummis.

“Leute wie die, machen unsere Partei kaputt“, hatte mein Vater immer wieder gesagt. Im Schlafzimmer von Tante Ulrike standen am Ende des Bettes, die nicht sehenden, hörenden und sprechenden Affen.

Manchmal luden Tante Ulrike und Gatte, uns zum Diaabend ein. Meist nach einem Urlaub. Sie wollten uns an den Schönheiten Bulgariens oder Ungarns teilhaben zu lassen. Ich staunte über Knoblauchzöpfe.

Ich mochte Ferien in Wernigerode gern, da gab es Esel auf denen man reiten konnte und göttlich schmeckende Brötchen.

“Leute wie die, sagte mein Vater manchmal, haben uns den Sozialismus kaputt gemacht.

Die Wende kam.

Die Datsche von Tante Ulrike wurde nun Hauptdomizil mit angrenzenden Swimmingpool. Perserkater inklusive.

Anfrage zu einer Reise

„Würdest du mich im Sommer 2021 auf einer Reise begleiten?

Es ist meine Mutter, die das fragt. Ich möchte drei Wochen mit der transsibirischen Eisenbahn durch Russland fahren. Es würde mich sehr freuen, wenn du mitkämest. Ich werde dann fast achtzig sein und traue es mir allein nicht mehr zu.

Ich sage ja, bin berührt und voller Vorfreude.

Handke in der Desinfektion/Alltagssequenz

Ein Taschenbuch mit darin enthaltener Handke Biografie war verloren gegangen und fand sich nun in einer Schale Swiffer( Werbung) tücher wieder.

So desinfiziert war er nicht mehr derselbe.

Anna (17) kommt genervt aus der Schule : „Kunst! Bildbetrachtung! Das braucht kein Mensch!“

„Was betrachtet ihr denn?“

„Rembrandt! Braucht kein Mensch!“

“ Rembrandt ist cool“, sagen der Gatte und ich. Der hat das Licht in die Bilder gebracht. Erzählen dann noch was von Versenkung, Aufmerksamkeit, zweiter Dimension u.s.w.

Ich öffne mein Buchpaket. „Hej die Lehre des Sainte Victoire ist da! Ich lese rein. „Herrjeh, Cezanne….Bildbetrachtung. Davon habe ich wirklich keine Ahnung. Hab nur sozialistische Kunst interpretieren gelernt. Das Reine, Gesunde, du weißt schon.“

Anna verlässt mit triumphierendem Schritt das Wohnzimmer.

Wer weiß, wozu es mal gut sein wird, über Bildbetrachtung reden zu können, Anna !“

Anna hört mich nicht mehr. Sie ist oben, im Dachzimmer.

Der dritte Oktober

Im 30 Jahre alten Tagebuch steht mein Trainingsplan. Gebraucht habe ich ihn nicht.

August 89

Ich saß draußen in der Dunkelheit und konnte durch das Fenster A. dabei zuschauen, wie sie Puppenköpfe modellierte. Ich rauchte F6 oder Cabinett. Es war eine warme Sommernacht, meine letzte Nacht in der DDR, meine letzte Nacht im Katharinenhof in der Nähe von Bautzen. Es muss August gewesen sein. Das Wochende lag vor mir.

Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Bautzen. Das weiß ich-vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht hatte mich auch die alte Frau K. in ihrem Auto mitgenommen, als sie zum Einkauf fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Zug stieg. Ich erinnere mich an die Grenzkontrolle zur CSSR. Ich erinnere mich daran kaum Angst verspürt zu haben.

Ich ging einfach.

Warum, lässt sich schlecht sagen. Die Erinnerung täuscht. Ich vermag mich in dieses junge Ich kaum noch zurück zu versetzen. Vielleicht war es dem Gefühl geschuldet, nach dem nicht Eintritt in die SED keine Optionen mehr zu haben. Ent-täuschung hatte stattgefunden. „Wollen wir heute das Morgen bauen“ galt nicht mehr. Vielleicht war es auch das Reisen wollen. Ich trampte damals oft . Guben-Halle Neustadt.

Halle-Neustadt-Berlin,

Halle-Neustadt-Budapest, so weit man eben kam.

Vielleicht hat das nicht mehr genügt.

Keleti/Budapest

Geplant hatte ich zu der Botschaft in Budapest zu gehen. Diese war wegen Überfüllung geschlossen. Jemand der mich ansprach:

Kommen sie aus Deutschland?

Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie zurück?

Nein.

Dann kam das Taxi und fuhr mich in das Zeltlager der Malteser.

Ich hätte Angst verspüren müssen, aber ich erinnere mich nur an einen kurzen Funken Misstrauen.

Ich hatte eine „Kraxe“ auf dem Rücken. Die ARD filmte mich, beim Betreten des Zeltlagers.

IHier blieb ich bis zum 11. September.

Tagsüber streifte ich durch Budapest. Ging schwimmen, las in Cafes. Ich verspürte kein Angst. Noch immer nicht. Ich verspürte kein Ungeduld, keine Erwartung.

11. September:

Mit dem Trabbi wurde ich über Wien nach Passau mitgenommen.

Der Empfang war euphorisch. Ich war nur wenig älter, als es meine ältesteste Tochter jetzt ist. Ab Passau reiste ich wieder allein.

Der Grenzbeamte in Passau, der mir ungläubig zuhörte, als ich sagte ich sei allein und wüsste auch nicht wohin. Der gab mir die Adresse in Heidelberg. Ich zog es nicht in Betracht meine Großmutter anzurufen. Als ich es später doch tat, sagte sie genervt: Ich weiß nicht was ihr hier alle wollt. Wir haben genug Arbeitslose.“

Kommen durfte ich als ich Wohnung und Arbeit gefunden hatte. Ich

hauste in einem winzigen Zimmer, einer Kajüte, keine Küche , kein Bad, dafür aber mitten in der Altstadt. Klo halbe Treppe. Das war mir vertraut. Unvertraut waren die japanischen Reisegruppen, die nachmittags manchmal den Hinterhof bestaunten.

Das Heidelberger Jahr war ein besonderes Jahr mit wunderbaren Menschen, Spaziergängen auf dem Philosophenweg, grasen am Neckar und einem Gefühl von Abenteuer und Glück.

Ich hatte die DDR loswerden wollen, in Wahrheit war sie mir ganz nah. Sie liess mich nie los.

Um so älter ich werde, um so näher rücken die Erinnerungen und sie überfallen mich geradezu an tagen wie Diesen..

Kiel richtete dieses Mal den Tag der Deutschen Einheit aus. Auf den Dächern Scharfschützen.

Was ich sah-Kiel an einem Sonntag in den Sommerferien

Ich sah menschenleere Straßen und kreischende Möwen.

Ich sah einen sehr runden Mann durch die Fensterscheibe bei einem Schnellrestaurant. Er starrte auf sein leeres Tablett. Erst später stellte sich heraus, dass er sein Handy am Rand des Tabletts positioniert hatte.

Ich sah einen jungen Obdachlosen der auf einen Alten einredete, weißbärtig und ebenfalls unbehaust. Sie saßen überdacht und der Weißbärtige rauchte, drehte den Kopf weg und schwieg. Der Junge sprach russisch, schnell und energiegeladen. Er trug sein Haar halblang. Ich sah einen Familienvater, ein Hüne, der am kleinen Kiel mit einer ebenfalls hünenhaften Möwe diskutierte. Es ging um Müll.

Ich sah einen netten Kartenverkäufer im Kino, der mich das Tickett umtauschen ließ, okals ich mich doch ür den Binoche Film entschied.

Dienstag Nachmittag mit Rezo, Toni Morrison und der Zeit Akademie

Anna erzählt beim Mittagessen von Rezo, den 2,2 Millionen Aufrufen, der Zerstörung der CDU. „Leg dein Buch mal weg“, sagt sie und schau dir das an.

Ich habe den Zeit online Literaturkurs gebucht und es war eine gute Entscheidung. Wenn mir Hemingway auch nicht so leicht fiel, so ist Toni Morrison eine Autorin die ich überaus gern lese. Mit Isaac Bashevis Singer ging mir das ähnlich. Ziel war, Literatur einordnen zu können.

Toni Morrison lege ich beiseite um Rezo zuzuhören. Später werde ich im Theater sein. Alle Nachmittage sind mit sozialen und kulturellen Dingen ausgefüllt und es verursacht eine überbordende Sehnsucht nach Rückzug und Stille und Buch.

Samstag mit Isaac Bashevis Singer-Notizen

Verloren in Amerika von Isaac Bashevis Singer:

Entwurzelung, Verlorenheit, Einsamkeit.

Emigration des Protagonisten von Polen in die USA, Verlust des Jiddischen und die Furcht vom amerikanischen Mainstream und dem schönen Schein aufgesogen zu werden. Zu einem großen Teil autobiographisch. Eine literarische Sprachgattung verschwindet. Das Jiddisch: mittelhochdeutsch, das durch Emigration mit russischen, polnischen Elementen angereichert wurde.

Völlig anderes Thema:

Im Restaurant mit Sina und Yulia

„Wieso?“, fragte mich Sina, „erzählt einer noch zwanzig Jahre später alte Geschichten von Heimat?“

Weil die Herkunft nicht zwanzig Jahre weit weg ist, auch nicht vierzig oder fünfzig. Sie ist im Jetzt integriert, man trägt sie mit sich herum. Sie ist im Äußeren abgespalten, im Inneren aber nicht. Es ist das was einen zu einem großen Teil ausmacht, geprägt hat, noch prägt. Das denke ich, sage es aber nicht, weil es zu sehr nach Rechtfertigung klingen würde.

In dieser Woche las ich nur dieses eine Buch: Verloren in Amerika“.

Urlaub ab heute. Ein Urlaub in dem ich Berichte schreiben werden und Abschiede vorbereite. Zum Auftakt habe ich geputzt und im gesamten Haus Flieder verteilt. Der Postbote brachte einen Hemingway: „Über den Fluß und in die Wälder.“

Die Sonne scheint. Anna hat Übernachtungsgäste mit nach Hause gebracht. Ich war zornig, weil ich zwei Uhr aufwachte und sie von der Party noch nicht zurückgekehrt war. In einem Jahr ist sie achtzehn.

Am Nachmittag werde ich mich mit Yulia, Emilia und Anna zum Sushiessen treffen, bevor wir ins Theater gehen. „Face your fear.“

Im Opernhaus ist morgen ein wirklich schönes Familienkonzert mit den Akademien am Theater: Zirkus Furioso.

Wochenrückblick 4. Aprilwoche 2019

Gelesen: „Die Zeit“

Besonders interessiert hat mich der Beitrag über das Erwachsen werden und der Verarbeitung von Emotionen, je nach Alter in der Amygdala oder dem präfrontalen Cortex.

Bücher: Jochen Klepper : Unter dem Schatten deiner Flügel

Hemingway, Schnee auf dem Kilimanjaro , habe beschlossen um es mal mit Hemingways Worten zu sagen : „Das Fett von der Seele wegzutrainieren.“

Kreisler

Gesehen: Tajnosti , ich finde nicht dass dieser Film eine Komödie ist, eher eine späte Coming- of- Age Geschichte mit der Musikerin Iva Bittova

Die zwei Leben der Veronika/ Kieslowski: Diesen Film hatte ich früher sehr gern gesehen, jetzt war er mir dann doch zu emotional überfrachtet und die Plattitüden machten ungeduldig

Allein die Bilder von Krakau und die Musik machen den Film aber schon lohnenswert.

Gehört: Spe in Alium

Iva Bittova: Seid nüchtern und wachet, ziemlich schräg,

Divna slecinka

Getan: Spaziergang mit Hund über Löwenzahnwiesen

das von den Ferien gezeichnete Haus ( drei Pubertierende haben über 14 Tage hinweg hier ganze Arbeit geleistet) wieder eingefangen.

Gelesen, gelernt

Geplant: Dekalog von Kieslowski