Mittwoch-genervt

In dem Maße in dem Saša Stanišić  auf Twitter herumwütet, in dem Maße beginne ich mich zu fragen, ob ich sein nächstes Buch, noch mit derselben Begeisterung lesen werde wie zum Beispiel „Herkunft“.

Die Betroffenheit ist nur zu verständlich, aber dieses: Handke sei ein kitschiger Ästhetizismus Autor, das nervt. Die ganze Debatte, Handke ein Faschist und so weiter und so fort, lassen mich jede Differenzierung vermissen.

Jedenfalls lese ich jetzt Handke und Thomas Mann der schreibt:

„Glücklicher, angemessener wollen jene mir scheinen, in denen das Bedürfnis nach Freiheit, nach ungebundener Anschauung, mit einem Wort nach Ironie, die ich seit so langem schon als das Heimat-Element aller geistigen Kunst und Produktivität zu verstehen gelernt habe, über den Haß den Sieg davon trägt.Liebe und Haß sind große Affekte, aber eben als Affekt unterschätzt gewöhnlich jenes Verhalten, in dem beide sich aufs eigentümlichste vereinen, nämlich das Interesse. Man unterschätzt damit zugleich seine Moralität. Es ist mit dem Interesse ein selbstdisziplinierter Trieb, es sind humoristisch-asketische Ansätze zum Wiedererkennen, zur Identifikation, zum Solidaritätsbekenntnis verbunden, die ich dem Haß als moralisch überlegen empfinde.“ Thomas Mann „Bruder Hitler“

16 Antworten auf „Mittwoch-genervt

  1. Niemand lebt ohne Vorurteile und Selbstbeschönigungen, auch ich nicht. Hast Du mal drüber nachgedacht, ob dieses Urteil von TM auch eine beschöhnigende Selbstaussage sein kann? Nach meinem bescheidenen Wissen, waren es Klaus und Erika, die ihn drängten ins Exil zu gehen.
    Ich lese diese Worte auch als ironische Selbstbespiegelung.

    1. Ja könnte sein, ich weiß es nicht und ich habe die nachfolgenden Sätze ja auch unterschlagen. Da zeigt er sehr deutlich, was er von Hitler hält. Was ich aber gelungen fand, war der eigenen Empfänglichkeit für Verführung durch Faszination nachzuspüren. Neulich schaute ich mal wieder in die Biografie von Albert Speer hinein bzw. seine Tagebuchaufzeichnungen, sie faszinieren mich immer wieder und das obwohl ich weiß, wo er politisch stand. Mein Vater erzählte mir früher, wie sehr er von den Fackelmärschen und Appellen begeistert wurde. Bei Handke ist die thematik ja anders, erwehrt sich einfach gegen das Täter und Opfervolkszenario. Was nun von der dem Interview in den Ketzerbriefen zu halten ist….Irriitierend.

      1. Handke steht noch auf meiner ungeschrieben Liste, der bislang selten Gelesenen, wie auch Ursula Krechel, von der ich nur „Landgericht“ kenne. Von beiden möchte ich mehr lesen.
        Dank meines jetzigen Lebens mit U, das ich nicht missen möchte, komme ich weniger zum Lesen.
        Mich wundert seine Reaktion, nach dem Nobel, seine Klage über JournalistInnen und deren Belagerung.
        Im meinen Augen leben Kunstschaffende, die von ihrer Kunst leben können, in einem Spannungsfeld zwischen Selbstbespiegelung und einem Markt, der auch ihr Einkommen sichert. So zu tun, als wäre da nichts, irritiert mich.
        Ich bleibe gespannt auf seine Rede.
        Natürlich stehen „Die Betrachtungen eines Unpolitischen“ hier um Regal. Ich bin zur Nachlese zu müde.
        P.S: Was sind die „Ketzerbriefe“?

  2. Gestern im Buchladen ein Buch von Handke aufgeschlagen. Schreiben kann er m.E. wirklich nobelpreiswürdig. Andererseits die Unterstützung für serbische Nationalisten, die ihn mir unsympathisch macht. Stanisic schätze ich sehr, und ich verstehe seine Wut, aber nicht die geradezu hetzerischen Ausfälle auf Twitter. Mich darauf zurückzuziehen, dass sich in einem Krieg jeder die Hände schmutzig macht und ich nicht das Recht habe, mich aufs hohe moralische Ross zu setzen, erscheint mir allzu billig. Eine Lösung habe ich, wie üblich, nicht.

      1. Man liest das ja auch überall. Aber für mich ging es aus den Texten die ich bisher gelesen habe: Winterliche Reise, sommerlicher Nachtrag und Tablas von Daimiel nicht hervor.

      2. Handke war bei uns Schullektüre, das war vor dem Jugoslawienkrieg. Während des Kriegs oder kurz danach war (wenn ich mich richtig erinnere) mal ein langer Artikel in der Süddeutschen über sein proserbisches Engagement, aber den habe ich natürlich nicht aufgehoben.

  3. du weißt schon: ich stimme dir von Herzen zu. Und ja: Hass und Liebe sind starke Gefühle, aber interessen-neutral sind sie durchaus nicht. Außer, natürlich, es handelt sich um meinen Hass, der sich gegen Scheinheiligkeit richtet, und meine Liebe, die der Wahrheit gilt (ironisch guck 😉 )

    1. Intreresse, in dem Sinne-nicht seine Interessen zu verfolgen, sondern sich noch in das Fremdeste einfühlen zu wollen. In meiner Ausbildung, wurden wir aufgefordert, dass was wir an Kindern als anders wahrnehmen( ich bin Heilpädagogin), in sich selbst aufzusuchen. Das Prinzip an sich erscheint mir heilsam, weil es dann andere Bewertungsmassstäbe setzt. Thomas Mann ging bei Hitler dem Phänomen der Faszination nach, versuchte es zu verstehen. Ich weiß nicht ob ich anders über Handke urteilen würde bzw. seine Literatur, wenn ich in diesen unsäglichen Kriegen betroffen gewesen wäre. Was aber nicht geht, finde ich, ist das ganze Werk des Autoren zu Kitsch zu erklären.

      1. Saša Stanišić kann meinetwegen für Kitsch erklären, was er aus seinem ästhetischen verständnis heraus für Kitsch hält, ist mir egal. Darum geht es hier aber nicht, sondern um den Kontext: sein Verdikt richtet sich ja gegen den Serbenfreund Handke, alles andere ist abgeleitet. Da hat er sich nun festgebissen.
        Für mich geht jedenfalls überhaupt nicht, den eigenen Marktwert dadurch zu steigern, dass man das Leid der Menschen aus dem Land, aus dem man stammt, für den eigenen literarischen oder geschäftlichen Erfolg ausbeutet. Er ist ja aus einer gemischt serbisch-bosnischen Familie, er sollte wissen, wie schwer es manchmal ist, Täter und Opfer zu unterscheiden. Wer weiß, welche innerfamiliären Konflikte er da mit abarbeitet.

      2. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sasa Stanisic mit der eigenen Betroffenheit seinen Marktwert steigern will oder das er sein Land Ausbeute für geschäftlichen Erfolg. Ich bin mir sicher, dass der Zorn echt ist. Ich weiß auch, dass es in der Auseinandersetzung um den Nobelpreis nicht in erster Linie darum geht, daß er Handke als Kitschautor bezeichnet. Es ist aber der Punkt an dem ich mit Kopfschütteln reagiere, weil er da völlig über das Ziel hinaus schießt. Ich hab Stanisic bisher sehr gern gelesen und auch in Lesungen gehört.

  4. Das hätte ich von dem jüngeren Herrn S.St. jetzt nicht gedacht. – (Bei Twitter mach` ich nicht mit, deshalb sehe ich davon nix, zum Glück. Meine Handke-Leseliebe ist viel älter, die bleibt auch!)
    Gruß von Sonja

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