Kulturtechniken

Es ist wie beim essen. Was der Bauer nicht kennt. Wir haben das Pubertierrudel nach durchfeierter Nacht schlafen lassen. Abends gab es eine Pflichtveranstaltung ohne Benennung des Ziels. Das Ziel war dieses Mal das Kulturforum mit der Improvisationsgruppe Tante Salzmann. Die Pubertiere erst nölend,  waren begeistert, der Gatte und ich auch. Das letzte Mal hatte ich Tante Salzmann gesehen,  als ich noch solo und kinderlos war. Grandios noch immer.

Um kulturtechnisch gesehen nicht nur Nudeln zu essen, gibt es Pflichttermine in unserer Familie. Probiert wird alles. Tante Salzmann, so beschlossen alle einhellig, wird in die Kür aufgenommen. Um Gerechtigkeit walten zu lassen, darf jeder in unserer Familie einen Pflichttermin im Monat bestimmen. Diese Regel ist neu.

Ich bin ziemlich müde. Eine volle Arbeitswoche, ein Wochenendseminar und eine Pubertiernachtparty liegen hinter mir.

Ich lese Herrndorfs Arbeit und Struktur. Zum dritten Mal.

 

 

Outdoortage und Anderes

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Am Vormittag versucht Feuer zu machen mit Stöcken, Steinen, Distel und Zunder. Später Sand und Feuersteine gesucht, Donnerkeile und Seesterne gefunden. Seeschwalben beobachtet, Lehm bearbeitet, Teamspiele veranstaltet. Die Fortbildungstage sind richtig gut.

Verpasst habe ich Karlas Ritt auf dem neuen Pferd und Julius Cellovorspiel. Zuhause angekommen, ist das Haus voller pubertierender 13Jähriger. Während man Mädchen in diesem Alter kaum merkt, auch wenn sie gebündelt auftreten, sieht das bei den Jungs anders aus. Laut und wild.  Julius feiert in seinen Geburtstag hinein.

Ich werd mir noch mal Haselstöcke schneiden, den Feuerversuch wiederholen. Lese gerade „Wir Weicheier“. Nicht meine gängige Literatur, aber in dem was van Creveld zur Kindheit schreibt, gebe ich ihm Recht.

Karla hatte Probeunterricht in Latein und Französisch. “ Und wie wars?“

In Latein wusste ich zwei Wörter: Sklave und Schwert.“

Und Französisch?

„Da hab ich die Marseillaise gesungen. Ganz alleine“

Frage mich welches Licht das auf unsere Familie wirft.

 

 

Benimmregeln im Bus-Madam Poppins unterwegs

Wir saßen gerade im Bus, auf dem Weg zum Strand. Die Kinder noch müde, das Wetter für nordische Verhältnisse ungewohnt warm. Alle Sitzplätze waren belegt, als eine ältere, rüstige Dame einstieg und einen jungen Mann südländischen Aussehens aufforderte ihr den Sitzplatz zu überlassen.

Er stand auf, auf seinem Fussballshirt stand ein Name südländischen Klanges. Er trug Kopfhörer. Die ältere Dame sagte etwas zu ihm, dem Gesichtsausdruck zufolge etwas energisches. Der Fußballshirtträger nahm die Kopfhörer ab.“ Wie bitte?“, fragte er. Mit russischen Akzent wiederholte sie ihre Aufforderung deutlich vernehmbar. “ Mach den Mund zu beim Kaugummikauen. Das sieht nicht schön aus und älteren Menschen macht man Platz. Wenn du dich schlecht benimmst, werden die Leute sagen: schau mal wieder diese Ausländer, können sich nicht benehmen. Das ist nicht gut. Mach den Mund zu beim Kaugummikauen.“ Dann ahmt sie seine Mundbewegungen nach. „Schau mal das sieht doch nicht schön aus.“ Versöhnlicher setzt sie hinzu: Ich bin auch Ausländerin, ich weiß wie sich das sich anfühlt. Wo kommst du denn her?“

Liebe Dame, sollten sie diese Zeilen lesen so biete ich Ihnen hiermit einen lukrativen und fordernden Job. Es erwarten sie drei Jugendliche im besten Alter. Mit besten Wünschen ihre Xeniana

 

Der Tag an dem ich mich selbst beschenkte-Holz hacken lernen

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„Das wird der Tag an dem ich Holz hacken lerne“, verkündete ich großspurig beim Muttertagsfrühstück.

Gestern hatte ich der Nachbarin beim Sensen zugeschaut und später die Kinder beim Holzhacken bewundert, während der Gatte und T. die Bäume zersägten.

„Das kann so nicht weitergehen. Was die Kinder können kann ich auch.“  Also raus in den Garten, fester Stand, Axt in die Hand und…

Dieses Ding war schwer. Hatte ich es mühsam über den Kopf erhoben, reichte die Kraft zum Schwung holen schon nicht mehr und die Axt schlug nur sanft auf dem Holzklotz auf. Auf nicht Ein. Nicht die geringste Spur hinterließ der Schlag.

Nach zehn Minuten gab ich entnervt auf und versuchte mich im Schnitzen von Maipfeifen. Misserfolg auch hier. Also wieder zum Holz. Fluchend versuchte ich es wieder. Über Stunden.. Irgendwann war das erste Holz gespalten.

Motiviert fuhr ich in die Kita um den Rasen nachzusäen und zu düngen. Es muss an der sozialdarwinistischen Literatur liegen die ich im Moment bewältige. Gestern Mohler gelesen. Jedenfalls motiviert er mich zum Schaffen.

Jetzt brennt das Feuer im Garten. Ein gelungener Tag.

Entmenschlichung

 

„Mama, ich muss dir noch was ganz Schreckliches erzählen.“ Dann folgt eine Schilderung über Menschen, die in Züge gepfercht wurden.“ Und weißt du was man dann mit ihnen gemacht hat? Hitler hat sich überlegt wie er sie auf die billigste Art töten kann. Und das war Gas. Was ich aber am schrecklichsten fand: die haben den Menschen eine Nummer eingebrannt. Verstehst du? Damit sie sich nicht mehr als Mensch fühlen und von anderen nicht als Menschen gesehen werden.“

Sie erwartet ein Statement, während ich über einer Vorbereitung brüte. „Ja es stimmt, sage ich, damals ist Furchtbares passiert.“ Ich gehe nicht näher darauf ein, weil ich mich unfähig fühle ihr das zu erklären. Sie ist 11. Noch weiß ich nicht, wie ich ihr diesen Wahnsinn erklären soll.

 

 

Standortbestimmung

 

Heute morgen hatte ich mir angeschaut, worum es bei Call of Duty geht. Zugegeben, fast habe ich das Wegwerfen bereut, denn unter dem geschichtlichen Aspekt ist es sicher interessant. Dennoch: es ist ab 18. Soll der Sohn, wenn er denn will, mit achtzehn die Nächte durchzocken. Er ist dann erwachsen. Erziehung beinhaltet für mich, Werte mitzugeben.

Ich lese im Moment Mohler, Benn, Abende in Schnellroda, setze mich mit Argumentationen von Rechts auseinander. Langweilig ist das nicht, im Gegenteil.

 

 

Ruf der Pflicht-Alltagssplitter

„Zeig mal, was hast du dir denn gekauft?“ Der Sohn zeigt eine DVD. „Und das Andere?“  Verbirgt er. Nach einigen demonstrativ strengen Worten, zeigt er ein Computerspiel: „Call of Duty“.  „Ich dachte wir hätten das besprochen.“  Das Spiel werfe ich in den nächsten Mülleimer, versehen mit der Drohung, dass wenn ich Selbiges auf dem Handy fände, es in den Müll hinterher fliegen würde.

Abends mit dem Gatten im Theater gewesen. Wir sahen „Schwarze Schocker“ von Deichart im Werftparktheater und empfehlen es hiermit den Kielern, die es noch nicht sahen, unbedingt weiter. Auf dem Weg zum Theater, nach dem Theater bis Mitternacht, am nächsten Tag nach dem Frühstück, nach dem Wahlgang, stritten wir. Neu ist, dass es dabei nicht mehr um Haushalt und Kinderbetreuung geht, sondern stets um Politik.