Versuch über Plattenbauten und der Sehnsucht meines Vaters nach Mandelbäumen

„Geh nicht“, diesen Satz hatte er 89 schon einmal gesagt. Das war im Juli.

Es ist Herbst geworden in Kiel, in Ludwigshafen flirrt noch der Sommer vor den Fenstern. Stickige Krankenhausluft. „Geh nicht.“

Er erzählt von der alten Frau R. die ihn schon erwarten würde, mit Bratpfanne in der Hand. Mein pfälzischer Bruder der sagt: Das ist das schlechte Gewissen. Er hat dich manchmal zu spät abgeholt oder?“

Ja, Frau R. in Dederonschürze, alt wie ein Baum, immer mit einem Glas Kekse bewaffnet, war sauer weil das ihre Arbeitszeit verlängerte. Ich war krippenuntauglich. Ich war ein schwächliches Kind, vermutlich eine Folge des zu früh geboren seins. Hab mich schon früh dem Kollektiv entzogen. Sie pflegte auch das Rosenbeet vor unseren Plattenbau mit Hingabe.

Meinen Bruder habe ich nicht nach seinen Erinnerungen gefragt. Sein Vater war jung, meiner in den besten Jahren und mit einem Bruch hinter sich.

Wieder zu Hause lese ich „Nachwendekinder“ von Johannes Michelmann. Es berührt mich wenig, die Erinnerungen haben wenig mit meinen Erinnerungen gemeinsam. Es wäre ein Buch , welches meine Kinder hätten schreiben können wären sie etwas älter gewesen, aber die interessiert die DDR kaum. Nur Karla fragt manchmal nach.Es gibt kein Schweigen, keine unaufgedeckten dunklen Flecken. Die Betonung liegt auf unaufgedeckt. Dunkle Flecken gibt es.

Es existierten

Dinge die nicht zu verstehen sind. Die Nachwendezeit habe ich nur am Rand mitbekommen. Ich hatte mich derweil nach Schottland geflüchtet. Meine Eltern verloren beide ihre Arbeit, die Arbeit die sie dann fanden entsprach nicht mehr ihren Qualifikationen.

Ich habe noch einen jüngeren Bruder, der damals mit 14 Jahren in die Pfalz verpflanzt wurde. „Hast du das Buch Nachwendekinder gelesen?“, frage ich via What’s App. „War es wirklich so schlimm?“

„Ja“, sagt er, „das Buch hat mir aus der Seele gesprochen.“ Die Pfalz- offensichtlich kein Sehnsuchtsort für ihn.

Ungeordnete Erinnerungen.

Ich habe eine Schwäche für Ludwigshafen. Es ist so bodenständig, unprätentiös, rau und lebendig. Es ist nicht der Pfälzer Wald von dem mein Vater immer sprach. Und ich gestehe, manchmal fühle ich in Plattenbausiedlungen ein seltsames Heimatgefühl aufkommen.

Dienstag, was ich sah

Die Mandelbäume blühen nicht. Der Rhein fließt ruhig. Ein dürrer Mann um die siebzig ruft etwas auf Italienisch über den Platz. Verschwörisch sagt er zu seiner Nachbarin. Das war mein Enkel, der ist bei der Mafia.

Laut ist es, fröhlich ist es und sommerlich warm, aber auch vom Prekariat geprägt. Ich sah einen sehr jungen Arzt der sich Zeit nahm. Ich sah jede Menge Multi Kulti. Ich sah den Handelshafen.

Montag

Die Schlaflosigkeit treibt mich um. Ich beschließe das Küchenverbot zu umgehen. Anna hatte sich am Nachmittag in der Küche verbarrikadiert.

Still ist es, blitzsauber ist die Küche. Alles schläft. Vom Tisch blickt mich furchtsam ER an.

Monsieur, ich befürchte sie suchen die verloren gegangene Zeit. Da haben wir etwas gemeinsam.

Was für ein Geburtstagskuchen.

Als Novemberkind war ich gedacht. Ich hatte es eilig. Und ich schicke meinen Dank zu den zwei jungen Ärzten die damals das Leben meiner Mutter und das meine retteten.

Gegen 6.00 servieren die Kinder Madeleines und Lindenblütentee.

„Wir haben nachgelesen“, sagt Anna. Die Madeleines sind als Madeleines optisch nicht zu erkennen, im Geschmack aber sind es eindeutig Madeleines.

Nein den Proust den kann ich zum Verspeisen nicht freigeben. Vorsichtig heben wir den Kopf vom Thron. Den Rest des Kuchens packe ich ein und fahre zur Arbeit. Im kleinen Grauen stelle ich den Kultursender ein. Circe wird vorgelesen.

Nach der Arbeit erzählt Anna, sie hätten in der Schule vom Proustkuchen erzählt, aber niemand hätte gewusst wer Proust sei.

So viel lässt sich sagen: Ich würde die Suche gern wieder aufgreifen.