Kulturtechniken

Es ist wie beim essen. Was der Bauer nicht kennt. Wir haben das Pubertierrudel nach durchfeierter Nacht schlafen lassen. Abends gab es eine Pflichtveranstaltung ohne Benennung des Ziels. Das Ziel war dieses Mal das Kulturforum mit der Improvisationsgruppe Tante Salzmann. Die Pubertiere erst nölend,  waren begeistert, der Gatte und ich auch. Das letzte Mal hatte ich Tante Salzmann gesehen,  als ich noch solo und kinderlos war. Grandios noch immer.

Um kulturtechnisch gesehen nicht nur Nudeln zu essen, gibt es Pflichttermine in unserer Familie. Probiert wird alles. Tante Salzmann, so beschlossen alle einhellig, wird in die Kür aufgenommen. Um Gerechtigkeit walten zu lassen, darf jeder in unserer Familie einen Pflichttermin im Monat bestimmen. Diese Regel ist neu.

Ich bin ziemlich müde. Eine volle Arbeitswoche, ein Wochenendseminar und eine Pubertiernachtparty liegen hinter mir.

Ich lese Herrndorfs Arbeit und Struktur. Zum dritten Mal.

 

 

Benimmregeln im Bus-Madam Poppins unterwegs

Wir saßen gerade im Bus, auf dem Weg zum Strand. Die Kinder noch müde, das Wetter für nordische Verhältnisse ungewohnt warm. Alle Sitzplätze waren belegt, als eine ältere, rüstige Dame einstieg und einen jungen Mann südländischen Aussehens aufforderte ihr den Sitzplatz zu überlassen.

Er stand auf, auf seinem Fussballshirt stand ein Name südländischen Klanges. Er trug Kopfhörer. Die ältere Dame sagte etwas zu ihm, dem Gesichtsausdruck zufolge etwas energisches. Der Fußballshirtträger nahm die Kopfhörer ab.“ Wie bitte?“, fragte er. Mit russischen Akzent wiederholte sie ihre Aufforderung deutlich vernehmbar. “ Mach den Mund zu beim Kaugummikauen. Das sieht nicht schön aus und älteren Menschen macht man Platz. Wenn du dich schlecht benimmst, werden die Leute sagen: schau mal wieder diese Ausländer, können sich nicht benehmen. Das ist nicht gut. Mach den Mund zu beim Kaugummikauen.“ Dann ahmt sie seine Mundbewegungen nach. „Schau mal das sieht doch nicht schön aus.“ Versöhnlicher setzt sie hinzu: Ich bin auch Ausländerin, ich weiß wie sich das sich anfühlt. Wo kommst du denn her?“

Liebe Dame, sollten sie diese Zeilen lesen so biete ich Ihnen hiermit einen lukrativen und fordernden Job. Es erwarten sie drei Jugendliche im besten Alter. Mit besten Wünschen ihre Xeniana

 

Standortbestimmung

 

Heute morgen hatte ich mir angeschaut, worum es bei Call of Duty geht. Zugegeben, fast habe ich das Wegwerfen bereut, denn unter dem geschichtlichen Aspekt ist es sicher interessant. Dennoch: es ist ab 18. Soll der Sohn, wenn er denn will, mit achtzehn die Nächte durchzocken. Er ist dann erwachsen. Erziehung beinhaltet für mich, Werte mitzugeben.

Ich lese im Moment Mohler, Benn, Abende in Schnellroda, setze mich mit Argumentationen von Rechts auseinander. Langweilig ist das nicht, im Gegenteil.

 

 

Was machst du eigentlich so Freitags?

 

fragt Frau Brüllen, weil es ein Fünfter ist. Link. Es ist ein Mai, der kein Mai sein will. Er rebelliert und lässt die Winde wehen. Aber im Haus ist es warm. Wir konterrebellieren mit der Heizung als Waffe. Die Pubertiere hängen müde am Frühstückstisch. Wir waren gestern lange im Konzert gewesen.

Karla ist wie immer blitzwach. „Mama?“ Wir üben für den Vorlesewettbewerb. Ein Teil der Klasse hat „Die Tribute von Panem“ vorgeschlagen. Frau S. kannte das aber nicht. Und dann ist eine Diskussion losgegangen. Frau S. hat sich die Geschichte kurz erzählen lassen. Sie fand sie zu brutal. Und irgendwann hab ich mich gemeldet. Ich hab gesagt, es wäre vielleicht gut, wenn sie das Buch lesen würde. Weil du wolltest es uns ja auch erst verbieten, hast dich aber entschieden es zu lesen, um mitreden zu können. Und dann fandest du es gut.“

Tatsächlich hatte ich damals, das Buch nicht mehr aus den Händen legen können. Es geht um Unterdrückung, „Brot und Spiele“ und Rebellion.

Wir brechen in den nasskalten Tag auf. Nur der Hund chillt. Am Nachmittag bringe ich Karla zum Chor. Nebenan ist ein Buchladen. Zum Glück kann ich dort überbrücken. Anna liest „Tote Mädchen lügen nicht.“ Die Netflix Serie ist umstritten, also nehme ich mir vor einen Überblick über die Thematik zu gewinnen.  Irgendwann bemerke ich Susanne, die ein paar Meter weiter auf dem Sofa sitzt und liest.  Auch sie habe ich Jahre nicht mehr gesehen. Es ist unglaublich, wie viel in drei Jahren passieren kann. Nun ist es Abend geworden. Die Pubertiere wollen einen Film sehen, der Gatte und ich lesen. Ich lese „Allein unter Flüchtlingen“.

Visionen ?

Heute ist wieder Tagebuchbloggen bei Frau Brüllen und ich bin mit dabei.

„Hast du eigentlich Visionen für dein Leben?“, fragt mich die Freundin auf Whats App. Bei Visionen fällt mir assoziativ, der von Speer entworfene Kuppelbau ein und der Frage: ob er sich nach zwanzig Jahren Haft, dann mit dem Entwerfen von Turnhallen zufrieden geben könne. Zur Haft stellt er sich mit stoischen Gleichmut. Noch immer lese ich die Spandauer Tagebücher. Gestern „Speer und er“ (Teil1, Germania) gesehen. Ein aufwendiger, großartiger Film mit brillanten Darstellern. Das Dubiose des Albert Speer lichtet sich auch hier nicht. Nichts bei Speer ist klar greifbar. Später kamen die Kinder dazu. Ich hielt sie nicht ab. „Ob diese architektonischen Entwürfe denn Kunst seien“, fragte der Mittlere. „Und ob man bei „Bösen“ überhaupt von Kunst sprechen könne“, fragte die Jüngste. Auch Riefenstahl wurde interviewt.

Morgens zur Arbeit mit dem Rad. Nicht ohne vorher die Tageszeitung überflogen zu haben.  Wahlbenachrichtigungen gibt es jetzt per vereinfachten Deutsch.

Nach der Arbeit, treffe ich Marina in der Stadt auf einen Cappucino. Wir haben uns lange nicht gesehen, die Zeit scheint um sie einen Bogen zu schlagen. Vielleicht hat sie Angst vor gutaussehenden Mathematikerinnen. Ich schätze ihre Klugheit, den Humor und die innere Unabhängigkeit.

Unsere Kinder werden älter.  Das eigene Leben beginnt wieder an die Tür zu klopfen. Vielleicht äußert es sich in Fragen, wie der nach der Vision. Ich will meine Arbeit so gut machen wie es mir  möglich ist, meine Kinder unterstützen ihre eigenen Werte auszubilden.

Abends sehe ich wieder „Speer und er“. Es geht um den Nürnberger Prozess. Ich bitte die Kinder, mich allein schauen zu lassen. Die Originalbilder aus Bergen Belsen mute ich ihnen nicht zu.

Es ist kühler geworden. Im Wäldchen blühen die Buschwindröschen.

Wochenendblitzlicht

 

 

Mit Fernglas und Rad in den morgendlichen Sonntag gestartet. Die gesuchten Ornithologen sind nicht dort wo ich sie erwarte. Wahrscheinlich pirschen sie schon durch Wald und Flur. Auf dem Rückweg kaufe ich beim Flohmarkt die Spandauer Tagebücher von Albert Speer. Ich ahne nicht, wie sehr mich dieser Zufallsfund in seinen Bann ziehen wird.

Karla vom Chorwochenende abgeholt, später bei Sina Kaffee getrunken. Das Hühnervolk unterliegt der Stallpflicht. Nur das Mobbingopfer ist freilaufend. Die Freundin nennt es Opferschutz und Quarantäne.  Auf dem Rückweg streiten der Gatte und ich uns über Mitläufertum, Wendehälse und Untertane.   Für mich persönlich ist der Untertantypus der verachtungswürdigste.

Weitere Themen:

Hat ein Jugendlicher die Möglichkeit freien Denkens, wenn er als Kind einer starken Prägung unterzogen wurde? Was hatten die Mitglieder der weißen Rose gemeinsam?  Später beginne ich in den Spandauer Tagebücher zu lesen. Es ist ein nachdenkliches, kluges Buch-das ist das Erschreckende.

Was machst du Sonntags? Latein lernen und Handyverbot

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5. und ich bin mit dabei.Link

Wenn ein Pubertier morgens 8.00 Uhr mit schweifenden Blicken an meinem Bett steht, kann es nur einen Grund dafür geben: Es sucht sein Handy. Das Pubertier reißt mich aus der Leidensgeschichte Judes. Allerdings macht mir die Einförmigkeit der Charaktere zu schaffen. Eintausend Seiten Leiden. Trotzdem will ich „Ein wenig Leben“ zu Ende lesen. Es ist eine brillante psychologische Studie. Der Schostakowitsch von Baker wartet als Belohnung im Regal.

„Nee Handy is nich. Du musst heute noch Deutsch und Latein ins Gehirn bekommen. Wenn das schon verpixelt ist hast du keine Chance mehr. Du kannst an mir sehen was herauskommt, wenn man Haupt und Nebensätze nicht auseinanderhalten kann: Kommasetzung aus dem Salzstreuer.“

Kaum ist Julius auf seinem Zimmer, nehme ich mein Handy. „Stadtflucht ist in“, sagt Zeit Online und „Fünf Handy-Regeln für ein besseres Leben“ gibt der Spiegel.  Die Freundin auf Whats App reframed den erlebten Verzicht beim 40 tägigen Fasten. Später, das Geschirr vom Vorabend ist bereits per Hand abgewaschen, der Geschirrspüler ist  kaputt , schäle ich Kartoffeln während ich das „Literarische Quartett“ sehe. Schade das Biller weg ist, hab ihm gern zugehört. Gestern spielten acht Jugendliche hier Gitarre, sangen wehmütige Lieder, aßen Eis, entzündeten später ein Lagerfeuer. Heute spielen nur zwei Mädchen Cat Stevens, Julius lernt Latein. „Mama heut ist verkaufsoffener Sonntag können wir hin?“  Klar“, sage ich,“ aber du Karla musst dir noch die Haare waschen. Du hast eine Aufführung. „Ich wasch mir aber die Haare nicht.“

“ Du bist erst elf und so lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ Erkennt sie die Ironie? „Mach ich aber nicht!“ Dann gehst du nicht zur Aufführung. Hör zu Karla: Auch ich habe nur diesen einen Sonntag. Haare waschen ist ein Basic. Ich habe keine Lust um Eckpfeiler zu diskutieren.“ Ich schreibe eine Whats App. Karla kann leider nicht kommen, weil sie ihre Haare nicht waschen will. Ich zähle bis drei, dann schicke ich sie ab. „Das hast du nicht getan?!“ Wutentbrannt geht sich Karla die Haare waschen. „Das nennt man Diktatur , Mama!“ “ Diktatur des Proletariats, werfe ich hinterher.“

Der Gatte konzertiert in Berlin. Ich bin froh das er heute abend zurück ist.