Papa, das ist was für dich!-Beobachtung auf dem Flohmarkt

Ich stöbere an einem Bücherstand, als ein etwa achtjähriger Junge ruft: Papa das ist was für dich-Bürgerkrieg!“ Es ist ein Buch des Koppverlages, das den Jungen so erfreut. Ich schaue kurz hoch zum Vater, ein gepflegter, intellektuell wirkender,  junger Mann. Er schaut unbeteiligt zurück. Die Mutter des Jungen beugt sich nun über das Buch. „Ja da hast du Recht. Die Richtung stimmt so ungefähr.“ Der Vater bleibt unbeteiligt. Ich warte bis die Familie weg ist und nehme das Buch zur Hand.

Nebenstraßen

Frankreich wählt.

Wir haben uns in einem unserer Frankreichurlaube in ein Banlieue verirrt. Unsere Kinder, damals noch klein, schliefen im Bulli. Ich habe selten in meinem Leben solch eine Angst verspürt.

Es sind die Vorstädte der Hoffnungslosen. Frankreich wählt. Ich vermute, dass Le Pen die erste Etappe gewinnen wird.

Man sollte den jungen Menschen mehr zutrauen…

zum Beispiel das Hinterfragen. Juliana am Telefon. Sie studiert Politik in Sachsen-Anhalt. Statt aufzuräumen, erzähle ich mich fest. Sie hat eine Hausarbeit über die AFD geschrieben. So viel lässt sich sagen, ihre Partei ist es nicht. Wir diskutieren über verhärtete Positionen versus Dialogbereitschaft. Ich erzähle von meiner derzeitigen Literatur. Die Kinder wollen zum Shoppingtempel. „Nun wenn das euer Sinn des Lebens ist.“ „Bleib cool Mama, wir müssen zum Friseur.“  Julianas Kinder sind im Kindergarten, meine beschließen sich selbst zu betreuen.

Juliana:

„Wir kommen im Sommer zu euch an die Küste, dann debattieren wir weiter und du lernst meine Jüngste endlich mal kennen. Ein Energiezwerg. „Sehr schön, dann sind unsere Drei ja beschäftigt. Sie lieben Babysitten! Weißt du noch als Adriana(3) Annas(11) Handy gewaschen hat?“ Ja und später hat sie(3) die Harfennoten übermalt mit Edding.“

„Ach lass mal, das hört auch später nicht auf. Anna(14) hat gestern einen Antistressball gebastelt, mit Kleber und Weichspüler. Und dann draufgedrückt. Die blaue Masse war überall. Im Essen, auf den Fliesen und auf den Klamotten. Es ist mir unbegreiflich, wie du es schaffst als Mutter von zwei Kindern, zu studieren. Ich hab mir Kershaw vorgenommen. Das Projekt wird stetig torpediert. “

Auf dem Weg zum Shoppingtempel hält der Postbote mich an und gibt mir ein Päckchen durchs Bullifenster. „Speer und das deutsche Trauma.“

Urlaubstag

Hitler überlegt,  sich die Tschechoslowakei einzuverleiben. In Österreich wurde er als Heilsbringer gefeiert.

Es ist neun Uhr und Ubu will Gassigehen. Ich lege das Buch weg. Lustlos quäle ich mich in die Winterkühle. Eine Gruppe von Eichelhähern hockt in den Bäumen. Graugänse fliegen krächzend über uns, während noch weiter oben ein Greifvogel seine Runden zieht.

Mit Brötchen treten Ubu und ich den Heimweg an. Angekommen scheuche ich die Faultiere aus ihren  Betten. „Frühstück!“  Später treffe ich Dörthe im „Resonanz„.  „Nein“, sagt sie,“ ich glaube nicht, dass das noch mal so möglich ist.“ Auch ihr Vater wurde 32 geboren. „Aber Le Pen scheint möglich“, erwidere ich.“

Wir trinken Kaffee und stellen fest, dass wir uns viel zu selten sehen. Die Pubertiere mit roten Wangen, haben die mutterlose Zeit genutzt um Chips zu kaufen. Jetzt noch schnell aufräumen und dann werde ich lesen.

Lesestruktur

„Wie kannst du nur so lange lesen?“, fragt Julius.

„Ich hab es mir vorgenommen und nicht viel Zeit. Nach dem Urlaub ist lesen praktisch kaum möglich, wenn dann jetzt. Und ich möchte die Thematik verstehen. Es gibt Bücher die liest man zur Entspannung. Dieses lese ich, weil ich es wissen will. Es ist wie Schule. Ich probiere aus, wie viele Seiten ich in fünfundvierzig Minuten schaffe. Bei diesem Buch sind es etwa dreißig, dann mache ich eine Pause. Kleine Pause, große Pause.“

Später im Buchladen nimmt Julius Erebus mit und ich die Tagebücher von Rosenberg. Und dann ist auch Julius verabredet, der Haushalt in den Pausen bewältigt, der Hund aufgrund eines Päckchens Hefe Gassigehuntauglich. Und ich -ich lese….

Ostern-vom Nürnberger Prozess zu Ian Kershaw

Irgendwann hab ich das Handy ausgeschaltet. Wenn ich dieses Buch (Der Nürnberger Prozess von Joe J. Heydecker) lesen wollte, musste ich mich konzentrieren.

Erdogan würde das Ja für das Präsidialsystem wahrscheinlich durchbekommen. Nach zwanzig Seiten jeweils ein paar Schritte durch das Zimmer, eine kurze Zusammenfassung des Abschnittes, weiter. Nachmittagsspaziergang in den Hüttener Bergen. Einsam ist es hier. Keine Menschen, nur Spuren von Reh und Wildschwein.

Später lese ich wieder. Allmählich erschließen sich Zusammenhänge.  Heute dann  überraschend Besuch.  Ich  freue mich die Beiden wiederzusehen. Ein gemeinsames Wochenende wird vereinbart.  Später lese ich weiter.Am Ende des Buches angelangt, beschließe ich Kershaw (Hitler) auch noch zu bewältigen. Es ist sehr viel schwieriger zu lesen,  ich habe Urlaub.  Karla ist in den Reiterferien, Anna mit einer Freundin weggefahren.  Das Urlaubsbudget ist damit ausgereizt.