„dann räumen wir die halben Bibliotheken leer“

……“also wenn wir so anfangen, dann räumen wir, dann hängen wir Nolde aus dem Kanzleramt ab, was ich auch eine schwierige Entscheidung finde, dann räumen wir die halben Bibliotheken leer, dann darf kein Knut Hamsun mehr auf der Messe rumstehen.“

„…das unter dem Strich jetzt, irgendwie, Handke dieses komische Label hat, da steht jetzt irgendwie ganz riesig Genozidleugner, so ein Warnschild. So wird man dem literarischen Werk von Handke nicht gerecht.“

„….deshalb zu sagen, dieser Mann, darf keinen Nobelpreis kriegen, das ist der Schritt, den ich nicht mehr mitgehe.“

Thea Dorn zur Handke -Nobelpreis Debatte , Literarisches Quartett vom 18.10.2019

Handke und die rechte Ecke

„Die Hakenkreuze an der Wand, Auslöser der literarischen Mordtat, gab es tatsächlich……

Im wirklichen Leben ist er erzürnt über die Nazi-sSchmierei, dass er einen Farbtopf nimmt und das Hakenkreuz zusammen mit Amina und den Widrich Kindern mit grauer Farbe übermalt. „

Aus ‚Meister der Dämmerung“ von Malte Herwig

Vierte Oktoberwoche mit einem aufprallenden Kleiber und immer noch Handke

Wir saßen gerade beim Frühstück. Mit Kerze und Duft von selbstgebackenen Brötchen. Ja so sind die Dienstfrühstücke bei uns, da dumpfte ein dunkler Aufprallton in die kauende Stille.

Erschrocken fuhren wir auf. Durch das bodentiefe Fenster hindurch, sah man auf dem Kopfsteinpflaster, sonnenüberflutet, einen Vogel auf dem Rücken liegend nach Luft schnappen. Kein schöner Anblick.

„Dem gehts wie mir“, dachte ich. Wir aßen weiter. Auf dem Tisch bekämpfte ein kriegerischer Ritter den Drachen. Postkartenmotiv.

„Ein Kleiber“, sagte ich. „Nein kein Kleiber, so sieht kein Kleiber aus, gab Silke reflexhaft zurück. Ich unterdrückte ein Gähnen.

Man überlegte, helfen oder nicht. Inzwischen drehte sich der Vogel auf seine Füße, saß aufgeplustert und benommen im Sonnenschein. Es kam keine Katze.

Das Frühstück war beendet. Ich nahm mein Handy, ging zu dem Unglücksraben, der doch ein Unglückskleiber war. Aber das sagte ich nicht mehr. Wozu auch.

Kleiber kann man mit ihrem eigenen Ruf anlocken. Sie fallen immer wieder darauf herein, kommen nah heran. Diesen hatten wir nicht gelockt. Er war einfach so auf Abwege geraten. Leider im atemberaubenden Tempo. Der noch Geschockte sah mich skeptisch an, während ich mich bemühte ein Foto zu machen. Ich blieb ruhig stehen. „Mach das du weg kommst“, raunte ich ihm zu. Er nahm meinen Rat an.

Am Wochende Why we should read Handke gelesen. Abgesehen von der Debatte, kann ich für mich nur sagen: Ich lese Handke gern. Man tritt aus dem Alltäglichen heraus.Der Nobelpreis ist mir egal, so beschließe ich es.

Lustigste Szene der Woche: Julius umringt von zwei im sitzen bettelnden Hunden, hielt ein Schälchen Hundefutter in der Hand und segnete es mit einem katholischen Ritus. Ich musste lachen und sagte: „Fehlt nur noch der gelbe Bademantel.“

„Häh?“, sagte Julius. Ich erklärte ihm, dass er gerade den Beginn eines sehr bekannten Buches nachgespielt hätte. „Als hätte Anna beim Frühstück, Zwieback in Lindenblütentee getaucht und Kindheitserinnerungen zum Besten gegeben.

„Versteh ich nicht“, sgte Julius und fütterte die Hunde.

Mild klingt der Oktober aus. In den Vorgärten beginnen sich Skelette, Spinnen und dergleichen mehr zu sammeln. „Süßes sonst Saures“ war noch nie meins. Trotzdem findet die Party immer hier statt. Man will den Kindern ja nicht die Kindheit verderben oder die Jugend.

Die Stare fliegen davon?

Die Krähen in der Einkaufsstrasse haben ihren „Schlafbaum“ wieder bezogen. Das wirkt besonders zur Weihnachtsmarktzeit surreal. Handke schreibt in der Niemandsbucht, etwas von Heizungsluft, die die Spatzen genau auf dem Baum schlafen lässt.

Heute wird der Oberbürgermeister gewählt.

Donnerstag mit einem Kommentar von Gerda zur Handke Debatte

Ich möchte hier gern noch einmal einen Kommentar von Gerda (sie führt den sehr inspirierenden und wunderbaren Blog gerdakazakou.com) , Raum geben. Liebe Gerda, ich danke dir an dieser Stelle für diesen detaillierten, sehr interessanten und vor allem sehr persönlichen Kommentare zur Debatte um den Nobelpreis für Peter Handke.

Es ist schwer, nach einer solchen Lektüre (TAZ-Artikel von Sila) Worte zu finden. Und doch will ich es versuchen. Sila beschwert sich, dass Handke davonrennt und längst verstorbene Autoren als Zeugen seiner Kunst anruft. Dazu noch die falschen, wie Sila meint. Sila macht Handke mitverantwortlich für die Schrecknisse, die eine Mädchen in Srebrenica passierten. Was erwartet er von Handke? Ein “mea culpa”? Das würde er ihm ins Gesicht spucken. Ist denn eine Verständigung zwischen dem, der sich zu den Opfern zählt, und dem, der es mit den Tätern hielt, überhaupt möglich? Nicht, wenn der eine für sich die ausschließliche Opferrolle für sich in Anspruch nimmt und dem anderen die Schuld des Täters zuteilt. Handke kann da ja nur sprachlos bleiben.
Ich möchte am liebsten auch sprachlos bleiben. Es wäre einfacher. Es wäre auch einfacher, sich der allgemein geltenden Sicht der Dinge anzuschließen. Wie der Gatte sagt: “Hättest du im Geschichtsunterricht aufgepasst”, dann hätte ich nun die richtige Sicht der Dinge: Milosewich der Massenmörder, das bosnische Volk und auch das kosovarische das Opfer. Die NATO-Bombardierungen die Rettung für die Vergewaltigten,die Vertriebenen, die Ermordeten. Sie verhinderten ein “neues Auschwitz” (Fischer)..

Ich habe aufgepasst, sehr sogar. ich habe drei Monate ununterbrochen geweint – nicht über die Ermordung der Bosnier und Kosovaren freilich, denn das hielt ich weitgehend für Gräuelpropaganda, sondern darüber, dass Deutschland seine Rolle in der Welt fand, indem es ein drittes Mal Belgrad zerbombte.
Ich habe später ein paar Waisenkinder von serbischen Bosniern finanziell adoptiert. Etwa 60 000 waren es wohl insgesamt. Vaterlose Kinder wie ich selbst, denn mein Vater fiel in Russland. Auch er ein “Täter”. Eine kleine griechische linke Organisation “Karawane der Solidarität” versuchte, diesen Kindern zu helfen, damit sie und ihre Mütter, sofern die noch existierten, überlebten. Wieviele Flüchtlinge leben noch in den Lagern? Es waren hunderttausende, vertrieben aus der Kraijna (Kroatien), Bosnien und aus dem Kosovo.
Der Krieg, der Jugoslawien zerstörte, hat ungeheures Leid verursacht. Haben die Serben, hat Milosevic diesen Krieg begonnen? allein? Oder wer sonst noch? Wer war an der Zerstörung des Landes interessiert? Wer hat daran mitgewirkt? (einiges kann man dazu bei Wikipedia lesen). Ich habe all die Facetten dieses Krieges, der zugleich ein Übungsfeld für neue Waffen war (depleted Uranium) und eine Vorbereitung für weitere Kriege (Irak, Afganistan, Libyen, Syrien, Iran), tagtäglich verfolgt. Und ich habe Handkes Reaktion damals sehr gut verstanden. Sie war mir sympathisch. Er war nicht feige – ganz im Gegenteil. Er war mutig, denn seine Fürprache für Serbien war im deutschsprachigen Raum unerwünscht. Aber nun ist er offenbar müde geworden und mag nicht mehr reden, wenn die jungen Schriftstelller ihm ihre Wunden zeigen.

Dienstag 22.10.19

„Karla muss heute ihre Spitzenschuhe bezahlen“, sage ich und knurre „Merde Prekariat. Niemand fragt wo wir die 107 Euro hernehmen und die 130 für das elektronische Wörterbuch für den Mittleren noch dazu, aber gut : ab und an kaufe ich mir ein Buch. Ich sollte das nicht mehr tun. Aber wir arbeiten beide über 40 Stunden, da muss es auch mal für ein Buch reichen oder auch zwei.

„Hast du den Text gelesen , den von Tijan Sila?, frage ich den Gatten, bevor wir uns die Klinke in die Hand geben. „Nee, hatte noch keine Zeit.“

„Dann liest er doch. Murmelt großartig oder so etwas.

„Sehe ich das richtig, das du diesem Stanisic Recht gibst jetzt?“ fragt er mich.

Ich nicke. „Siehst du „, sagt der Gatte zu unserer Ältesten, „deshalb ist es wichtig in Geschichte gut aufzupassen. Hätte deine Mutter das getan, hätte sie über den Jugosklawienkrieg Bescheid gewusst.

Ich wusste über die Jugoslawienkjriege etwas, aber ich hatte Handke dazu nicht gelesen.

Und sonst: Sonniger Oktobertag. Wohin mit all dem Eichenlaub? Anna kocht Reis mit Erbsen und ich geh arbeiten.

Montag mit einem Tweet zu Tijan Sila

Mein PC begrüßt mich nun mit dobro dosli. Leider kann ich das nicht mehr rückgängig machen, weil ich den Rest auch nicht lesen kann. Ich rate, wenn das Antivirusprogramm mir kaufen oder nicht kaufen vorschlägt und hoffe das richtige gewählt zu haben.

Im Kopf die Melodie von Ajde Jano. Die hatte Martin damals auf einem Konzert in Subotica gespielt, magla padnala auch und schto si lenno.

Ich bin ein paar Mal in Jugoslawien gewesen, als es bereits aufgehört hatte Jugoslawien zu sein. Einmal zu diesem Konzert, wir wohnten bei einer Bauernfamilie. Ich lernte etwas über die Käseherstellung obwohl ich kein Wort verstand. Dann Kroatien mit klassischen Urlaub und einmal auf der Durchreise Zagreb.

Dann der Link auf Twitter: Kunst dient den Nackten.

Als der Gatte von der Probe nach Hause kommt sitze ich im Lesesessel. „Was ist los?“ fragt er. „Sagt dir Sila etwas? Hab dir den Link geschickt. Nach dem Beitrag geht die „Obstdiebin“ nicht mehr. Oder schön geschriebene Reiseberichte.“

Tijan Sila schreibt als Betroffener.

Mir ist schon lange nicht mehr etwas so an die Nieren gegangen.

Ich arbeitete heute von zu Hause und wenn ich gerade nicht etwas über Wald, Therapie und Kinder schrieb, dann las ich“Die Tablas von Daimiel“. Ich verstand es auf zwei Ebenen nicht, nicht auf der sprachlichen und nicht auf der moralischen Ebene.

Kann ich trennen?

Will ich trennen?

Sonntag

Noch einmal eine Dokumentation über die Jugoslawienkriege, eine Dokumentation über Slobodan Milošević, verfolgen der Handke Serbien Debatte.

Wer ist eigentlich Milošević ?, fragte mich Lina auf Whats App. Die Frage erstaunt mich.

Dann muss der Haushalt erledigt werden. Um Zeit zu sparen koche ich Polenta mit Schafskäse. Julius mag das nicht und bäckt sich eine Fertigpizza.

Der Gatte erscheint in der Pause zwischen zwei Konzerten und isst auch lieber Fertigpizza. Gemeinsamer Spaziergang durch den Wald, mit einer Pilzvielfalt, Pilzduft. Ein kleiner deutscher Schäferhundwelpe wird im Bollerwagen spazierengefahren. Walker gehen schnell, Radfahrer rasen durch den Wald und zwei gehen mit ihren Ponys Gassi.

Dann beginnt Julius mit tomate-Mozarella, macht Anna selbst Klöße und lese ich „Wunschloses Unglück“ zu Ende. Karla übt Klavier und versucht etwas aus „Evita“ zu singen. Die Hunde betteln nach Futter. Ich vermute Demenz, denn sie haben gerade erst bekommen. Die Katze will raus in die Nacht, irgendjemand hört ein youtubevideo.

Es dunkel und ein beharrlicher Nieselregen sprüht vom Nachthimmel herab. Das Licht an der Garage leuchtet. Die Küche ist zum 4. Mal heute im Chaos versunken.

Allmählich kehrt Ruhe ein.

Handke lesen-„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“

„Aber ist es, zuletzt, nicht unverantwortlich, dachte ich dort an der Drina und denke es hier weiter, mit den kleinen Leiden in Serbien daherzukommen, dem bißchen Frieren dort, dem bißchen Einsamkeit , mit Nebensächlichkeiten wie Schneeflocken, Mützen, Butterrahmkäse, während jenseits der Grenze das große Leid herrscht, das von Sarajevo, von Tuzla, von Srebrenica, von Bihać…“

Aus “ Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien “ von Peter Handke

„Ich kann nicht sehen, dass er Srebrenica leugnet.“ Der Gatte kocht Kaffee. „Und der Satz mit den Barfussmilizen stimmt so auch nicht.Ich höre den Drina Marsch.

„Ich hab die Debatte damals nicht verfolgt“, sagt dieser.

Während Proust und Joyce warten müssen, habe ich beschlossen es mit Handke aufzunehmen. Ein Jahr mit Handke?

Bisher gelesen: Versuch über den geglückten Tag /1996

„Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ (heute ausgelesen)

Sehr guter Artikel im Spiegel. Mann gegen Mann

Donnerstag mit einer Buchhandlung und Handke-tisch

Weder in der Bibliothek, noch in der Buchhandlung ist Handke zu finden. Die Buchhändlerin entschuldigt sich, nachdem sie mich zunächst zu einem Handketisch führen wollte, den es so nicht gab. „Die Verlage kommen nicht hinterher“, sagt sie entschuldigend. Und: „Plötzlich wollen alle Handke lesen.“

Handke verehrt das Erfinden…

Ich lese Handke, hab die Niemandsbucht beiseite gelegt und zur Winterreise gegriffen.

Ich lese über Handke.

Ich sehe „Underground“.

Ich lese Handke sehr sehr gern, Stanisic auch, auch wenn sie wenig miteinander gemein haben.

Und sonst?

Gelbgoldenes Herbstlaub auf einem weißen Autodach.

Die italienischen Schuhe passen doch.