Erinnerung an einen Abend mit Tee

Einmal habe ich in diesem, ihrem Haus gesessen, nicht im besten Viertel der Stadt, aber auch nicht im schlechtesten. Ein großes Haus, stilvolle Möbel, Geld war vorhanden, Urlaube auch und doch schien sich in dem Gespräch mit ihr, das Unglück des nicht Erreichten dieser Welt zu bündeln. Ich besaß damals eine erste kleine Wohnung, die Wäsche brachte ich zum Waschsalon und schlief auf einer Matratze. Ich gab das Geld lieber für Bücher und Theater aus, ging segeln auf dem alten Schiff, wohnen war mir nicht wichtig.

Sie muss so alt gewesen sein, wie ich heute. Das Viertel stimme nicht, sagte sie, nach Mönkeberg sei dieses Viertel hier nur noch Abstieg zu nennen. Das Haus wäre in Ordnung, aber das Kind würde sich weigern zu filzen oder ein Instrument zu lernen, es wolle lieber auf Bäume klettern. So sei es aber nicht gedacht. Schließlich sei man nicht Thoreau. Bildung war auch vorhanden.

Den Tee, es war Roibush Toffee gab es aus einer Bodum Kanne. Ein intensives Leuchten von Orange- gelb. Es brachte mich durch diesen Abend. Gestern, zwanzig Jahre später, habe ich diese Kanne erstanden. Ich befüllte sie mit schwarzem Tee und Zitrone, so wie mein Vater seinen Tee immer trank, jazzhörend, Geschichten erzählend. Eine weitere unwillkürliche Erinnerung die mit dem herben Geschmack auftaucht. Ich habe dich immer geliebt Papa. Weil ich sein durfte wie ich wollte, weil du nie über meine kindlich patriotischen Gedichte lachtest, weil du mir etwas über Versmaß erzähltest, weil ich mich ernst genommen fühlte auf der Suche nach meinem eigenen Weg.

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