Karlas (14) Frage zu Handke /Nachtrag und Martenstein mit der Trennung zwischen Werk und Handwerker

Beim Aufwachen erfasse ich, dass Karla die Frage nach der politischen Verführbarkeit, schon des öfteren stellte.

Mein Stottern und Stammeln zur Nazifrage (ja diesen Begriff fand ich auch deplatziert) im Bezug auf Handke, gestellt von Karla zwischen meinem Putzen der Küche, Wäsche aufhängen und Hundeversorgung; ging nicht. Ich hätte um Aufschub bitten sollen.

Stattdessen stammelte ich von Europa statt EU, von technisch statt global. Die Geschwindigkeit des Tages liess keinen Platz mehr um denken zu können.

Immerhin war ich in der Lage gewesen zu sagen:

„Er hat versucht die andere Seite zu verstehen. Vielleicht hat er sich da verrannt. Ich kann das nicht beurteilen. Der Witz ist nur, dass manche urteilen ohne ihn gelesen zu haben. Das funktioniert nicht, kann nicht funktionieren.

Tatsächlich fragte mich Karla, ob ich ihr denn erlauben würde, ein bestimmtes Buch zu lesen. Und ich ob ich glauben würde, dass es ihr passieren könne, dann zu kippen.

Wenn man in der Lage sei, Gegenpositionen nachvollziehen zu wollen, sei man auch in der Lage zu kippen. Irgendsoetwas sagte ich. Und das es manchmal schwierig sei, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Die Welt bewege sich dazwischen. Wer dir sagt, er hat die Wahrheit, hat sie in der Regel nicht.

Heute morgen Harald Martenstein gelesen. Erfrischend. Sehr erfrischen. Sind Zahnimplantate in den Zähnen von einer extremistisch eingestellten Zahnärztin okay und trägt der Schrank Schuld , wenn er von einem Tischler mit falscher moralischer Auffassung gebaut wurde?

Link hier

Sind schlechte Bücher von politisch gefestigten Autoren besser als gute Bücher von eventuellen Irrläufern ?

Ich träumte wirr in dieser Nacht und werde nun das Haus putzen.

26 Antworten auf „Karlas (14) Frage zu Handke /Nachtrag und Martenstein mit der Trennung zwischen Werk und Handwerker

  1. Warum sollte Karla nicht Alles lesen dürfen?
    Ich selbst habe mal mit siebzehn „Mein Kampf“ gelesen, „Nazi“ bin ich nie geworden. (Das Buch stand in der Bücherei im „Giftschrank“, bei meiner Wahlgroßmutter im Regal. Sie hatte es wie alle zur Hochzeit bekommen in Deutschland im Jahre 1938.)
    Das Thema diskutiere ich auch mit U, der mich neulich fragte, ist das nicht ein Nazi-Buch. Grimms Märchen in Fraktur, älter als die „tausend Jahre“.
    Gestern Abend fand er Bukowski in meinem Regal, las und fand’s „voll ekelig“.
    Vielleicht wird er den Text einmal anders lesen.
    Was ist es in uns, das Texte und verändern?

    1. Ich finde es mit 14 noch etwas früh. Und ich würde es gern selbst lesen, um aufkommende Fragen zu beantworten. Ja ich glaube auch, das man im Text nur finden kann was als Anlage in einem ist.

  2. Karla ist nicht zu jung, gib ihr bitte noch ein zweites, ganz unterschiedliches Buch z.B. die Lehre der Sainte Victoire dazu, dann wird sie weder kippen, noch krass urteilen ,weil man einem Vielschreiber wie Handke nur so gerecht wird. Martenstein finde ich Klasse.
    Ich würde Karla gern vor mein Handkeregal setzen zum Stöbern.
    Wirbel nicht zu viel Staub beim Putzen auf🤗

      1. Den habe ich mangels anderer Bücher (stand auch bei meinen Eltern als Hochzeitsgabe 1938) mit 8 Jahren gelesen zusammen mit der Bibel -:))) Habe nichts verstanden und vieles falsch…..
        Das Buch wird sie schrecklich langweilen und anöden, lass sie nur, niemals Bücher verbieten und immer anbieten, darüber zu reden.

      2. Das habe ich nicht geahnt. Es gab vor ein paar Jahren eine in Deutschland legal verkaufte Ausgabe mit wissenschaftlichem Kommentar. Vielleicht gibt es die in der Bibliothek.
        Der Text ist so verschwurbelt, das ich mir auch bei Karla, die ich ja nicht kenne, keine Lesefreude vorstellen kann.
        Ich selbst habe das Exemplar meiner Wahlgroßmutter, mal schauen, was U sagt, wenn er es entdeckt.
        Handke ist ein anderer Schnack.
        Lass sie doch, egal, wie sie ihn versteht. Sie kann ihn auch wieder aus der Hand legen.
        Wenn er bei Euch steht, kann sie das auch tun, wenn Du nicht da bist,

      1. Liebe Xeniana, nein, das habe ich nicht; die Lehre der Sainte Victoire war u.a. Reisevorbereitungslektüre anläßlich unserer Reisen in die Provence, denn ich diesem Bändchen spielt Cézanne neben anderen eine wichtige Rolle. Gerade weil sein Blick auf ihn mich so beeindruckte, war ich damals gefesselt von dem, was er schrieb.
        Lieber Gruss zu Dir, Karin

  3. Es erstaunt mich, dass Karla überhaupt fragt, ob sie ein bestimmtes Buch lesen darf, ich habe immer gelesen was mich interessiert hat, natürlich habe ich mit 14 noch lange nicht alles verstanden, aber so konnte ich Grundsteine legen.
    herzlichst, Ulli

  4. Ich mag ja nicht in eine Handke-Diskussion einsteigen, aber es ist mir irgendwie ein Bedürfnis darauf hinzuweisen, dass Handke sehr vieles geschrieben hat, das nicht das mindeste mit den Balkankriegen zu tun hatte, allein schon deswegen, weil er es viel früher geschrieben hat. Ihn als “Nazi” zu bezeichnen ist völlig absurd, er war ganz im Gegenteil in den 1970er und 1980er Jahren in Kärnten einer der wenigen, die über die politisch und ideologisch sehr enge Welt geschrieben und dagegen angeschrieben haben.

    1. Danke, ich weiss.. Ich habe mich hier sehr über diese Überschriften wie Flaneur am rechten Rand und so aufgeregt. Sie hat das dann irgendwie mit ihren Begrifflichkeiten vermischt. Die ganze Debatte finde ich teilweise haarsträubend und irgendwie auch beunruhigend. So habe ich, auf der Suche danach die Jugoslawien Kriege zu verstehen, mir eine Doku angesehen von der ARD : Es begann mit einer Lüge. Danach war ein grosses Stück Vertrauen futsch.

      1. Die Jugoslawienkriege sind ja aber auch wirklich kaum einzuordnen. In dem Sinn, dass alle Beteiligten abwechselnd Täter und Opfer waren, die einen ebenso nationalistisch wie die anderen. Trotzdem ist das Massaker von Srebrenica ein absoluter Tiefpunkt …..

      2. Ich gebe dir Recht. Srebenica lässt keine Deutungen zu. Hat Handke ja auch nie in Frage gestellt, jedenfalls konnte ich nichts finden. In der Doku wurde gezeigt mit welchen Manipulationen in der Meinungsbildung, inklusive gefälschter Bilder, der Natoangriff gerechtfertigt wurde. Das fand ich schon stärker Tobak.

      3. Es war wohl ein großangelegtes Verwirrspiel von allen Seiten mit Opfern und Tätern auf allen Seiten, das in der Region tiefe Gräben hinterlassen hat.

      4. auch dafür danke. Der Krieg begann mit einer Lüge, ging weiter mit Lügen und endete mit Lügen. dazwischen wurden hunderttausende Menschen seelisch verwundet, ruiniert, vertrieben, ermordet … und natürlich wurde auch die Gegenseite besetzt, die der Mörder, Vertreiber, Verwunder, Rechtfertiger…. von Menschen, die vorher nicht mal ahnten, was in ihnen steckt.
        Die allgegenwärtigen Lügen – beginnend mit dem Jugoslawienkrieg, fortgesetzt mit 11-9, Afganistan-Bombardierung, Irakkrieg, Syrienkkrieg, Lybien (…wird fortgesetzt: Yemen, Iran, …) haben große Teile der Welt fast unbewohnbar gemacht. Und da kommt ein akribischer Wahrheitssucher wie Handke (sicher, er hat auch kein vollständiges Bild, aber er versucht zu verstehen) und wird von all denen beschimpft, die alle servierten Lügen runtergefressen haben, ohne zweimal hinzusehen.

  5. Suhrkamp bemüht sich jetzt endlich(ging heute durch die Presse) in einer 25-seitigen Klarstellung, die u.a.ganz wichtig für die Meinung über Handke im Ausland ist, die vielen Mißdeutungen klarzustellen – wurde auch Zeit. Das wichtige Feuilleton rudert ja schon seit geraumer Zeit zurück, aber die Schmähungen bleiben hängen. Als ich auf der Buchmesse das Thema Handke im positiven bei Suhrkamp angeschnitten habe, wurde ich dahingehend beschieden, dass der Verlag und seine Mitarbeiter sich nicht äußern wollen – selbst von meiner positiven Einstellung wollte man nichts hören. Fand ich damals eigentlich unmöglich, ist halt Suhrkamp!

  6. Es gibt auch ein moralisches Versagen vor sich selbst. Bei Handke ist das so. Wer einmal Interviews mit ihm genauer studiert, dem muss es bisweilen grausen vor dem Alleinvertretungsanspruch, den er an seine Literatur stellt. Kritiker, Journalisten, Politik, (seinen) Frauen, auf jede* davon hat er seinen Hass unverstellt geäußert. Und vor allem: In seinen Büchern nach den 1970er Jahren hat dies auch Ausdruck gefunden in seinen Büchern. Der Solitär, seine Innenwelt, seine alles andere auschließende Innenschau, all das sind literarische Belege und der Positivspiegel seines Solipsismus, dem es nicht mehr darum geht, sich Welt zu erobern. Das kann man so machen, und es ist eine Sache, sich in der poetischen Betrachtung eines Pilzes, eines Grashalms, eines Bleistiftes, einer Niemandsbucht zu verlieren. Der rest ist ein beredtes Schweigen über alles andere darüber hinaus. Wenn es wenigstens nicht kollidieren würde mit seinen öffentlichen politischen Äußerungen und Identifikationen mit dem serbischen Regime. Wenn einer sagt, dass man sich die Leichen von Screbrenica in der Arsch stecken soll, wenn dieser Krieg als das einzig ernstzunehmende Signum des Lebens qualifiziert, bei dem muss über die Literatur hinaus auch ein definitives moralisches Urteil möglich sein. Davon bleibt natürlich jedem unbenommen, Knut Hamsun zu lesen, oder Celine. Man kann sich auch gerne Hitler Bilder an die Wand hängen, oder den Futurismus/Vortizismus hofieren. Dabei wird aber irgendwann die eigene moralische Orientierung vor dem Gerichtshof des Selbst zu erscheinen haben, so oder so.

    1. Er hat nicht gesagt, dass man sich die Leichen in den Arsch stecken soll. Das ist ein falsches Zitat. Stecken sie sich ihre Betroffenheit in den Arsch, so lautete es. Er hat Srebenica nicht geleugnet und ich nehme ihm die versöhnende Geste ab. Ich kenne mich nicht genug aus, aber es interessiert mich zum Beispiel nicht, wie sein Verhältnis zu Frauen im wirklichen Leben ist. Das m]üssen die Frauen mit sich abmachen. Ich hänge mir keine Hitler Bilder an die Wand, und ich finde der Nobelpreis ist verdient. Seine Sprache wird überdauern, trifft das wesentliche

      1. Ich habe das mit den Leichen auch ganz bewusst nicht als Zitat gekennzeichnet. Seine Aussage enthält für mich, prolongiert, aber nichts anderes als das, sich die Leichen in den Hintern zu stecken. Soviel Interpretation darf sein. Zumal man Handke Kritikern grundsätzlich immer gerne vorwirft, seine Zitate immer aus dem Zusammenhang zu reißen. Von der Leugnung des Massakers habe ich nichts behauptet. Als Mann weigere ich mich, Gewalt gegen Frauen als etwas Privatimes hinzustellen, gerade heutzutage sollten wir alle dazu Stellung nehmen. I

        Ich habe Ihnen nicht unterstellt, Hitler Bilder an die Wand zu hängen, mir ging es dabei nur um moralische Implikation. Ich selbst habe Knut Hamsun mit Genuss gelesen, noch bevor ich wusste, dass er ein Nazi-Kollaborateur war. Danach habe ich kein weiteres Buch mehr von ihm angefasst, die alten wieder gelesen, um nachzuspüren, ob in seiner Literatur ebenfalls Hinweise auf seine völkischen Ansichten zu finden wären. Ich habe einiges gefunden. Das war übrigens einer von Gründen, später Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren, um gefeit dagegen zu sein, Leben und Literatur auseinander zu dividieren zu wollen wie Herz und Kopf, Geist und Materie, Privates und Öffentliches. Literatur ist keine Privatanschauung, kann es nicht sein, ist unter allen Gesichtspunkten, philosophisch, psycholgisch oder soziologisch ein Ding der Unmöglichkeit. Niemand ist eine Insel.

        Einen Literaturpreis zu erhalten ist ersteinmal kein VERDIENST. Er ist eine zugeschriebene Tatsache, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Shakespeare wird überdauern, Cervantes, Milton, Homer et al. Machen wir nicht so ein Gedöns um Handke, Bob Dylaan oder wie sie alle heißen, die das Glück traf mit dem Erhalt des Nobelpreises. Wer sich wie Handke als Epigone, oder von diesen herkommend bezeichnet, der hat sicher kein Qualitätsproblem mit diesen Riesen. Muss sich aber hinterfragen lassen, von was er denn abhängig macht, mit diesen sich in irgendeiner Art gemeingemacht sehen zu dürfen. Es gibt da einen schönen Begriff: Hybris.

      2. Ich habe nicht studiert und lese und kommentiere daher auf einer anderen Ebene. Aber dieses Zitat sinngemäss falsch wiederzugeben halte ich für schwierig. Verbotene Bücher gab es in meiner Jugend viele Angefangen von Rudolf Steiner über… Über über. Denkgebote und Lesegebote lassen mich allergisch reagieren, deshalb lese ich Mohler wie Marx, den vom rittergut wie auch die taz, kazanzakis wie auch Gottfried Benn. Man muss dem Menschen zutrauen sich eine Meinung zu bilden.
        Zur häuslichen Gewalt…. Hatte ich bei Handke das Gefühl das sie nicht dem klassischen Muster entsprach. Natürlich verurteile ich Gewalt. Dennoch glaube ich das da eine Beziehung zweier gleich stärker Partner eskaliert ist.

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