Zitat aus Rechenschaft vor El Greco-Nikos Kazantzakis

„Ich werfe einen letzten Blick um mich, von wem soll ich Abschied nehmen? Wovon soll ich Abschied nehmen? Von den Bergen, dem Meer, von der fruchttragenden Rebe an meinem Balkon, von der Tugend, der Sünde, dem frischen Wasser?

Vergebens, vergebens, all dies steigt mit mir zusammen in die Erde.

Ich drücke ruhig, zärtlich einen Klumpen kretischer Erde.

Aber jetzt ist die Sonne untergegangen, und der Arbeitstag ist zu Ende, was soll ich mit der Kraft.

Ich strecke die Hand, greife die Klinke der Erde, um die Tür aufzumachen und zu gehen, aber ich halte noch ein wenig auf der lichten Schwelle an. Es ist schwer, sehr schwer, daß die Augen, die Ohren, die Eingeweide sich von den Steinen, von den Kräutern der Erde losreißen. Du sagst: Ich bin satt, ich bin ruhig, ich will nichts mehr, ich habe meine Pflicht erfüllt und gehe, aber das Herz klammert sich an die Steine und an die Kräuter, wehrt sich, bittet: „Bleib noch!“

Ich kämpfe, mein Herz zu trösten, es zu versöhnen, daß es frei das ja sagt. Damit wir nicht weggehen von der Erde wie Sklaven, verprügelt, verweint, sondern wie Könige, die gegessen, getrunken haben, satt sind, nichts mehr begehren und vom Tische aufstehen.

Aber das Herz schlägt noch in der Brust, wehrt sich, ruft:

„Bleib noch!“

Ich bleibe stehen, werfe einen letzten Blick auf das Licht, das sich auch wehrt wie das Herz des Menschen und kämpft.

Der erste Nachtvogel seufzt, und sein Kummer rollt über das nachtdunkle Laub, lieblich, sehr lieblich in die feuchte Luft. Ruhe, süße, große Ruhe, niemand im Hause.“

Nikos Kazantzakis

Für E. 1932-2019

12 Antworten auf „Zitat aus Rechenschaft vor El Greco-Nikos Kazantzakis

    1. Danke Karin. Was für mich schlimm war, das es absehbar war, ich aber keinen Urlaub bekam. Es wäre erst Weihnachten wieder möglich gewesen.Nun ist es zu spät und damit muss ich fertig werden. Ich hätte ihn gern noch einmal gesehen.

      1. Liebe Xeniana, ähnlich erging es mir, als meine Mutti in ihrer Wohnung starb. In der Nacht waren hier so schwere Schneefälle, Eisglätte ich hätte die bergige Strecke obwohl wir nur 20km auseinander wohnten,mit dem Auto nicht überwinden können und öffentlich ging es auch nicht. Allerdings fuhr tagsüber dann wieder ein Taxi und bevor die Pietät kam, konnte ich mich noch von ihr verbschieden. Sie starb auch nicht allein, ihre Pflegekraft war bei ihr.
        Ich tröste Dich mal in Deinem Kummer: bei Dir war es eine große Strecke und ein uneinsichtiger Arbeitgeber, bei mir nur 20km und ein übellauniger Wettergott und doch nicht zu überwinden. Wir müssen mit unserer Wehmut darüber klar kommen.

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