Montag

Der Gatte rührt in den Töpfen. Er fragt nach Terminen und to do Listen.

Er solle zuhören, sage ich und lese vor. Bei der Geschichte mit der Großmutter entscheidet er sich für Realismus.

Ich bin lieber Drachen jagen gegangen.

In der Zeit gelesen, dass Commerz und Deutsche Bank fusionieren wollen.  „Wusste ich gar nicht.“

„Du interessierst dich ja auch nicht.“

Ich erwidere nicht, dass das Geld verdienen, putzen, Gassi gehen, Wäsche waschen, Berichte schreiben alle Zeit für Interesse verschlingt. Er ist Realist, er würde Zeit finden durch Disziplin und Zeitmanagement.

Ich trinke Cappucino aus Tüten und erfahre etwas vom „Page 99 Test“.

Dann Bräunigs „Prosa schreiben“ aufgeschlagen: „ordnendes und veränderndes, erinnerndes Erfinden auf ein Gegenüber hin. “

Zeitform: Präsens

Ich habe meinen Vater nur einmal weinen sehen. Es war der Tag als ich ihm erzählte, dass „Rummelplatz“ erschienen war. Auch hier war die Luft stickig und heiß, während draussen die Mandelbäume blühten. Klinikum Mannheim 2007.

Sonntag-Der Fall des W.B.

„Polenta oder Kartoffeln?“, rufe ich nach oben.

„Polenta!“ kommt es einstimmig zurück.

Ich koche nicht besonders gern, das gestehe ich. Heute gibt es Polentaauflauf mit Topfen und jeder Menge Olivenöl.

Ich habe meine Bücher sortiert; in gelesen und nicht gelesen.

Auf der Haben Seite sind etwa 100.

Auf der Haben aber noch zu lesen sind es 250. Darunter noch 3 Bände „Recherche“, Ulysses, Kafka, Dostojewski, Shakespeare.“

„Herkunft “ werde ich heute Abend leider beenden. Ich werde später darüber schreiben, das Buch eine Klasse für sich. Stanisics Art des Schreibens ist Können und Magie. Man will die letzte Seite seiner Bücher nicht lesen, außer man fängt direkt von vorn an.

Ich hatte überlegt danach mit dem „Lärm der Zeit“ von Barnes anzufangen, aber Bräunig tritt mir auf den Zehen herum. Schon seit geraumer Zeit, so behauptet es Sina und die muss es wissen. Wir whats appen täglich. „Rummelplatz“ habe ich gelesen, „Ein Kranich am Himmel“, „Prosa schreiben“ und „Gewöhnliche Leute“ stehen noch aus.

Neulich war ich in einem genial inszenierten Theaterstück: „Jeder stirbt für sich allein. “ Plötzlich stand da mein Vater auf der Bühne mit Hornbrille und Pfeife. Mein Verhältnis zu meinem Vater ist ein zwiespältiges und Werner Bräunig spielt eine Rolle. Ich bestelle beim ZVAB das Buch „Stunde der Phantasten“ mit dem Artikel : Der Fall des W.B.

„Geh von meinen Füßen herunter“, murmle ich. Dieser stetige Zeitmangel macht mich wahnsinnig, Ständig ist Wäsche aufzuhängen, zu kochen, zu putzen, zu chauffieren.

Ein Ausflug nach Bösewig wird geplant. Mit dem Rad an der alten Elbe entlang. Im Gutshof in dem mein Großvater lebte wurde  „Liebesau“ gedreht. Beim letzten Besuch war ich 10 Jahre alt.Liebesau Film, Bösewig

„Will jemand mit zu „Spatz und Engel?“

„Ich!“ ruft die Jüngste.

Der Nachbar klingelt, die Sonne scheint, Osterglocken und Traubenhyazinthen blühen. Die Magnolie wird nicht lang auf sich warten lassen. Ich will einen Mandelbaum.

„Herkunft“ lesen von Sasa Stanisic -Tag 3

Mit den Sentimentalitäten ist es schnell vorbei. Während ich mal wieder auf Karla warte, sitze ich in der Frühlingssonne, lese den Abschnitt über den nach Titos Tod aufflammenden Nationalismus in Jugoslawien, inklusive der immer gleichen nationalistischen Mechanismen. Eine Zusammenfassung die ich einrahmen und für jeden sichtbar aufhängen werde. Während dessen heulen die Wolfshunde.

dav

Ich überlege wie ich weiter vorgehe. Ständig steigen Bilder in mir auf von Ereignissen, stark emotional eingefärbt, die mich aber das Buch nicht wirklich erfassen lassen. Das Denken kommt nicht zum Zug. Ein Weg wäre es so nehmen wie es ist. Ich lasse die Bilder aufsteigen, lese ausschließlich in Bezug auf mich selbst, verblogge das und lese dann noch ein zweites Mal.

Erinnerung Reise Zagreb-Deva (vermutlich 92):

Ich rechne nach: im Juli 89 kam ich in Heidelberg an. Erst Übersiedlerlager, dann gediegene Behausung in der Innenstadt, später ein Zimmer ohne Wasser und Toilette. 1990 Schottland. 1992 Frühling Rückkehr. War es 1992? Wir fuhren mit einer Gruppe Jugendlicher nach Kroatien, ich selbst hatte gegen Ende der Fahrt ein Bewerbungsgespräch in Deva/ Rumänien. Ich weiß noch, dass ich in Zagreb abends strandete in einem beklemmend anmutenden Hotel mit Stahltüren und mit dem 4. 00 Uhr Zug Richtung Budapest weiterfuhr.

Im Abteil saß ein übergewichtiger Mann in den Fünfzigern und ein ´Jugendlicher/junger Erwachsener. Ich habe die Geschichte hier schon mal erzählt. Der junge Typ (südländischer Typus) bekam Besuch von einem Freund, der aber kein Ticket für diese Preisklasse besaß. Er sprach auch deutsch. Der Übergewichtige war Serbe und in kürzester Zeit entbrannte ein Konflikt, der sich in Wut und Zorn entlud. „Ich will hier nur kurz stehen und sprechen“, erklärte er mir noch: „Er ist Serbe und hat ein Problem mit mir.“ Ich weiß noch, er witzelte herum, während der Serbe mit hochroten Gesicht den Schaffner verständigte. Beim nächsten Halt wurden dem Jugendlichen von der Polizei die Arme auf den Rücken gedreht und aus dem Zug gebracht. Im Abteil schwieg man. In Budapest stiegt ich aus. Die Beklemmung wich erst, als ich auf meinen alten Wegen in Budapest herumlief und an die Übergangszeit dort dachte. Ich war noch einmal in Jugoslawien, auf einem kleinen Hof wurde ich in die Geheimnisse der Käseherstellung eingeweiht, während der Pianist in Subotica ein Konzert gab. Wir sangen Schto si lenno, Aide Jano und Magla padnala dolina.

Meine Eltern mochten Tito.

Über den Versuch Herkunft von Stanisic zu lesen und warum ein neuer Staubsauger fast eine Kartenbestellung im Theater ruinierte

Gerade will ich ins Haus, da hält das Paketauto und stellt ein nicht ganz kleines Paket vor unserer Tür ab. „Für uns? Sind sie sicher?“

Yeah, das ist der Staubsauger ruft Julius, der Neue ! Umgehend beginnt er das Paket aufzumachen, ich versuche mir Karten im Theater zu bestellen. Ich will zur Derniere von „Spatz und Engel“. „Julius““ rufe ich genervt, jetzt mach doch mal den Staubsauger aus!“

„Können sie mir den ausleihen?“, fragt die Kartenverkäuferin.

„Wen? Julius? Ach nein, den würd ich gern selbst behalten.“

“ Oder sie verraten mir ihre Erziehungstipps“, schlägt die Dame am anderen Ende der Leitung vor.

„Ist neu“, sage ich und meine damit den Staubsauger. Das ist das ganze Geheimnis. Sie hätten mal sehen sollen wie Vater und Sohn nächtelang nach einem geeigneten Modell gesurft haben. Technische Parameter wurden akribisch verglichen. Das Putzen wird an mir hängenbleiben. Sie bekommt einen Lachanfall. Ich auch. Fast wäre aus dem Kartenkauf nichts geworden.

Ich putze und als es nichts mehr zu putzen gibt sinke ich in den Sessel. „Kannst du die Zeit stoppen, Mama?“ Karla übt einen Monolog ein. „Willst du nicht lieber etwas lustiges nehmen?“

„Nein, das soll es sein. Passt zum Lied.“

Eine Stunde später sind wir fertig. Ich greife zum Buch. Anna kommt mit einer Klassenkameradin. Sie kochen und reden über ihre Lektüre. Fantasy.

Zum Lesen zu kommen, gleicht einem Glücksspiel. Es funktioniert einfach nicht. Als der Gatte spät von der Arbeit kommt, diskutieren wir über Blockaden, Monopolstellungen und kostspielige Umgehungsstraßen, die allein deshalb kostspielig sind, weil man erst mal hinkommen muss.

Trotz des sequenzartigen Lesens, nehme ich aus dem Buch etwas mit in den Schlaf. Herkunft. Kann man, aus einer Stadt wie Halle-Neustadt kommend, irgendwo hin gehören? Das Haltbarkeitsdatum der Stadt ist bereits abgelaufen. Kann man irgendwohin gehören, wenn bei der Frage nach der Herkunft der Großmutter ein globales Ostpreußen steht, niemand etwas Genaueres weiß und der Urgroßvater als Baby auf den Stufen einer pfälzischen Kirche in einem Pappkarton gefunden wurde? Kein Strom von Vergangenheit auf den man sich berufen könnte. Ich wuchs im Block 999/9 auf. Der Block war damals neu erbaut und steht heute nicht mehr. So war das Credo: eine neue Stadt für neue Menschen. Chancengleichheit für alle, aber nicht fürs Bildungsbürgertum. Neues Gedankengut mit Denkkontrolle und geförderten Denunziantentum, vielleicht war das eine Gabe die sich mitzunehmen lohnte. Nicht dazugehören zu wollen, keiner Weltrettungsidee Glauben zu schenken.

Und immer wieder ist es der Name Werner Bräunig der sich an die Oberfläche drängt. Dann, wenn Anna als Hausaufgabe „Das Leben der Anderen “ sehen soll und sagt, dass der Film doch gar nicht stimme. Der echte Protagonist hätte selbst geschrieben, dass es so gar nicht gewesen sei.

„Vielleicht nicht für ihn Anna, aber für viele Andere war es genau so. Sie wurden allein dafür mundtot gemacht, dass sie schilderten was sie sahen. Bräunig war ein außerordentlicher Schriftsteller, vielleicht ein Freund unserer Familie, der naiv genug war zu glauben. Der ist am Maulkorb später erstickt oder ertrunken . Das Schlimmste war , dass man nicht auseinanderhalten konnte wer Freund oder Spitzel war.“

Ich spüre mehr als Ärger und beschließe den Weg zur Arbeit zu Fuß zu nehmen.

Der Versuch „Herkunft“ von Sasa Stanisic zu lesen-Sequenz

Irgendwie bin ich immer irgendwohin mit Karla unterwegs. „Glückstag“ , sage ich gut gelaunt. Mein Lieblingsschriftsteller hat ein neues Buch geschrieben. „Der von der Rolltreppe.“

„Meinst du den aus der Schweiz? Nee der ist doch schon tot.“ Karla geht singen üben. Ich hole mir „Herkunft“, setze mich in das Cafe unterhalb der Bibliothek , bestelle mir Cappuccino, schlage das Buch auf, lese ein paar Sätze. Der Text verschwimmt. Ich bin fünfzig, fast, auch wenn ich mich nicht so fühle ist es so.

In diesem Alter sitzt man nicht in Cafes während einem emotionale Turbulenzen heimsuchen und den Text verschwimmen lassen. Es geht mir mit keinem anderen Buch so, nur bei „Wie der Soldat das Grammofon repariert „und „Vor dem Fest“ berührt die Sprache sofort und unmittelbar etwas in mir, was das Lesen zunächst verhinderte. Ich will nicht „am Konsens vorbei leben.“ Ungeübte Impulskontrolle. Kiel ist ein Dorf, irgendwo ist immer jemand der einen kennt. Ich schlage das Buch lieber zu, bezahle den Cappucino, hole Karla ab die singt: rot, rot, rot steht mir nicht.

Dienstag: Karla vom Ballett geholt.

Stanisic wird im Literaturhaus lesen, ich muss die Strecke noch mal üben um sie hinzubekommen. Auch das ist“ am Konsens vorbei leben. „Entweder kann man mit fünfzig Auto fahren oder man lässt es.

Die Strecke ist kein Problem. Ich habe diese Strasse fünf Jahre lang gemieden, nur um festzustellen das sie kein Problem ist.

„Shit“, sage ich zu Karla, ich werde zu spät kommen.“

Ich komme nicht zu spät, es bleibt noch Zeit für ein wichtiges Telefonat.

Stanisic springt aus einem Taxi. ich sitze an der Rückwand des Literaturhauses gelehnt und telefoniere mit Hamburg. Es geht um Gesang. Der Zug hatte Verspätung, meist ist die Verspätung auf der Strecke Kiel-Hamburg, selten auf der Strecke Hamburg- Kiel.

Stanisic liest. Das Literaturhaus ist vollbesetzt. Er liest schnell und lebendig. Wie ein Kieselstein der übers Wasser springt. Während ich immer und sofort im Fluss untergehe, der für mich aussieht wie der Neckar in Heidelberg.

Ich kam 1989 nach Heidelberg, man nannte es Flucht. In Wahrheit war es ein Grenzübertritt. meine Eltern waren systemtreu. Sie blieben in der Betonstadt. Ich hatte einen Großvater in einem Dorf mit vielleicht 14 Einwohnern, Schweinen, Pferden, Kühen. Ich hatte eine pfälzische Großmutter die ich kaum kannte. Ich wusste nicht wie man Mangos aß und wie man einem Passfotoautomaten dazu bekommen konnte Bilder zu machen, ich scheiterte an vollautomatischen Toiletten.

Wenn ich darüber nachdenke, warum diese Sprache von Stanisic mich so trifft, dann muss es damit zu tun haben, das sie etwas berührt was es nicht mehr gibt.

Glamour

Lange war es hier still.

Die Sonne bricht sich ab und zu durch einen grau schattierten Himmel Bahn. Ich lese in „Briefe an eine junge Pianistin“ von Gidion Kremer.

„Wir leben in einer Welt des Glamours. Glamour verlangt, dass alles sich ihm unterwirft. Er gibt die Normen vor. Was würdig ist, im Rampenlicht zu stehen, auf wen die Strahlen des Ruhmes fallen, bestimmt er.“

„Nach Glamour besteht Nachfrage. Er dringt in alles ein. Auch in die Musik. „

Das Buch berührt, macht nachdenklich. Es fragt nach dem, was Kunst eigentlich ist.

„Was ist eigentlich für jeden Menschen, also auch für jeden Künstler, der wichtigste Orientierungspunkt-oder sollte es sein?“

Die Sonne wärmt durch das Fenster hindurch. Im Nebenraum spielt Julius auf dem Cello „Final Countdown“. Der kleine weiße Hund legt sich um seine Füße, während sich der große schwarze Hund in die nächste Ecke trollt.

Wir werden bald losfahren, Karla von der Probe einsammeln und zusammen zu einem Konzert fahren. Der Frühlingsputz , furiose sieben Stunden, ist gemacht. Die Arbeitswoche halbwegs vorbereitet.

Am Dienstag wird Sasa Stanisic im Literaturhaus lesen, darauf freue ich mich schon.

Euch einen schönen Sonntag.

„Balkanschriftsteller, was für ein Quatsch!“

 

(Beitrag von 2018)

Geträumt:

Hab im Hamburger Bahnhof an einer Rolltreppe gesessen. Alle fuhren nach oben, ich nicht. Auf einem Stuhl, schwer und behäbig, einen Stapel Bücher neben mir. Zu müde und unkonzentriert um zu lesen. Bis dieser jungenhafte Schriftsteller kam, auf die Rolltreppe sprang und rief: „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn! Entweder ist man Schriftsteller oder man ist keiner!“

Ich gab zu Bedenken, dass Herkunft doch prägt. Die Bilder der Sprache, die Landschaft, die Menschen.

„Mich nicht“, sprach er, „ich bin ganz neu.“

Ich hatte Einwände, deutete  auf  die Menschenmenge die mit grauen Gesicht und leerem Blick sich gehetzt durch die Wandelhalle manövrierte.

“ Ich bin neu, immer, jeden Tag.“

„Hej warte“, rief ich ihm hinterher, „versprich mir dass du an einem neuen Buch schreibst!“

„Mal sehen“, sagte er und „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn!“

Erinnerung an einen Abend mit Tee

Einmal habe ich in diesem, ihrem Haus gesessen, nicht im besten Viertel der Stadt, aber auch nicht im schlechtesten. Ein großes Haus, stilvolle Möbel, Geld war vorhanden, Urlaube auch und doch schien sich in dem Gespräch mit ihr, das Unglück des nicht Erreichten dieser Welt zu bündeln. Ich besaß damals eine erste kleine Wohnung, die Wäsche brachte ich zum Waschsalon und schlief auf einer Matratze. Ich gab das Geld lieber für Bücher und Theater aus, ging segeln auf dem alten Schiff, wohnen war mir nicht wichtig.

Sie muss so alt gewesen sein, wie ich heute. Das Viertel stimme nicht, sagte sie, nach Mönkeberg sei dieses Viertel hier nur noch Abstieg zu nennen. Das Haus wäre in Ordnung, aber das Kind würde sich weigern zu filzen oder ein Instrument zu lernen, es wolle lieber auf Bäume klettern. So sei es aber nicht gedacht. Schließlich sei man nicht Thoreau. Bildung war auch vorhanden.

Den Tee, es war Roibush Toffee gab es aus einer Bodum Kanne. Ein intensives Leuchten von Orange- gelb. Es brachte mich durch diesen Abend. Gestern, zwanzig Jahre später, habe ich diese Kanne erstanden. Ich befüllte sie mit schwarzem Tee und Zitrone, so wie mein Vater seinen Tee immer trank, jazzhörend, Geschichten erzählend. Eine weitere unwillkürliche Erinnerung die mit dem herben Geschmack auftaucht. Ich habe dich immer geliebt Papa. Weil ich sein durfte wie ich wollte, weil du nie über meine kindlich patriotischen Gedichte lachtest, weil du mir etwas über Versmaß erzähltest, weil ich mich ernst genommen fühlte auf der Suche nach meinem eigenen Weg.

dav
dav