Erinnerungen an Orkney

Im Dämmern bin ich mit dem Bulli noch einmal in die Stadt gefahren.  Manchmal ist der Sog zu einem Buch so stark, dass ich es jetzt und hier haben muss. „Nachtlichter“ von Amy Liptrop.

„Orkney-eine vom Meer umtoste, windgepeitschte Inselgruppe im Norden von Schottland zwischen Nordsee und Atlantik…“

Eine Beschreibung karg wie die Orkneys und dennoch trifft mich die Flut der Erinnerungen an das Leben dort. Man wacht auf, es ist noch dunkel und man hört das Meer rauschen toben. Johns Haus steht direkt am Meer. Es hat mehr Fenster als Wände. Morgens roch es nach Porridge und Kaffee, Nescafe den ich nie mochte. John lebt nicht mehr, er starb viel zu früh, Krebs ist ein Arschloch.  Hier ist es : Johns Haus

Erinnerungssplitter, nach Erinnerungssplitter. Mit dem Geländewagen zur Lachsfarm, im Auto der Übelkeit verursachende Fischfuttergeruch. Mit dem Boot rüber zum Mainland -einkaufen. Und immer diese raue Einsamkeit, der Wind, das Meer, die Möwen. Nie habe ich ein schöneres Weihnachten gefeiert , nie ein fröhlicheres Silvester.

Orkney war mein Ort. Ich lege das Buch beiseite.

 

Dreidimensionales Lesen via Meyerhoff entdeckt Sylvia Plath

Meyerhoff habe ich ausgeliehen bekommen. „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“. Gelungen finde ich die Charakterstudien, wenn auch die Beschreibung seines dreidimensionalen Liebeslebens mich eher langweilt, jedenfalls in der epischen Breite. Die Komplexität der Charaktere lässt sich anderorts vermissen. Da fand ich den Roman über die Großeltern viel gelungener.

Worauf ich eigentlich hinauswollte: ich schweife beim Lesen oft ab, besonders wenn die Protagonisten, wie hier die hochbegabte, sprunghafte Hanna, selbst lesen. Nicht selten ist es so, dass ich erstmal die Literatur der Protagonisten lese, um anschliessend zum Buch zurückzukehren. Was allerdings dauern kann.

Hanna jedenfalls ist frustriert über die mangelnden literarischen Kenntnisse Meyerhoffs, ja geradezu entsetzt. Denn sie liest immer und überall. Um die Verbindung zu vertiefen oder zu halten beginnt Meyerhoff ein Leseprojekt : Dostojewski, Tolstoi und bei Sylvia Plath fängt er Feuer, kann das Buch nicht mehr aus der Hand legen, liest alle Biografien über sie. So in den Bann gezogen ist er, dass er selbst auf Spaziergänge mit Hanna verzichtet und diese genervt allein loszieht.

Ich unterbreche Meyerhoff, erinnere mich das meine ebenfalls literarisch begeisterte Kollegin mir von der Glasglocke erzählte. Aus der Kieler Bibliothek selbiges Buch mitgenommen. Reiselektüre. In den Bücherhallen dann auch noch eine Biografie von Plath gefunden. Und dann geht es mir wie Meyerhoff- ich bin vollständig abgetaucht.  Die Schaffnerin mit rauchiger dunkler Stimme legt mir ihre Pranke auf die Schulter: die Fahrkarte hätte ich gern und ist amüsiert über mein Erschrecken.

Küstenpflanzen

„Ich sage dir: Wir hier oben sind Küstenpflanzen, wir sind Salzwassermenschen. Jeder, der nicht hierherpasst, bleibt auch nicht lange. Das Klima ist zu rau, zu windig, die Winter sind zu lang und zu dunkel, nur wer hierhergehört, nur wessen Lied hier oben an der Küste passt, der bleibt.“

Mareike Krügel „Sieh mich an“PTDC0480

Mein meist gelesenes Buch/Bücher-die Tagebücher von Max Frisch

  1. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast? fragt Birgit von Sätze und Schätze hier: Klick

Mein meist gelesenes Buch, beispielsweise Bücher, sind die Tagebücher von Max Frisch.

Wann habe ich sie entdeckt? Es muss in der Kieler Dekade gewesen sein, diese begann 1996. Hätte ich es mir einmal träumen lassen, über zwanzig Jahre in einer Stadt zu wohnen? Ich liebe an Kiel die Kühle, den stetigen Wind, den freien Blick, das Wasser, nicht zuletzt die Möwen mit ihrem heiseren Lachen. Sie erinnern mich jedes Mal an meine Zeit in Aberdeen, (allerdings las ich in der Aberdeener Dekade ausnahmslos Rudolf Steiner). Aberdeen, die Granit funkelnde Lady. Ein wenig einschüchternd in ihrer Noblesse, wären da nicht die Spottmöwen gewesen, die nichts allzu ernst zu nehmen schienen.

Was das mit den Tagebüchern von Max Frisch zu tun hat?  Ich weiß es nicht. Vielleicht flüchte ich mich in Assoziationen, um der Beantwortung dieser schwierigen Frage zu entgehen. Warum Frisch? Frischs Sprache ist kühl, klar, frei und zuweilen spöttisch. Man kann es sich in seiner Sprache nicht gemütlich machen, sie legt den Finger auf die Wunde, macht den Blick frei.

Die Fragebögen im Tagebuch von 1966-1971 haben es mir sehr angetan.

Fragen wie: “ Was bezeichnen sie als Heimat:

a. ein Dorf

b. eine Stadt oder ein Quartier darin ?

c. einen Sprachraum ?

d. einen Erdteil ?

e. eine Wohnung?

oder

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

23. Auch Soldaten auf fremden Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: wer bestimmt, was sie der Heimat schulden?“

Mit den Fragebogen über die Ehe, haben der Gatte und ich uns einmal, auf dem weiten Weg nach Südfrankreich, die Zeit vertrieben. Hitze, Müdigkeit, ein scheppernder Bulli, die Kinder noch klein und dann Fragen wie diese:

„Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in ihrem eigenen Fall?“

 

Es ging gut-zum Glück.

Was liebe ich  an Max Frisch? Das er trifft. Das schnörkellose, das Spöttische, das Hellwache, das Ringen.

 

„Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit der Handschrift, einmal auch mit dem Tonband, aber das hilft nicht-

Muss ich etwas zu sagen haben? Das sture Gesumme einer dicken Fliege an der oberen Fensterscheibe reicht aus, dass ich verzage, aber ich stehe nicht auf um das Fenster zu öffnen; die Stille wäre genauso öde. Und wenn das Telefon klingelt, lasse ich es klingeln-

Ich bin nicht da. Ich weiss nicht, was los ist.“

oder Fragen wie diese:

„Wen habe ich wirklich gekannt?“  (Entwürfe zu einem dritten Tagebuch)

Wen habe ich eigentlich gekannt? Kenne ich mich? Das Haus muss aufgeräumt werden, ich räume den Schreibtisch.

 

 

Zehn Fragen zu Büchern von Sätze und Schätze

2. Das Buch, das dich durch deine Jugend begleitet hat. (fragt Birgit von Sätze und Schätze hier:) Klick

Auch diese Frage weckt sofort eine Erinnerung. Eine Erinnerung an den Dachboden meines Großvaters.  Er lebte in einem Gutshof mit Pferden, Schweinen, Hühnern. Welcher Gegensatz zu Halle Neustadt. Hier hatten wir oft an der Elbe gespielt, Iglus gebaut im Winter. Jetzt war Großvater tot und die Söhne und Töchter begannen die Hinterlassenschaft zu sichten. Ich fand ein Buch im weinroten Stoffeinband: „Soja und Schura“ stand mit goldenen Lettern darauf.  Die Geschichte von Soja kannte ich. Mein Vater hatte sie mir erzählt, als ich noch recht klein gewesen war. Atemlos hatte ich der Geschichte der jungen russischen Widerstandskämpferin gelauscht.

„Soja und Schura“ ist die Biografie  von Soja Kosmodemjanskaja, geschrieben von ihrer Mutter.

“ Im Norden des Tambower Gebiets liegt das Dorf Ossinowye Gai. Gai heißt Espenwald. Die alten Leute erzählen, daß hier in früherer Zeit einmal undurchdringliche Wälder gestanden haben. Aber als ich Kind war, gab es sie längst nicht mehr.“

So beginnt Ljubow Kosmodemjanskaja zu erzählen, von ihrer Zeit an einer Grundschule in Sibirien.

„Mein Mann und ich waren den ganzen Tag beschäftigt. Wenn wir morgens das Haus verließen, ermahnten wir Soja:“Denk auch an alles. Die Grütze ist im Ofen, die Milch im Krug. Paß auf, das Schura sich gut beträgt. Laß ihn nicht auf den Tisch klettern, sonst fällt er herunter, stößt sich und weint dann. Seid artig, spielt schön und zankt euch nicht.“ Kamen wir abends aus der Schule zurück, empfing uns Soja mit den Worten:“Bei uns ist alles in Ordnung, wir waren artig.“ Das Haus war natürlich im Chaos versunken.

Erinnerungen an sibirische Jahre. Später stirbt der Vater, die Familie zieht nach Moskau.

Soja und Schura gehen aufs Gymnasium.

„Oberfächlich betrachtet, verlief unser Alltag ohne besondere Ereignisse; unser Leben floß gleichmäßig dahin. Ein Tag war wie der andere: Schule und Arbeit, zuweilen Theater oder Konzert und wieder Aufgaben, Bücher, kurze Ruhepausen-das schien alles zu sein. Aber es war doch nicht alles. Im Leben eines jungen Menschen ist jede Stunde wichtig. Er beginnt selbstständig zu denken und verläßt sich nicht gutgläubig auf andere. Er fragt sich: was ist das Ziel in meinem Leben?“

Dann kommt der 22. Juni. das Leben ändert sich radikal, Luftschutzräume, das Pfeifen und Explodieren von Sprengbomben, Luftdruck der Fensterscheiben in tausend Stücke springen lässt und verschlossene Türen aus den Angeln hebt, Evakuierungen, Flüchtlingszüge die von Flugzeugen beschossen wurden, Galgen, Folterungen, Deportierungen, Massengräber, Alltag im Krieg.

Soja und Schura sind sechzehn Jahre alt. Sie wechseln von der Schulbank in die Fabrik,. Soja näht mit ihrer Mutter Kleidung für die Soldaten. Morgens auf dem Weg zur Arbeit muss sie stets an einem Plakat vorbei:  „Was hast du für die Front getan?“

Und Soja weiß, das es ihr nicht genügt zu nähen oder Munition herzustellen. Heimlich geht sie in den Widerstand.

Soja wird gehenkt, ihr Bruder Schura fällt an der Front.

Diese Buch hat mich durch meine Jugend begleitet. Ich habe es wieder und wieder gelesen. Noch heute nehme ich es manchmal zur Hand. Der Sprachklang von Ljuba Kosmodemjanskaja ist voller Trauer und Wehmut.  Im Buch geht es um das Leben mit ihren Kindern, um Erziehung, Werte, Kultur und dem Schmerz, als die Kinder in den Krieg zogen. Es berührt mich dieses Buch, noch heute.

 

 

Zehn Fragen zu Büchern-gestellt bei Sätze und Schätze

Zehn Fragen zu Büchern, stellte vor einiger Zeit, Birgit in ihrem wunderbaren Blog Sätze und Schätze

Ich habe mir überlegt, jeder Frage einen eigenen Beitrag zu widmen.

  1. Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Lesen war mir verhasst.  Die Deutschlehrerin, eine linientreue Matrone, belächelte meine stammelnden Versuche. Ich muss in der 3. Klasse gewesen sein, als ich auf Grund einer Erkrankung meiner Mutter, zu ihrer Schwester kam. Mein Einzelkinddasein in einer Einfraufamilie  in Halle-Neustadt, wurde durch die Sangerhausenepisode abgelöst.

„Ja schau nur wie schmal sie ist“, sagte die Tante.  Und was für dunkle Augenringe. Ja kriegst du denn gar nicht den Mund auf, Kind? Wir werden dich schon aufpäppeln.“ Schüchtern, schweigend, verunsichert, bezog ich ein Bett im Zimmer meiner Cousine.

In Sangerhausen gab es alles was ich entbehrte: Einen Vater, Geschwister, Familienleben. Mein Vater hatte die Familie verlassen. Er war weg, aber im Keller lagen hunderte seiner Bücher, viele von Feuchtwanger.

Meine Mutter arbeitete, besuchte Parteilehrjahre. Sie war jung. Sie war „nur“ Gärtnerin gewesen.  Ihr hatte der Sozialismus eine Chance auf Weiterbildung gegeben. Studiert hatte sie jetzt, an der Humboldt Uni in Berlin. Sie die Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus einfachen Verhältnissen, war nun eine studierte Sonderschullehrerin.

Sie las viel, bevorzugt Dostojewski , Scholochow und „Rebecca“. Ich las nie, weil die Buchstaben sich nicht zu Worten fügten. Weil sie herumsprangen wie wild gewordene Trolle.

Auch in der Sangerhausener Schule schrieb man Diktate. Zu meinem Leidwesen. Die erste Note-eine Vier. Die Tante war streng, ich unterschrieb lieber selbst. In großer krakeliger Schrift unterschrieb ich mit Vornamen. Die Deutschlehrerin war zugewandt und humorvoll. In Sangerhausen waren alle Dinge besser, sogar die Deutschlehrer.

Abends las mir die Cousine aus einem Buch vor.  Dieses Mal: Die Kinder im Tobteufelhaus, irgendeine moralisierende Geschichte über gute sozialistische Bauern, die ihr Arbeitskraft dem Staat schenkten und unangepassten, aufmüpfigen Kindern, die ins Tobteufelhaus kamen. Oh das war gruselig. Die Hexe schnappte sich jeden Tag ein Kind und dann!

Dann hörte Nelly auf zu lesen. “ Ich muss noch für die Hänsel und Gretel Oper üben.“ Sprach´s und tauschte das Buch gegen ein Notenblatt aus. Sie wollte zum Vorsingen.

„Bitte Nelly“, lies weiter. Kein Erbarmen. “ Nee, lies selbst.“ Also nahm ich das Buch wütend, zornig, befahl den Buchstaben sich zu fügen.

In meiner Erinnerung las ich bis spät in die Nacht. Die Tante kam rein um das Licht zu löschen, sah mich lesen und verließ das Zimmer wieder. Ich las!

In Halle -Neustadt zurück, zurück im Deutschunterricht, durfte ich schon am ersten Tag vorlesen.  Ich war aufgeregt, in Halle-Neustadt sprangen die Buchstaben, die Lehrerin schaute grimmig.  Ich holperte, stolperte und dann geschah das Wunder auch hier. Ich las, flüssig und betont. Ich sehe es noch wie heute vor mir, die Blicke die sich mir langsam und ungläubig zuwandten. Erlebnisse dieser Art brennen sich in das Bewusstsein ein. Selbstwirksamkeit. Das Lesen hatte ich für mich entdeckt, es war mir Familienersatz, Fluchtmöglichkeit, Ermutigung und Gesellschaft zugleich.

Ulysses lesen -Kapitel1-keine Wiedergabe-nur ein Eindruck

 

Durch das erste Kapitel habe ich mich durchgearbeitet. Drei Studenten, Irland 1904,  beginnen ihren Tag auf einem Wehrturm und liefern sich einen Schlagabtausch in dem die katholische Liturgie, die Geschichte Irlands, Shakespeare und vieles mehr aufgegriffen wird. Mir fehlt viel oder fast alles um dieses Buch lesen zu können. Weder kenne ich die Geschichte Irlands, noch Shakespeare, am ehesten kann ich bei der Liturgie mithalten. Die Kommentare sind hilfreich, wie sonst hätte ich erkennen können, welche Bedeutung der gelbe Bademantel Mulligans hat, was mit Chemie der Sterne gemeint ist oder das: „Da ist noch ein Fleck“, sich auf Macbeth bezieht. Macbeth habe ich gelesen, der Bezug wäre mir trotzdem nicht aufgefallen.

So wird das nichts. Ich brauche Ulyssesvorbereitende Lektüre.  Ich  lese Othello.

Warum nimmst du dir vor, so schwierige Bücher zu lesen?“, fragt M. “ Eine Frage die ich fürchtete. „Ach Shakespeare mag ich wirklich, der ist einfach genial. Es macht Spaß ihn zu lesen. Ulysses hab ich mir tatsächlich vorgenommen. Frag mich nicht warum. Ich glaub ein Literaturaffiner Kindergartenvater hat mal davon erzählt.“

Hat irgendjemand von euch dort draußen Tipps? Vielleicht einen guten Roman über die Geschichte Irlands oder ein Buch über Telemachos? Oder einen Tipp wie man an Ulysses herangeht?

Habe mit M. debattiert, ob man das Buch erstmal ohne Erklärungen liest, seine eigene Deutung versucht. Kann man aber ein Werk verstehen, wenn man die Hintergründe nicht kennt oder erfasst, auf welches sich dieses bezieht?

Ich verfüge über keine gymnasiale Bildung, auch das ist ein Hindernis. Mein Wissen in Geschichte ist noch nicht einmal rudimentär.