Entschleunigung in Lissabon

Direkt nach der Arbeit Karla zur Schauspielschule gefahren. Dann hatte dieser Adrenalinjunkie mir den Parkplatz vor der Stadtbücherei stehlen wollen. Gesiegt.  Atemlos, aber durchaus mit Genugtuung stand ich nun, Ildiko von Kürthy´s „Neuland“ in der Hand,  am Fenster der Bibliothek.

Außer Puste beobachtete ich den Parkplatz. Ein  noch junggebliebener  Herr, gediegen,  vermutlich auch gebildet,  trat hinzu und blätterte in einem VHS Heft. “ Muss nur mal kurz nachsehen wo mein Kurs stattfindet, murmelte er.  Er war gerade am Gehen, als ich fragte: „haben sie gefunden was sie suchten?“ Ja heute ist mein erster Portugisisch Kurs Es entspann sich ein Gespräch über Lissabon, Pessoa und James Joyce..Ildiko von  Kürthy war mir augenblicklich unangenehm. Ich lese grundsätzlich nur sehr anspruchsvolle Literatur. Natürlich. Leider sieht man mir das nicht auf den ersten Blick an.  Vorsichtig legte ich das Buch aufs Fensterbrett. Diese Blondine auf dem Cover! . Ich hätte lieber Proust unterm Arm gehabt oder Paul Auster.

Mein Blick verweilte auf dem noch immer gut frequentierten Parkplatz.

 

Des netten Herrens Tochter hatte vor wenigen Tagen  ein neues Leben in Lissabon begonnen.  Zu hoch das Tempo Berlins.  Als er gegangen war, nahm ich nachdenklich Ildiko von Kürthy von der Fensterbank.

„Neuland.“ Zugegeben, ich mag das Buch sehr.

Ein wenig Leben-von Hanya Yanagihara-Leseeindruck

Begeisterte Stimmen in „Zeit“ und Blogs, ließen mich zu diesem Buch greifen. Trotz des Covers. Zu sentimental erschien mir das schmerzverzerrte Gesicht Judes.

Es soll um eine Männerfreundschaft zwischen vier Männern gehen, so war es zu lesen.

Die Einführung der Charaktere langweilte mich. Die Sogwirkung entwickelte sich erst mit der Entwicklung der Hauptfigur.  Jude der es geschafft hat, angesehener Rechtsanwalt in New York, homosexuell und Borderliner. Die große Stärke des Romans liegt für mich in der Genauigkeit der phänomenologischen Betrachtung der Selbstverletzung. Erst wenn der äußere Schmerz den inneren überdeckt ist das Leben für Jude erträglich. Während Puzzle für Puzzle der Vergangenheit zusammengesetzt wird, wird Gegenwart gelebt. Und hier beginnt die Eindimensionalität der Charaktere ungeduldig zu machen, die Sogwirkung verflacht in fast seicht zu nennenden Gewässer. Jude ist leidend an sich selbst und er ist umgeben von guten Menschen, die alle an ihn glauben.  Und da ist der engelsgleiche Willem, ohne Fehl und Tadel der Jude liebt. Judes Selbsthass und das Gute der sich aufopfernden Freunde, insbesondere Willem,  zieht sich über 1000 Seiten. Am Ende hatte ich wirklich Mühe. Das Buch ließ mich keine neuen Perspektiven einnehmen, das Böse ist böse und das Gute gut. Schade.

Der Schreibstil Hanya Yanagihara´s vermochte mich durchaus zu fesseln, aber etwas mehr Komplexität hätte sie dem Leser zumuten können.

Was machst du Sonntags? Latein lernen und Handyverbot

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5. und ich bin mit dabei.Link

Wenn ein Pubertier morgens 8.00 Uhr mit schweifenden Blicken an meinem Bett steht, kann es nur einen Grund dafür geben: Es sucht sein Handy. Das Pubertier reißt mich aus der Leidensgeschichte Judes. Allerdings macht mir die Einförmigkeit der Charaktere zu schaffen. Eintausend Seiten Leiden. Trotzdem will ich „Ein wenig Leben“ zu Ende lesen. Es ist eine brillante psychologische Studie. Der Schostakowitsch von Baker wartet als Belohnung im Regal.

„Nee Handy is nich. Du musst heute noch Deutsch und Latein ins Gehirn bekommen. Wenn das schon verpixelt ist hast du keine Chance mehr. Du kannst an mir sehen was herauskommt, wenn man Haupt und Nebensätze nicht auseinanderhalten kann: Kommasetzung aus dem Salzstreuer.“

Kaum ist Julius auf seinem Zimmer, nehme ich mein Handy. „Stadtflucht ist in“, sagt Zeit Online und „Fünf Handy-Regeln für ein besseres Leben“ gibt der Spiegel.  Die Freundin auf Whats App reframed den erlebten Verzicht beim 40 tägigen Fasten. Später, das Geschirr vom Vorabend ist bereits per Hand abgewaschen, der Geschirrspüler ist  kaputt , schäle ich Kartoffeln während ich das „Literarische Quartett“ sehe. Schade das Biller weg ist, hab ihm gern zugehört. Gestern spielten acht Jugendliche hier Gitarre, sangen wehmütige Lieder, aßen Eis, entzündeten später ein Lagerfeuer. Heute spielen nur zwei Mädchen Cat Stevens, Julius lernt Latein. „Mama heut ist verkaufsoffener Sonntag können wir hin?“  Klar“, sage ich,“ aber du Karla musst dir noch die Haare waschen. Du hast eine Aufführung. „Ich wasch mir aber die Haare nicht.“

“ Du bist erst elf und so lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ Erkennt sie die Ironie? „Mach ich aber nicht!“ Dann gehst du nicht zur Aufführung. Hör zu Karla: Auch ich habe nur diesen einen Sonntag. Haare waschen ist ein Basic. Ich habe keine Lust um Eckpfeiler zu diskutieren.“ Ich schreibe eine Whats App. Karla kann leider nicht kommen, weil sie ihre Haare nicht waschen will. Ich zähle bis drei, dann schicke ich sie ab. „Das hast du nicht getan?!“ Wutentbrannt geht sich Karla die Haare waschen. „Das nennt man Diktatur , Mama!“ “ Diktatur des Proletariats, werfe ich hinterher.“

Der Gatte konzertiert in Berlin. Ich bin froh das er heute abend zurück ist.

 

 

Samstag-Julius ist nach zehn Wochen endlich fieberfrei und Stanisic erhält den Preis für freiheitliches Denken

Stanisic hat den Preis für freiheitliches Denken bekommen. Keine Ahnung warum mir das so gute Laune bereitet. Er ist, was die Gegenwartsliteratur anbetrifft, mein Lieblingsautor.

Ich liebe Kunst, die um ihrer selbst willen entsteht. Kunst die entsteht, weil man etwas zu sagen hat, etwas das nicht ungesagt bleiben kann. Schöpferisches Tun, das nicht darauf aus ist  auf der Mainstreamwelle mitzuschwimmen .

Wenn mir etwas wichtig ist, wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben möchte dann dieses:  Man stellt sich in den Dienst der Liebe zur Musik, zum Schauspiel, zum Schreiben oder egal was man tut. Theaterstücke, Musik, gute Bücher, Skulpturen machen die Welt schöner, das Leben lebenswerter. „Wenn du Theater spielen willst um berühmt zu werden, lass es lieber. Es geht nicht um A oder B Besetzung, sondern darum ob ihr euren Teil dazu beitragen könnt, das Publikum zu erreichen.“

Fast beschämt stelle ich fest, dass ich die Likefunktion unter  meinen Blogbeiträgen, um glaubwürdig  zu bleiben, liquidieren müsste. Aber meine Blogbeiträge sind keine Kunst. Sie sind öffentliches Tagebuchschreiben. Natürlich will ich likes und viele Folllower:)

Samstagsputz.  Anna erwartet Freundinnen zum gemeinsamen Bandtraining. Julius ruiniert die frisch geputzte Küche mit dem Zubereiten des Mittagsmahles. Karla kommt vom Reiten, will sofort weiter zu Bibi und Tina. Ich werde mir den Nachmittag mit Backen vertreiben, würde gern später in “ Ein wenig Leben “ lesen. Der Roman ist unerträglich. Kann das Leben gelingen trotz einer traumatischen Kindheit? Ich hätte das Buch gern halb gelesen weggelegt. Zuviel Schmerz, zu viele Abgründe und leider wirklich gut geschrieben. Kein Roman der einem die Option lässt halbgelesen zu bleiben.

Es regnet-Lieblingswetter. Die Mädchen proben in der Villa. Im Haus ist es still, nur das Klackern der Tastatur, das gutmütige Brummen des Backofens, Vogelgesang und das Geräusch rollender Reifen über nassen Asphalt. Anna hat mit Harfe spielen aufgehört. Am Telefon der neue Eigner der Konzertharfe, die eine Mietharfe ist. Die Übergabe wird vereinbart während Anna Schlagzeug spielt. Sie hatte eine wunderbare Harfenlehrerin, um sie tut es mir wirklich leid. Ich backe Plätzchenfüße während ich „Vor dem Fest“ von Stanisic höre. Ein gelungenes Hörspiel.Morgen geht es in die Käthe Kollwitz Ausstellung und abends kommt Sina vorbei. Sind wir wirklich schon fünfundzwanzig Jahre befreundet?

Lesung von Sasa Stanisic im Literaturhaus Kiel „Fallensteller“

Fallensteller Cover 006

Die Räumlichkeiten im Kieler Literaturhaus, die fände er doch immer wieder besonders. „Der eine Teil des Publikums sitzt links, der andere rechts. Und sie wissen nichts voneinander.“

Stanisic stellt an diesem 4.April 2016,  im  bis auf den letzten Platz besetzten Literaturhaus seinen Erzählband „Fallensteller“ vor.

„Einen wunderschönen guten Abend. Ich freu mich, dass ich hier bin. Wir glauben ihm das.“

Wer in den Genuss des Vorablesens kam, könnte „Lada“ sprechen hören. Der aus Fürstenfelde. Die Lesung aber führt nicht nach Fürstenfelde in der Uckermark, sondern geradewegs ins Flugzeug auf den Weg nach Brasilien.

Seit dreißig Stunden sitzt dort Georg Horvath, Justiziar, neben einem Fluggast aus Fernost. Georg Horvath ist verstimmt. Verstimmt weil auch nach dreißig Flugstunden,  jetzt über Rio,  das Lichtermeer eher ein Lichter mehr ist und sein Sitznachbar ihn noch immer ignoriert. Aktiv ignoriert durch sorgsames  Falten von Bonbonpapier zu Quadraten.Den Inhalt  hat sich der Fernostler während des Fluges in großen Mengen einverleibt. „Wieviele Bonbons verträgt der kleine Magen?“, fragt sich Horvath. Das es ihn nach seiner Ankunft im Flughafen,  auf der Weiterreise bedingt durch ein Taxiverwechslungsmissgeschick statt in die „Cervejaria Vogelbräu“ in den Dschungel verschlägt erscheint nur folgerichtig. Eine kafkaesk anmutende Geschichte beginnt.

Etwas später wird das Publikum mitgenommen auf ein Rheinfloß in einer Rheinstadt. Zum Klang von Liedern vermutlich gegen Sklaverei,  übt Mo den kosovarischen Augenaufschlag um die christliche Menschenrechtsaktivistin Rebekka  auf einem Rheinfest christlicher Menschenrechtsaktivisten zu beeindrucken.

Skurril.

Und es macht neugierig auf die anderen Erzählungen, deren Ton sich (zumindest die der gelesenen zwei Erzählungen) deutlich unterscheidet vom Ton der Romane „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“.

Stanisic ist ein sprachgewandter Schelm. Einer mit Narrenkappe und klaren Blick. Ein Rattenfänger dem das Publikum gebannt folgt. Sprachlich virtuos, scharfzüngig, liebevoll und listig so sind die Zuschreibungen der Zeitungskritiken.

Fragen durch das Publikum gab es nur eine. Die nach der Komplexität der Figuren und der Aktualität seiner Texte. Das sei nur möglich, so Stanisic, weil er seine Texte für Einflüsse von Außen offenhalte.

„Wir wissen auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voller Allerlei, Sprache, Mut und Zauber.“

Ein Abend voller Magie im Literaturhaus in Kiel.

Auf Deutschlandradio/kultur erschien heute eine Rezension/ für die die noch etwas mehr wissen wollen: hier

Aufbruch-Graf Öderland

Einer war immer fleißig, immer gediegen, immer pünktlich. Einer fiel nie auf, sagte immer ja, fragte nicht. Einer war immer nett, immer adrett, freute sich stets auf Freitag und erschlug dann den Hauswart.

Aus Langeweile, sagt er. Weil das Leben überall Gitterstäbe hat und es egal ist ob man durch sie am Schalter oder im Gefängnis auf das Leben sieht. Das ist der Mörder.

Was würde wohl aus den Menschen werden, wenn man sie der Hoffnung auf Feierabend, Freitag, Wochenende und Urlaub berauben würde? Das fragt sich der Staatsanwalt, der Einzige der den Mörder versteht.

In der Nacht verbrennt er- der Staatsanwalt die Akten , beginnt ein neues Leben. Rebellion.

Im Moment vermag ich kaum bei einem Buch zu bleiben, Graf Öderland aber las ich bis tief in die Nacht und einem Gefühl der Beklemmung.

Mit den Kindern im Kindergarten auf einem Ausflug Bärenklauen gefunden. Der Bär wurde umgehend gesucht. Unterdessen sägte H. mit den „Großen“  Äste zurecht, begann eine Hütte zu bauen.  Nicht irgendeine Hütte-ein Piratenversteck!  Kein Absitzen der Zeit -zum Glück- Freude.