Dienstag 22.10.19

„Karla muss heute ihre Spitzenschuhe bezahlen“, sage ich und knurre „Merde Prekariat. Niemand fragt wo wir die 107 Euro hernehmen und die 130 für das elektronische Wörterbuch für den Mittleren noch dazu, aber gut : ab und an kaufe ich mir ein Buch. Ich sollte das nicht mehr tun. Aber wir arbeiten beide über 40 Stunden, da muss es auch mal für ein Buch reichen oder auch zwei.

„Hast du den Text gelesen , den von Tijan Sila?, frage ich den Gatten, bevor wir uns die Klinke in die Hand geben. „Nee, hatte noch keine Zeit.“

„Dann liest er doch. Murmelt großartig oder so etwas.

„Sehe ich das richtig, das du diesem Stanisic Recht gibst jetzt?“ fragt er mich.

Ich nicke. „Siehst du „, sagt der Gatte zu unserer Ältesten, „deshalb ist es wichtig in Geschichte gut aufzupassen. Hätte deine Mutter das getan, hätte sie über den Jugosklawienkrieg Bescheid gewusst.

Ich wusste über die Jugoslawienkjriege etwas, aber ich hatte Handke dazu nicht gelesen.

Und sonst: Sonniger Oktobertag. Wohin mit all dem Eichenlaub? Anna kocht Reis mit Erbsen und ich geh arbeiten.

11 Antworten auf „Dienstag 22.10.19

  1. Wenn ich – aus eigenem Erleben – einen zugegeben spitzbübischen Rat geben darf, es gibt auch noch ein sehr interessantes Leben jenseits der Literatur und auch ohne Peter Handke. Zu schnell verpasst man die Realität. Vielleicht einfach mal das Fenster öffnen…? Liebe Grüße …

  2. Es ist schwer, nach einer solchen Lektüre (TAZ-Artikel von Sila) Worte zu finden. Und doch will ich es versuchen. Sila beschwert sich, dass Handke davonrennt und längst verstorbene Autoren als Zeugen seiner Kunst anruft. Dazu noch die falschen, wie Sila meint. Sila macht Handke mitverantwortlich für die Schrecknisse, die eine Mädchen in Srebrenica passierten. Was erwartet er von Handke? Ein “mea culpa”? Das würde er ihm ins Gesicht spucken. Ist denn eine Verständigung zwischen dem, der sich zu den Opfern zählt, und dem, der es mit den Tätern hielt, überhaupt möglich? Nicht, wenn der eine für sich die ausschließliche Opferrolle für sich in Anspruch nimmt und dem anderen die Schuld des Täters zuteilt. Handke kann da ja nur sprachlos bleiben.
    Ich möchte am liebsten auch sprachlos bleiben. Es wäre einfacher. Es wäre auch einfacher, sich der allgemein geltenden Sicht der Dinge anzuschließen. Wie der Gatte sagt: “Hättest du im Geschichtsunterricht aufgepasst”, dann hätte ich nun die richtige Sicht der Dinge: Milosewich der Massenmörder, das bosnische Volk und auch das kosovarische das Opfer. Die NATO-Bombardierungen die Rettung für die Vergewaltigten,die Vertriebenen, die Ermordeten. Sie verhinderten ein “neues Auschwitz” (Fischer)..

    Ich habe aufgepasst, sehr sogar. ich habe drei Monate ununterbrochen geweint – nicht über die Ermordung der Bosnier und Kosovaren freilich, denn das hielt ich weitgehend für Gräuelpropaganda, sondern darüber, dass Deutschland seine Rolle in der Welt fand, indem es ein drittes Mal Belgrad zerbombte.
    Ich habe später ein paar Waisenkinder von serbischen Bosniern finanziell adoptiert. Etwa 60 000 waren es wohl insgesamt. Vaterlose Kinder wie ich selbst, denn mein Vater fiel in Russland. Auch er ein “Täter”. Eine kleine griechische linke Organisation “Karawane der Solidarität” versuchte, diesen Kindern zu helfen, damit sie und ihre Mütter, sofern die noch existierten, überlebten. Wieviele Flüchtlinge leben noch in den Lagern? Es waren hunderttausende, vertrieben aus der Kraijna (Kroatien), Bosnien und aus dem Kosovo.
    Der Krieg, der Jugoslawien zerstörte, hat ungeheures Leid verursacht. Haben die Serben, hat Milosevic diesen Krieg begonnen? allein? Oder wer sonst noch? Wer war an der Zerstörung des Landes interessiert? Wer hat daran mitgewirkt? (einiges kann man dazu bei Wikipedia lesen). Ich habe all die Facetten dieses Krieges, der zugleich ein Übungsfeld für neue Waffen war (depleted Uranium) und eine Vorbereitung für weitere Kriege (Irak, Afganistan, Libyen, Syrien, Iran), tagtäglich verfolgt. Und ich habe Handkes Reaktion damals sehr gut verstanden. Sie war mir sympathisch. Er war nicht feige – ganz im Gegenteil. Er war mutig, denn seine Fürprache für Serbien war im deutschsprachigen Raum unerwünscht. Aber nun ist er offenbar müde geworden und mag nicht mehr reden, wenn die jungen Schriftstelller ihm ihre Wunden zeigen.

    1. Liebe Gerda, danke für deinen auch sehr persönlichen Kommentar. Mein Mann hat sich beschwert, ich hätte ihn im Blog falsch zitiert, es wäre ihm allein darum gegangen, dass es wichtig wäre in der Lage zu sein Zusammenhänge zu erkennen und einordnen zu können, es sei ihm nicht um richtig oder falsch gegangen. Ich selbst weiss einfach zu wenig über die Zusammenhänge damals, somit ist ein Urteil meinerseits temporär und eigentlich ist die eigentliche Erkenntnis, dass ich mir kein Urteil bilden kann. Ich hatte sehr gehofft, dass Handke zu Stanisic s Rede Stellung nimmt, aber offensichtlich ist alles gesagt. Liebe Gerda, es würde mich sehr freuen, wenn du Literaturtipps für mich hättest die sich mit dem Krieg in Jugoslawien auseinandersetzt. Meine Eltern hatten mir eine Tito Biografie geschenkt, aber die endet ja da wo das Chaos begann. Liebe Grüße Xeniana

      1. danke, Xeniana. Es ist mir eine Freude, deine differenzierten Wahrnehmungen und Kommentare zu lesen. Nein, Literaturtipps habe ich leider nicht. ich habe serbische Freunde und Bekannte, die meisten Milosevic-Hasser, entweder weil sie ihn für einen Nationalisten und bürokratischen Dumpfkopf hielten oder weil sie ihn für einen Feigling, Internationalisten und bürokratischen Dumpfkopf hielten. Er war ja durch die kommunistische Partei an die Macht gekommen, war der Parteisekretär, und das kommunistische Regime wurde von beiden Seiten in Frage gestellt – von den Anhängern westlicher Demokratien ebenso wie von den Anhängern nationalistisch-chauvinistischer Politik. Den einen war das “Serbentum” ein Gräuel, den anderen Lebenselixier. Milosevic versuchte den Spagat, was dazu führte, dass er den Krieg nicht vermied, aber ihn auch nicht wirklich führte. So wurde er zur mehrjährigen Schlächterei. Als Bosnien-Herzegovina als musulmanisch-kroatische Föderation zuerst von deutschland und dann auch von der “internationalen Gemeinschaft” abgesegnet wurde, verweigerten die Serben, die die Mehrheitsbevölkerung stellten, die Zustimmung – woraufhin Milosevic ihnen die Unterstützung entzog, denn er wollte sich arrangieren. Der Kosovo, der ja der ursprüngliche Angelpunkt des Problems war, wurde überhaupt erst am Ende des Kriegs virulent….. Es gäbe so viel zu sagen, insbesondere auch über die Vorgeschichte im 2. Weltkrieg (die Kollaboration der Kroaten und Albaner mit der deutschen Besatzung, Ermordung und Vertreibung der Serben aus dem Kosovo, wo sie zuvor 60 %, dann nur noch 20% waren, und heute nur noch eine winzige Minderheit sind – , Ermordung der Serben durch die faschistisch-katholischen Kroaten (Ustashi. Beispiel: die Kinder wurden aufgefordert, ihr Kreuz zu schlagen. schlugen sie es nicht rechts-, sondern llnksherum wie die Orthodoxen, wurden sie umgebracht). … Wer hat Jugoslawien auseinandergetrieben und den Krieg geschürt? Es waren vor allem die Kroaten, die raus wollten aus der Union, weil sie keine Lust hatten, den verarmten Kosovo zu finanzieren. Sie rechneten sie eh immer dem katholischen Westen (Habsburg) zu und begrüßten Hiller als Befreier. Ein prominenter italienischer Journalist sagte auf einer Tagung während des Jugoslawienkriegs hinter vorgehaltener Hand: “Machen wir uns doch nichts vor: Hinter der Auflösung Jugoslawiens stehen Genscher und der Papst”. Ich mache mich nicht anheischig, DIE Wahrheit zu kennen,es gibt so viele Wahrheiten, so viele Legenden, soviele Lügen.. …. Es ist eine komplizierte oft äußerst grauenvolle Geschichte, tausendmal aus sehr verschiedenen Perspektiven erzählt, mal in Österreich-Ungarn beginnend, mal bei Titos Machtergreifung und Ordnung des landes (er war Kroate, schuf als Gegenkraft zu dem beherrschende Serbien das kleine “Mazedonien” und das “autonome” Kosovo, die musulmanische “Ethnie” der Bosnier …), bei der Milosevic-Rede in Pristina, mal irgendwo dazwischen. Ich kann sie unmöglich hier zusammenfassen.
        Mit der Qualität der Dichtung hat diese ganze Auseinandersetzung gar nichts zu tun.

    2. Liebe Gerda, ich danke Dir für Deine Worte und versuche gerade auf meinem Blog den auch anderen Handke zu zeigen, der den Nobelpreis verdient hat für sein Gesamtwerk.
      Liebe Xeniana:
      auch Stanisic hat seinen Preis verdient, den ich auch in seinen Büchern gern lese, weil er einen wunderbaren Humor hat beim Schreiben, aber keinen für seine Rede, die ich anmaßend fand. Den Stein, den er ins Rollen brachte, war ein gefundenes Fressen für die Medien und man sollte auch darauf achten, welche Zeitung, was schreibt. Handke leugnet nichts, er sieht die Dinge mit seinen Augen, denn es geht auch um seine Heimat und ergreift Partei und stellt sich der Kritik. Er sympathisiert nicht mit Kriegsverbechern, er hat sich ein Bild über sie gemacht.
      Ich fände es schade, wenn Du Dein Bild über Handke einseitig festmachst, vielleicht gelingt es Dir Frieden mit ihm zu machen, in dem Du eines seiner letzten Bücher liest und die Biografie von Malte Herwig „Meister der Dämmerung“.
      Lieber Gruß an Dich, Karin

      1. Liebe Karin vielen Dank für diesen Kommentar. Es beschäftigt mich und wird mich wohl noch länger beschäftigen. Über den Satz das soll Literatur eigentlich nicht, bin ich in Stanisic Rede gestolpert. Wer weiss schon was Literatur soll und was nicht. Und auch in seinen Tweets lässt sich ja das ein oder andere Mal Anmaßung herauslesen. Etwas was ich wirklich nicht mag, aber er schreibt trotzdem sehr ungewöhnliche und brillante Romane.
        Handke zu lesen ist jedes Mal ein intensives Spracherlebnis, die Interviews mit ihm (in Filmen) haben für mich oft eine merkwürdige Diskrepanz zum geschriebenen Text aufschreiben lassen. Die obstdiebin ging also nur für diesen einen Tag nicht, sicher werde ich Handke weiterlesen. Die Debatte hat ja auch ihr gutes. Man beginnt wieder zu diskutieren, es gerät etwas in Bewegung. Dir einen schönen Abend. Liebe Grüsse Xeniana

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