Erinnerung

Die Gebäudewirtschaft liegt am Rand der Plattenbaustadt.

Ich steige hinab, zu dem fensterlosen Raum. Die Guppys drücken ihre Fischmäuler an der Aquariumscheibe platt. In meiner Erinnerung schreibt er immer. Tief gebeugt über das Brigadetagebuch, im blassblauen Kittel und schwarzer Hornbrille. Spöttische, satirische Verse auf Arbeitsmoral und Opportunismus.

Villon ist sein Vorbild.

Ich trage mein blaues Halstuch. „Kind“, sagt er. „Schön, dass du mich besuchst.“

„Wir sollen ein Gedicht schreiben.“

Ich setze den Lederranzen ab, die Katzenaugen klappern.

„Und bist du dem General für heute entkommen?“ Er meint die Hortnerin, die mit militant autoritären Tonfall für Zucht und Ordnung sorgt.

Ich mag die Schule nicht und den Hort erst recht nicht.

Er beugt sich über die krakelige Schrift. „Hell blühen die Blumen im Frühling. Es blüht auch der Friede in unserem Land. Da war es einmal vor Jahren, dass Thälmann den Weg zum Frieden fand.“

„Nun, schön, aber lass es uns gleich noch mal durchgehen.“ Er erhebt sich. Kontrolliert etwas an den Gasrohren.

„Das Versmaß stimmt nicht. Und schau, dieses: Und Thälmann getroffen am Boden lag und keiner vergisst mehr diesen Tag, das grenzt an Kitsch. Lass es einfach weg.“ Zeile für Zeile gehen wir durch. Er trinkt schwarzen Tee mit Zitrone, raucht Cabinett. Es dämmert bereits als ich aus den Katakomben aufsteige. „Lass dich mal öfter sehen Töchterchen.“

Die geschwungene Brücke über fdie Magistrale laufe ich hinüber zum Viertel und dem Zuhause mit der dreistelligen Nummer. Ich will werden wie Thälmann oder Janoschik-Held der Berge oder wie mein Vater.

Zitat aus Rechenschaft vor El Greco-Nikos Kazantzakis

„Ich werfe einen letzten Blick um mich, von wem soll ich Abschied nehmen? Wovon soll ich Abschied nehmen? Von den Bergen, dem Meer, von der fruchttragenden Rebe an meinem Balkon, von der Tugend, der Sünde, dem frischen Wasser?

Vergebens, vergebens, all dies steigt mit mir zusammen in die Erde.

Ich drücke ruhig, zärtlich einen Klumpen kretischer Erde.

Aber jetzt ist die Sonne untergegangen, und der Arbeitstag ist zu Ende, was soll ich mit der Kraft.

Ich strecke die Hand, greife die Klinke der Erde, um die Tür aufzumachen und zu gehen, aber ich halte noch ein wenig auf der lichten Schwelle an. Es ist schwer, sehr schwer, daß die Augen, die Ohren, die Eingeweide sich von den Steinen, von den Kräutern der Erde losreißen. Du sagst: Ich bin satt, ich bin ruhig, ich will nichts mehr, ich habe meine Pflicht erfüllt und gehe, aber das Herz klammert sich an die Steine und an die Kräuter, wehrt sich, bittet: „Bleib noch!“

Ich kämpfe, mein Herz zu trösten, es zu versöhnen, daß es frei das ja sagt. Damit wir nicht weggehen von der Erde wie Sklaven, verprügelt, verweint, sondern wie Könige, die gegessen, getrunken haben, satt sind, nichts mehr begehren und vom Tische aufstehen.

Aber das Herz schlägt noch in der Brust, wehrt sich, ruft:

„Bleib noch!“

Ich bleibe stehen, werfe einen letzten Blick auf das Licht, das sich auch wehrt wie das Herz des Menschen und kämpft.

Der erste Nachtvogel seufzt, und sein Kummer rollt über das nachtdunkle Laub, lieblich, sehr lieblich in die feuchte Luft. Ruhe, süße, große Ruhe, niemand im Hause.“

Nikos Kazantzakis

Für E. 1932-2019

Alltagssequenz mit Rasierschaum

Der Rasierschaumgeruch ist überall. Ich entschuldige mich beim Taxifahrer, während ich mich fahrig anschnalle.

„Tut mir leid“ murmle ich, penetranter Rasierschaumgeruch. Habe gerade mit Kindern eine Schaumparty gemacht.“

Die Nachricht Karla sei im Krankenhaus, hatte mich aus dem Arbeitsalltag gerissen. „Wissen sie“, sagt der Taxifahrer, „machen sie sich keine Sorgen. Was zählt ist jetzt. Sehen sie diese herrlich klaren Herbstfarben?“ Er fragt nach, warum man Kinder mit Rasierschaum spielen lassen würde. Er hört zu und ist ungemein beruhigend.

Ich atme durch. Karla sitzt blass im Wartezimmer mit dicker Wange.

Eine junge Mutter singt hektisch ihr Kind in die Beruhigung. das Kind ist ruhig. Ich kann sie so gut verstehen. Niemand sagt uns, welche Ängste und Sorgen mit dem Mutter werden uns zu belagern beginnen.

Später im Behandlungszimmer hoch über dem Meer. „Die Zähne sind es nicht“, sagt der Arzt. Sieht eher nach Mumps aus, aber sie ist geimpft oder?“ Ein weiterer Arzt tritt hinzu mit gebrochenem Deutsch und Berliner Wedding Slang. Sie fachsimpeln.

Karla ist geimpft. Sie bekommt ein Antibiotikum. Der Arzt sagt etwas von Ausschlussverfahren. Er ist menschlich und interessiert.

Auf dem Rückweg treffen Karla und ich den Taxifahrer. Er winkt und lächelt..

Abends sehe ich: „Der Himmel über Berlin. “ Karla geht es noch immer nicht besser.

Handke in der Desinfektion/Alltagssequenz

Ein Taschenbuch mit darin enthaltener Handke Biografie war verloren gegangen und fand sich nun in einer Schale Swiffer( Werbung) tücher wieder.

So desinfiziert war er nicht mehr derselbe.

Anna (17) kommt genervt aus der Schule : „Kunst! Bildbetrachtung! Das braucht kein Mensch!“

„Was betrachtet ihr denn?“

„Rembrandt! Braucht kein Mensch!“

“ Rembrandt ist cool“, sagen der Gatte und ich. Der hat das Licht in die Bilder gebracht. Erzählen dann noch was von Versenkung, Aufmerksamkeit, zweiter Dimension u.s.w.

Ich öffne mein Buchpaket. „Hej die Lehre des Sainte Victoire ist da! Ich lese rein. „Herrjeh, Cezanne….Bildbetrachtung. Davon habe ich wirklich keine Ahnung. Hab nur sozialistische Kunst interpretieren gelernt. Das Reine, Gesunde, du weißt schon.“

Anna verlässt mit triumphierendem Schritt das Wohnzimmer.

Wer weiß, wozu es mal gut sein wird, über Bildbetrachtung reden zu können, Anna !“

Anna hört mich nicht mehr. Sie ist oben, im Dachzimmer.

Karlas (14) Frage zu Handke /Nachtrag und Martenstein mit der Trennung zwischen Werk und Handwerker

Beim Aufwachen erfasse ich, dass Karla die Frage nach der politischen Verführbarkeit, schon des öfteren stellte.

Mein Stottern und Stammeln zur Nazifrage (ja diesen Begriff fand ich auch deplatziert) im Bezug auf Handke, gestellt von Karla zwischen meinem Putzen der Küche, Wäsche aufhängen und Hundeversorgung; ging nicht. Ich hätte um Aufschub bitten sollen.

Stattdessen stammelte ich von Europa statt EU, von technisch statt global. Die Geschwindigkeit des Tages liess keinen Platz mehr um denken zu können.

Immerhin war ich in der Lage gewesen zu sagen:

„Er hat versucht die andere Seite zu verstehen. Vielleicht hat er sich da verrannt. Ich kann das nicht beurteilen. Der Witz ist nur, dass manche urteilen ohne ihn gelesen zu haben. Das funktioniert nicht, kann nicht funktionieren.

Tatsächlich fragte mich Karla, ob ich ihr denn erlauben würde, ein bestimmtes Buch zu lesen. Und ich ob ich glauben würde, dass es ihr passieren könne, dann zu kippen.

Wenn man in der Lage sei, Gegenpositionen nachvollziehen zu wollen, sei man auch in der Lage zu kippen. Irgendsoetwas sagte ich. Und das es manchmal schwierig sei, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Die Welt bewege sich dazwischen. Wer dir sagt, er hat die Wahrheit, hat sie in der Regel nicht.

Heute morgen Harald Martenstein gelesen. Erfrischend. Sehr erfrischen. Sind Zahnimplantate in den Zähnen von einer extremistisch eingestellten Zahnärztin okay und trägt der Schrank Schuld , wenn er von einem Tischler mit falscher moralischer Auffassung gebaut wurde?

Link hier

Sind schlechte Bücher von politisch gefestigten Autoren besser als gute Bücher von eventuellen Irrläufern ?

Ich träumte wirr in dieser Nacht und werde nun das Haus putzen.

Karlas Frage zu Handke

„Ja das habe ich mitbekommen, war ja nicht zu überhören, wenn du mit Papa diskutiert hast. . Und hältst du Handke für einen Nazi?“

Nein, das tue ich nicht. Er mag die EU nicht besonders, glaube ich. Also, mag nicht so gerne dieses immer technischer werden und globaler werden. Zurück zu den Wurzeln und so.

Karla denkt nach.

„Meinst du, Leser könnten durch seine Bücher zu Nazis werden oder die EU blöd finden oder so? “

Handke und die rechte Ecke

„Die Hakenkreuze an der Wand, Auslöser der literarischen Mordtat, gab es tatsächlich……

Im wirklichen Leben ist er erzürnt über die Nazi-sSchmierei, dass er einen Farbtopf nimmt und das Hakenkreuz zusammen mit Amina und den Widrich Kindern mit grauer Farbe übermalt. „

Aus ‚Meister der Dämmerung“ von Malte Herwig