„dann räumen wir die halben Bibliotheken leer“

……“also wenn wir so anfangen, dann räumen wir, dann hängen wir Nolde aus dem Kanzleramt ab, was ich auch eine schwierige Entscheidung finde, dann räumen wir die halben Bibliotheken leer, dann darf kein Knut Hamsun mehr auf der Messe rumstehen.“

„…das unter dem Strich jetzt, irgendwie, Handke dieses komische Label hat, da steht jetzt irgendwie ganz riesig Genozidleugner, so ein Warnschild. So wird man dem literarischen Werk von Handke nicht gerecht.“

„….deshalb zu sagen, dieser Mann, darf keinen Nobelpreis kriegen, das ist der Schritt, den ich nicht mehr mitgehe.“

Thea Dorn zur Handke -Nobelpreis Debatte , Literarisches Quartett vom 18.10.2019

Handke und die rechte Ecke

„Die Hakenkreuze an der Wand, Auslöser der literarischen Mordtat, gab es tatsächlich……

Im wirklichen Leben ist er erzürnt über die Nazi-sSchmierei, dass er einen Farbtopf nimmt und das Hakenkreuz zusammen mit Amina und den Widrich Kindern mit grauer Farbe übermalt. „

Aus ‚Meister der Dämmerung“ von Malte Herwig

Handke lesen-„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“

„Aber ist es, zuletzt, nicht unverantwortlich, dachte ich dort an der Drina und denke es hier weiter, mit den kleinen Leiden in Serbien daherzukommen, dem bißchen Frieren dort, dem bißchen Einsamkeit , mit Nebensächlichkeiten wie Schneeflocken, Mützen, Butterrahmkäse, während jenseits der Grenze das große Leid herrscht, das von Sarajevo, von Tuzla, von Srebrenica, von Bihać…“

Aus “ Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien “ von Peter Handke

„Ich kann nicht sehen, dass er Srebrenica leugnet.“ Der Gatte kocht Kaffee. „Und der Satz mit den Barfussmilizen stimmt so auch nicht.Ich höre den Drina Marsch.

„Ich hab die Debatte damals nicht verfolgt“, sagt dieser.

Während Proust und Joyce warten müssen, habe ich beschlossen es mit Handke aufzunehmen. Ein Jahr mit Handke?

Bisher gelesen: Versuch über den geglückten Tag /1996

„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (heute ausgelesen)

Sehr guter Artikel im Spiegel. Mann gegen Mann

Samstag

Noch ist es dunkel. Kein Auto fährt. Ich taste müde nach dem Schalter der Nachttischlampe. Die Vogeluhr schläft. Alle Stimmen verstummt, das Klappern der Tastatur, das Trappeln der Hundepfoten über den Boden. Regentropfen wie Geschosse pladdern an die Fensterscheibe.

Ich greife zu Kershaw : Achterbahn.

Es sind die Nächte, die das Lesen ermöglichen. Um die fünfte Stunde schlafe ich ein und verschlafe den beginnenden Morgen, „den Hexensabatt von Geräuschen, die durch Wände und Decken dringen, Türenknallen und morgendliche Badezimmergänge, das Rauschen der Wasserspülungen.“ Ich versuche mich beim Aufwachen an die Träume zu erinnern.

Wenn es Kaffee nicht gäbe…

Ich lese ein wenig in der Tageszeitung, lege sie kurz darauf wieder weg.

Gegen 9.30 verlasse ich das Haus, fahre durch die noch stille Stadt am Wasser. Manchmal finde ich sie schön.

Es regnet, es ist kalt. Ein paar Jollen am Fischmarkt ducken sich unter dem tief liegenden Himmel.

Ein einzelner Baum trotzt der herbstlichen Melancholie.

„Es soll Sturm geben“, sagt der Sohn.

Gestern also las ich noch einmal Ian Kershaw, außerstande alle Zusammenhänge zu verstehen, auch bei Ruge verstand ich sie nicht.

Heute nachmittag sah ich, wie drüben auf dem verwilderten Grundstück sich einer heimlich die Quitten vom Baum holte. „Wenn die Sonne auf die Früchte fällt, schmerzen dir fast die Augen von dem intensiven Gelb. Erinnerst du dich, dass wir früher am Wegrand den Huflattich pflückten und ihn zur Apotheke brachten. Das besserte unser Taschengeld auf, für das wir uns Cuba Bonbons und klebrige Vitamalz Cola holten.

Der dritte Oktober

Im 30 Jahre alten Tagebuch steht mein Trainingsplan. Gebraucht habe ich ihn nicht.

August 89

Ich saß draußen in der Dunkelheit und konnte durch das Fenster A. dabei zuschauen, wie sie Puppenköpfe modellierte. Ich rauchte F6 oder Cabinett. Es war eine warme Sommernacht, meine letzte Nacht in der DDR, meine letzte Nacht im Katharinenhof in der Nähe von Bautzen. Es muss August gewesen sein. Das Wochende lag vor mir.

Am Morgen fuhr ich mit dem Bus nach Bautzen. Das weiß ich-vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran. Vielleicht hatte mich auch die alte Frau K. in ihrem Auto mitgenommen, als sie zum Einkauf fuhr. Ich erinnere mich daran, wie ich in den Zug stieg. Ich erinnere mich an die Grenzkontrolle zur CSSR. Ich erinnere mich daran kaum Angst verspürt zu haben.

Ich ging einfach.

Warum, lässt sich schlecht sagen. Die Erinnerung täuscht. Ich vermag mich in dieses junge Ich kaum noch zurück zu versetzen. Vielleicht war es dem Gefühl geschuldet, nach dem nicht Eintritt in die SED keine Optionen mehr zu haben. Ent-täuschung hatte stattgefunden. „Wollen wir heute das Morgen bauen“ galt nicht mehr. Vielleicht war es auch das Reisen wollen. Ich trampte damals oft . Guben-Halle Neustadt.

Halle-Neustadt-Berlin,

Halle-Neustadt-Budapest, so weit man eben kam.

Vielleicht hat das nicht mehr genügt.

Keleti/Budapest

Geplant hatte ich zu der Botschaft in Budapest zu gehen. Diese war wegen Überfüllung geschlossen. Jemand der mich ansprach:

Kommen sie aus Deutschland?

Ja.

Aus Ostdeutschland?

Ja.

Wollen sie zurück?

Nein.

Dann kam das Taxi und fuhr mich in das Zeltlager der Malteser.

Ich hätte Angst verspüren müssen, aber ich erinnere mich nur an einen kurzen Funken Misstrauen.

Ich hatte eine „Kraxe“ auf dem Rücken. Die ARD filmte mich, beim Betreten des Zeltlagers.

IHier blieb ich bis zum 11. September.

Tagsüber streifte ich durch Budapest. Ging schwimmen, las in Cafes. Ich verspürte kein Angst. Noch immer nicht. Ich verspürte kein Ungeduld, keine Erwartung.

11. September:

Mit dem Trabbi wurde ich über Wien nach Passau mitgenommen.

Der Empfang war euphorisch. Ich war nur wenig älter, als es meine ältesteste Tochter jetzt ist. Ab Passau reiste ich wieder allein.

Der Grenzbeamte in Passau, der mir ungläubig zuhörte, als ich sagte ich sei allein und wüsste auch nicht wohin. Der gab mir die Adresse in Heidelberg. Ich zog es nicht in Betracht meine Großmutter anzurufen. Als ich es später doch tat, sagte sie genervt: Ich weiß nicht was ihr hier alle wollt. Wir haben genug Arbeitslose.“

Kommen durfte ich als ich Wohnung und Arbeit gefunden hatte. Ich

hauste in einem winzigen Zimmer, einer Kajüte, keine Küche , kein Bad, dafür aber mitten in der Altstadt. Klo halbe Treppe. Das war mir vertraut. Unvertraut waren die japanischen Reisegruppen, die nachmittags manchmal den Hinterhof bestaunten.

Das Heidelberger Jahr war ein besonderes Jahr mit wunderbaren Menschen, Spaziergängen auf dem Philosophenweg, grasen am Neckar und einem Gefühl von Abenteuer und Glück.

Ich hatte die DDR loswerden wollen, in Wahrheit war sie mir ganz nah. Sie liess mich nie los.

Um so älter ich werde, um so näher rücken die Erinnerungen und sie überfallen mich geradezu an tagen wie Diesen..

Kiel richtete dieses Mal den Tag der Deutschen Einheit aus. Auf den Dächern Scharfschützen.