Über einem Glas Chai-Erste Gedanken zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Das Konzert wird erst in einer Stunde beginnen. Im Cafe lese ich weiter in „Ein wenig Leben“.  Die Sogwirkung beginnt genau hier über einem Glas zimtigen Chai, herumwuselnden Kellnern, Kindergeschrei. Judes Schmerz kriecht unter die Haut. Jude- nicht gewollt-schon zu Beginn -entwickelt die Geschichte Trostlosigkeit, tiefen Schmerz und die Frage was den Erwachsenen Jude am Leben hält. Wovon träumt er? Was will er außer zu überleben? Die existenziellen Fragen, die die man gewöhnlicherweise tief in seinem Innern verbirgt, vergräbt. Gefühle, Ängste, Sorgen, Ringen um einen Platz in der Welt, erbarmungslos wird die Tiefe ausgelotet, die Masken fallen gelassen und der Schmerz bleibt nicht fremd. Das Buch kriecht einem unter die Haut, lässt mich nicht mehr los. Auch dann nicht als ich im Konzert sitze. Ich sehe Julius mit dem Cello. Er spielt so wie er ist -sensibel und ernsthaft. Man wünscht ihm zum Schutz das Pokerface Annas. Ihre Maske die sie auch hinter dem Schlagzeug nicht fallen lässt. Die sie schützt. Ich fühle mich verletzlich, beunruhigt. Es ist nur ein Buch, aber es berührt die existenzielle Frage nach dem Sinn auf eine irritierende Art und Weise. Nachts wache ich auf, greife zum Buch. Unruhige Nacht.

Der falsche Inder von Abbas Khider

Der morgen als ich mit einem Hypochonder sprach 032

12.57: Im Intercity Berlin-München zieht ein etwas dickerer Umschlag auf dem freien Nachbarsitz, die Aufmerksamkeit des Erzählers auf sich. Er ist Araber-die Schrift auf dem Umschlag ist ebenfalls arabisch. Kein Eigentümer des Päckchens erscheint, dafür aber eine gestresste, multitaskende, am Handy hängende Dame in den besten Jahren. Langes Federlesen gehört nicht zu ihrem Repertoir. Sie platziert den störenden Brief kurzerhand auf den Schoß des Arabers. Dieser ist verständlicherweise etwas brüskiert.

14.16 Uhr: Der Araber öffnet den absenderlosen Umschlag. Er beinhaltet ein in arabischer Schrift verfasstes Manuskript. Der Protagonist beginnt zu lesen. Er liest seine eigene Geschichte.

Es ist die Geschichte eines ungewollt zum Kosmopoliten gewordenen. Es ist die Geschichte einer Jahre währenden Flucht quer über den ganzen Kontinent. Es ist seine Geschichte.

Achtmal wird diese Odysee eines langen Aufbruchs in ein neues Leben, einem Leben ohne Krieg, Tod, Verfolgung, Folter, erzählt. Erzählt aus acht verschiedenen Perspektiven.

Die Binnenhandlung endet als der Araber den Zug mit dem Manuskript verlässt.

14.16: schickt er den Brief ab.

Mit lakonischem Tonfall kreist dieser Roman um Herkunft, Verlust, dem Schreiben, der Liebe und der Leere. Der Protagonist im Manuskript taumelt von einem Ereignis zum nächsten, von einem Land zum anderen. Kindlich naiv ist sein Blick auf die Ereignisse. Berührend ist die Perspektive des Unglücksvogels,  in der der Erzähler sich verantwortlich fühlt für revolutionäre Umbrüche, Erdbeben und andere Gewalten.

Die Flucht glückt, das Leben ist sicherer wenn auch nicht unbedingt einfacher.

Der falsche Inder ist ein Roman der durch die naive Sicht des Erzählers und dem lakonischen Tonfall seine Wirkung entfaltet. Die Aufteilung in Rahmen und Binnenhandlung, sowie die nicht chronologische Ordnung ließen mich am Anfang etwas orientierungslos herumirren. Zweifelsohne gelingt es Khider dem Thema Flucht Alltag und vor allem Realität zu verleihen. Sie in Anteilen miterlebbar oder nachvollziehbar zu machen.

Ein Buch das ich gern gelesen habe, allerdings vermochte erst“Ohrfeige“ von Khider mich wirklich zu berühren. Im Roman  „Der falsche Inder“ fehlte mir die innerliche Auseinandersetzung oder Verarbeitung des Erlebten durch den Protagonisten. Dadurch blieb es für mich zu sehr an der Oberfläche. Der falsche Inder wird vermutlich dennoch ein Buch sein, dass einen festen Platz in meinem Bücherregal einnehmen wird.

 

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad  geboren und lebt 2000 in Deutschland.

Sein Debütroman „Der falsche Inder“ wurde 2008 veröffentlicht und erschien bei btb.

Ich danke Randomhouse für das Rezensionsexemplar.

 

Märzveilchen-von Sarah Kirsch

9783421045416_Cover[1]Märzveilchen ist ein Buch, das mich vermutlich lange begleiten wird.

Sarah Kirsch, eine der großen deutschen zeitgenössischen Lyrikerinnen, schrieb Tagebuch. Die Lyrikerin entzieht sich Etikettierungen, ebenso in ihrer Prosa . Ihr Tagebuch „Märzveilchen“ gewährt Einblick in das ereignisreiche Jahr 2002. Kleine Miniaturen lyrisch, prosaisch, schnoddrig, spöttisch,  machen auf unverwechselbare Weise  ihr Leben sichtbar. Meist ihren Alltag in Tielenhemme, einem hundertfünfzig Seelenort in Dithmarschen.  Ein Ort, dünn besiedelt, nahezu menschenleer. Hier lebt Sarah Kirsch mit Blick auf den ruhigen Fluss der Eider in einer alten Dorfschule. Mit feiner Beobachtungsgabe beschreibt  sie die Natur. Nebel ,  der wie eine Gummizelle das Haus umschließt, Wind der sich von allen Seiten gegen das alte Schulgebäude wirft.  Politische Ereignisse werden vermerkt: Bombardements in Tora Bora, Übergangsregierung in Afghanistan, Plastiksprengstoff im Strumpf eines Selbstmordattentäters,  George W. Bush in Berlin, Amoklauf in Winnenden.

Erschütternde politische Ereignisse gehen Hand in Hand mit Beschreibungen des gewöhnlichen Alltags.

„Hab wieder mal im Schlafrock mit einem Affenzahn die Mülltonnen rausgerollt, hatte ich gestern vergessen.“ Sie schreibt, malt „Akwareller“, liest,  kocht mit Maxe ihrem Sohn, geht zum Friseur, sieht Tatort. Es ist die Alltäglichkeit welche die kleinen Wunder des Lebens, insbesondere des Landlebens sichtbar macht. Nichts ist zu banal um Eingang in ihre Aufzeichnungen zu finden. Kein Aufregerthema, nichts Dramatisierendes. Das Leben – ein ruhiger Fluss.  Es ist das was für mich den Zauber des Buches ausmacht. Es bildet ein Gegengewicht zu einer Gesellschaft die von Hektik, Atemlosigkeit und Effizienz geprägt ist. „Ein neuer Schwarm Wacholder-und Rotdrosseln seit gestern in den Pappeln, mal am Fluss, mal am Grünen Weg. Hellblau-grau marmorierter Himmel. Dies zu haben ist wunderbar. Abgeschottete Nerven.“

Sie ist eine unkonventionelle Schriftstellerin, die sich jeder Sortierung entzieht.  In ihren Tagebuchaufzeichnungen kommentiert sie mit frecher Berliner Schnauze: „Tach deer Arbeet mit Schrödern in Leipzig.

Sarah Kirsch bearbeitete  ihre Tagebuchaufzeichnungen erst zehn Jahre später,  um sie dann zu veröffentlichen.

Ein leises, sensibles Buch.Ein Buch das ich manchmal täglich aufschlage, dass mich daran erinnert das das Leben ist, mit liebevollen, aufmerksamen Blick.

Zur Autorin: Sarah Kirsch geb. am 16. April 1935 in Limlingerode(Südharz),  verbrachte ihre Kindheit in Halberstadt. Nach dem Abitur begann sie aus Liebe zur Natur eine Forstwirtschaftslehre, brach diese aber bald desillusioniert ab und studierte in Halle/Saale Biologie. Schon hier widmet sie sich bereits der Lyrik und war zusammen mit ihrem Mann Rainer Kirsch Mitglied im „Zirkel junger Autoren“, was einer Kandidatur für den Schriftstellerverband gleichkam. Im Zuge des „Bitterfelder Weges“, der sich dem Bemühen widmete, Arbeits- und Literaturwelt zu verknüpfen, arbeitete sie neben dem Studium am Literaturinstitut Johannes R.Becher in Leipzig in landwirtschaftlichen Großbetrieben und der Produktion. Sie unterschrieb 1976 einen Brief der sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wendete. Die Konsequenzen waren umfassend. Sarah Kirsch wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und aus der Partei ausgeschlossen. 1977 siedelte sie nach Genehmigung ihres Ausreiseantrages zunächst nach Westberlin über, lebte aber von 1983-bis zu ihrem Tod im beschaulichen Tielenhemme. Die Landschaft Schleswig-Holsteins, insbesondere des in Dithmarschen liegenden Tielenhemme machte sie zum Gegenstand ihrer Poesie. Sie schrieb Lyrik, journalistische Prosa und Kurzgeschichten. Darüber hinaus verfasste sie zusammen mit Ehemann Rainer Kirsch Hörspiele für Kinder.

Sie starb im Alter von 78 Jahren am 5. Mai 2013.

Ihr Tagebuch „Märzveilchen“ erschien 2012 bei Deutsche Verlags-Anstalt München (Random House Verlagsgruppe).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Illusionist von Steven Galloway

9783630874579_Cover[1]Da verliert einer langsam sein Erinnerungsvermögen und füllt die Leerstellen mit fremden Leben. Viele Fakten lässt uns der Autor über diesen Mann, Martin Strauss, der gerade eine beunruhigende Diagnose von seinem Arzt erhält, nicht zukommen.

Der Illusionist, der im Roman als Zwischenerzähler fungiert, lebt allein und leidet an Konfabulation.

Ob er leidet, kann man indes in Frage stellen, denn Strauss erinnert sich an ein atemberaubendes Leben in der Nähe des großen Magiers Harry Houdini. Seine einzige Aufgabe bleibt allerdings, die eigentliche Hauptperson des Buches in den Vordergrund zu rücken.

Die Hauptperson Harry Houdini alias Erik Weisz,  erlangt zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch spektakuläre Stunts und Entfesselungsaktionen Weltruhm. Strauss hält sich für dessen Mörder, einen Mord den er nicht begangen haben kann.

Der Autor Steven Galloway begibt sich auf  die Spuren Houdinis.

Houdini hineingeboren in eine jüdische  Budapester Familie, die schon bald nach Amerika emigriert und vorerst in Armut lebt,  muss schon früh seinen Teil  zum Lebensunterhalt beitragen.  Zaubertricks sind seine erste Einnahmequelle.  Er erarbeitet sich den Aufstieg vom Kleinkünstler zum großen Star der Weltbühnen mit harter Arbeit und dem beständigen Spiel mit dem Tod. „Mehr gewagt hat keiner.“

Houdini fasziniert durch spektakuläre  Aufführungen. Zudem  verkehrt er in spiritistischen Kreisen ohne selbst Spiritist zu sein.

Später  wird ein großer Antrieb seines Leben die Entlarvung der spiritistischen Täuschungen sein.  Dieser Tatsache, wie auch seiner vermuteten Nähe zu Geheimdienstkreisen ist es geschuldet, dass   bis heute über Houdinis Tod spekuliert wird: „Wie starb Houdini wirklich?“. Wer war  Schuld an seinem Tod?

Der Autor Steven Galloway hält sich an historische Fakten, nicht ohne manche Annahmen und Details  auszuschmücken.

Ein Roman der  zu fesseln vermag in der steten Auslotung der Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit und der einen faszinierenden Einblick in die magische Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts bietet.

„Der Illusionist“ war für mich ein eher zufälliger Buchfund. Um so mehr freute es mich, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen wollte.  Ein sehr lesenswerter, faszinierender Roman, den ich gern weiterempfehle.

Steven Galloway, Jahrgang 1975,  ist kanadischer Romanautor und publizierte bisher vier Romane. “ Der Cellist von Sarajevo wurde ein internationaler Bestseller. Er unterrichtet Creative Writing an der University of British Columbia. und lebt mit seiner Familie in Vancouver.

Die Deutsche Erstausgabe des Romans „Der Illusionist“ erschien am 23. März 2015 im Luchterhandverlag (Verlagsgruppe RandomHouse).

Aus dem Englischen übersetzt wurde es von Benjamin Schwarz.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wenn du jetzt bei mir wärst-Eine Annäherung an Anne Frank von Waldtraut Lewin

9783570171080_Cover[1]“ Ich will fortleben, auch nach meinem Tod.“

Diesen  Satz aus dem Tagebuch der Anne Frank stellt die Autorin Waldtraut Lewin ihrem Jugendroman voran.  Es wird um Anne Frank gehen,  um die Ursprünge der Judenverfolgung, dem Antisemitismus und dem Nahostkonflikt.

Alles beginnt mit einer Führung durch das Anne Frank Haus in Amsterdam.

Die Erzählerin „Corelli“  beschreibt ihre Eindrücke die sie hier  empfindet. Acht Menschen haben sich in diesem Haus über zwei Jahre auf engstem Raum versteckt, um den Nazis zu entkommen. Das Versteck wird verraten für Kopfgeld. Das Haus hat die Empfindungen kaum bewahren können. Gerüche, Töne, Gefühle gibt es nicht preis. So empfindet es Corelli, die selbst Jüdin ist. Das Haus spricht nicht zu  ihr.

“ Stunde um Stunde durchstreifen die Menschen Raum für Raum, mit neugierigen oder gleichgültigen Blicken – eine Attraktion mehr im Besuchsprogramm einer wunderschönen Stadt.“ Ist es Pflichtprogramm, fragt sie sich, von didaktischen Erziehern aufgenötigt?

„Man denkt das Haus müsse sich wehren.“ 

Die Fiktion: Was wäre wenn Anne lebte? Anne hat es satt, eingesperrt in einem Buch zu sein. Sie will nicht mehr belehren und doch darf es nicht passieren, dass diese Vergangenheit dem Vergessen anheim fällt. Anne verlässt das Haus und begibt sich mit Corelli in die Welt um gegenwärtig zu sein.

Wie fühlt sich die heutige Welt aus der Sicht  Anne Franks, einem 14 Jährigen Teenager, an?

Es ist jugendlicher Überschwang im Beginn. Scheinbar bleibt Anne auch nicht lange vierzehn Jahre alt, sondern reift in wenigen Tagen zu einer jungen Dame heran, die mit Corelli  Wein trinkt und sich in Haile verliebt.

Seine Stärke entwickelt das Buch nach den ersten fünfzig Seiten.

In Grundzügen versucht sich die  Autorin folgenden Fragen zu nähern:

Was ist Zionismus?

Warum wollten viele Juden nach dem Krieg lieber nach Palästina, als im alten Europa zu bleiben ? Wie kam es zur Gründung Israels und worauf beruhen die Kämpfe zwischen Arabern(Palästinenser) und Juden.  Um was geht es im Nahostkonflikt?

„Wenn du jetzt bei mir wärst“ ist ein Buch, das ich trotz anfänglicher Längen empfehlen kann.

Ein Buch, das einen guten Einstieg in die komplizierte Geschichte des Nahostkonfliktes bietet, wenn es auch manchmal als gewagtes Vorhaben erscheint, die Ikone Anne Frank in die heutige Zeit zu versetzen um mit ihr große Zusammenhänge der Zeitgeschichte erklären zu wollen.

Das Buch ist 2015 bei cbj Kinder- und Jugendbuchverlag(RandomHouse Verlagsgruppe) erschienen.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Turbot, easel, ampersand-Little Britain von Christian Zaschke

9783442313792_Cover[1]

Christian Zaschke, Korrespondent und Kolumnist für die Süddeutsche Zeitung haben es die Worte Turbot,  easel und ampersand angetan.

Im kleinen Büchlein mit typisch britischen Cover findet man ausgewählte Texte seiner Kolumne.

Er betrachtet den Alltag in London mehr oder weniger humoristisch. Erzählungen von  seiner neuen  Wohnung, seiner alten Wohnung, einem Abend im Pub, selbstklebenden Briefmarken und dem immer präsenten Wetter.

Es regnet immer in Great Britain, selten aber den ganzen Tag. Man übersteht Regengüsse im Pub oder im Museum.

Dank der Lektüre “ Little Britain“ erfuhr ich von eingeschleusten artfremden Details in Turners Bildern( hier im verlinkten Bild zu sehen). Ob man mit diesem Wissen in Deutschland promovieren könne wird Zaschke gefragt: „oder meinst du, das wissen da schon alle? Ich verneinte entschieden.“

Dem Lesen der Museumskolumne ließ ich virtuelle Betrachtungen von Turners Bildern folgen. Das Krokodil auf dem Felsen faszinierte die ganze Familie.

Der Beitrag zu ampersand amüsierte mich. Warum ist Bob mein Onkel und in wie viele Varianten lässt sich das Wort Idiot ins Englische übersetzen? Allein den Redewendungen hätte ich ein weiteres Kolümnchen gegönnt. Es bleibt leider sehr an der Oberfläche, ein „very british“ Gefühl will sich beim Lesen nicht einstellen, auch hätte ich dem Buch ein wenig mehr englischen Humor gewünscht.

Ich glaube dieser  Kolumne hätte es gut getan Kolumne zu bleiben. In Buchform vermochte es mich nicht zu  überzeugen.

Das Buch erschien 2014 im Goldmann Verlag (RandomHouse Verlagsgruppe).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ænglisch von Sarah Kirsch

9783421046499_Cover[1]Sarah Kirsch-eine bedeutende deutsche Lyrikerin-das war mir bekannt. Unbekannt war mir die von ihr geschriebene Prosa. Ich bin begeistert, ich lese „Aenglisch.“

„Ænglisch“ das sind Tagebuchaufzeichnungen einer Reise nach Cornwall und Devon, die Sarah Kirsch im Alter von 65 Jahren unternimmt. „Augustus“ 2000 geht sie mit ihrem Sohn an Bord.

Eigenwillige  schreibt Sarah Kirsch , mit feiner Beobachtung, freiem Geist und junger Seele, sich jeglichen Konventionen entgegenstellend. Mit Harry Potter als Reiselektüre begibt sich sich „on Tour“ auf englischem Boden.

Haus-Möwen die den Wecker ersetzen, Hitchcock-Möwen die das Essen stehlen, dazu anthrazitfarbenes Meer und Luft die nach Atlantik und Ärmelkanal riecht.Ihr Berliner Slang untermalt das Gesehene. Mit gekonnten Sprachspielereien verwandelt sie alltägliche Sequenzen zu Literatur.

„Ein launisches Atlantik-Kanalwetter, bei dem man nit weeß, was es allet im Köcher  oder uff de Pfanne hat. Ne kleene Regenhaut muß man schon haben. Für alle Felle.“

Sarah Kirsch schreibt täglich Tagebuch, notiert scheinbar nichtige Dinge:

In der Sonne gesessen und am Strand nach Muscheln gesucht. Dann hier im Zimmer Tee gekocht und ne Pastete gegessen, darnach Haare gewaschen, das Haus um die Zeit hatte ein Bad frei.“

Nachrichtensplitter, Naturbeobachtungen, Alltagserledigungen, kaum etwas erscheint zu unbedeutend um nicht Eingang in ihre Tagebuchaufzeichnungen zu finden.

Sie überarbeitet ihre Notizen zehn Jahre später.

Ehrlich, unverfälscht, unangepasst. Literatur die zu sich selbst führt und über sich selbst hinaus.

Dieses  Reisetagebuch wird von Moritz Kirsch 2012 in die endgültige Form gebracht.

Auch die Fotos sind von ihrem Sohn. Es ist ein liebevoll gestaltetes Büchlein, bei dem bereits das Cover mit dem ungewöhnlichen AE im Titel neugierig macht.

Zur Autorin: Sarah Kirsch, 1935 in Limlingerode/Harz geboren, wird 1977 aus der DDR ausgebürgert.  Sie lebt seit 1981 als Schriftstellerin und Malerin in Tielenhemme/ Schleswig -Holstein und stirbt im Mai 2013.

Leseprobe

Das Buch erschien am 30.März 2015 bei DVA.

Ich bedanke mich bei der Random House Verlagsgruppe für das Rezensionsexemplar.