Erinnerungen an Orkney

Im Dämmern bin ich mit dem Bulli noch einmal in die Stadt gefahren.  Manchmal ist der Sog zu einem Buch so stark, dass ich es jetzt und hier haben muss. „Nachtlichter“ von Amy Liptrop.

„Orkney-eine vom Meer umtoste, windgepeitschte Inselgruppe im Norden von Schottland zwischen Nordsee und Atlantik…“

Eine Beschreibung karg wie die Orkneys und dennoch trifft mich die Flut der Erinnerungen an das Leben dort. Man wacht auf, es ist noch dunkel und man hört das Meer rauschen toben. Johns Haus steht direkt am Meer. Es hat mehr Fenster als Wände. Morgens roch es nach Porridge und Kaffee, Nescafe den ich nie mochte. John lebt nicht mehr, er starb viel zu früh, Krebs ist ein Arschloch.  Hier ist es : Johns Haus

Erinnerungssplitter, nach Erinnerungssplitter. Mit dem Geländewagen zur Lachsfarm, im Auto der Übelkeit verursachende Fischfuttergeruch. Mit dem Boot rüber zum Mainland -einkaufen. Und immer diese raue Einsamkeit, der Wind, das Meer, die Möwen. Nie habe ich ein schöneres Weihnachten gefeiert , nie ein fröhlicheres Silvester.

Orkney war mein Ort. Ich lege das Buch beiseite.

 

Mit Hölderlin im Supermarkt-Blogbeitrag 2016

Wir packten gerade den Einkauf ein, als ich hörte wie der Kassierer an der Nachbarkasse über einen Stadtteil lästerte. Einem Stadtteil in dem die Kinder adipöser, die Zähne schlechter sind, die Bildung niedriger, statistisch gesehen. Mit Arroganz ließ er vernehmen , warum er dort im Supermarkt K. niemals arbeiten könne.

Ich weiß nicht ob es der Tonfall , der Gesichtsausdruck oder Beides war, was mich ärgerte. Kurz überlegte ich mich zu äußern, ließ es dann aber.

Karla war beim Ballett. Später müssten wir sowieso durch den Einkaufsmarkt, um zum Parkplatz zu gelangen.

Karla wie immer freudig nach dem Training, hörte mir aufmerksam zu als ich sie fragte: Hast du kurz Lust Straßentheater zu spielen?

Klar Mama.

Wenn wir an der Kasse stehen, nah genug am Kassierer, stoße ich dich mit dem Ellenbogen an. Du fragst mich dann : Mama ist Hölderlin eigentlich schon lange tot? Den Rest improvisieren wir. Ich erklär dir später warum.

Gesagt, getan. Das vereinbarte Zeichen erfolgte, Karla fragte:

Mama ist Hölderlin eigentlich schon lange tot?

Ja, aber was er geschrieben hat ist immer noch sehr aktuell. ( Ich verbeiße mir das Lachen unter größter Mühe)

Vielleicht solltest du aber erst die griechische Mythologie lesen.

Karla die mittlerweile improvisiert: Ach das mit Zeus und so, das liest Anna gerade-Helden des Olymp!

Genau Karla und jetzt fahren wir schnell nach Hause in unseren Stadtteil K.  Da wohnen wir richtig gerne oder? Der ist so bunt und multikulturell. (Wir wohnen ländlich, von multikulti keine Spur, aber das musste ich dem Kassierer ja nicht auf die Nase binden)

Genau , sagt Karla.

Und das nächste Mal kaufen wir unsere Sachen in K. ein. Der Kassierer mit rotem Gesicht scannt gerade Tick-Tacks.

Weißt du Karla, was ich dir schon immer mal sagen wollte. Eine wichtige Lektion im Leben ist, nicht zu glauben das man besser wäre , klüger oder so, weil man in einem vermeintlich besseren Stadtteil wohnt oder arbeitet. Sich über andere zu erheben ist immer dumm.

Der Kassierer schaut uns nicht an, als er das Wechselgeld herausgibt. Karla und ich verlassen den Supermarkt prustend.

Streifzüge durch Hamburg

Von der Insel im Norden geht es nach Hamburg.

An den Landungsbrücken versuche ich die Fährpreise herauszufinden.“ Macht 45 Euro“, sagt die Verkäuferin.

Ein Obdachloser  hebt langsam den Kopf und sagt: „Gehen sie da an den Automaten und holen sie sich ein Tagesticket, das lohnt sich allemal. “

Spätsommer, noch ist es warm. Ich laufe zum Michel hinauf, weiter zur Komponistengasse, bis zu Planten und Bloomen. Die Hamburger Hunde sind eindeutig entspannter, als die Landhunde. Das erstaunt mich. Ich habe Thomas Mann im Gepäck und werde  „Herr und Hund“ auf einer Parkbank zu Ende lesen.

Man will nicht Hund von Thomas Mann gewesen sein. Virginia Woolf lese ich mit Begeisterung.  Mit der S- Bahn fahre ich zu den Landungsbrücken, nehme eine Fähre, fahre ins Blaue und wieder zurück. Erinnerungen steigen auf. Erinnerungen an meine Interrailtour 1990. Da war der eiserne Vorhang gerad gefallen und ich schlief am Strand von Antibes oder nachts im Zug.  Ich bin ewig nicht mehr allein umhergestreift,  mit der Bemühung möglichst kein Geld auszugeben. An Tihany denke ich und die Zeit mit L. Bedingt durch die eingeschränkte Summe an verfügbaren Forints mussten wir uns entscheiden, ob wir im Urlaub auf das Essen oder den Schlafplatz verzichten wollten.  So haben wir Karoly kennengelernt, der Hilfe im Garten wollte und dafür ein Stück Rasen fürs Zelt bot (dasselbe Konzept sollte ich ein Jahr später auf den Orkneys wiederfinden). Wir haben so viele spannende Leute kennengelernt, vielleicht deshalb weil der normale Tourismus für uns nicht machbar war.

Ich streife allein durch Hamburg. Abends ein Lichtermeer an den Landungsbrücken und noch immer  steigen Erinnerungen auf.  Ich denke an Prag, an Bukarest, Deva, Budapest und fühle mich plötzlich seltsam jung.

Unverhoffte Inseln frei verfügbarer Zeit.

Die Sache mit dem Kong oder wie wir Luna versuchen das Bellen abgewöhnen

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In der Nacht lese ich in schlaflosen Stunden “ Mein Findelhund“ von Petra Durst -Benning.

Ihr empfiehlt der Hundetrainer einen Kong. Den Kong hat das Futterhaus vorrätig, die Leber nicht, aber Lunge müsste auch gehen. Auch das konnte ich aus dem Buch lernen: Nicht verfressene Hunde brauchen stark riechende Leckerli.

Zuhause befülle ich mit spitzen Fingern die Kongs mit Lunge. Einen in rot für Ubu, einen in blau für Luna. Kaum schlägt sie an, fange ich an begeistert mit dem Kong zu spielen.  Natürlich wollen die Hunde das haben. Die Ablenkung klappt perfekt. “ Sind die Hunde da?“, fragt der Gatte erstaunt.

„Petra Durst-Benning machts möglich, entgegne ich.  Du musst zugeben, das ist cool, sie bellt nicht mehr.“ Selten zeigt sich der Gatte beeindruckt, nun ist er es.

Und sonst? Singt Karla beim aufräumen Carmina Burana, sind die Pubertiere genervt weil sie aufräumen sollen und wollen mehr Freiheit.  Was in diesem Fall auf Freiheit vom Putzen hinausläuft.  Diesen Freiheitswunsch finde ich verständlich. Ich bereite  das Haus für Besuch vor, Anna bäckt später eine Giottotorte, Julius schleppt Stühle auf die Dachterasse. Die Stimmung ist mäßig. Bei den Foodsharer bekomme ich meine Einarbeitungstermine. Das führt mich assoziativ zur Monatsvorschau bzw. Rückblick.

Im August: haben wir Luna eingewöhnt und ein wunderbares Familienmitglied dazu bekommen

Der Gatte hat eine Dachterasse gebaut, Totholzmauern angelegt, ein Tor gebaut, die Auffahrt fertiggestellt

Wir haben Annas Geburtstag gefeiert

Mit Luna am Strand gewesen

das Haus immer voller Kinder gehabt

festgestellt, das Ferien zu Hause Spaß machen können

Im September werde ich: ein Sommerfest in der Kita feiern

Karlas Geburtstag feiern

bei den Foodshareern einsteigen

ein Waldseminar haben

einen Elternabend besuchen, vielleicht auch zwei oder drei

Äpfel mit den Kindergartenkindern und gemeinsam mit den Kollegen ernten und zu Saft verarbeiten

Erntedank feiern

(Monatsvorschauidee geklaut von Frische Brise)

 

 

Nachdenken über….

Immer wieder die Frage wann die Begegnung mit einem Kind wirklich gelingt- auf Augenhöhe. Der Wald selbst ist Therapie. Eichhörnchen mit weißen Lätzchen erklimmen die Wipfel der Fichten. Mit einem stetigen Klacken fallen Haselnüsse zu Boden. Die Kinder tun es den Eichhörnchen gleich.

Nach einem langen Spaziergang vertiefe ich mich in ein Fachbuch zum Thema ADHS.  Henning Köhler stellt die Frage der Inklusion. Muss sich das Umfeld oder das Kind ändern. Es ist immer wieder schön zu erleben, wenn besondere Energien ihren Platz finden, zum Beispiel beim Mähen des Rasens mit einem Handrasenmäher oder dem Mahlen von Getreide mit der Handmühle, beim Klettern und Erklimmen oder Geschichten erzählen.

Henning Köhler beschreibt unsere besonders auf Effektivität getrimmte Zeit als:

Herrschaft des Gestells (Heidegger)

Diktatur der Maschine

Terror der Zweckmäßigkeit

Magie des reibungslosen Funktionierens

und empfiehlt

Schatzsuche statt Fehlerfindung

Aus “ War Michel aus Lönneberga aufmerksamkeitsgestört?“ von Henning Köhler

Eine lohnenswerte Lektüre

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Ferien zu Hause-Tag 25-Altweibersommer

 

Erste Brombeeren. Der herbe Vorgeschmack des Herbstes. Der Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit. Ich gehöre zu der seltenen Gattung Mensch, der die kürzer werdenden Tage mit Vorfreude erwartet. Die Spinnen weben ihre Netze.

Am Nachmittag bringt der Nachbar ein Fahrrad für Karla. „Wenn sie möchte, kann sie das haben. Ich habe es wieder fit gemacht.“

Morgens kam Julia von gegenüber mit dem Pressluftabflussreiniger von Aldi.  „Willst du mal ausprobieren?“ Er funktioniert hervorragend. Noch etwas später am Nachmittag steht Luise mit ihren Kindern in der Tür. In den Taschen selbst geerntetes Gemüse und Ableger von Blumen. Ich möchte den Vorgarten naturnah gestalten, was vermutlich bedeutet, dass ich schlechte Erde abtragen muss und mit Kompost auffüllen werde. Getreide will ich säen, nur ein Stückchen und nicht im Vorgarten, die Mirabellen müssen geerntet werden.

Ein „Organico Bokashi Komposteimer“ ist in unsere Küche gezogen und verwertet nun auch gekochte Reste.

Luna geht es besser, wenn auch nicht gut.  Die Tierarztkosten betrugen bisher 130 Euro, Leinen, Geschirr und Futter etwa 200 Euro. Sie schläft viel. Ich denke darüber nach mein erstes Hochbeet allein zu bauen. Oder ich beauftrage den Sohn.

Die Pubertiere nörgeln. Sie wollen neues Brot. Ich bestehe darauf, dass das alte erst mal aufgegessen wird, auch wenn es hart ist. Diesem ständige Wegwerfen von Lebensmitteln möchte ich ein Ende bereiten.

 

Barfen oder nicht?Urlaub zu Hause Tag 23

Es bleibt dabei. Luna mag das Trockenfutter nicht. Ich überlege zu Barfen. Es gibt einen Barfshop hier in der Nähe.  die Kinder gestalten sich ihr eigenes Ferienprogramm. Karla holte ich gestern am späten Abend noch von der „Dachterasse“. Plaudernd mit der Freundin, fiel es ihr schwer einzusehen, dass es auch in den Ferien Schlafenszeiten gibt.

Julius baut seit seinem Besuch im minecraftcamp unaufhörlich Häuser an der Kieler Förde. Es wurde extra eine Gamingmaus angeschafft. Leider muss er ständig ermutigt werden, sich Kiel auch mal in real anzusehen.

Anna und ihre Freundin haben den Gassigang übernommen. Es gab wüste Disskussionen um die Ressource Hund. Um diese zu verteidigen wird sogar 8.15 aufgestanden. Ich lese wenig, baue an Totholzmauern, koche Mittagessen und bearbeite weiterhin liegengebliebenes.

Soll ich es mit Barfen versuchen oder den Tierarzt nochmal aufsuchen?