Karlas Blick in die Zukunft_Berufswahl

„Mama, muss ich jetzt schon wissen was ich werden möchte?“ Karla und ich sind auf dem Weg zu einer Einkaufskooperative. “ Ich verneine, das Kind ist gerade zwölf geworden. Sie hat noch Zeit. Karla sieht gedankenverloren in die Ferne.

„Also ich weiß ja was ich werden möchte. Aber irgendwie geht das nicht.

Ihre schmale Gestalt wirkt zerbrechlich. Es ist früher Abend. Ein kühler Herbstwind lässt frösteln. Es dämmert bereits. “ Ich will ja Schauspielerin werden, aber wenn du nicht gerade mega berühmt bist, verdienst du einfach kein Geld. “

„Du könntest Regie studieren“, schlage ich vor.

„Regisseur?“

„Nee.“ Das klingt entschieden.

„Und warum nicht?“

„Weil ich selbst auf der Bühne stehen will“, sagt sie, als sei es das normalste der Welt. “

Mir Sachen auszudenken, was andere machen sollen und so, das ist mir zu kompliziert.“

„Na gut, dann bleibt es bei Schauspielerin. Wenn es zum Leben nicht reicht, könntest du Hartz 4 dazu beantragen.“

Karla schaut mich mit unergründlichen Blick an.

„Nee, das will ich nicht, da wird man voll kontrolliert.“Und weißt du, wenn ich mein Leben in der Zukunft sehe, dann sehe ich mich in einem alten Haus mit einem Pferd, zwei Hunden und zwei Katzen. Meinst du die Hartz 4 Vergeber halten das für lebensnotwendig?

„Ich würde ja auch gerne einen Streunerhund aufnehmen und Käfighühner und ich will im Theater arbeiten. Aber wo kommt dann das Geld für die Tiere her?“

„Später erzähle ich dem Gatten von Karlas Überlegungen. „Ach“,  sagt dieser, das klingt doch nach einem guten Lebensentwurf.“

 

Samstag zwischen Cellokonzert, Musicalschule und Wochenendtrip

Lina kam morgens mit Brötchen, Ubu freute sich und versuchte eine der Köstlichkeiten zu erbetteln. Umsonst. Es läutete erneut, Annas Patentante, eine von den Menschen die mit den Jahren immer jünger werden, holte Anna ab. Sie verkaufen heute auf dem Flohmarkt. Julius übt Cello für das mittägliche Konzert, während Karla einen Probetermin bei der neu eröffneten Musicalschule hat.

Gestern Abend noch „Herr und Hund“ von Thomas Mann gelesen. Brillant geschrieben, aber welch empörender Umgang mit einem Hund. Kaum Gassigänge, der Hund muss auch bei Eiseskälte draußen schlafen, der Herr duldet es sogar, dass der Hund ihn zur Tram begleitet und nebenherläuft. Erst drei Tage später taucht er halb verhungert und hinkend wieder auf. Dafür gibts dann auch noch Schläge mit dem Lederriemen. Wie kann jemand der so feinsinnig zu schreiben versteht, so gefühllos mit einem Hund umgehen? Auch die Ansichten Manns über das bäuerische Wesen sind überheblich. Dieses kleine Buch hat die Möglichkeit mir Thomas Mann zu verleiden. Zum Glück liegt hier auch noch Flush von Virginia Woolf.

Wir begeben uns auf eine Reise und schnuppern nachmittägliche Landluft.

Zwischen den Welten oder der Tag als Ubu aus dem Fenster sprang

Ich finde Ubu ist ungerecht. Er bekommt Futter und tägliche lange Gassirunden, Streicheleinheiten inklusive, sogar eine Gefährtin haben wir ihm gebracht. Gestern Abend hatte ich noch kurz in „Herr und Hund“ von Thomas Mann hineingelesen. Man wird neidisch ob solcher Kunst. Das zu können….

Heute dann- aufgewacht, das übliche Morgenprogramm, nur das Handy ist unauffindbar. Logischer Schluss es muss aufgeräumt werden. Dinge die keinen festen Platz haben, wandern. Ich kann die Wanderlust des Handys verstehen, dennoch….

Fenster aufreißen, kühle Morgenluft hereinlassen, nach oben gehen um Fenster aufzureißen. Unten wieder angelangt sitzt das Handtaschenhündchen winselnd da. „Warum winselst du?“ Ubu ist weg. Jetzt bemerke ich es auch. Dieses Mistvieh ist einfach aus dem Fenster gesprungen. Ich finde ihn im abgetrennten Teil des Gartens. Mittlerweile ist es  fast 9.00 Uhr.  Der Klassenlehrer von Karla ruft zurück.  Ein nettes Gespräch und der Versuch Terminkollisionen zu managen. Ich lege auf, rase ich zur Arbeit. Es ist die Schnelligkeit des Hamsterrades, die einen manchmal beten lässt: Gut festhalten, nicht hinausfliegen. Und dann kommt unvermittelt ein intensives Gespräch. Ein Einschlag, einer der schwermütig macht, einer der Verbindung schafft, einer der achtsam werden lässt. Für einige Minuten wird es still in mir. Und die Frage die mir unter den Nägeln brennt. Was ist es was zählt im Leben?

Dann stelle ich Essknete her, tröste, helfe beim Anziehen, schlichte Streit, das Gespräch immer im Hinterkopf.

Zuhause angekommen, steht die erste Gassirunde an, muss Karla zum Chor gefahren werden, muss Karla wieder abgeholt werden, fahre ich anschliessend Lebensmittel retten, räume den Wohnwagen auf, weil Lina sich angekündigt hat. Es wird in den kommenden Wochen temporeich werden und ich hoffe wirklich diesen Mahner zu folgen: Was bleibt? Was zählt? Was ist wichtig? Reißverschlüsse schließen ist wichtig, trösten ist wichtig, stärken ist wichtig. An erster Stelle aber steht das Wahrnehmen des Moments.

Alltagssplitter

Der langgezogene Ruf eines Schwarzspechtes, kalter Nieselregen, klackende Eicheln. Auch um diese Zeit schon unermüdliche Joggerinnen.

Klopfen in der Heizung, der Wind der über die Dachterasse fegt. „Du nutzt dein Potential nicht“, hatte die Freundin gesagt. „Das wird sich rächen irgendwann.“

Ich würde auch gern in einer Jagdhütte leben, so wie der Protagonist von Winter in Maine. Umgeben von lauter Büchern, mit Hund. Nicht für immer, aber für eine Zeit von zwei bis drei Wochen. Wie soll man herausfinden was man will, wenn die Zeit fehlt es zu überdenken? Auf der anderen Seite denke ich, das Leben ist das was ist. In jedem Moment, egal wo man ist, es geht um Präsenz und darum die kleinen Dinge wertzuschätzen. Winter in Maine war eine wunderbare Lektüre.

 

Midoggyparade im September-Wie kam euer Hund zu euch?

Midoggyparade im September: Wie kam euer Hund zu euchSunny und Charly 019Angefangen hat alles mit einem traurigen Ereignis. Ich lag bereits im Bett, als es klingelte. Der Gatte an der Tür rief: Ist Sunny da? “ Nein, brummelte ich verschlafen.“ „Auf der Straße liegt eine angefahrene Katze, weiß.“ Es gab keine weißen Katzen außer der unsrigen in dieser Straße. Es konnte nur Sunny sein.

Der Gatte trug sie auf dem Arm herein, sie war eiskalt aber noch am Leben. Sie hatte keine Chance. Die Kinder kamen um sich zu verabschieden, wir fuhren zum Tierarzt und begruben Sunny , unsere kleine Türkisch Van, wenige Stunden später neben unserem sibirischen Kater Luka.

Ubu, verstand nicht was passiert war, er wartete auf Sunny. Sie hatte stets zwischen seinen Pfoten geschlafen, mit ihm gespielt, war mit Gassi gelaufen. Ubu wartete stundenlang, tagelang. Er lief zum Grab und bedeutete mir, ich solle sie da wieder raus holen, jedenfalls verstand ich es so. Er wartete und wurde immer trauriger.rote farbe 020

„Wir brauchen Gesellschaft für Ubu, er ist kein Hund den man allein halten kann. “ Wir suchten eine gute Tierschutzorganisation und fanden sie. Wir verliebten uns sofort in sie: eine kleine Hündin mit Rehaugen aus Kreta. Sie hatte dort in einer Famile gelebt, mit vielen anderen Hunden und Gewalt erlebt. 20170803_092040

Es gab noch andere Bewerber, letztendlich konnten wir jubeln. “ Ubu , du bekommst Gesellschaft!“ Die Kinder und ich posteten Bilder über Whats App. Die Zeit bis zu ihrer Ankunft erschien unendlich lang.  Dann war es soweit. Ein heißer Tag im Juli. Wir warteten lange. Wie aufregend war es Luna am Flughafen in Empfang zu nehmen. „Das ist ja ein Handtaschenhund“, sagte Julius überrascht. Luna zitterte in ihrer Box. Im Bulli versuchte Julius vorsichtig die Tür der Box zu öffnen um ihr Wasser zu geben. Schwupps, sass sie auf seinem Schoß und ging dort auch nicht mehr herunter. In den ersten Tagen war unser Sohn Julius der Halt für Luna. Sie folgte ihm überallhin. Weder schaute sie Ubu an, noch zeigte Ubu Interesse für sie.

„Du spinnst doch Ubu“, sagte ich beschwörend.  „Das haben wir vor allem für dich gemacht.“ Ubu aber musste das Gefühl bekommen haben , plötzlich zum alten Eisen zu gehören. Er schmollte. Nach etwa einer Woche, änderte sich das. Gemeinsam buddeln sie Löcher im Garten, durchstreifen den Wald und spielen den lieben, langen Tag miteinander.  Der Tag beginnt bereits fröhlich, wenn diese kleine Kokonidame vor überschäumender Energie kaum zu halten ist. “ Komm schon , ein neuer Tag, jeh lass uns den Wald erkunden.“ Sie ist fröhlich und temperamentvoll. Und Ubu. Ubu ist glücklich:)

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