Erinnerung an John Eccles

 

Ich sehe dieses Foto.  Eine mir unbekannte Bloggerin ist dort zusammen mit John zu sehen. Sie musizieren und er lächelt sein Lächeln mit dem er dem Leben begegnete.

Er war ein besonderer Mensch. Jemand der als Kind allein durchkommen musste und trotzdem so viel Wärme, Zufriedenheit und Glück ausstrahlte.  Geboren und aufgewachsen war er irgendwo in England. Wann genau er nach Orkney übersiedelte weiß ich nicht. Was er anfasste gelang. Schulleiter in zwei Schulen, irgendwann sagte er war Zeit für Neues.  Es gab Verluste, einer davon so tragisch, dass er in seinem alten Haus in Hoy nicht mehr wohnen wollte. Das Haus trug Trauer, so empfand auch ich es.

Er begann mit dem Aufbau der Hutchery. Auch das ein Erfolg, so groß, dass er durch Europa flog um Vorträge über das ökologische Lachszüchten zu halten. Und er hatte diesen Traum, sein Haus an den Klippen Hoys zu bauen. Er hatte mir den Plan gezeigt, ich glaubte nicht daran, hielt es für eine fixe Idee. Damals kannte ich John noch nicht. Das Haus stand zwei Jahre später direkt am Meer.  Wie schon zuvor war auch diese Tür offen für Alle. ES wurde gearbeitet, gegessen, spaziert, musiziert und immer war John mittendrin mit seinem herzerwärmenden Lächeln, seinem Humor. Ich habe niemanden mehr getroffen,  der so war wie John.

 

Schön dich getroffen zu haben John. Du wirst vermisst.

Gestern in Hamburg-Obdachlosigkeit

Die Freundin möchte noch in der Elbpassage Weihnachtseinkäufe tätigen, ich habe kein Geld und begebe mich zu den Bücherhallen. In der Dunkelheit nehme ich lieber die hell erleuchteten Straßen. Hamburg erscheint noch schöner und kühler in der voradventlichen Zeit. Sie erstrahlt in vornehmen Glanz, ein königlicher Eispalast so wurde Hamburg in einem Lied benannt.

Die Menschen mit Wägen voller Koffer und Tüten irritieren mich. Die einen tragen auf Stöckelschuhen  glänzende Tüten aus denen glänzendes Papier ragt, die Anderen haben ihr Hab und Gut dabei, zerlumpt gekleidet in sieben Schichten. Mit krummen Rücken bewegen sie sich schiebend durch die glänzend erhellten Straßen auf der Suche nach einem Schlafplatz oder sitzen bettelnd am Straßenrand, der eine unter einer Werbung die mit „besser kein Feuer“ wirbt.  Man kommt nicht umhin sofort an diese Typen zu denken, die neulich die Sachen eines Obdachlosen in Brand setzen wollten und vorher ein Selfie machten. Die Dimension der Armut  ist erschreckend, besonders in diesem Kontrast.

Und dann gerade die Überschrift des KN Artikels gelesen, der das gestrige Szenario wieder heraufbeschwor.

Auch in der Zeit ein Artikel zum Thema.

 

Dreidimensionales Lesen via Meyerhoff entdeckt Sylvia Plath

Meyerhoff habe ich ausgeliehen bekommen. „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“. Gelungen finde ich die Charakterstudien, wenn auch die Beschreibung seines dreidimensionalen Liebeslebens mich eher langweilt, jedenfalls in der epischen Breite. Die Komplexität der Charaktere lässt sich anderorts vermissen. Da fand ich den Roman über die Großeltern viel gelungener.

Worauf ich eigentlich hinauswollte: ich schweife beim Lesen oft ab, besonders wenn die Protagonisten, wie hier die hochbegabte, sprunghafte Hanna, selbst lesen. Nicht selten ist es so, dass ich erstmal die Literatur der Protagonisten lese, um anschliessend zum Buch zurückzukehren. Was allerdings dauern kann.

Hanna jedenfalls ist frustriert über die mangelnden literarischen Kenntnisse Meyerhoffs, ja geradezu entsetzt. Denn sie liest immer und überall. Um die Verbindung zu vertiefen oder zu halten beginnt Meyerhoff ein Leseprojekt : Dostojewski, Tolstoi und bei Sylvia Plath fängt er Feuer, kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen, liest alle Biografien über sie. So in den Bann gezogen ist er, dass er selbst auf Spaziergänge mit Hanna verzichtet und diese genervt allein loszieht.

Ich unterbreche Meyerhoff, erinnere mich das meine ebenfalls literarisch begeisterte Kollegin mir von der Glasglocke erzählte. Aus der Kieler Bibliothek selbiges Buch mitgenommen. Reiselektüre. In den Bücherhallen dann auch noch eine Biografie von Plath gefunden. Und dann geht es mir wie Meyerhoff- ich bin vollständig abgetaucht.  Die Schaffnerin mit rauchiger dunkler Stimme legt mir ihre Pranke auf die Schulter: die Fahrkarte hätte ich gern und ist amüsiert über mein Erschrecken.

Teeniemuttergedanken

Es ist merkwürdig, Teeniemutter zu sein. Als ich gestern nach der Arbeit nach Hause kam, müde aber gut gelaunt, war das Haus leer. Anna war zur Tanzstunde gegangen, Julius beim Sport und Karla bei einer Probe. So würde mein Leben in ein paar Jahren vermutlich wieder sein, wenn die stürmische Zeit der Pubertät bestanden, der erste Liebeskummer bewältigt, die ersten Abschlüsse geschrieben wurden.

Ich bin sicher ich werde diese Zeit vermissen.  Wie wird es sein, wenn auch das jüngste Kind flügge geworden ist? Gänzlich auf sich zurückgeworfen,  die Rolle gewechselt.  Zum Glück ist noch Zeit.

Von Zeit zu Zeit spuckt mein Gehirn Erinnerungsfetzen aus. Ich war sechzehn, nur ein halbes Jahr älter als Anna jetzt, als ich mit dem arbeiten begann, im Internat am anderen Ende der  Deutschen Demokratischen Republik wohnte. Es war eine lehrreiche Zeit. Niemand hatte mir auf der Suche nach einer Lehrstelle geholfen. Mit einem Zweierdurchschnitt war mir der Weg zum Abitur nicht möglich. Zwei Jahre am Fließband, ohne Akkord weil die Fünfjahrespläne immer wieder vom Materialausfall torpediert wurden. Das Leben war kein Ponyhof, aber das war es vorher auch nicht gewesen. Es blieb der Stolz zunehmend auf eigenen Beinen stehen zu können. Mitgebene Werte die zu eigenen wurden, oft aber auch nicht. Meine Jugend unterschied sich sehr von der Jugend meiner Kinder.

Es ist kalt, es regnet, es ist November, Lieblingsmonat. Eine kurze stille Einkehr, bevor die turbulente Advents und Weihnachtszeit beginnt. Kein Rasenmäher, kein Laubbläser, nur das Geräusch vorbeifahrender Autos. Der Gatte bestand darauf mir an diesem Wochenende frei zu geben. Ich soll die Facharbeit schreiben. Die Zeit nutzen, die mir in der Woche nicht bleibt.

„Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ von Meyerhoff liegt lockend auf dem Schreibtisch. Aber ich kehre jetzt diszipliniert an die Facharbeit zurück.

 

 

Der einsame sechste Stock oder wie ich an einem normalen Fünften unvermutet aus der Zeit fiel

 

Bei Frau Brüllen ist heute Tagebuchbloggen und ich bin mit dabei.  Der Tag begann ganz normal.  Nichts kündete den weiteren Verlauf an. Seit gestern bin ich Matthias Meyer- Göllner Fan, der hat mit uns einen Tag lang gesungen. Es war definitiv das beste Seminar der ganzen Waldpädagogikfortbildung und leider auch das letzte. Schade, denn die Gruppe war toll. Wir hatten wirklich Spaß. Aber es geht ja nicht um den Vierten.

Noch beschwingt vom musizieren starte ich früh in den Tag.  Die Hausarbeit muss vom Tisch.  Die Jüngste möchte Pancakes. Ich singe „woawoawoaoowa“, wende die Pancakes.

„Das ist der Hausfrauengroove“ sage ich dem Gatten, der mich fragend ansieht.

„Du machst den Twang nicht. Atme mal in den Bauch.“ Dann geht er arbeiten, lässt mich allein mit dem Twang. Ich setze mich an den Computer. Warum fördert Apfelsaftpressen die soziale Kompetenz? Mathematik, Kunst, Universum, Nachhaltigkeit, Bildungsleitlinien. Die Schreibblockade ist nach einer Ewigkeit überwunden, da wollen die Kinder Mittagessen. Kartoffeln vom Vortag in die Pfanne, Reibekäse drauf, fertig. Guten Mutes wieder an die sozialpädagogische Apfelverwertung gesetzt. Die Freundin schreibt auf Whats App: „Der Tatort letzte Woche war richtig gut!“ Ich sehe nur noch sporadisch Tatort, aus Zeitmangel. Ein dumpfer Schmerz am Zahn. Er macht sich seit einer Woche bemerkbar. Den Zahn interessiert es nicht, dass ich keine Zeit habe. Ich muss diese Apfelverwertungsarbeit schreiben. Irgendwann als auch die zweite Schmerztablette nicht hilft, fahre ich in die Zahnklinik. Der Schmerz muss weg!

Und dann begann es….

Angekommen wate ich durch Pfützen, Dreck, pladdernden Regen zum Hochhaus.  Es Dämmerlicht trotz nachmittäglicher Zeit. Es hätte mir auffallen müssen. Niemand ist unterwegs. „Da musst du hin“, hatte der Gatte gesagt und auf das Hochhaus gedeutet. „An der Anmeldung helfen sie dir weiter.“  Die Wahrheit ist: Niemand ist an der Anmeldung. Am Notrufknopf steht: „Das ist kein Anmeldeknopf, bitte benutzen sie das Telefon auf der  anderen Seite!“  Ich wende mich um. Es ist wie bei „Stalker“ von Tarkowski, die Szene bei der  inmitten des Nichts ein Telefon klingelt. Ich wähle die Nummer für Sonntag. Eine müde Stimme meldet sich schleppend, tonlos: “ Nehmen sie den Aufzug, fahren sie in den 6. Stock, füllen sie den gelben Zettel aus und warten sie.  Es ist als wäre die Zeit verlangsamt, das Licht fahler, die Stille bleiern.“  Es muss eine weise Eingebung gewesen sein den Halloweentatort nicht zu sehen. Fahrstuhl ohne Aussicht. Niemand ist hier. Niemand wird mich retten wenn das Aluminiumgefährt steckenbleibt oder sonstwohin fährt. Ich atme tief durch, trete ein, drücke den Knopf , die Türen wollen nicht schließen. Noch könnte ich umkehren. Da setzt er sich ruckelnd in Bewegung. Ab dem 4. Stock  beginnt er scheppernd zu schuckeln. Ich berechne die Fallhöhe, so ungefähr. Niemand ist hier. Ich nehme die rechte Tür, die für die Kassenpatienten, auch im Wartezimmer ist niemand. Es ist eine Borowskitatortstimmung mit Anteilen von Tarkowski. Fahles Licht, Stille, nur die Schritte hallen.  Auch im Wartezimmer ist keiner.  Die gelben Zettel finde ich vor, fülle einen davon aus, warte. „Bin im 6. Stock“, schreibe ich dem Gatten sicherheitshalber. Ich fühle mich wie aus der Zeit gefallen oder aus dem Leben oder Beides. Eine Zeit später, wer kann schon sagen wann, kommt die Frau mit der müden Stimme. „Kommen sie.“ Dann sitze ich allein in einem Hochhaus im 6. Stock, in einem Zahnarztstuhl, schaue auf graues Meer und grauen Himmel, Möwen deren Schreien man nur sieht aber nicht hört, menschenleere Landschaft. Tristesse, Melancholie, Einsamkeit. Surreal. Plötzlich leichte, schnelle Schritte. Eine junge blonde Ärztin oder Studentin mit zum Zopf gebundenen Haaren, begrüßt mich freundlich mit strahlenden Lächeln. Ihre Worte perlen links und rechts an mir vorbei. In den Zweigen des Baumes ein junger Buntspecht. Ich höre die Worte Entzündung, Wurzel, Röntgen, Wurzel kappen, Zahn ziehen, aber erst morgen. Sie ist wie aus einer anderen Welt, die einsame Tristesse des Hochhauses hat ihr nichts anhaben können.  Sie spritzt eine Betäubung. Ich erhebe mich, danke der Lichtgestalt, der Schmerz ist weg, verspreche gleich morgen zum Zahnarzt zu gehen.  Ruckeln fährt der altersschwache Fahrstuhl nach unten. Es hat aufgehört zu regnen.

Ich bin zurück, am Computer, draußen ist es dunkel, die Äpfel werden heute nicht mehr mental verwertet. Die Teenies backen englisch sprechend Plätzchen. Und ich werde mir den Halloweentatort ansehen, glücklich der 6. Zeit entronnen zu sein, schmerzfrei.

 

 

 

Als morgens in der Speicherstadt ein Kameramann verloren ging

„Was ist da los?“ Einige Krankenwagen, Feuerwehr, Menschen in Uniformen. Die Helfer scheinen im Gespräch, Stehkonferenz, die Stimmung ist ruhig. „Nichts dramatisches“, mutmaße ich, „dafür ist es zu ruhig“, beruhige ich das Kind.

Es ist noch nicht 10  und die Hafencity ungewohnt ruhig.

Windig ist es, der nächste Herbststurm bereits im Kommen.

Ich schaue auf´s Handy,  lese die Nachricht: ein Kameramann ist am Kehrwieder aus dem Auto gestiegen und seit dem verschollen. Man sucht im Wasser nach ihm.  „Doch dramatisch denke ich.“ Und frage mich wie das passieren konnte. Vom Bordstein geweht? Entführt? Verschiedene Szenarien ziehen an meinem geistigen Auge vorbei, dann vergesse ich die Geschichte.

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In den Bücherhallen arbeite ich bis zum Nachmittag. Es ist immer reger Publikumsverkehr, nicht einfach sich einen Arbeitsplatz zu sichern. Im ersten Stock wird eine Kinderparty gefeiert. Die Kleinen ziehen in einer Polonaise durch die heiligen Hallen. Ich unterstreiche, markiere, schreibe.

Es ist kurz vor drei. Ich werfe noch einmal einen Blick aufs Handy und kann ein Lachen nicht unterdrücken. Meine Nachbarin schaut irritiert zu mir hinüber.

Der Kameramann ist aufgetaucht. Er war nur kurz im Casino.  Vermutlich brauchte er eine Auszeit. Oder bekam er nicht genug Lohn, hoffte auf ein schnell verdientes Zubrot?

„Du musst die Geschichten aufschreiben“, sagte unlängst die Freundin zu mir.

Voila.