Prekariat

Neulich sprach ich mit X. Sie hatte mal einen Beruf gelernt, wollte ihn aber aus verschiedensten Gründen nicht ausüben und fing als ungelernte Kraft in einem Altersheim an. Drei kleine Kinder, geschieden. Monatslohn 450 Euro bei vollem Einsatz. In Krankheitszeiten leitete sie eine Station mit. Überstunden wurden nicht ausgezahlt, Abbummeln wäre möglich gewesen, wenn denn die Möglichkeit bestanden hätte. Sie arbeitete so versiert und zuverlässig, dass man ungern auf sie verzichtete. Prekär, das bedeutet wegen der kleinen Kinder nicht mal so eben eine Ausbildung machen zu können. Prekär bedeutet, dass sie an Teamevents die vom Arbeitnehmer finanziell selbst getragen werden mussten, nicht teilnehmen konnte. Prekär bedeutet, in dem Falle, dass es einfacher wäre von Hartz 4 zu leben.

Ungläubiges Staunen

52 Antworten auf „Prekariat

  1. Erschreckend – ja; ungläubig macht mich das nicht mehr. Ich fürchte, weitaus häufiger, als man es sich im sogenannten Mittelstand vorstellt, machen sich Arbeitgeber den Umstand zunutze, dass viele von uns lieber für wenig bis sehr wenig Geld arbeiten, als „dem Staat auf der Tasche zu liegen“. Aber es ist ja auch nicht nur die Schuld der Arbeitgeber; es liegt ja auch an der Erwartungshaltung der Gesellschaft, also uns, dass viele elementar wichtige Tätigkeiten im Dienstleistungs-, besonders Pflegebereich möglichst gar nichts kosten dürfen.

    1. Ich gebe dir recht. Das wird auf dem Rücken vom Pflichtbewusstsein des Arbeitnehmers. Oft ist es ja auch so, dass Pflegeplätze oder Kindergartenplätze vom Mittelstand kaum noch finanziert werden können. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie es war, als wir von unserem geringen Gehalt für das wir gemeinschaftlich 80 Stunden im Moment aufbrachten, kaum in der Lage waren die Kindergartenkosten zu bezahlen. Da ist etwas komplett in der Schieflage.

      1. Tja, und Kindergärtner*innen verdienen ja sicher nicht deluxe … Ist ja z.B. das Gleiche in Krankenhäusern: Alle Welt redet von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen, aber bei denen, die die Arbeit machen, kommt davon ja das Wenigste an 😦

  2. Die Einführung des Mindestlohnes war ja auch hauptsächlich ein Geschenk an die Arbeitgeber, nicht so sehr an die Arbeitnehmer. So konnten viele Jobs zurückgestuft werden. Nicht umsonst ist Deutschland inzwischen DAS Billiglohnland in Europa.

    1. Das Problem der prekären Lebenslage ist dann ebend auch, dass man so viel arbeiten muss um überleben zu können, dass man nicht zum Nachdenken kommt. Da ist keine Macht, da ist kein Geld, folglich wird es nicht ernst genommen.

      1. Das staatliche Primat der Schulausbildung diente ja am Anfang der „Erziehung“, d.h. Erziehung zu folgsamen Untertanen. Heute gleitet es mehr und mehr in Richtung „Vorbereitung auf den Beruf“. Die Abhängigkeit der Bürger wird also an die Wirtschaft übergeben und die braucht auch Leute, welche den Produktionsvorgaben und Leitlinien des Unternehmens gehorchen und sich deren Gewinnmaximierung unterordnen. Zeit zum Nachdenken ist da nicht erwünscht. Die soll man lieber – sofern ein etwas höherer Level erreicht ist – zum Konsumieren (ohne grosses Nachdenken) genutzt werden.
        Ein gewünschter Teufelskreis, der sich immer schneller dreht.

      2. Sehr gutes Stichwort. Meine eigenen Erfahrungen mit dem Schulsystem habe ich im Westdeutschland der 1980er gemacht, und da war sicher nicht alles gülden, aber halt längst nicht so schäbig auf Stromlinie getrimmt wie heute in der Schulrealität meiner Kinder. Aus aktueller Sicht muss unsere damalige Freiheit, zum Abi hin die Grund- und Leistungskurse nach individuellen Bedürfnissen und Vorlieben zu kombinieren, wie ein unvorstellbarer Luxus wirken – heute wählst du aus einem von drei oder vier Profilen, die mehr oder weniger sinnvoll – und nicht zuletzt zum Lehrkörper der Schule passend – arrangiert sind, und alle Kinder mit Geschmäckern außerhalb einer eher ökonomisch definierten Norm haben halt Pech gehabt … Mir kommt es jedenfalls vor, als diene die Schulbildung längst nicht mehr in dem Maße der persönlichen Bildung wie „zu meiner Zeit“ – Ziel ist eher, wie du beschreibst, der unkritische Konsument als vermeintlich edelste Daseinsform des 21. Jahrhunderts.

      3. Ich kann, jedenfalls was den Vergleich betrifft, leider nicht mitreden. Aber das die Persōnlichkeitsbildung im Lehrplan nicht an erster Stelle steht, das glaube ich auch

      4. Und das finde ich so wahnsinnig schade. Mag sein, dass da auch etwas rückschauende Verklärung im Spiel ist, aber: In meiner Oberstufenzeit hatten viele von uns sehr viel Spaß in der Schule, und wir hatten auch außerhalb der Schulzeit oft spannende Diskussionen mit den Lehrern. Das war alles schon sehr persönlichkeitsbildend; es ist halt nur nicht unmittelbar effizient, und das ist leider der Fetisch der Gegenwart.

      5. Wenn man das Positive vorwegnimmt, so könnte man sagen, dass Weichenstellung von G8 auf G9 ein Schritt in die richtige Richtung gewesen ist. Aber bei dem Studium ist es ja leider dasselbe, auch das wurde auf Effizienz gedrillt.

      6. Zur aktuellen Lage an den Unis kann ich mir keine Meinung erlauben; beobachte aktuell nur mit Missfallen, dass zur Studienplatzvergabe auch in Fächern, bei denen man nicht sofort an NC denkt, fast nur die Abinote (erarbeitet im mglw. ungeliebten Profil) herangezogen wird, nicht aber die persönliche fachliche Kompetenz. Aber das war zu meiner Zeit wohl auch kaum anders.

  3. Leider beschreibst Du keinen Einzelfall, die Arbeit im Gesundheitssystem hat in der Gesellschaft erheblich an Stellenwert verloren. Das zeigt sich auch in der Vergütung.
    Wenn eine Pflegehelferin im Schichtsystem netto weniger zur Verfügung hat, als ein ‚vollversorgter‘ H-IV-Bezieher, warum soll sie sich engagieren, vielleicht sogar zu Lasten der Familie. Ich verstehe das.
    Solange die Gesellschaft nicht wieder umdenkt und Leistung statt Abruhen gewürdigt wird, wird sich daran nichts ändern. Lg. R.

    1. Und: wenn der Lohn um 20 EUR niedriger ist als der Hartz-IV-Satz, dann überlegen es sich wohl die meisten auch. 20 Euro mehr oder weniger können in der Situation viel ausmachen. Das hat gar nichts mit Faulheit zu tun, sondern schlicht mit Überleben.

      1. Ja gut so weit bin ich bei dir. Ich sehe aber auch, dass das System nur so aufrecht erhalten werden kann, weil man davon ausgehen kann, dass jemand der so in der Klemme sitzt sich nicht wehren kann. Oder kaum. Die Gefahr von einem anderen ersetzt zu werden ist ja immer da.

      2. ja, ein verwandter von mir sitzt in einer ähnlichen falle und gehört auch zu den aufrechten. das systemische problem bleibt leider ungelöst.

  4. Das gehört zum Wesen des Kapitalismus. Es ist systemimmanent. Es ist politisch so gewollt. Die Nicht-WählerInnen und die WählerInnen bestätigen diese Politik bei jeder Wahl. Wann beginnen wir, den Kapitalismus infrage zu stellen, über alternativen zu Diskutieren und Parteien zu unterstüzten, die diesen Zustand überwinden möchten?

    1. „Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.“ So knapp wie möglich definieren sie die Rolle des Staates: „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet.“ (aus dem Manifest)

      1. Meins ist es eher zu schauen, wie sich etwas verändern lässt. als zu schimpfen. Gelingt mir auch nicht immer.
        Wenn wer nachweislich unter dem Mindestlohn arbeitet, lässt sich ein Arbeitsverhältnis für AN unschädlich auflösen. Hilfe kann es sogar bei der Bundesagentur geben. Mal nachgefragt?
        Bei gemeldeter Arbeitslosigkeit, kann eine geförderte Fortbildung zur Pflegefachkraft längerfristig mehr Geld im Monat bedeuten, auch bei H IV, weil da in Grenzen auch Kinderbetreuungskosten übernommen werden.

      2. Vielleicht hast du Recht, vielleicht aber auch nur partiell. Ich glaube dass genau dieser Wille etwas zu ãndern oder die Vorstellung etwas ãndern zu kōnnen mit zunehmender Belastung einen abhanden kommen kann. Und dann sind da Menschen die von einem abhángig sind.

      3. Mir geht es nicht darum wer recht hat. Kenne Überforderung, auch wenn ich alltags nie mit kleinen Kindern gelebt. Kenne auch das Gefühl. Veränderung nicht zu schaffen Habe mal mit einer längeren Depression gelebt.
        Wie komme ich heraus? Lass und nach Wegen schauen.
        Wie können kleine Schritte gangbar werden? Kann ich Dich unterstützen? Wie?
        Ich halte solche Fragen,m auch an mich (Wo sind meine Grenzen?) für sinnvoller als klagen.

      4. JGut , dass kann ich gut nachvollziehen. Tatsächlich war diese Baustelle von X. ja auch nicht meine Baustelle. Ich hab 3 Abschlüssee und verdiene okay und ich glaube insgesamt kann ich auf mich aufpassen, was nicht bedeutet dass der Prozess schon abgeschlossen ist. Wohin mit dem Ärger, der dann doch manchmal aufkommt?
        Danke für den regen Meinungsaustausch hier liebe Käthe. Ich mag deine klare Art Dinge zu benennen sehr.

      5. Nachsatz: Öffne den Reader und als erstes erscheint die Überschrift „Wir haben uns an allerhand gewöhnt“ Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf. Das ist glaube ich ein Grundproblem dass grundsätzlich besonders Frauen im sozialen Sektor betrifft.

      6. Ich muss da an eine Geschichte denken, die schon ein paar Jahre her ist. X.kam aus sagen wir Rumãnien,, war ungelernt und arbeitete schwarz als Putzfrau. Ein Arbeitgeber von ihr, der Geld wie Heu hatte und bei dem sie auch Kinder hütete für einen Niedrigstlohn bot ihr an im Haus mitzuwohnen. Das war ohnehin schon fast Leibeigenschaft.Es hat mich wirklich Überzeugungskraft gekostet sie war damals schon fünfzig und hat sich krumm gearbeitet. Da war kein Platz für Nachdenken.Man unterschãtzt glaube ich die Verstrickungen und den Überlebenstrieb

      7. Und bestimmt ist es auch so d
        as konditionierte Werte wie Scham bei Arbeitslosigkeit oder Stolz es selbst zu schaffen eine Rolle spielen

      8. Also 12 passen wohl grade so mit Mindestlohn, aber 30 sind dann natürlich brutal, zumal in der familiären Situation.

  5. Liebende Xeniana

    „Der Verrat am Selbst
    Die Angst von Mann und Frau vor Autonomie“
    Von Arno Grün heilsam lesenswert

    Ein sich selbst liebendes Menschenwesen
    Setzt sich keiner vampyrischen Selbstausbeutung aus
    Der unterschwellige Groll die Selbstzweifel vergiften Ihn
    Und Sein gesamtes Umfeld schleichend

    Siehe Blume und Biene
    Wer gewinnt wer nimmt
    Beide sind nach Ihrem Besuch mehr denn vordem alleine
    Haben sich beschenkt was an Reichtum und Vermögen
    Einander liebend so gegeben

    Dank Segen Mut und Freude
    Dir Kaspar Hauser von Herzen

  6. Liebe Xeniana, ich kann Deinen Beitrag nicht liken, denn ich bin empört, wie Schwächste immer wieder ausgenützt werden. Es ist wichtig, dass wir uns für solche Menschen einsetzen, wie Du es tust. Liebe Grüsse, Elisa
    Danke, dass Du mir folgst.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.