Über einem Glas Chai-Erste Gedanken zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Das Konzert wird erst in einer Stunde beginnen. Im Cafe lese ich weiter in „Ein wenig Leben“.  Die Sogwirkung beginnt genau hier über einem Glas zimtigen Chai, herumwuselnden Kellnern, Kindergeschrei. Judes Schmerz kriecht unter die Haut. Jude- nicht gewollt-schon zu Beginn -entwickelt die Geschichte Trostlosigkeit, tiefen Schmerz und die Frage was den Erwachsenen Jude am Leben hält. Wovon träumt er? Was will er außer zu überleben? Die existenziellen Fragen, die die man gewöhnlicherweise tief in seinem Innern verbirgt, vergräbt. Gefühle, Ängste, Sorgen, Ringen um einen Platz in der Welt, erbarmungslos wird die Tiefe ausgelotet, die Masken fallen gelassen und der Schmerz bleibt nicht fremd. Das Buch kriecht einem unter die Haut, lässt mich nicht mehr los. Auch dann nicht als ich im Konzert sitze. Ich sehe Julius mit dem Cello. Er spielt so wie er ist -sensibel und ernsthaft. Man wünscht ihm zum Schutz das Pokerface Annas. Ihre Maske die sie auch hinter dem Schlagzeug nicht fallen lässt. Die sie schützt. Ich fühle mich verletzlich, beunruhigt. Es ist nur ein Buch, aber es berührt die existenzielle Frage nach dem Sinn auf eine irritierende Art und Weise. Nachts wache ich auf, greife zum Buch. Unruhige Nacht.

Papa will Kershaws Hitler

„Schick mir doch bitte endlich die Hitlerbiografie von Kershaw.“

Mein Vater geht auf die 90 zu.  Die Entfernung zum Rheinland überbrücken wir meist telefonisch. Ich will von ihm wissen was er von Trump halte. „Nichts“,  sagt er.“ Ich zolle ihm keine einzige Minute Aufmerksamkeit.“ Seine Schwester lebt schon lange in den USA.

Trotzdem; das Thema ist für ihn erledigt.  Er wendet sich wieder der Hitlerbiografie zu.  Ich bin mir nicht sicher ob er dieses Buch wirklich noch lesen kann, aber ich füge mich. Er wird nicht aufhören danach zu fragen, bettlägerig oder nicht. Ich kenne ihn.

Gestern also eine Whats App geschickt mit Foto vom Buch. Ich hab ihn! Muss es nur noch schnell selbst lesen.

„Soll das ein Witz sein?“, fragt mein Vater zurück. „Denkst du das ich unsterblich bin?“

1600 Seiten sind noch zu lesen.

Lesung von Sasa Stanisic im Literaturhaus Kiel „Fallensteller“

Fallensteller Cover 006

Die Räumlichkeiten im Kieler Literaturhaus, die fände er doch immer wieder besonders. „Der eine Teil des Publikums sitzt links, der andere rechts. Und sie wissen nichts voneinander.“

Stanisic stellt an diesem 4.April 2016,  im  bis auf den letzten Platz besetzten Literaturhaus seinen Erzählband „Fallensteller“ vor.

„Einen wunderschönen guten Abend. Ich freu mich, dass ich hier bin. Wir glauben ihm das.“

Wer in den Genuss des Vorablesens kam, könnte „Lada“ sprechen hören. Der aus Fürstenfelde. Die Lesung aber führt nicht nach Fürstenfelde in der Uckermark, sondern geradewegs ins Flugzeug auf den Weg nach Brasilien.

Seit dreißig Stunden sitzt dort Georg Horvath, Justiziar, neben einem Fluggast aus Fernost. Georg Horvath ist verstimmt. Verstimmt weil auch nach dreißig Flugstunden,  jetzt über Rio,  das Lichtermeer eher ein Lichter mehr ist und sein Sitznachbar ihn noch immer ignoriert. Aktiv ignoriert durch sorgsames  Falten von Bonbonpapier zu Quadraten.Den Inhalt  hat sich der Fernostler während des Fluges in großen Mengen einverleibt. „Wieviele Bonbons verträgt der kleine Magen?“, fragt sich Horvath. Das es ihn nach seiner Ankunft im Flughafen,  auf der Weiterreise bedingt durch ein Taxiverwechslungsmissgeschick statt in die „Cervejaria Vogelbräu“ in den Dschungel verschlägt erscheint nur folgerichtig. Eine kafkaesk anmutende Geschichte beginnt.

Etwas später wird das Publikum mitgenommen auf ein Rheinfloß in einer Rheinstadt. Zum Klang von Liedern vermutlich gegen Sklaverei,  übt Mo den kosovarischen Augenaufschlag um die christliche Menschenrechtsaktivistin Rebekka  auf einem Rheinfest christlicher Menschenrechtsaktivisten zu beeindrucken.

Skurril.

Und es macht neugierig auf die anderen Erzählungen, deren Ton sich (zumindest die der gelesenen zwei Erzählungen) deutlich unterscheidet vom Ton der Romane „Wie der Soldat das Grammofon repariert“ und „Vor dem Fest“.

Stanisic ist ein sprachgewandter Schelm. Einer mit Narrenkappe und klaren Blick. Ein Rattenfänger dem das Publikum gebannt folgt. Sprachlich virtuos, scharfzüngig, liebevoll und listig so sind die Zuschreibungen der Zeitungskritiken.

Fragen durch das Publikum gab es nur eine. Die nach der Komplexität der Figuren und der Aktualität seiner Texte. Das sei nur möglich, so Stanisic, weil er seine Texte für Einflüsse von Außen offenhalte.

„Wir wissen auf so einen bist du nie vorbereitet, mit seinem Gepäck voller Allerlei, Sprache, Mut und Zauber.“

Ein Abend voller Magie im Literaturhaus in Kiel.

Auf Deutschlandradio/kultur erschien heute eine Rezension/ für die die noch etwas mehr wissen wollen: hier