Handke in der Desinfektion/Alltagssequenz

Ein Taschenbuch mit darin enthaltener Handke Biografie war verloren gegangen und fand sich nun in einer Schale Swiffer( Werbung) tücher wieder.

So desinfiziert war er nicht mehr derselbe.

Anna (17) kommt genervt aus der Schule : „Kunst! Bildbetrachtung! Das braucht kein Mensch!“

„Was betrachtet ihr denn?“

„Rembrandt! Braucht kein Mensch!“

“ Rembrandt ist cool“, sagen der Gatte und ich. Der hat das Licht in die Bilder gebracht. Erzählen dann noch was von Versenkung, Aufmerksamkeit, zweiter Dimension u.s.w.

Ich öffne mein Buchpaket. „Hej die Lehre des Sainte Victoire ist da! Ich lese rein. „Herrjeh, Cezanne….Bildbetrachtung. Davon habe ich wirklich keine Ahnung. Hab nur sozialistische Kunst interpretieren gelernt. Das Reine, Gesunde, du weißt schon.“

Anna verlässt mit triumphierendem Schritt das Wohnzimmer.

Wer weiß, wozu es mal gut sein wird, über Bildbetrachtung reden zu können, Anna !“

Anna hört mich nicht mehr. Sie ist oben, im Dachzimmer.

15 Antworten auf „Handke in der Desinfektion/Alltagssequenz

  1. Hahahaha, Bildbetrachtung. Damit muss mal keine/r einer Kunsthistorikerin kommen! Die Beschreibung eines Bildes zeigt doch erst, was wir Betrachter/innen sehen. Denn alle sehen was anderes. Das ist ja das Spannende. Was fällt Dir, mir, Euch zuerst auf? Was dann? Das sind alles Schritte zur Interpretation. Wir haben im Studium gelernt, erst mal sehr vorsichtig zu beschreiben, um nicht gleich in die erste Deutungsfalle zu laufen. Dennoch muss immer klar sein, dass meine Sicht eben auch schon meine Interpretation ist. Ohne Bildbeschreibung also keine Diskussion über ein Werk – oder über Kunst. Und das gilt für alles andere auch: Wer gut hinschaut, hat beste Karten, auch etwas zu sehen, oder etwas zu erkennen… 😉

  2. Ich wäre so froh gewesen, wenn man mir bereits in der Schule die Augen geöffnet hätte, aber unser Kunstunterricht war Larifari, wie auch der in Musik. Ich habe mir erst nach der Schule alles angelesen, schauen gelernt – zum Glück gibt es wunderbare Cicerone zu diesen Themen, Funkkollegs mitgemacht und natürlich auch durch Reisen hat mein Lernen nie aufgehört.
    Heute gibt es zauberhafte Bändchen “Kunst für Kinder”, man kann die eigenen, die Enkel also schon selber früh heranführen und je kleiner sie sind, umso mehr sehen sie -:)) In Frankreich und Italien ist es selbstverständlich, dass schon im Kindergarten die Kleinen in den Museen Bildbetrachtung lernen, für sie ist es ja noch Spiel.
    Anna ist noch so herrlich jung und in dem Alter glauben viele junge Menschen, über allem zu stehen: braucht kein Mensch! Es sei ihnen (ungern)zugestanden und ich drücke ihr nur den Daumen, dass sie einen Pädagogen hat, der ihr vermittelt, dass das eben doch fast jeder Mensch braucht, nur vielen gar nicht die schulische Möglichkeit geboten wird.
    Für die neue Lektüre wünsche ich Dir das, was ich damals empfunden habe und immer noch beim Wiederlesen empfinde.
    Sei gegrüßt in Deine trubelige Familienbande -:)), Karin

    1. Liebe Karin ich gebe dir ganz und gar recht. Ich hätte auch gern so einen Kunstunterricht gehabt. Ich war früher mit den Kindern regelmäßig in der Kunsthalle und auch zu den Malklassen sind sie gerne gegangen. Anna hatte ein wunderbares Gefühl für Farbe. Aber im Moment ist es vornehmlich Trash der Zugang zu ihr findet. Man kann nur hoffen dass da irgendwann Übersättigung Eintritt. Meinst du ich kann die Lehre von Handke ohne Begleittliteeatur lesen. Bei Proust habe ich mir damals Sekundärliteratur besorgt. LG Xenon ana

      1. Ja kannst Du, denn wenn Du zu Bildern von Cézanne oder anderen Malern etwas liest, kannst Du bei Tante Guggle den Begriff, das Bild eingeben, den Ort von dem er erzählt usw. Wenn Du dann noch mehr erfahren möchtest, kannst Du immer noch in die Sekundärliteratur einsteigen. Lies einfach los – ganz ohne Vorbehalte und sieh die Welt mit seinen Augen.
        Anna – keine Sorgen machen, irgendwann kommt sie zurück , Ihr habt den Grundstein gelegt, wann sie darauf wieder aufbaut , entscheidet sie. Jetzt mußte ich nachschauen , was Trash ist -:)))
        Wenn ich an unseren Konsum in dem Alter von Anna denke: schweigen wir lieber drüber: Doris Day, Gregory Peck, Peter Alexander,Vico Torriani, die Schnulzenschlager, Trash der 60er Jahre, er hat uns nicht geschadet -:)))

      2. Danke für deine Antwort!Dieses Germanys next topmodel, tut mir wirklich weh. Oder Shopping Queen, das große Backen. Das setzt gute Nerven voraus. Heute Abend werde ich mir den Film meine Zeit mit Cezanne ansehen, um einen Einstieg zu bekommen.

  3. Ich betrachte Bilder zuerst von der angewandten Technik, denn ich saß oft stundenlang neben meinem Großvater, als er alte Meister, wie Rembrand, im Auftrag kopiert hat. Als Bauhausschüler war er mit allen Techniken vertraut Ölgemälde und Zeichnungen verschieden zu erarbeiten. Leider hat er mir nur noch das Zeichnen beibringen können und nicht den Umgang mit Ölfarben …

  4. Rembrandt ist nicht cool, er ist heiß! Leidenschaftlich! Deine unterkühlte Tochter sollte nicht denken, sie wüsste, was Mensch braucht (von wegen “braucht kein Mensch”). Grimmig guck!

    1. Ja, so ist die Jugend… Ich versuch es immer mit Fassung zu tragen. Letztlich ist es wohl eher die cool verpackte Reaktion auf ein Gefühl von Unvermögen. Sie hat das Gefühl es nicht zu können.

      1. hm,auch nicht besser (das Gefühl, es nicht zu können). . 😉 Aber ich weiß natürlich, warum die jungen Leute gern “cool” erscheinen möchten. Bestell ihr mal nen schönen Gruß von ner uncoolen Alten.

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