Ein Hoch auf die Krusenkoppel zur Kieler Woche

Man wird ja schnell ungerecht, wenn man gezwungen ist sich ins Getümmel zu begeben.

So bekam die Krusenkoppel im letzten Beitrag nicht das, was sie verdiente. Sie ist nämlich das Gegenstück zu Bratwurstbuden und Angeboten die vornehmlich zum Konsumieren einladen.

Die Krusenkoppel ist Kult. Auf dem erhöhten Gelände entstehen jedes Jahr um diese Zeit, zauberhafte Welten. Dieses Jahr ist das Thema: Unterwasserwelt.

Die Kinder beteiligen sich hämmernd an den magischen Bauten, mit Lehm werden Tiefseeungeheuer erschaffen, Theaterstücke eingeübt. Geschminkt werden kann sich selbst an langen Schminktischen. Und in diesem Jahr erzählt ein Wassermann magische Geschichten. Das größte Kinderkunstfestival Deutschlands.  Ein Gegenentwurf.

Und wer dann von der Unterwasserwelt noch nicht genug hat, kann im Theater Marina, der kleinen Meerjungfrau zuhören und sehen. Eine Gemeinschaftsproduktion der Akademien am Theater deren Premiere hochgelobt wurde. Ich habe sie leider noch nicht gesehen, freue mich aber auf Samstag. Die Akademien am Theater Kiel sind für  die für Musik und Tanz begeisterten   jungen Bewohner dieser Stadt ein wirklicher Glücksfall. Aber davon schreibe ich ein anderes Mal.

Und wer noch mehr sehen will, schaut mal hier:

Sommertagsplitter einer Kieler Wochewoche

Dem Professor sollte ich helfen einen schwierigen Gast zu betreuen. Der Professor, ein Mann um die achtzig, knittrige, altmodische Hose und wirres, ungekämmtes Haar,  hatte seine Wohnung räumen müssen,  für den Gast aus England.  Ich wollte zu einem Konzert. Der Job kam nicht gelegen. Schwüle Wärme verlangsamt die Bewegungen.  Die Hitze versetzt die Stadtbewohner in einen  Slow Motion Zustand.

Nur der Engländer scheint energiegeladen. Kaugummikauend hält er das Smartphone ans Ohr. Man sieht es ihm an:  Er hat Erfolg, vermutlich auch Haus, Familie, Segelboot. Sympathisch ist er nicht.

Die Wohnung des Professors besieht er spöttisch. Der Professor hat extra noch aufgeräumt.  “ No way „, sagt der  Engländer und zieht die Mundwinkel abfällig nach unten. Er will ins „Lands End“. Ich halte das für eine gute Lösung, dann kann der Professor wieder in seiner Wohnung sein. Der Professor sagt, ich hätte länger gegenhalten sollen. Die Fördermittel würden für das“ Lands End“ nicht ausreichen. Nun müssten wir die Differenz übernehmen.

Ich wache auf, schwüle, drückende Wärme. Merkwürdiger Traum. Die Kaffeemaschine blubbert vor sich hin. Es gibt kein schöneres Geräusch am Morgen.

Der Gatte konzertiert irgendwo. Das Kind muss zur Kieler Woche. Es graut mir vor der Fahrt in die Stadt. Zurecht. Die Straßen sind brechend voll, viele andere gesperrt, die Parkplatzsuche ein Abenteuer. Der Bulli quetscht sich durch enge Gassen. Um meiner Ruhe willen parke ich drei Kilometer entfernt.

Auf der Koppel ist alles voll mit gut gelaunten Vätern, Müttern und Kindern.  Kleine Mädchen lassen sich bunte Bänder ins Haar flechten oder sich Schmetterlinge ins Gesicht malen. Zwei Stunden werde ich in dem Trubel überbrücken dürfen. Knausgard hab ich unterm Arm.

Ich finde einen Platz im Schatten, höre dem Chor beim Einsingen zu, lese Knausgard. Der ist jetzt bei Utoya oder bei Hitler. Ich schlage das Buch wieder zu. Breivik  halte ich jetzt nicht aus, Hitler auch nicht. Die Männerstimmen singen „Heilig“. Was für ein perfekter Klang. Es ist wie ein Gegengewicht zum konsumierenden, feierwütigen Kieler Woche Besucherstrom. Zu Recht wird dieser Chor  beim Konzert viel Beifall bekommen.

Später verschwindet Karlas Gesicht hinter einer riesigen, rosa Zuckerwatte. Die drei Kilometer zum Bulli überwinden wir spielend. Knausgard habe ich noch immer unterm Arm. Schwüle, drückende Wärme. Am Bahnhof springt der Sohn mir fast ins Auto. Er freut sich über die Mitfahrgelegenheit. Zuhause angekommen setze ich Erdbeer-Holunderblütenmarmelade an und versuche Knausgard zu lesen. Es gelingt mir nicht.

Es ist einfach zu warm.

 

Von Kräutern und Wildschweinen-Waldpädagogikfortbildung

 

 

Wo jetzt ein paar süß gestreifte Frischlinge in der abendlichen Dämmerung herumflitzen, sollte eigentlich niemand sein. Die unruhige Bache läuft am Zaun hin und her. Das wir ebenso unruhig sind ahnt sie nicht. “ Der Zaun hat ein Loch!“  Wir hoffen, dass es nur Frischlinge durchlässt. Über Waldgefahren sind wir an diesem Nachmittag unterrichtet worden.

Die sichere Höhle ist irgendwann erreicht. Am nächsten Morgen gibt es einen kleinen Einblick in die Welt der Kräuter. Nährstoffarmer Sandboden, wir finden Brennesseln, Giersch, Gundermann, Sauerampfer, Scharfgarbe.  Vielfalt der Pflanzenwelt.  Wir verarbeiten sie zu grünen Brötchen, Kräuterbutter, Kräuterquark, Gierschkartoffeln und wilder Suppe. Die Männer wollen noch schnell eines dieser ausgebüxten Frischlinge erjagen. Seit  sechs Monaten geistert der Frischlingsbraten im Hirn herum, nur um bei jeden Kurs erneut aufzusteigen. Bioschwein gibt es, nur wild ist es nicht, aber schmackhaft allemal. Das sechs Gänge Menü sucht seinesgleichen. Gesättigt und gut gelaunt geht es zur nächsten Tat.

Die Sonne schiebt sich durch regenschwere Wolken. Wie kreieren Seife, Badesalz und Kräuteröle. Die Kursleiterin vermittelt Wissen und Begeisterung. Und dann ist der Kurs auch schon wieder zu Ende.  Mit Auto, Bahn und Bus geht es zurück. Im Bus öffne ich den Rucksack auf der Suche nach Geld. Es entströmt ein intensiver Orangenduft. Die letzten Kilometer lege ich zu Fuß zurück.

Zuhause bin ich allein, nur Hund und Kater finde ich vor. Anna ist mit der Freundin in der Stadt, Julius büffelt bei einem Freund und Karla ist bei einem Chorwochenende. Im Garten hat sich mitten in die Quecke eine wunderschöne Wildrose gesetzt. Auch Holunderblüten werde ich pflücken und zu Tee und Sirup verarbeiten

 

 

Was machst du eigentlich so Montags? Frau Brüllen Tagebuchbloggen am5.

Sarah Kirsh Haus 050

3.30 Uhr-in der Mansarde geschlafen. Von hier sieht man aus dem Bett,  direkt in den Sternenhimmel. Der Nachteil: Es ist stickig. Ich öffne das Klappfenster, spüre die morgendliche Kühle, die doch einen sonnigen Tag verspricht.  Schön der Blick über Kastanien, Birken und Ahornbäume. Ein Stück weiter weg, der See.

„Hej Kater, warte ich mach dir auf.“ Er tummelt sich im unbewohnten Nachbarsgarten. Die Natur holt sich hier ihr Gebiet zurück.  Ich laufe die Stufen herunter.  Es ist so still ohne Familie, ohne Hund.  Der solitäre Kater schlüpft mit einem piepsigen Miau herein. Mehr ist aus ihm nicht herauszubekommen. Er frisst und kuschelt sich dann in ein Ikeakunstfell. Vermutlich aus Gründen der Tarnung. Weiß auf Weiß. Der Kater war lange Straßenkater und kennt die Überlebenstechniken.

Der Kaffee in der Kaffeemaschine ist noch heiß. Lang geschlafen hab ich nicht.

Die ersten Seiten Knausgard dieses Tages, dazu der bittere Geschmack des Kaffees und Vogelgezwitscher. Schlafen kann ich später.

Knausgard ist bei Hitler. Eigentlich hatte ich von Hitler gerade genug, auch von Mohler, Jünger und Heidegger. Aber ich hab mich so auf den neuen Knausgard gefreut, ich bleibe dran. Und ja, es ist hilfreich sich gerade mit Kershaw und Jünger beschäftigt zu haben.

Knausgard fügt spannende Aspekte dazu. Zwischendurch putze ich das Haus. Die Zeit verrinnt ungewohnt langsam. Dann trifft ein Teil der Familie ein. Sie haben das Wochenende am See genossen. „Du bist so gut gelaunt“, sagt der Gatte.  „Es muss am Kinderfrei liegen.“ „Am Menschenfrei“, Gatte. am Menschenfrei.“ Der Gatte bricht auf zum Picknick.

„Ich hab euch vermisst, ehrlich.“

„Sch…drüben sind Die Kaninchen von Jana abgehauen. Und Jana ist schon beim Picknick. Sieh an der turbulente Alltag ist zurück. Die Kaninchen sind eingefangen, als ich auch die große Tochter einfangen will, sie war in Dänemark, gelingt das nicht.  Ein warmer Pfingstmontag, die Möwen kreischen, im Bulli ist es heiß. Im Zug saß Anna nicht.

Als ich Zuhause eintreffe, sitzt sie mit Sonnenbrand versehen in ihrem Zimmer. „Wo ist Papa und Julius und Karla?“ “ Beim Picknick.“ „Willst du auch?“ „Nee lass mal Mama, ich bin total kaputt.“

 

 

 

 

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5.

Einsamkeit, Knausgard lesen, „Kämpfen“

Wenn ich die Wahl habe, und diese habe ich selten, entscheide ich mich für Einsamkeit. Einen Zustand, den ich zu teilen, nur mit Hund und Kater gewillt bin. Der verbliebene Kater ist ähnlich solitär.  Man merkt ihm an, dass er das erste Lebensjahr ohne Menschen verbracht hat.

Es gibt noch Einladungen, allerdings werden sie, zugebenermaßen, seltener. Bei einigen Gelegenheiten überlege ich kurz, bei anderen länger,  um mich dann doch gegen Geselligkeit zu entscheiden. Die Momente, wenn der Vorort wie ausgestorben erscheint, keine menschliche Stimme im Haus zu vernehmen ist. Die Seele reagiert auf diese Stille, wie eines dieser zusammengepressten Vierecke, die in Wasser getaucht, sich zu weichen Tüchern ausdehnen.

Ich lese Knausgard und zwischendurch räume ich auf. Ich quäle mich ein wenig mit seiner Celananalyse. Der Geist ist unwillig, will nicht arbeiten.

Und dann lese ich diesen Satz bei Knausgard: ich finde ihn jetzt beim Durchblättern nicht. Also sinngemäß: Gruppen geben mir nichts. Er legitimiert ein Gefühl in dem er ausspricht, was sich nicht gehört. Man stellt sich nicht freiwillig ins Abseits.

Ein weiterer Satz: „Wenn ich mich um den Haushalt kümmere, bin ich ein guter Mensch. Wenn nicht, bin ich ein schlechter Mensch.“

Es gibt ungeschriebene Regeln, wie die der Pflege des Vorgartens.  In unserem Vorgarten wachsen Schwertlilien, Rosen, Mohn und jede Menge Quecke. Der Gatte will im Sommer das Leck im Rohr beheben.  Dafür wird er den Vorgarten komplett zerstören müssen. Ich mag Vorgartenpflege nicht und im Herbst werde ich aus den Wildbeeten Rasen machen.

Aber das Kopfschütteln älterer Damen beim Anblick meines momentanen Vorgartens, sagt mir: Du bist ein schlechter Mensch. Ein nachlässiger Mensch, einer ohne preußische Tugend. Da hilft es auch nicht, dass die Kinder ziemlich gut geraten sind, ich arbeite und so weiter und so fort. Ich drohe ihnen mit einem Videoprojekt. Reaktionen auf einen Vorgarten oder so ähnlich. Ich drohe nur gedanklich. Und frage mich wie lange ich noch Widerstand leiste. wahrscheinlich werde ich morgen der Quecke zu Leibe rücken.

“ Die Grenzen des Sozialen, die unser Zusammenleben regulieren und dafür verantwortlich sind, sind nicht abstrakt. Es sind nicht die Gedanken. Die sind konkret. Überschreitest du aber Soziale Grenzen, schmerzt es.“ (Knausgard „Kämpfen“)

Es ist immer eine Entscheidung, ob es das Einordnen oder das Abseits ist, welches mehr schmerzt. Der Schmerz des Abseits ermöglicht Freiheit und Stille. Ich jedenfalls ziehe den Schmerz des Abseits dem Schmerz des Einordnens zugunsten der Freiheit vor. Meistens.

Später wird die trubelige Familie das Haus wieder besetzen und mich. Und ich werde die Tür zur Stille schließen. Es ist die einzige Gruppe, in deren Gesellschaft ich mich wirklich wohl fühle.

Überläufer

Karla abgeholt. Gefühlt,  hole ich Karla immer irgendwo ab. Sag mal Karla, ist es in Ordnung , wenn ihr euch heute selbst beschäftigt? Ich würde noch kochen und dann lesen. Nur lesen. Keine Hausarbeit, keine Gartenarbeit, nichts von all dem. Knausgard hat etwas mit Proust gemeinsam. Er braucht Zeit um gelesen zu werden. Seine detaillierten Beschreibungen widersetzen sich dem schnellen Zeitgeist. Karla strahlt mich an. „Du läufst zum Judentum über?“ Fragender Blick meinerseits.

„Ja,  die haben so einen coolen Tag, da machen die nichts. Nicht mehr als dreißig Schritte, nicht kochen, keine Lichtschalter betätigen, keine Hausarbeit, allerdings dürfen sie auch keine Seiten umblättern.“

Na dann,  überleg ich mir das noch mal“, sage ich lachend. Aber die Idee des Sabbats ist bestechend. Vielleicht könnte man sich einen Seitenumblätterer einstellen.

Erster Nebenjob

Lust auf einen Schülerjob? Nur für ein paar Tage.

Klar. Will mir ja Horizon kaufen.

Um was geht’s denn?

Putzen im Kindergarten.

Ok.

Weißt du wie man Toiletten saubermacht.

Kopfschütteln. Ich mache es vor.

Putz doch bitte die Waschbecken.

Julius hast du die Wasserhähne auch geputzt?

Achso.

Dann saug mal den Gruppenraum.

Bitte auch die Ecken.

Und jetzt? Wischen. Mach bitte noch mal.

Zwei Stunden später…..

Nee Mama, das ist mir zu anstrengend. Rasenmähen ist ok, Holz hacken auch, aber Putzen ist echt heftig. Dann lieber doch kein Geld.