Rettung eines Eichelhähers

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Na los Ubu, lass uns den Morgen nutzen. Hunderunde Und dann hing in 4 Meter Höhe der Eichelhäher,  einen Angelhaken im Schnabel. Der  Förster war bereits von Anwohnern verständigt worden, brauchte aber noch 20 Minuten.  Ich rief die Nachbarin an. Ob sie vielleicht einen Apfelpflücker hätte?  Der Vogel kämpfte ums Überleben. Die Nachbarin traf zeitgleich mit dem Förster ein. Der Apfelpflücker wurde mittels langer Stange verlängert. Daraufhin wurde der Vogel von einem engagierten Vorortbewohner vom Baum gepflückt. Der Vogel fiel in den Fluss, wurde abermals herausgefischt.  Kundig entfernte der Förster den Angelhaken aus dem Schnabel und einen weiteren von der Kralle. Er ließ das verletzte Tier hinter einem Baumstumpf sitzen. “ Den Rest muss die Natur entscheiden“, sagte er.  Später sahen wir nochmal nach dem Häher, da sprang er schon von Baumstumpf zu Baumstumpf und machte erste Flugversuche. Eigentlich hatten wir ihn ins Tierheim bringen wollen…..

Entschleunigung in Lissabon

Direkt nach der Arbeit Karla zur Schauspielschule gefahren. Dann hatte dieser Adrenalinjunkie mir den Parkplatz vor der Stadtbücherei stehlen wollen. Gesiegt.  Atemlos, aber durchaus mit Genugtuung stand ich nun, Ildiko von Kürthy´s „Neuland“ in der Hand,  am Fenster der Bibliothek.

Außer Puste beobachtete ich den Parkplatz. Ein  noch junggebliebener  Herr, gediegen,  vermutlich auch gebildet,  trat hinzu und blätterte in einem VHS Heft. “ Muss nur mal kurz nachsehen wo mein Kurs stattfindet, murmelte er.  Er war gerade am Gehen, als ich fragte: „haben sie gefunden was sie suchten?“ Ja heute ist mein erster Portugisisch Kurs Es entspann sich ein Gespräch über Lissabon, Pessoa und James Joyce..Ildiko von  Kürthy war mir augenblicklich unangenehm. Ich lese grundsätzlich nur sehr anspruchsvolle Literatur. Natürlich. Leider sieht man mir das nicht auf den ersten Blick an.  Vorsichtig legte ich das Buch aufs Fensterbrett. Diese Blondine auf dem Cover! . Ich hätte lieber Proust unterm Arm gehabt oder Paul Auster.

Mein Blick verweilte auf dem noch immer gut frequentierten Parkplatz.

 

Des netten Herrens Tochter hatte vor wenigen Tagen  ein neues Leben in Lissabon begonnen.  Zu hoch das Tempo Berlins.  Als er gegangen war, nahm ich nachdenklich Ildiko von Kürthy von der Fensterbank.

„Neuland.“ Zugegeben, ich mag das Buch sehr.

Was machst du Sonntags? Latein lernen und Handyverbot

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5. und ich bin mit dabei.Link

Wenn ein Pubertier morgens 8.00 Uhr mit schweifenden Blicken an meinem Bett steht, kann es nur einen Grund dafür geben: Es sucht sein Handy. Das Pubertier reißt mich aus der Leidensgeschichte Judes. Allerdings macht mir die Einförmigkeit der Charaktere zu schaffen. Eintausend Seiten Leiden. Trotzdem will ich „Ein wenig Leben“ zu Ende lesen. Es ist eine brillante psychologische Studie. Der Schostakowitsch von Baker wartet als Belohnung im Regal.

„Nee Handy is nich. Du musst heute noch Deutsch und Latein ins Gehirn bekommen. Wenn das schon verpixelt ist hast du keine Chance mehr. Du kannst an mir sehen was herauskommt, wenn man Haupt und Nebensätze nicht auseinanderhalten kann: Kommasetzung aus dem Salzstreuer.“

Kaum ist Julius auf seinem Zimmer, nehme ich mein Handy. „Stadtflucht ist in“, sagt Zeit Online und „Fünf Handy-Regeln für ein besseres Leben“ gibt der Spiegel.  Die Freundin auf Whats App reframed den erlebten Verzicht beim 40 tägigen Fasten. Später, das Geschirr vom Vorabend ist bereits per Hand abgewaschen, der Geschirrspüler ist  kaputt , schäle ich Kartoffeln während ich das „Literarische Quartett“ sehe. Schade das Biller weg ist, hab ihm gern zugehört. Gestern spielten acht Jugendliche hier Gitarre, sangen wehmütige Lieder, aßen Eis, entzündeten später ein Lagerfeuer. Heute spielen nur zwei Mädchen Cat Stevens, Julius lernt Latein. „Mama heut ist verkaufsoffener Sonntag können wir hin?“  Klar“, sage ich,“ aber du Karla musst dir noch die Haare waschen. Du hast eine Aufführung. „Ich wasch mir aber die Haare nicht.“

“ Du bist erst elf und so lange du deine Füße unter meinen Tisch stellst…“ Erkennt sie die Ironie? „Mach ich aber nicht!“ Dann gehst du nicht zur Aufführung. Hör zu Karla: Auch ich habe nur diesen einen Sonntag. Haare waschen ist ein Basic. Ich habe keine Lust um Eckpfeiler zu diskutieren.“ Ich schreibe eine Whats App. Karla kann leider nicht kommen, weil sie ihre Haare nicht waschen will. Ich zähle bis drei, dann schicke ich sie ab. „Das hast du nicht getan?!“ Wutentbrannt geht sich Karla die Haare waschen. „Das nennt man Diktatur , Mama!“ “ Diktatur des Proletariats, werfe ich hinterher.“

Der Gatte konzertiert in Berlin. Ich bin froh das er heute abend zurück ist.

 

 

Samstag-Julius ist nach zehn Wochen endlich fieberfrei und Stanisic erhält den Preis für freiheitliches Denken

Stanisic hat den Preis für freiheitliches Denken bekommen. Keine Ahnung warum mir das so gute Laune bereitet. Er ist, was die Gegenwartsliteratur anbetrifft, mein Lieblingsautor.

Ich liebe Kunst, die um ihrer selbst willen entsteht. Kunst die entsteht, weil man etwas zu sagen hat, etwas das nicht ungesagt bleiben kann. Schöpferisches Tun, das nicht darauf aus ist  auf der Mainstreamwelle mitzuschwimmen .

Wenn mir etwas wichtig ist, wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben möchte dann dieses:  Man stellt sich in den Dienst der Liebe zur Musik, zum Schauspiel, zum Schreiben oder egal was man tut. Theaterstücke, Musik, gute Bücher, Skulpturen machen die Welt schöner, das Leben lebenswerter. „Wenn du Theater spielen willst um berühmt zu werden, lass es lieber. Es geht nicht um A oder B Besetzung, sondern darum ob ihr euren Teil dazu beitragen könnt, das Publikum zu erreichen.“

Fast beschämt stelle ich fest, dass ich die Likefunktion unter  meinen Blogbeiträgen, um glaubwürdig  zu bleiben, liquidieren müsste. Aber meine Blogbeiträge sind keine Kunst. Sie sind öffentliches Tagebuchschreiben. Natürlich will ich likes und viele Folllower:)

Samstagsputz.  Anna erwartet Freundinnen zum gemeinsamen Bandtraining. Julius ruiniert die frisch geputzte Küche mit dem Zubereiten des Mittagsmahles. Karla kommt vom Reiten, will sofort weiter zu Bibi und Tina. Ich werde mir den Nachmittag mit Backen vertreiben, würde gern später in “ Ein wenig Leben “ lesen. Der Roman ist unerträglich. Kann das Leben gelingen trotz einer traumatischen Kindheit? Ich hätte das Buch gern halb gelesen weggelegt. Zuviel Schmerz, zu viele Abgründe und leider wirklich gut geschrieben. Kein Roman der einem die Option lässt halbgelesen zu bleiben.

Es regnet-Lieblingswetter. Die Mädchen proben in der Villa. Im Haus ist es still, nur das Klackern der Tastatur, das gutmütige Brummen des Backofens, Vogelgesang und das Geräusch rollender Reifen über nassen Asphalt. Anna hat mit Harfe spielen aufgehört. Am Telefon der neue Eigner der Konzertharfe, die eine Mietharfe ist. Die Übergabe wird vereinbart während Anna Schlagzeug spielt. Sie hatte eine wunderbare Harfenlehrerin, um sie tut es mir wirklich leid. Ich backe Plätzchenfüße während ich „Vor dem Fest“ von Stanisic höre. Ein gelungenes Hörspiel.Morgen geht es in die Käthe Kollwitz Ausstellung und abends kommt Sina vorbei. Sind wir wirklich schon fünfundzwanzig Jahre befreundet?

Über einem Glas Chai-Erste Gedanken zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Das Konzert wird erst in einer Stunde beginnen. Im Cafe lese ich weiter in „Ein wenig Leben“.  Die Sogwirkung beginnt genau hier über einem Glas zimtigen Chai, herumwuselnden Kellnern, Kindergeschrei. Judes Schmerz kriecht unter die Haut. Jude- nicht gewollt-schon zu Beginn -entwickelt die Geschichte Trostlosigkeit, tiefen Schmerz und die Frage was den Erwachsenen Jude am Leben hält. Wovon träumt er? Was will er außer zu überleben? Die existenziellen Fragen, die die man gewöhnlicherweise tief in seinem Innern verbirgt, vergräbt. Gefühle, Ängste, Sorgen, Ringen um einen Platz in der Welt, erbarmungslos wird die Tiefe ausgelotet, die Masken fallen gelassen und der Schmerz bleibt nicht fremd. Das Buch kriecht einem unter die Haut, lässt mich nicht mehr los. Auch dann nicht als ich im Konzert sitze. Ich sehe Julius mit dem Cello. Er spielt so wie er ist -sensibel und ernsthaft. Man wünscht ihm zum Schutz das Pokerface Annas. Ihre Maske die sie auch hinter dem Schlagzeug nicht fallen lässt. Die sie schützt. Ich fühle mich verletzlich, beunruhigt. Es ist nur ein Buch, aber es berührt die existenzielle Frage nach dem Sinn auf eine irritierende Art und Weise. Nachts wache ich auf, greife zum Buch. Unruhige Nacht.

Was machst du eigentlich so Sonntags?

Bei Frau Brüllen ist wieder Tagebuchbloggen am 5. des Monats.

Zufriedener Blick auf den Wecker. Es ist 8.00 Uhr. Der Gatte am Frühstückstisch allein, wappnet sich für den Arbeitstag. Schaun wir heute abend Tatort oder The Man in the High Castle?

„Die Zeit“ sagt der Tatort soll langweilig sein. Der Spiegel vergibt 8 von 10 Punkten“,  kontert der Gatte. Wir lassen die Entscheidung offen. Ich lese ihm noch Kehlmanns Artikel über die Wahlnacht in Amerika vor, dann ist er weg, die Noten unterm Arm.  Dafür ist die Jüngste aufgestanden und versucht sich in Pancakes.

Auch die restlichen Familienmitglieder wachen allmählich auf und planen ihren Tag. Der Mittlere bekommt Handyverbot.  Anna  trifft sich heute mit Freundinnen. Julius ist ob des Handyverbots am Verzweifeln, kommt dann aber auf die Idee sich zu verabreden. Karla und ich bestücken das Vogelhäuschen mit Futter. In die Haselnuss spießen wir Äpfel. Zur Futterstelle kommen ein Gimpel, 2 Kohlmeisen und eine Amsel. Die Elster schaut vom gegenüberliegenden Hausdach zu. Ich koche Minestrone für mich und Nudeln für den Rest. Dann bricht auch Karla zu einer Freundin auf. Jetzt bin ich  allein. Manchmal sind wir hier 12 Leute, aber es gibt neuerdings auch ab und zu das Gegenteil. Ich gehe mit dem Hund eine Stunde spazieren. Es ist wärmer als gedacht. Später räume ich auf. Und dann ist endlich Lesezeit. 4321 von Paul Auster. Zwischendurch kommen Whats App Nachrichten der Kinder rein. Erst gegen 19.00 trifft einer nach dem anderen ein. Anna hat wieder Pizza gebacken, Julius will einen Film drehen und Karla erzählt mit blitzenden Augen vom Besuch bei der Freundin, den Pferden, der Musik und dem obercoolen Nachmittag. Und irgendwann steht auch der Gatte in der Tür. Natürlich will er Tatort sehen. Ich setze mich mit “ The Man in the High Castle“ durch.

Draußen ist es kalt geworden.

Politisierung des Alltags

Politik hat mich kaum interessiert in den letzten Jahren. Heute ist das anders. Der erste Blick am Morgen gilt dem Smartphone. „Kehlmann hat einen Artikel über Trump geschrieben: „Mein Leben mit dem Monster.“ Skurril und bedrohlich erscheint, dass in TV-Sendungen in der Wahlnacht,  die Werbepausen mit einer Freiheitsstatue aufwarteten, die dem Arm zum Hitlergruß erhob. Amazon warb für: „The Man in the  High Castle.“

Der Gatte sitzt am Frühstückstisch. Er muss zur Arbeit.

Ich lese ihm aus : „Mein Leben mit dem Monster“ vor. Hin und wieder kommentiert einer kurz. Ein sehr guter, nahegehender Beitrag. Er beruhigt nicht. Wie auch?  Die Kinder haben gestern eine Amerika-Mexico Pizza gebacken. Mit Mauer. Anna hatte die Idee irgendwo auf YouTube gefunden. Selbst die Pizzen sind jetzt politisch. Vielleicht ist das der einzig positive Aspekt an der derzeitigen Situation. Man ist aufgeschreckt. Das was wir für sicher hielten ist es nicht mehr.

Ich möchte nicht,  dass die Demokratie mit einem Wimmern zugrunde geht. Aber ich fühle mich hilflos.  „Und du, frage ich meinen Mann. Und du, was tust du? Ich? Ja du? Was fangen wir an in der sich verändernden Welt? ´Nachdenkliches Schweigen.