Was machst du Sonntags? Latein lernen und Handyverbot

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5. und ich bin mit dabei.Link

Wenn ein Pubertier morgens 8.00 Uhr mit schweifenden Blicken an meinem Bett steht, kann es nur einen Grund dafür geben: Es sucht sein Handy. Das Pubertier reißt mich aus der Leidensgeschichte Judes. Allerdings macht mir die Einförmigkeit der Charaktere zu schaffen. Eintausend Seiten Leiden. Trotzdem will ich „Ein wenig Leben“ zu Ende lesen. Es ist eine brillante psychologische Studie. Der Schostakowitsch von Baker wartet als Belohnung im Regal.

„Nee Handy is nich. Du musst heute noch Deutsch und Latein ins Gehirn bekommen. Wenn das schon verpixelt ist hast du keine Chance mehr. Du kannst an mir sehen was herauskommt, wenn man Haupt und Nebensätze nicht auseinanderhalten kann: Kommasetzung aus dem Salzstreuer.“

Kaum ist Julius auf seinem Zimmer, nehme ich mein Handy. „Stadtflucht ist in“, sagt Zeit Online und „Fünf Handy-Regeln für ein besseres Leben“ gibt der Spiegel.  Die Freundin auf Whats App reframed den erlebten Verzicht beim 40 tägigen Fasten. Später, das Geschirr vom Vorabend ist bereits per Hand abgewaschen, der Geschirrspüler ist  kaputt , schäle ich Kartoffeln während ich das „Literarische Quartett“ sehe. Schade das Biller weg ist, hab ihm gern zugehört. Gestern spielten acht Jugendliche hier Gitarre, sangen wehmütige Lieder, aßen Eis, entzündeten später ein Lagerfeuer. Heute spielen nur zwei Mädchen Cat Stevens, Julius lernt Latein. „Mama heut ist verkaufsoffener Sonntag können wir hin?“  Klar“, sage ich,“ aber du Karla musst dir noch die Haare waschen. Du hast eine Aufführung. „Ich wasch mir aber die Haare nicht.“

“ Du bist erst elf und so lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ Erkennt sie die Ironie? „Mach ich aber nicht!“ Dann gehst du nicht zur Aufführung. Hör zu Karla: Auch ich habe nur diesen einen Sonntag. Haare waschen ist ein Basic. Ich habe keine Lust um Eckpfeiler zu diskutieren.“ Ich schreibe eine Whats App. Karla kann leider nicht kommen, weil sie ihre Haare nicht waschen will. Ich zähle bis drei, dann schicke ich sie ab. „Das hast du nicht getan?!“ Wutentbrannt geht sich Karla die Haare waschen. „Das nennt man Diktatur , Mama!“ “ Diktatur des Proletariats, werfe ich hinterher.“

Der Gatte konzertiert in Berlin. Ich bin froh das er heute abend zurück ist.

 

 

Samstag-Julius ist nach zehn Wochen endlich fieberfrei und Stanisic erhält den Preis für freiheitliches Denken

Stanisic hat den Preis für freiheitliches Denken bekommen. Keine Ahnung warum mir das so gute Laune bereitet. Er ist, was die Gegenwartsliteratur anbetrifft, mein Lieblingsautor.

Ich liebe Kunst, die um ihrer selbst willen entsteht. Kunst die entsteht, weil man etwas zu sagen hat, etwas das nicht ungesagt bleiben kann. Schöpferisches Tun, das nicht darauf aus ist  auf der Mainstreamwelle mitzuschwimmen .

Wenn mir etwas wichtig ist, wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben möchte dann dieses:  Man stellt sich in den Dienst der Liebe zur Musik, zum Schauspiel, zum Schreiben oder egal was man tut. Theaterstücke, Musik, gute Bücher, Skulpturen machen die Welt schöner, das Leben lebenswerter. „Wenn du Theater spielen willst um berühmt zu werden, lass es lieber. Es geht nicht um A oder B Besetzung, sondern darum ob ihr euren Teil dazu beitragen könnt, das Publikum zu erreichen.“

Fast beschämt stelle ich fest, dass ich die Likefunktion unter  meinen Blogbeiträgen, um glaubwürdig  zu bleiben, liquidieren müsste. Aber meine Blogbeiträge sind keine Kunst. Sie sind öffentliches Tagebuchschreiben. Natürlich will ich likes und viele Folllower:)

Samstagsputz.  Anna erwartet Freundinnen zum gemeinsamen Bandtraining. Julius ruiniert die frisch geputzte Küche mit dem Zubereiten des Mittagsmahles. Karla kommt vom Reiten, will sofort weiter zu Bibi und Tina. Ich werde mir den Nachmittag mit Backen vertreiben, würde gern später in “ Ein wenig Leben “ lesen. Der Roman ist unerträglich. Kann das Leben gelingen trotz einer traumatischen Kindheit? Ich hätte das Buch gern halb gelesen weggelegt. Zuviel Schmerz, zu viele Abgründe und leider wirklich gut geschrieben. Kein Roman der einem die Option lässt halbgelesen zu bleiben.

Es regnet-Lieblingswetter. Die Mädchen proben in der Villa. Im Haus ist es still, nur das Klackern der Tastatur, das gutmütige Brummen des Backofens, Vogelgesang und das Geräusch rollender Reifen über nassen Asphalt. Anna hat mit Harfe spielen aufgehört. Am Telefon der neue Eigner der Konzertharfe, die eine Mietharfe ist. Die Übergabe wird vereinbart während Anna Schlagzeug spielt. Sie hatte eine wunderbare Harfenlehrerin, um sie tut es mir wirklich leid. Ich backe Plätzchenfüße während ich „Vor dem Fest“ von Stanisic höre. Ein gelungenes Hörspiel.Morgen geht es in die Käthe Kollwitz Ausstellung und abends kommt Sina vorbei. Sind wir wirklich schon fünfundzwanzig Jahre befreundet?

Über einem Glas Chai-Erste Gedanken zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Das Konzert wird erst in einer Stunde beginnen. Im Cafe lese ich weiter in „Ein wenig Leben“.  Die Sogwirkung beginnt genau hier über einem Glas zimtigen Chai, herumwuselnden Kellnern, Kindergeschrei. Judes Schmerz kriecht unter die Haut. Jude- nicht gewollt-schon zu Beginn -entwickelt die Geschichte Trostlosigkeit, tiefen Schmerz und die Frage was den Erwachsenen Jude am Leben hält. Wovon träumt er? Was will er außer zu überleben? Die existenziellen Fragen, die die man gewöhnlicherweise tief in seinem Innern verbirgt, vergräbt. Gefühle, Ängste, Sorgen, Ringen um einen Platz in der Welt, erbarmungslos wird die Tiefe ausgelotet, die Masken fallen gelassen und der Schmerz bleibt nicht fremd. Das Buch kriecht einem unter die Haut, lässt mich nicht mehr los. Auch dann nicht als ich im Konzert sitze. Ich sehe Julius mit dem Cello. Er spielt so wie er ist -sensibel und ernsthaft. Man wünscht ihm zum Schutz das Pokerface Annas. Ihre Maske die sie auch hinter dem Schlagzeug nicht fallen lässt. Die sie schützt. Ich fühle mich verletzlich, beunruhigt. Es ist nur ein Buch, aber es berührt die existenzielle Frage nach dem Sinn auf eine irritierende Art und Weise. Nachts wache ich auf, greife zum Buch. Unruhige Nacht.

Politisierung des Alltags

Politik hat mich kaum interessiert in den letzten Jahren. Heute ist das anders. Der erste Blick am Morgen gilt dem Smartphone. „Kehlmann hat einen Artikel über Trump geschrieben: „Mein Leben mit dem Monster.“ Skurril und bedrohlich erscheint, dass in TV-Sendungen in der Wahlnacht,  die Werbepausen mit einer Freiheitsstatue aufwarteten, die dem Arm zum Hitlergruß erhob. Amazon warb für: „The Man in the  High Castle.“

Der Gatte sitzt am Frühstückstisch. Er muss zur Arbeit.

Ich lese ihm aus : „Mein Leben mit dem Monster“ vor. Hin und wieder kommentiert einer kurz. Ein sehr guter, nahegehender Beitrag. Er beruhigt nicht. Wie auch?  Die Kinder haben gestern eine Amerika-Mexico Pizza gebacken. Mit Mauer. Anna hatte die Idee irgendwo auf YouTube gefunden. Selbst die Pizzen sind jetzt politisch. Vielleicht ist das der einzig positive Aspekt an der derzeitigen Situation. Man ist aufgeschreckt. Das was wir für sicher hielten ist es nicht mehr.

Ich möchte nicht,  dass die Demokratie mit einem Wimmern zugrunde geht. Aber ich fühle mich hilflos.  „Und du, frage ich meinen Mann. Und du, was tust du? Ich? Ja du? Was fangen wir an in der sich verändernden Welt? ´Nachdenkliches Schweigen.

 

Papa will Kershaws Hitler

„Schick mir doch bitte endlich die Hitlerbiografie von Kershaw.“

Mein Vater geht auf die 90 zu.  Die Entfernung zum Rheinland überbrücken wir meist telefonisch. Ich will von ihm wissen was er von Trump halte. „Nichts“,  sagt er.“ Ich zolle ihm keine einzige Minute Aufmerksamkeit.“ Seine Schwester lebt schon lange in den USA.

Trotzdem; das Thema ist für ihn erledigt.  Er wendet sich wieder der Hitlerbiografie zu.  Ich bin mir nicht sicher ob er dieses Buch wirklich noch lesen kann, aber ich füge mich. Er wird nicht aufhören danach zu fragen, bettlägerig oder nicht. Ich kenne ihn.

Gestern also eine Whats App geschickt mit Foto vom Buch. Ich hab ihn! Muss es nur noch schnell selbst lesen.

„Soll das ein Witz sein?“, fragt mein Vater zurück. „Denkst du das ich unsterblich bin?“

1600 Seiten sind noch zu lesen.

Adventsbasteleien-Kerzenständer, Seifentiere und Salzteiganhänger

dsci0634dsci0641dsci0635dsci0637dsci0641Julius und ein Freund hatten die Idee mit den Kerzenständern und stellten fest, dass Walnussholz ziemlich hart ist.

Anna und eine Freundin liehen sich die Schleichtiere von Karla aus, fertigten Gussformen und stellten Seife und Radiergummis her.

Karla machte aus Salzteig Weihnachtsbaumschmuck. Nun kann der Basar kommen

Wie war das eigentlich mit dem Jugoslawienkrieg? Karla fragt.

Wieso habt ihr mir eigentlich nicht den Brexit erklärt oder den Jugoslawienkrieg? Warum weiß ich nichts darüber?

Wie kommst du denn auf Jugoslawien?

Ich hab ein Bild gesehen und dann hat C. erzählt das es dort Krieg gegeben hat. Warum?

Ich kann dir aus dem Grammofon vorlesen, da wird es ganz gut sichtbar. Das mit den langen Überschriften?  Ja gut. Aber du sollst es mir jetzt erklären.

Es gab damals Einen der das Land mit stenger Hand führte. Tito.  Soweit ich weiß, war es eine Diktatur. Aber die Menschen die ich bisher getroffen habe aus Ex Jugoslawien standen hinter Tito. „Ein guter Diktator?“

„Karla, ich kenn mich nicht genug aus in der Geschichte Ex Jugoslawiens.

Solange Tito regierte,  lebten Kosovaren, Serben,  Albaner, Bosnier, Mazedonier miteinander. Als Tito starb zerfiel das Land. Verstehst Du? vorher hatte man trotz Unterschiedlichkeiten zusammengelebt. Nach Titos Tod ging es vermehrt darum zu sagen: ich will mein eigenes kleines Land. Nachbarn wendeten sich gegeneinander. Es war schlimm , aber Karla um dir das zu erklären brauche ich Zeit.

Jedenfalls lag dieses Land mit seiner wunderbaren Kultur in Schutt und Asche. Du erinnerst dich an den Cellisten von Sarajevo? Karla nickt.

Wenn es einen Gott gibt, sagt Karla, dann hat er bei den Menschen etwas falsch gemacht.

Nur der Mensch ist so dumm Kriege führen zu müssen.

Ich werde heute abend damit beginnen, dass Buch „Wie der Soldat sein Grammofon repariert“ (Stanisic ) erneut zu lesen. Die Rezension für Randomhouse steht noch aus.