2. Oktoberwoche 2019

„In Halle ist Terror.“

Das sagt der Gatte, als ich von der Arbeit komme. Ich glaube ihm nicht.

Später rufe ich bei den Hallensern an, „Wss ist los bei euch? Und in was für besch… Zeiten leben wir eigentlich?

„Ich muss los“, sagt meine Mutter, „zum Yoga“.

„Du kannst nicht zum Yoga“. Es fahren keine Straßenbahnen mehr. Die Havag hat den Betrieb lahmgelegt. „Dann laufe ich“, sagt sie. „Ich sehe das nicht ein, wegen so einem gestörten Menschen mein Yoga ausfallen zu lassen. Sie ist 76. Ich bin mir sicher sie läuft. „Pass auf dich auf“, sage ich und telefoniere dann mit der Verwandtschaft. Wenn etwas vorherrscht dann Betroffenheit.

Mir fehlen die Worte. Ich lese die Stellungnahmen von allen Seiten.

Von Anna fordere ich, dass sie den neu gekauften Alphapullover in die Altkleidersammlung gibt oder besser gleich ganz vernichtet. Ich würde ihr das Geld wieder geben.

Ich schweife ab. Mir fehlen die Worte Das der Antisemitismus wieder salonfähig ist, ist furchtbar.

Meine Gedanken sind bei den Opfern und deren Familien.

Gesamtdeutsche Sequenzen

In dieser Nacht las ich „In Zeiten des abnehmenden Lichts“.

Im Spiegel stand sinngemäss, man solle jetzt mal aufhören mit dem Erzählen immer wieder kehrender Geschichten aus der DDR und sich gesamtdeutschen Thematiken zuwenden.

Achso.

Die Frage nach den ostdeutschen Genen, könnte ja vermuten lassen, dass ich in der eigenen Familie, als Jemand mit Migrationshintergrund empfunden werde.

Also bitte, keine Erinnerungen mehr an Dederonbeutel, Kaufhallen, Personenkulte, Parteilehrjahren, Plaste und Elaste aus Schkopau.

Abends Gundermann gesehen, der wurde wegen prinzipieller Eigenwilligkeit aus der Partei ausgeschlossen.

Es ist Herbst.

Samstag

Noch ist es dunkel. Kein Auto fährt. Ich taste müde nach dem Schalter der Nachttischlampe. Die Vogeluhr schläft. Alle Stimmen verstummt, das Klappern der Tastatur, das Trappeln der Hundepfoten über den Boden. Regentropfen wie Geschosse pladdern an die Fensterscheibe.

Ich greife zu Kershaw : Achterbahn.

Es sind die Nächte, die das Lesen ermöglichen. Um die fünfte Stunde schlafe ich ein und verschlafe den beginnenden Morgen, „den Hexensabatt von Geräuschen, die durch Wände und Decken dringen, Türenknallen und morgendliche Badezimmergänge, das Rauschen der Wasserspülungen.“ Ich versuche mich beim Aufwachen an die Träume zu erinnern.

Wenn es Kaffee nicht gäbe…

Ich lese ein wenig in der Tageszeitung, lege sie kurz darauf wieder weg.

Gegen 9.30 verlasse ich das Haus, fahre durch die noch stille Stadt am Wasser. Manchmal finde ich sie schön.

Es regnet, es ist kalt. Ein paar Jollen am Fischmarkt ducken sich unter dem tief liegenden Himmel.

Ein einzelner Baum trotzt der herbstlichen Melancholie.

„Es soll Sturm geben“, sagt der Sohn.

Gestern also las ich noch einmal Ian Kershaw, außerstande alle Zusammenhänge zu verstehen, auch bei Ruge verstand ich sie nicht.

Heute nachmittag sah ich, wie drüben auf dem verwilderten Grundstück sich einer heimlich die Quitten vom Baum holte. „Wenn die Sonne auf die Früchte fällt, schmerzen dir fast die Augen von dem intensiven Gelb. Erinnerst du dich, dass wir früher am Wegrand den Huflattich pflückten und ihn zur Apotheke brachten. Das besserte unser Taschengeld auf, für das wir uns Cuba Bonbons und klebrige Vitamalz Cola holten.

Ostdeutsche Gene und Bitte an die Kanzlerin/Nachtrag zum 3.10.

„Sind wir eigentlich halb ostdeutsch?“, fragt mich mein Sohn.

„Wie meinst du das?“

„Ja , ob wir ostdeutsche Gene haben?“

Ich lache Tränen. „Frag mal den Biolehrer“, schlage ich vor.

Aber auch Karla wundert sich, dass ich das so lustig finde.

Der Gatte will nicht mit zum Sachsen-Anhalt Zelt. Wir streiten uns. Ich werfe ihm mangelndes Interesse an meiner Herkunft vor. Er mag aber keine Volksfeste, egal welcher Art.

Allein will ich nicht nach Sachsen-Anhalt.

Am Morgen eine Whats App von der Mutter meiner 7 Jährigen Großcousine aus Leipzig: „Guten Morgen, falls du Angela Merkel siehst: Lucie würde gern wissen warum Erwachsene rauchen dürfen und wieso es erlaubt ist Tiere zu essen.

Ich war nur kurz in der Stadt. Angela Merkel hab ich nicht gesehen, aber die Scharfschützen auf dem Dach. Den Festakt sah ich mir im Fernsehen an und war berührt von der Atmosphäre. Reden die etwas sagten, eine Sandkünstlerin die unglaublich war und die großartige Musik.

„Lütt Matten hat mich ins Herz getroffen“, schrieb jemand auf Facebook. ‚Es hatte so einen Esprit, Natürlichkeit und so eine hohe Qualität. Ich war auch sehr angetan, weil es einfach so frisch, peppig und groovig war.

Als Wiedergutmachung, sah der Gatte am Abend mit mir: „In Zeiten des abnehmenden Lichtes.“

Nun ist der 3. vorbei. Ich habe frei und entdecke beim Lesen von „Lütten Klein“ den singenden Baggerfahrer.

Der dritte Oktober

Im 30 Jahre alten Tagebuch steht mein Trainingsplan. Gebraucht habe ich ihn nicht.

August 89

Ich saß draußen in der Dunkelheit und konnte durch das Fenster A. dabei zuschauen, wie sie Puppenköpfe modellierte. Ich rauchte F6 oder Cabinett. Es war eine warme Sommernacht, meine letzte Nacht in der DDR, meine letzte Nacht im Katharinenhof in der Nähe von Bautzen. Es muss August gewesen sein. Das Wochende lag vor mir.

Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Bautzen. Das weiß ich-vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht hatte mich auch die alte Frau K. in ihrem Auto mitgenommen, als sie zum Einkauf fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Zug stieg. Ich erinnere mich an die Grenzkontrolle zur CSSR. Ich erinnere mich daran kaum Angst verspürt zu haben.

Ich ging einfach.

Warum, lässt sich schlecht sagen. Die Erinnerung täuscht. Ich vermag mich in dieses junge Ich kaum noch zurück zu versetzen. Vielleicht war es dem Gefühl geschuldet, nach dem nicht Eintritt in die SED keine Optionen mehr zu haben. Ent-täuschung hatte stattgefunden. „Wollen wir heute das Morgen bauen“ galt nicht mehr. Vielleicht war es auch das Reisen wollen. Ich trampte damals oft . Guben-Halle Neustadt.

Halle-Neustadt-Berlin,

Halle-Neustadt-Budapest, so weit man eben kam.

Vielleicht hat das nicht mehr genügt.

Keleti/Budapest

Geplant hatte ich zu der Botschaft in Budapest zu gehen. Diese war wegen Überfüllung geschlossen. Jemand der mich ansprach:

Kommen sie aus Deutschland?

Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie zurück?

Nein.

Dann kam das Taxi und fuhr mich in das Zeltlager der Malteser.

Ich hätte Angst verspüren müssen, aber ich erinnere mich nur an einen kurzen Funken Misstrauen.

Ich hatte eine „Kraxe“ auf dem Rücken. Die ARD filmte mich, beim Betreten des Zeltlagers.

IHier blieb ich bis zum 11. September.

Tagsüber streifte ich durch Budapest. Ging schwimmen, las in Cafes. Ich verspürte kein Angst. Noch immer nicht. Ich verspürte kein Ungeduld, keine Erwartung.

11. September:

Mit dem Trabbi wurde ich über Wien nach Passau mitgenommen.

Der Empfang war euphorisch. Ich war nur wenig älter, als es meine ältesteste Tochter jetzt ist. Ab Passau reiste ich wieder allein.

Der Grenzbeamte in Passau, der mir ungläubig zuhörte, als ich sagte ich sei allein und wüsste auch nicht wohin. Der gab mir die Adresse in Heidelberg. Ich zog es nicht in Betracht meine Großmutter anzurufen. Als ich es später doch tat, sagte sie genervt: Ich weiß nicht was ihr hier alle wollt. Wir haben genug Arbeitslose.“

Kommen durfte ich als ich Wohnung und Arbeit gefunden hatte. Ich

hauste in einem winzigen Zimmer, einer Kajüte, keine Küche , kein Bad, dafür aber mitten in der Altstadt. Klo halbe Treppe. Das war mir vertraut. Unvertraut waren die japanischen Reisegruppen, die nachmittags manchmal den Hinterhof bestaunten.

Das Heidelberger Jahr war ein besonderes Jahr mit wunderbaren Menschen, Spaziergängen auf dem Philosophenweg, grasen am Neckar und einem Gefühl von Abenteuer und Glück.

Ich hatte die DDR loswerden wollen, in Wahrheit war sie mir ganz nah. Sie liess mich nie los.

Um so älter ich werde, um so näher rücken die Erinnerungen und sie überfallen mich geradezu an tagen wie Diesen..

Kiel richtete dieses Mal den Tag der Deutschen Einheit aus. Auf den Dächern Scharfschützen.

Über das Lesen

Mir wäre es lieber, die Teenager würden Thomas Mann lesen oder Balzac. Sie lesen Fantasy, relativ ausschließlich.

Ich lese querbeet Snowden, Grass und Ranicki, Winnemuth. Der Alltag beansprucht mich, Joyce geht nicht, Proust geht nicht, Thomas Mann geht nicht.

Die Bücher rufen, sie quengeln , besonders Joyce, aber es nützt ja nichts. Die Liebe zum Lesen wurde durch mein Elternhaus angelegt, nicht in der Schule. Meine Deutschlehrerin vermittelte stets den Eindruck nicht am richtigen Ort zu sein. Sich mit Jugendlichen, die von selbst nie ein Buch anrühren würden, abzumühen, erschien ihr vermutlich wie Fronarbeit. Die stets latent vorhandene Überheblichkeit brachte uns definitiv nicht zum Lesen. Lustlos wurden Aitmatow und Goethe heruntergespult. Deutsch wurde für uns zur Fronarbeit.

Wieso konnte Ranicki mit 12 Jahren Balzac lesen?( beschrieben in „Das Duell“) Wieso können meine das nicht? Wieso konnte ich das nicht? Wieso vermag ich es jetzt nicht?

Der Herbst ist da. Mit Sturmböen und schräg fallenden Regengüssen, Quitten die Hund sich vom Tisch klaut, einer mageren Apfelernte und Herbstzeitlosen. Im Garten balgen sich die Eichhörnchen, wenn sie nicht beim rastlosen Sammeln von Haselnüssen sind. Die Haselnüsse sind in diesem Jahr erstaunlich oft nur Schale. Keine Nuss im Innern. Keine Spur die auf den Räuber hinweisen würde.

Die Eichelhäher krächzen im Wäldchen, die Wildgänse ziehen. Es ist endlich Herbst.

I

Versuch über Plattenbauten und der Sehnsucht meines Vaters nach Mandelbäumen

„Geh nicht“, diesen Satz hatte er 89 schon einmal gesagt. Das war im Juli.

Es ist Herbst geworden in Kiel, in Ludwigshafen flirrt noch der Sommer vor den Fenstern. Stickige Krankenhausluft. „Geh nicht.“

Er erzählt von der alten Frau R. die ihn schon erwarten würde, mit Bratpfanne in der Hand. Mein pfälzischer Bruder der sagt: Das ist das schlechte Gewissen. Er hat dich manchmal zu spät abgeholt oder?“

Ja, Frau R. in Dederonschürze, alt wie ein Baum, immer mit einem Glas Kekse bewaffnet, war sauer weil das ihre Arbeitszeit verlängerte. Ich war krippenuntauglich. Ich war ein schwächliches Kind, vermutlich eine Folge des zu früh geboren seins. Hab mich schon früh dem Kollektiv entzogen. Sie pflegte auch das Rosenbeet vor unseren Plattenbau mit Hingabe.

Meinen Bruder habe ich nicht nach seinen Erinnerungen gefragt. Sein Vater war jung, meiner in den besten Jahren und mit einem Bruch hinter sich.

Wieder zu Hause lese ich „Nachwendekinder“ von Johannes Michelmann. Es berührt mich wenig, die Erinnerungen haben wenig mit meinen Erinnerungen gemeinsam. Es wäre ein Buch , welches meine Kinder hätten schreiben können wären sie etwas älter gewesen, aber die interessiert die DDR kaum. Nur Karla fragt manchmal nach.Es gibt kein Schweigen, keine unaufgedeckten dunklen Flecken. Die Betonung liegt auf unaufgedeckt. Dunkle Flecken gibt es.

Es existierten

Dinge die nicht zu verstehen sind. Die Nachwendezeit habe ich nur am Rand mitbekommen. Ich hatte mich derweil nach Schottland geflüchtet. Meine Eltern verloren beide ihre Arbeit, die Arbeit die sie dann fanden entsprach nicht mehr ihren Qualifikationen.

Ich habe noch einen jüngeren Bruder, der damals mit 14 Jahren in die Pfalz verpflanzt wurde. „Hast du das Buch Nachwendekinder gelesen?“, frage ich via What’s App. „War es wirklich so schlimm?“

„Ja“, sagt er, „das Buch hat mir aus der Seele gesprochen.“ Die Pfalz- offensichtlich kein Sehnsuchtsort für ihn.

Ungeordnete Erinnerungen.

Ich habe eine Schwäche für Ludwigshafen. Es ist so bodenständig, unprätentiös, rau und lebendig. Es ist nicht der Pfälzer Wald von dem mein Vater immer sprach. Und ich gestehe, manchmal fühle ich in Plattenbausiedlungen ein seltsames Heimatgefühl aufkommen.

Dienstag, was ich sah

Die Mandelbäume blühen nicht. Der Rhein fließt ruhig. Ein dürrer Mann um die siebzig ruft etwas auf Italienisch über den Platz. Verschwörisch sagt er zu seiner Nachbarin. Das war mein Enkel, der ist bei der Mafia.

Laut ist es, fröhlich ist es und sommerlich warm, aber auch vom Prekariat geprägt. Ich sah einen sehr jungen Arzt der sich Zeit nahm. Ich sah jede Menge Multi Kulti. Ich sah den Handelshafen.

Montag

Die Schlaflosigkeit treibt mich um. Ich beschließe das Küchenverbot zu umgehen. Anna hatte sich am Nachmittag in der Küche verbarrikadiert.

Still ist es, blitzsauber ist die Küche. Alles schläft. Vom Tisch blickt mich furchtsam ER an.

Monsieur, ich befürchte sie suchen die verloren gegangene Zeit. Da haben wir etwas gemeinsam.

Was für ein Geburtstagskuchen.

Als Novemberkind war ich gedacht. Ich hatte es eilig. Und ich schicke meinen Dank zu den zwei jungen Ärzten die damals das Leben meiner Mutter und das meine retteten.

Gegen 6.00 servieren die Kinder Madeleines und Lindenblütentee.

„Wir haben nachgelesen“, sagt Anna. Die Madeleines sind als Madeleines optisch nicht zu erkennen, im Geschmack aber sind es eindeutig Madeleines.

Nein den Proust den kann ich zum Verspeisen nicht freigeben. Vorsichtig heben wir den Kopf vom Thron. Den Rest des Kuchens packe ich ein und fahre zur Arbeit. Im kleinen Grauen stelle ich den Kultursender ein. Circe wird vorgelesen.

Nach der Arbeit erzählt Anna, sie hätten in der Schule vom Proustkuchen erzählt, aber niemand hätte gewusst wer Proust sei.

So viel lässt sich sagen: Ich würde die Suche gern wieder aufgreifen.