Sonntag mit Bobbycar

Geträumt, dass ich Julius vom Theater abholen musste. Dunkelheit, Regen, im Osten der Stadt. Ich hatte ohnehin Schwierigkeiten die Spuren zu erkennen, fuhr die Straße die leicht bergauf führte. Es wurde immer anstrengender. Ich sah nach was mit dem Auto nicht stimmte und stellte fest, als ich an mir heruntersah, dass ich mit einem Bobbycar unterwegs war. Die Knie am Kinn. Ein Bild für die Gōtter.

Beim Frühstück erzähle ich amüsiert den Traum. „Na, hat jemand Lust zu deuten?“

Allgemeine Ratlosigkeit. ° Gut ich deute selbst. Offensichtlich, bediene ich mich kindlicher Strategien um Ziele in meinem erwachsenen Leben zu erreichen. Sollte mich also jemand beim Bobbycar fahren erwischen, ermutige ich ihn hiermit kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Man will ja Entwicklung.“

Man ahnt es schon: Es gibt jetzt hier einen neuen Insider.

Und sonst ? Immer noch krank. Viel geschlafen und gelesen. Habt einen schōnen Sonntagabend.

"Die Last, die du nicht trägst" von Roswitha Geppert-vom Leben mit einem Kind mit einer schweren geistigen Behinderung

Tino ist zwei Jahre alt, als den Eltern im Arztzimmer fast beiläufig gesagt wird: Bei nicht sofort erfolgter Behandlung, degenerativ, folgende irreparable Gehirnschäden.

Nicht die Mütterberatung: „Das wächst sich raus, Spätentwickler“, und nicht der Nervenarzt: „Ich kann nichts finden“, haben Recht behalten. Tino ist kein Spätentwickler, er leidet an Phenylketonurie.

Seine Mutter gibt ihren Beruf als Regieassistentin am Theater auf, um ganz für Tino da sein zu können. Ihr Mann fühlt sich nicht gesehen, will eine normale Ehe, ist empathielos und verzweifelt. Er fällt durch die Prüfung seines Fernstudiums. Aus Verzweiflung schlägt er das Kind. Er droht es ins Heim zu stecken.

Traute kämpft. Tägliche krankengymnastische Übungen, die Nahrungsumstellung, das Betteln bei der Westverwandschaft um frisches Obst, tägliche Fördereinheiten. Tino lernt dank ihr laufen und Mama sagen. Immer wiederkehrende Klinikaufenthalte, viele Nächte ohne Schlaf: Tino schreit und randaliert in seinem Gitterbett, Isolation. Was soll aus ihrem Kind werden, wenn sie einmal nicht für es da sein kann?

Noch ist Tino klein. Immer ist die Verzweiflung da, die Hoffnung und das Anpacken. Sie beginnt unentgeltlich in einem christlichen Kinderheim für schwerstbehinderte Kinder zu arbeiten. Ihren Sohn darf sie mitnehmen. Sie sind zu zweit für 18 Kinder. Wecken 6.00 Uhr, im Akkord waschen und anziehen, 7.00 Uhr Frühstück. Putzen, desinfizieren, einkaufen, 11.00 Mittagessen, 12.00 Uhr Mittagsschlaf, die Kinder werden teilweise fixiert.

Die Schwestern lieben ihre Arbeit, es erfüllt sie, trotz 380 Mark im Monat, keinen Prämien und einer Arbeitsbelastung wie im Stahlwerk.

Der autobiografische Roman Roswitha Gepperts erschien 1978 in der DDR.

Der Roman hat mich sehr berührt in seiner Ehrlich-und Schonungslosigkeit. Zudem weckte er Erinnerungen an meine frühen Arbeitserfahrungen in der DDR (1988). (Rehazentrum Halle-Neustadt und Katharinenhof in Großhennersdorf.) Die Diskrepanz zwischen der Liebe zu den Kindern und den unzureichenden Umständen in allen Bereichen. Räumliche, personelle, zeitliche, unzumutbare Zustände in der DDR auch Ende der Achtziger Jahre noch.

Es ist ein Buch über das Leben mit einem schwerstbehinderten Kind, das aus Elternsicht geschrieben, den Kampf an allen Fronten zeigt, zu einer Zeit als die Bedingungen hoffnungslos waren.

Trotz allem ist es ein Hoffnung machendes Buch. Zutiefst menschlich, kämpferisch und voller Liebe.

Zur Autorin: Roswitha Geppert wurde 1943 in Leipzig geboren und studierte Theaterwissenschaften. Sie arbeitete als Regieassistentin und später als freie Autorin, Redakteurin und Pressereferentin.

Ihr autobiografischer Roman“Die Last die du nicht trägst“, erschien 1978 im Mitteldeutschen Verlag Halle

Roswitha Geppert starb 2018.

Strategien des Lesens und Anderes

Das Eichhörnchen hängt zusammengerollt über dem Meisenknödel.

Der Knödel fällt samt roten Fellbüschel auf die Erde. Ubu nutzt seine Chance und schnappt sich—

das Vogelfutter samt Plastiknetz.

Vom Leseplatz aus, schaue ich dem skurrilen Treiben zu.

Immerhin, es hat nur das Vogelfutter erwischt.

Warum ich nur noch selten ein Buch zu Ende lese.

Beispiel: Ich lese „Das Reich Gottes“, ein Buch welches man eher studiert als es liest. Irgendwann erwähnt der Autor „Franny und Zooey“ von Salinger. Also lese ich zunächst dieses. Absolut hervorragend, mir wäre etwas entgangen. Das Buch ist ausgelesen, ich kehre zum „Reich Gottes zurück. Carrere hört aber leider nicht auf sich auf andere Lektüre zu beziehen und so lese ich auch noch die aufrichtigen Erzählungen des russischen Pilgers.

Die Strategie geht nicht auf, weil ich den Hauptstrang nicht bis zu Ende verfolge.

Alltagssequenz: Schneematsch, Wind und Regen. Mit dem Gatten diskutiere ich über Glauben und Gemeinde, über Formen des Gottesdienstes. Ich war und bin ein suchender Mensch. In meiner Jugend war das extrem ausgeprägt. Als ich den Halt nicht in den Werten meiner Eltern finden konnte, jedenfalls was die Politik betraf, suchte ich woanders.

„Warum „, fragte ich damals den Parteisekretär, „sollte ich in eine Partei eintreten, die es nötig hat, ihre Mitglieder durch Erpressung oder Krippenplätze zu rekrutieren. „Treten sie ein“, sagte er, ändern sie von Innen“.

Und auf mein „nein“: „Na dann Frau X. eine Hand wäscht die andere. „Dann bleiben sie hier in dieser Fabrik.“

Ich kannte kaum Angst. Ich ging über Ungarn. Ich fand Arbeit und Wohnung, neue Freundschaften, neue Begegnungen. Das Gefühl der Suche blieb.

Heute suche ich in der Literatur die Antworten auf die Fragen: „Wozu sind wir da?“ und auch im Glauben.

Annegret Kramp Karrenbauer ist nicht mehr Kanzlerkandidatin, das Coronavirus wütet weiter. Henna ist beim Skifahren, aber es liegt kein Schnee, schreibt sie. Das Wetter schlägt Kapriolen.

Die Sonne bricht sich trotzdem Bahn.

Prekariat

Neulich sprach ich mit X. Sie hatte mal einen Beruf gelernt, wollte ihn aber aus verschiedensten Gründen nicht ausüben und fing als ungelernte Kraft in einem Altersheim an. Drei kleine Kinder, geschieden. Monatslohn 450 Euro bei vollem Einsatz. In Krankheitszeiten leitete sie eine Station mit. Überstunden wurden nicht ausgezahlt, Abbummeln wäre möglich gewesen, wenn denn die Möglichkeit bestanden hätte. Sie arbeitete so versiert und zuverlässig, dass man ungern auf sie verzichtete. Prekär, das bedeutet wegen der kleinen Kinder nicht mal so eben eine Ausbildung machen zu können. Prekär bedeutet, dass sie an Teamevents die vom Arbeitnehmer finanziell selbst getragen werden mussten, nicht teilnehmen konnte. Prekär bedeutet, in dem Falle, dass es einfacher wäre von Hartz 4 zu leben.

Ungläubiges Staunen

Montagsdemonstrationen? Haben da nicht die Busfahrer gestreikt?

Es ist still, als Klara erzählt. Von ihrer Mutter die eine der Ersten bei den Montagsdemonstrationen gewesen war. Von der Angst vor ausbrechender Gewalt und dem Summen der Europahymne in den Straßenbahnen Leipzigs.

Im Hintergrund flackert ein digitales Kaminfeuer. Gedämpfte Stimmen, Geruch nach Essen und Alkohol. Wir sind zu fünft.

„Was sind Montagsdemonstrationen“, fragt N. und „warum war die Kirche nicht gewollt?“

„Erziehung zum neuen Menschen“, sage ich, “ Kommunismus als Ersatzreligion“. Und: „Religion ist das Opium des Volkes. Marx glaube ich.“

Ein zweites, anderes Menschenbild war nicht gewünscht und ich vermute sie wussten um die Kraft der Kirchen, Hoffnung geben zu können. Was sich letztendlich bewahrheitet hat, wie man an den Montagsdemonstrationen sehen konnte.

„Also was waren Montagsdemonstrationen noch mal?“, fragt N.

Klara erzählt von der Ungerechtigkeit, als Christ oft kein Abitur machen zu dürfen, auch als Klassenbeste nicht. Von der Nikolaikirche 89, von dem Widerstand der in kleinen Gruppen begann.

Heute morgen lief mir als erster Julius über den Weg. „Julius, kurze Testfrage: Was waren die Montagsdemonstrationen?“

Julius überlegt kurz: „Haben da nicht die Busfahrer gestreikt?“

„Versuchs noch mal. Tipp: 89. „War da nicht der Mauerfall?“

„Ja, richtig und?“ „Weiß nicht“, sagt er.

Karla: „Keine Ahnung Mama, ehrlich.“

Und Anna: „Das war doch irgendwas mit der DDR oder?

So war der Januar

Mild ist es. Winterlinge stehen in Grüppchen, die Schneeglöckchen sind noch für sich. Es scheint als würde es in diesem Winter nur regnen, gestern in Strömen, heute ein feiner Nieselregen. Es heißt die Inuit hätten dutzende Namen für Schnee und ich denke, dass es vielleicht sinnvoll wäre Regenworte zu erfinden. Dies ist der letzte Tag des Januars.

In den ersten Tagen des neuen Jahres, gab es hier im Vorort eine Baumandacht für eine vierhundert Jahre alte Rotbuche. Sie hatte Bauarbeiten nicht überlebt.

Anna bekam ihr erstes Piercing und ich die Ergebnisse meiner DNA Analyse.

Ich las mit Anna zusammen Lessing und wir hatten Abende mit regen Meinungsaustausch über Whats App.

Im Januar begann Anna mit dem Klavierspiel und lässt es sich von Karla nun Abend für Abend zeigen.

Der Januar war auch ein intensiver Arbeitsmonat.

Außerdem waren wir zweimal im Theater: Dürrematt/Die Panne

Kunst von Yasmina Reza

und einmal im Kino.

Ich las „Der Gott der Stadt“ und „Das Reich Gottes.“

Heute dann Zeugnisse. Julius hat alle überrascht.

Sonntag mit Emmanuel Carrère und Polarluft

Hotel Maritim (gestern sahen wir dort Deichart)

Noch ruft die Uhr nicht die neunte Stunde aus. Für einen Sonntag bin ich früh dran, lasse die Hunde in den Garten. Eisige Luft. Kälte war bisher nicht die Stärke dieses Winter. Kein Bodenfrost, kein Schnee, Temperaturen um 4 bis 6 Grad. Heute sind es nur zwei Grad. Die Magnolie trägt Knospen.

„Der Gott der Stadt“ habe ich beiseite gelegt. Es wurde mir zu düster. Jeder der Studenten verirrt sich in Finsternissen. Sie suchen die Dämonen nicht im ihren eigenen Inneren , so lautete der Auftrag eigentlich, sondern im Außen. Das nimmt heftige Züge an, dass ich beschloss, es erstmal jedenfalls, wegzulegen. Eine sehr gute Rezension über dieses Buch habe ich hier gefunden.

Dafür fiel mir in der Bibliothek „Das Reich Gottes“ von Emmanuel Carrère (kannte ich bisher nicht) in die Hände. Ebenfalls ein Buch von Suche, nur dass es sich mehr dem Licht zuwendet und der Frage, warum das Christentum auch heute noch berühren kann. Ein Buch von Sinnkrisen, Lebenskrisen, Licht und vielen Fragen.

Ich kann es kaum aus der Hand legen.

Am Vorabend bin ich im Theater gewesen: Ein Yasmina Reza Stück „Kunst“ gespielt von Deichart. Ein urkomisches , bitterböses Stück über eine Freundschaft und ein Bild in Weiß. Virtuos gespielt und so gut.

„Die Zeit“ die hier ebenso ungelesen herumliegt wie die „FAZ“ habe ich im Vorort als Dauerabo verschenkt, so lange das Abo eben währt. Ich komme nicht zum Lesen oder setze die Prioritäten anders.

Den Morgen beginne ich nun damit, mir Kokosnussöl in den Kaffee zu quirlen. Er ersetzt das Frühstück und hält den Blutzuckerspiegel stabil. Ich entwöhne mich vom Tütencappucino, dem ich merkwürdigerweise seit Jahren verfallen war. Und ich entsage dem Zucker, was in den ersten Tagen furchtbar war, eine Quälerei, aber nun scheint es überstanden. Fünf Kilo sind weg, niemand nimmt es wahr, aber das liegt vermutlich daran, dass ich auch mit 85 Kilogramm immer noch beleibt bin. Tatsächlich geht es mir nur in zweiter Linie um Abnehmen. Der Körper verzeiht die ungesunde Lebensweise nicht mehr. Das ist der eigentliche Grund. Ein spartanisches Leben seit Monaten ohne Rotwein, seit Tagen ohne Zucker und seit heute ohne Cappucino…

Es ist Zeit in den Tag zu starten, der zweite Kaffee ist fast getrunken, dieser ohne Fettzugabe. Die Hunde trippeln ungeduldig auf allen vier Pfoten. Bewegung müsste ich noch addieren……

Habt einen schönen Sonntag.