„Komm aufs Dach“, sagt der Gatte. „Von dort sieht die Welt anders aus.“

Möwen kreisen tief, Ameisen fliegen hoch. Der Brautflug endet jäh im spöttischen Gelächter der Möwen. Was für ein Festmahl.

Die Natur reguliert sich selbst. Die Entengrütze im Teich ist weg, die Rädertierchen auch.

Die ins Alter gekommenen Schönheitsköniginnen beginnen auf ihre alten Tage noch mit der Jagd. Erfolgreich.

Der Vorort belebt sich wieder, die ersten Urlaubsreisenden kehren zurück.

Mein Urlaub beginnt. Ich will Stille.

Ich glaube daran, dass der Weg in einem selbst liegt und nur in einem selbst.

Sehe: „The school of rock“. Ein ganz und gar großartiger Film.

2. Sonntag im Juli mit Queen im Himmel und einem Bild

Die Familie ist vom Campen wieder da. Sofort ist das bisher schweigsame Haus von seinem Dornröschenschlaf erlöst. Es wuselt, wirbelt, lacht und bellt. Madame Circe zieht sich beleidigt mauzend zurück.

Julius trägt ein Paket herein. Ich denke und sage: nicht schon wieder…

Dieses Mal ist es kein Fernseher, sondern ein Bild.

Ich bin überrascht. Es wird über unser Sofa gehängt. Julius hatte es an einem Hamburgtag bei der Millerntor Gallery entdeckt, abfotografiert und auf Leinwand drucken lassen.

„Was verbindest du damit, Julius? Oder was spricht dich an?“ Ich mag es einfach.“ „Versuch es noch mal. Was spricht dich an diesem Bild an?“

„Die Technik mit der es gemalt ist.“

Es trampelt die Treppen herunter, es ist Karla unser Fliegengewicht.

„Also mich erinnert das Bild an Katniss Everdeen. Es ist so entschlossen.“

Ich suche nach dem Künstler im Netz: Francisco Vilanculo.

Eigentlich wollen wir abends zu Familie Flöz im Rahmen des SHMF. Es ist aber ausverkauft und so entschließen wir uns im Mediendom Queen anzuhören. Durchaus beeindruckend in 360 Grad. Als wir abends nach Hause zurückkehren sitzt Karla noch immer am Klavier und versucht die Akkorde mit ihrer Stimme in Einklang zu bekommen. Seit Stunden sitzt sie an Lemontree. Es ist ein Moment an dem ich am liebsten um Gnade bitten würde, es aber nicht tue, weil ich es wichtiger finde das das Kind im Flow bleibt.

Ein kühler Juli ist das. Im Vorgarten schlottert die neu eingepflanzte Japanische Myrte mit der ebenfalls neu eingepflanzten Indianernessel um die Wette. Im Gartenteich fressen merkwürdige Kleinlebewesen die Entengrütze. Auf der nebenstehenden Brachfläche machen sich Fingerhut, Klatschmohn und Nachtkerze breit.

Während ich hier schreibe, sitzt der Gatte im Wohnzimmer, das nun nicht mehr mir gehört, am Klavier und spielt eine Melodie aus „Einmal ist keinmal“. Ich genieße die letzten freien Stunden, bevor es heute nachmittag zur Arbeit geht.

Jobwechsel, Streetart und was aus den Büchern wurde-Sequenzen

In der ersten Woche verfluche ich meine Entscheidung. Jeder einzelne Muskel scheint zu schmerzen, abends falle ich körperlich erschöpft ins Bett. Alles ist ungewohnt.

In der zweiten Woche schmerzen die Muskeln noch immer, bin ich abends sehr sehr müde, aber gut gelaunt.

Das Team ist Klasse, eine fröhliche, energiegeladene Stimmung. Das Ungewohnte beginnt weniger ungewohnt zu sein. Ich fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit um die notwendige Fitness aufzubauen und habe mir zu diesem Zweck ein Swapfiets (unbezahlte Werbung) zugelegt. Als ich die Sattelhöhe eingestellt bekam war ich so fertig, dass ich kaum aufs Rad kam.

Ich bin sehr froh diesen Wechsel gewagt zu haben. Es fühlt sich richtig an und das obwohl ich mehr für weniger Geld arbeite. Es ist die Idee die trägt und das selbstbestimmte.

Julius war von diesem Bild auf einer Wand in Sankt Pauli beeindruckt und ließ es auf Leinwand bannen. Später ergoogle ich mir, dass sie bei der Millerntorgallery waren, der Künstler ist Francisco Vilanculo. Es hängt nun im Wohnzimmer. Ich habe in meinem Zimmer Bücherregale aufgebaut und alle Bücher einsortiert, allerdings sind etwa einhundert in öffentliche Bücherschränke gewandert.

Die Familie vermisst die Bücher im Wohnzimmer.

Sie ist aus dem Urlaub zurück. Karla sitzt am Klavier und begleitet sich selbst zu „Lemontree“, Anna bereitet ihren nächsten Urlaub vor. Die Hunde liegen müde von der schwülen Luft unter dem Tisch.

Ich war in der Stadt. Auf der Straße eine Demo gegen Kreuzfahrtschiffe. Jede Menge Polizei, ein Großaufgebot, etwa 300 Demonstranten, mittendrin ein ein alter Mann mit braungebrannten Gesicht im hellen Sakko, ähnelte Hermann Hesse und trug ein Schild „Revolte jetzt“.

Was ich sah-Kiel an einem Sonntag in den Sommerferien

Ich sah menschenleere Straßen und kreischende Möwen.

Ich sah einen sehr runden Mann durch die Fensterscheibe bei einem Schnellrestaurant. Er starrte auf sein leeres Tablett. Erst später stellte sich heraus, dass er sein Handy am Rand des Tabletts positioniert hatte.

Ich sah einen jungen Obdachlosen der auf einen Alten einredete, weißbärtig und ebenfalls unbehaust. Sie saßen überdacht und der Weißbärtige rauchte, drehte den Kopf weg und schwieg. Der Junge sprach russisch, schnell und energiegeladen. Er trug sein Haar halblang. Ich sah einen Familienvater, ein Hüne, der am kleinen Kiel mit einer ebenfalls hünenhaften Möwe diskutierte. Es ging um Müll.

Ich sah einen netten Kartenverkäufer im Kino, der mich das Tickett umtauschen ließ, okals ich mich doch ür den Binoche Film entschied.

Mit oder ohne- Über Bücher und das Leben

Man hört ja Geschichten die würdig sind verbloggt zu werden. Eine Freundin, war unlängst zu Hause geblieben. Sie ist bücheraffin, Regale bis unter die Decke im Wohnzimmer bestückt mit Geschichten aus aller Herren Länder. Ja, sie hatte am Rand mitbekommen, dass ihre Teenager beschlossen hatten das Wohnzimmer umzugestalten. Mit dem Sofa war sie einverstanden gewesen.

Des Abends war Ehemann samt Kindern zurückgekehrt, mit einem großen Paket unter Arm. Ein kurzes Hallo, dann wurde mit Verve das erste Bücherregal ausgeräumt und abgeschraubt. „Bücher sind ungemütlich, erläuterte der Teenager und schließlich sei ein Fernseher viel praktischer, jede Familie hätte einen im Wohnzimmer und die im eigenen Zimmer seien ja schön, aber ungesellig“. Er war so nett die Bücher in ihr Zimmer zu bringen. Da lagen sie: Virginia Woolf neben Otessa Moshfegh, Celeste Ng neben Sasa Stanisic.

Die Nacht war traumlos.

Am Morgen räumte sie also die „restlichen“ Bücher aus den Regalen, stapelte sie zu Türmen in ihren Zimmer und überlegte, wie nun weiter zu verfahren sei.

Das eine ist die Wertschätzung, über die braucht man sich hier nicht unterhalten, das andere ist das Lesen selbst.

Nachdem der Ärger verflogen war, bat sie die Teenager ab jetzt ihre Wäsche bitte selbst zu waschen und allein von A nach B zu finden. Das fühlte sich nach Befreiung an. Über dem Lesen hatte sich Bewegungslosigkeit eingenistet mit den bekannten Nebenwirkungen.

Gemeinsame Leseabende gab es nicht, an gemeinsamen Fernsehabenden hatte sie wenig Interesse. Sie konnte jedoch die Absicht des „Gemeinsam“ gelten lassen.

Der Fernseher wurde wieder abgeschraubt und kam in das letzte Fernseher freie Teeniezimmer. Lets trash.

Vielleicht, dachte sie, könne das die Aufforderung sein sich zu trennen- von Besitz, ein Buch zur Zeit, den Rest zu Momox und sich am Fünfzigsten in den Zug setzen und losfahren, alte Sehnsuchtsorte abgehen oder neue finden.

Samstag-Was ich sah

Kriegsschiffe in grau auf hellgrauen Wasser. Ein junger Man mit flachsblonden Haar, der ein Mädchen an der Hand hielt. Sie hatte Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht, mit dem Gehen auch, sie war höchsten neun oder zehn. Er stützte sie.

Eine junge Frau , dass braune lange Haar hochgesteckt, ließ ihre nackten Füße Richtung Wasser baumeln. Die lederfarbenen, geflochtenen Flip Flops neben ihr und im Ohr ein weißer Knopf. Welche Musik hörte sie?

Ich ging die Treppen hinauf um zum Villenviertel zu gelangen. Von hier oben hat man einen guten Blick. Die Hunde hechelten, die Luft trotz fast kühler Temperatur war schwül, überall blühen Stockrosen und Rosen schlingen sich um gebogene Torbögen..

Nach dem verregneten Vormittag, zeigte sich nun die Sonne. Schien auf gediegene Villen und Gärten.

Die Stadt lag still, aus der Ferne hörte man einen Lautsprecher. Ich hielt es für eine Polizeiansage, es war aber der CSD. So erfuhr ich es am Abend aus der timeline.

Auch im Forstbaumschulenpark war niemand. Ich lief über regennasses Gras. Die Hunde auch.

Ich sah eine Frau mit strähnigen grauem Haar, die verstohlen eine Tasche auf ihrem Gepäckträger öffnete. Ein um das andere Mal holte sie sich eine Kirsche heraus und steckte sie in ihren Mund, ich sah nicht wo sie die Kerne ließ. Ihr Fahrrad war nicht mehr das neueste. Es schien schon viele Touren hinter sich gebracht zu haben. Auf der anderen Straßenseite stieg ein Mann mit ebenfalls grauem Haar aus einem Wohnmobil.

Die 4. Juniwoche mit einem Abschied und Hundstagen

dav

Na wer erkennt sie?

Diese wunderbare Karte habe ich von meinen Kollegen geschenkt bekommen. Zusammen mit einer Erinnerungsschatzkiste, die ihren Namen alle Ehre macht. Ich war sehr gerührt.

Ich bekam auch einen Korb voller Pflanzen und hatte nichts eiligeres zu tun , als diese schnell in die Erde zu bringen. Zu spät fiel mir ein, dass es ja heiß werden würde. Im verwilderten Vorgarten treiben nun Installationen ihr Spiel mit Licht und Schatten.

Der Abschied selbst ist noch nicht in mein Bewusstsein gelangt. Es ist, als seien einfach nur Ferien. Aber es sind keine Ferien.

Morgen wird mein erster Arbeitstag auf ungewohntem Terrain sein. Es wäre untertrieben zu behaupten ich sei nicht angespannt.

Der Klatschmohn blüht rot und lila, die Katzen schleichen durch die lauen Sommernächte und aus der Stadt dringen die Bässe der Kieler Woche zu uns herüber. Am Tag aber sind es Hundstage .

Ich bin auch bei der KIWO gewesen, bei den schönen alten Liedern von Tim Fischer. Es war sein zwanzigjähriges Bühnenjubiläum auf der Krusenkoppel, der Abschied fand dieses Mal kein Ende. Er ist ein Virtuose, vielseitig und wandelbar.

Vor zwanzig Jahren wurde auf seinem Konzert noch geraucht und gepicknickt. Undenkbar heute.

In Nachbars Gärten tauchen Sprinkler anlagen auf. Das ist neu, wie auch die sommersatten Sonnentage in Dauerschleife. Das kennen wir im Norden kaum.

In der Zeit einen Beitrag über ein Projekt auf einer Plastikmülldeponie in Indonesien gelesen. Meterhohe Plastikberge.

Einen Beitrag über Carola Rackete die nun festgenommen wurde.

Für meine Kollegin ein Buch gekauft und es dann doch lieber selbst behalten. Man sollte Bücher nicht anlesen- testweise-„Der Klavierspieler vom Gare du Nord“.

Sommersonnensatte Tage. Ich werde es mir jetzt mit einem Cappucino, an der Wand des griechisch blauen Gartenhäuschens gemütlich machen. Möwen kreischen, Sommerwindböen fahren der uralten Konifere durchs Nadelhaar, der Gatte spielt Orgel im Gartenhäuschens, Karla hustet, Vögel singen, Kirchenglocken läuten.

Euch allen einen wunderbaren Sonnensonntag.

Ach so… Und weil so viele nachgefragt haben: Karla hat sich für den klassischen Weg entschieden. Für Kiel und gegen Hamburg. Sie freut sich sehr im nächsten Schuljahr im Chor weiterzusingen.

Danke Franzi!!!!

Die dritte Woche im Juni mit der Kieler Woche

Der Himmel verdunkelte sich, die Wolken quollen auf und fielen wieder in sich zusammen. Anna war im Wald und versetzte die ganze Familie in Angst und Schrecken. „Du musst ihr entgegen fahren“, sagte Julius.

„Komm aus dem Wald raus verdammt!“, schrieb ich Anna, die 5 Minuten später in Weltuntergangsstimmung in der Tür stand.

Freitag hatte Julius sein Cellovorspiel zwischen Klatschmohn und Rosen. Das war idyllisch und die Musik tat ihr Übriges.

Am Samstag durfte Karla auf dem Klavier präsentieren, was sie in den vergangenen drei Monaten gelernt hatte, flitzte dann zum Pferd und kurz darauf zur Generalprobe.

Heute durften wir das Konzert des Kinder und Jugendchores der Oper Kiel auf der Kieler Woche genießen. Klasse wie immer und so voller Schwung und souveränen Können. Eine Woche voller Musik und Sommer .

Und falls ihr ein musikalisch interessiertes Kind habt: Schickt es in die Akademien am Theater.

dav

2. Juniwoche mit einem Brief aus Hamburg, einer Zusage, Maulina Schmitt und wunderbarer Musik

Sie springt Springseil, gerät außer Atem, bleibt stehen mit zusammengezogenen Augenbrauen:

„Wir hatten dreckige Lichtschalter. Und winzige Fliegen im Obst.“ Beim Tischfußballtisch knallt das Seil auf den Boden.“

Rückblick März/Hamburg. Karla interpretiert Maulina Schmitt auf eine zornige Weise. „Spiel es noch mal in müde“, wird der Schauspielcoach später sagen.

Das Adele Lied hinterher, eine summende, freudige Atmosphäre unter den Jugendlichen. Beim Tanzen tritt man sich fast auf die Füße, mehr als doppelt so viele Bewerber als erwartet wurden sind gekommen.

Du musst dich entscheiden Karla ob klassisch oder nicht. Beides geht nicht. Karla entschied sich für den klassischen Chor. „Er ist mein Zuhause.“

Vom Casting hörten wir nichts mehr. Gestern kam dann die Zusage: „Du bist dabei!“

Und was nun? „Das Casting war echt cool. Aber es würde wieder Hamburg bedeuten und ich möchte auch unbedingt im Chor hier weitermachen, damals war ja nicht klar ob ich zurückkehren kann.“

Ein Schwarm Distelfalter im Weißdorn, Platzregen zwingt den Klatschmohn in die Knie. Ein weißer Fingerhut hat sich im verwilderten Feld nebenan ausgesät.

Meine letzten beiden Arbeitswochen beginnen mit dem Einkochen von Holundergelee und dem Proben des Theaterstückes.

Heute werde ich in das Kindermusical: Joseph gehen.

verpasst: das Sommerkonzert des Mädchenchores Kiel, wie ärgerlich

Gelesen: Habermas und nichts verstanden

Biografie Camus

gesehen: Game of thrones, weil ich wissen will was die Kinder interessiert.

gehört: wunderbare Musik beim Schulfest des Mittleren. Wenn 400 Schüler musizieren, ist das wirklich ein Ereignis.

dav