Proust lesen Tag 139-Sodom und Gomorrha/Die Gefangene-Albertine und ihre Freundinnen

Kiel: Unterdessen ist Herbst geworden. Man kleidet sich in Übergangs oder Winterjacken, kratzt morgens das Eis vom Auto und zündet Kerzen an.

Es ist alles wie immer, die Eichelhäher krächzen, die Eichhörnchen sammeln, die Blätter trudeln langsam herunter.

Terezia Mora hat den Büchner Preis bekommen und sagt der Fisch stinke vom Kopf her. Ich wüsste gern etwas detaillierter worauf sie hinaus will. Sie ist eine meiner Lieblingschriftstellerinnen. Da sie auch Esterhazy erwähnt, lese ich in sein Bauchspeicheldrüsenbuch rein und google mir auf google street view die dazugehörigen Straßen. Esterhazy stehe im Verdacht linksliberal zu sein, schreibt sie und das es in Ungarn eine Tendenz gäbe, alles Intellektuelle verdächtig zu finden.

In Argentinien zur Zeit der Militärherrschaft, reichten Brille und Buch um zu verschwinden.

Proust: Abreise aus Balbec. Marcel der sich eben noch von Albertine trennen wollte, ist zutiefst besorgt als er hört, dass sie mit der Vinteuil Tochter zu tun hat. Der Verdacht, dass Albertine lesbische Beziehungen unterhält, verhärtet sich. Dieses führt nicht dazu, dass Marcel sich trennt. Er verfällt in das Gegenteil. Albertine wird in Paris zunehmend überwacht. Marcels Misstrauen bringt das Feuer nicht zum Erlöschen sondern entzündet es.

Beide spielen ein Spiel mit doppelten Boden. Marcel gibt vor in eine andere Frau verliebt zu sein, Albertine schweigt über ihre Freundinnen. Seltsame Liebe

Politik: Angela Merkel tritt vom Parteivorsitz zurück.

In Brasilien wurde Bolsonaro zum Präsidenten gewählt.

Proustlesen Tag 138-Sodom und Gomorrha-Cambremer gegen Verdurin-ein Verdacht fällt auf Albertine

 

Proust: Die Cambremers zerstreiten sich mit den Verdurins, weil Morel eine Einladung bei den Cambremers ablehnt. Madame Verdurin spinnt wieder Intrigen und hält Brichot mit Lügen ab: es würde bei Cambremers über ihn gespottet werden, dort hinzugehen.

Ein erster Verdacht fällt auf Albertine. Marcel wird zugetragen sie hätte merkwürdige Manieren, es ist vermutlich die Überleitung in den fünften Band. Und wieder Etymologien…..

Proust lesen Tag 137-Sodom und Gomorrha-Charlus und die Liebe zu Morel

Der Himmel ist wolkenverhangen, trotzdem leicht. Draußen ist es kühl, aber die Sommerblumenmischung blüht noch immer. Eine Wespe verirrt sich im Badezimmer.

Proust: Nun erschließt sich mir, warum Charlus damals als er das erste Mal in der Recherche auftauchte, mit dem ruhelos dubiosen Blick  auftrat. Charlus lebt von der geheimnisvollen Aura und ist es gewohnt seine Spuren zu Liebhabern zu vertuschen. Etwas Lack ist ab, wenn man ihn mit der Erscheinung vom ersten Balbecaufenthalt vergleicht. Leicht verfettet, hinter der Schminke bleich und lange nicht mehr so souverän. Er schafft den Absprung bei Morel nicht, obwohl dieser hinterhältig, egoistisch, falsch und snobistisch ist. Wie damals schon Swann, der in der Liebe zu Odette jedes Maß verlor, spioniert Charlus Morel hinterher, göttliche Szene im Bordell. Mein Gott warum ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass als Serie zu verfilmen. 

Um persönliche Statements gehts ja nicht so sehr, aber der offensichtlich im Niedergang begriffene Charlus ist meine Lieblingsfigur. 

Proust lesen Tag 135-Sodom und Gomorrha-Charlus und Aimee

 

Proust:

Rückblende: Charlus wollte Aime, Aime merkte das aber nicht und fiel aus allen Wolken, als er von Charlus einen melancholischen Brief bekam.

Das Automobil lässt Entfernungen schrumpfen. Ich finde das schade, denn ich bange um die Langsamkeit, das Innehalten, das Gehen. Die Seele wird nicht mehr Schritt halten können mit den technischen Neuerungen.

Marcel hat den mut Madame Verdurin auszuladen.

Proust lesen Tag 133-Sodom und Gomorrha-im Salon Verdurin

Hamburg:

Ein Buch in Schlangenlederhaut aus dem Regal genommen: „Das Flimmern des Herzens“. Mein Herz flimmert auch, als ich das Buch aus „Die Andere Bibliothek“ gegen den Gutschein einlöse, „Der Tyrann“ von Stephen Greenblatt (aufmerksam geworden durch feiner Buchstoff) muss auch mit, Anna und Karla erwählen das Finale von „Talon“. Man kann erahnen welche Lasten ich über den Tag tragen werde.

Sommerwarmer Wind, siebenundzwanzig Grad. In der Mönckebergstrasse trägt ein Mann mit spiegelblanker Glatze und einem irren Blick ein mannshohes Holzkreuz mit Tesa umklebt . Er warnt lamentierend und drohend vor der Hölle. Reden kann er, das muss man ihm lassen, theatralische Gesten kann er auch. Jemand pflichtet ihm bei, als er sagt im Grunde sei der Mensch böse.  Jasinna ist auch wieder da. Er steht auf seiner kiste, der Regenschirm dient ihm heute als Sonnenschutz. Er bekennt sich zu Jesus durch die Aufschrift seines T-Shirts, Schweigen und Bewegungslosigkeit. So stand er bereits das ganze Jahr, bei Schnee, Regen, Sturm, Hitze. Die Faluner machen eine Gymnastik zwischen Yoga und Eurythmie, eine Flötistin spiel die Habanera und ein Romachor zieht Publikum an.Ein Pianist spielt, eine Cellistin auch und daneben wird für Meinungsfreiheit im Iran demonstriert.

Es ist Zeit die U -Bahn nach B. zu nehmen. Sie  ist nahezu leer. In B. selbst verschlägt es höchstens Männer mit langen Kleidern auf die Straße, eine Frau mit der Stimme von Tom Waits bittet mich vom Balkon herunter, doch bitte den Haargummi aufzuheben, ein etwas gewichtigeres Kind kommt die Treppe heruntergelaufen um den rosa Haargummi entgegenzunehmen. Sonst ist Stille, nur der Wind treibt das Laub raschelnd vor sich her.

Auf der Rückfahrt in  „Flimmern des Herzens“gelesen, das mit den Ratten hätte ich lieber nicht gewusst. Spannend den Schreibprozess Prousts so mitverfolgen zu können.

Proust: im Zug Kiel-Hamburg am Morgen gelesen.

Marcel liebt grüne Glanzseide und hat Brichot geschluckt. Er ist der Einzige außer Charlus dem man gern zuhört, finde ich. Der Rest verliert sich in Zynismus, Snobismus und Dazugehörenwollen.

Charlus zeigt sich gerade im Understatement, er spricht nicht von seinen Talenten, als einer der es wirklich drauf hat. Da kann Morel nicht mithalten. Wie schön dass jeder Meyerbeer für Debussy hält und sich in Ahs und Ohs ergötzt.  Den Ausführungen Proust über Homosexualität und Kunst vermag ich nicht zu folgen. 

Cambremers führen sich noch immer snobistisch auf, sie stürzt sich auf ein Heft von Scarlatti, Charlus erzählt von seinem Schutzpatron Sankt Michael, später wird Karten gespielt, Cottard klopft launige Sprüche, während, ich glaube es ist Cambremer, herausfindet dass Cottard der berühmte Professor Cottard ist.

Dann ist das Ziel erreicht, wir fahren im Hauptbahnhof ein. Wir wollen zum Buchladen, ein Buch in Schlangenlederhaut aus dem Regal befreien, später in einen Stadtteil der angeblich aus allen Zahlen gekippt ist, schauen ob es wirklich so ist. Ein warmer Wind weht. Es sind 27 Grad im Oktober.

 

 

Proust lesen Tag 132-Sodom und Gomorrha-Im Salon der Verdurins-Charlus in Kiel

 

 

Proust:  Gespräch über Elstir, der dem Salon der Verdurins den Rücken kehrte, nachdem es Madame Verdurin nicht gelang ihn mit seiner neuen Flamme auseinanderzubringen. „Ja damals, als er bei mir einkehrte hatte er noch Talent. Intelligent sei Elstir ohnehin nie gewesen. Seinen Impressionismus nennt sie „hektisch gewordenes achtzehntes Jahrhundert.“

Göttliches Gespräch zwischen Monsieur Verdurin und Charlus, es geht ums dazugehören. “ Dazugehören versteht Charlus als Anspielung auf seine Homosexualität und ist nach den flammenden Blicken von Cottard nun langsam am Ende seiner Kräfte.

Ein Missverständnis. 

Cambremers regen sich noch immer über das  in ihren Augen nicht mit Stil eingerichtete Anwesen auf. „Und sie haben Tüllstores! Welch ein Stilbruch! Aber was wollen Sie, die Leute wissen es nicht besser, wo sollen sie es auch gelernt haben? Wahrscheinlich sind sie reiche Geschäftsleute, die sich zur Ruhe gesetzt haben. Für ihre Verhältnisse ist es gar nicht so schlecht.“

Drei Adjektive Regel: Wir fühlen uns glücklich-geehrt-ganz davon angetan.

Charlus bei Kaiser Wilhelm in Kiel:

 Charlus verteidigt gegenüber Cambremer den Titel seine Hoheit und bezieht sich dabei auf Kaiser Wilhelm der ihn in Kiel die ganze Zeit mit Monseigneur anredete. Der Kaiser sei hochintelligent, verstünde aber leider nichts von Malerei, denn er hätte alle Elstirs aus den nationalen Museen entfernen lassen. Er lobt die Hochrüstung Wilhelms, hält ihn als Mensch aber für nichts wert. „…er hat seine besten Freunde verlassen, verkauft, verleugnet-leitet über zur Eulenburg Affäre (muss ich noch nachschlagen).

Proust lesen Tag 130-Sodom und Gomorrha- Auftakt bei den Verdurins-Charlus und Morel

Proust:

Morel wirkt schüchtern wie ein Schuljunge der zum ersten Mal ein Bordell besucht. Baron Charlus hingegen tänzelt herein mit etwas watschelnden Gang, …so kam er flatternd, geziert und ganz als ob das Wallen von Röcken seine gewundenen Bewegungen umflute und behindere, mit einer so geschmeichelten und hochgeehrten Miene auf Madame Verdurin zugetänzelt…“

Während Charlus unter jeder Maske noch eine andere tragend, mir immer sympathischer wird, er ist exzentrisch, sensibel, intelligent und einfach schräg in die Welt geschraubt, gibt sich Morel als billiger Emporkömmling.

Auf Charlus folgen die Cambremers, was Cottard völlig aus dem Konzept bringt.

Madame Cambremer, schlecht gelaunte Vermieterin der Verdurins bekommt bessere Laune als sie Charlus sieht. Wird er sein Versprechen an Odette halten?

Charlus glaubt, dass sein Sitznachbar Cottard mit ihm flirtet. Cottards blinzelnde Blicke quellen hinter dem Kneifer hervor. Charlus reagiert gereizt, empfindet Cottard als Rivale und Spiegelbild, welches er nicht sehen will. Einfach göttlich, diese gesamten Verstrickungen.

Kiel: Sonniger, recht warmer Tag. Vereinzelt fliegen noch Wespen. Ich schlafe tief und lang, als wolle sich der Körper die verpasste Ruhe sämtlicher schlafloser Nächte zurückholen.

Proust lesen Tag 129-Sodom und Gomorrha _Ankunft in La Raspeliere

Proust: Madame Verdurin erhält Nachricht darüber, dass ihr Pianist Dechambre, der die Mittwochabende seit 25 Jahren begleitet hat, gestorben ist. Für Madame Verdurin zählen nur die Lebenden und so entschuldigt ihr Gatte diese Fühllosigkeit mit übergroßer Trauer.

Der kleine Clan wird von Kutschen am Bahnhof abgeholt.  „Begrünte Hügelkuppen senkten sich hinab bis ans Meer, in breiten Weidegründen, denen die Sättigung durch Feuchtigkeit und Salz eine samtige Dichte und lebhaft kontrastierende Töne verlieh. „“Inselchen“ und zerrissene buchten, Sommerhäuser die fast fast alle von Malern gemietet waren, frei umherlaufende Kühe-Idylle pur.

In Raspeliere stehen Verdurins im Smoking zum Empfang bereit, nur Marcel trägt ein Jackett, es ist ihm unangenehm,

Eine weitere Nachricht erreicht die Verdurins: Morel wird kommen, „muss „aber seinen alten Onkel Charlus mitbringen, was zu allerhand Irritation führt. Man scheint Charlus hier wenig zu schätzen. 

Kiel: Laue Oktoberluft, eher ein Rest von Altweibersommer. Der Himmel brennt morgens und abends in  Hellblau und Pink.

Proust lesen Tag 128-Sodom und Gomorrha-auf dem Weg zu den Verdurins

Proust: Wie lange braucht die Fahrt von Balbec nach La Raspeliere? Wo übernachtet man? Weder bekommt man eine Beschreibung der Inneneinrichtuung des Zuges, selten werden andere Fahrgäste (die nicht dem kleinen Clan angehören) beschrieben, abgesehen von der jungen, rauchenden Dame, von der Marcel so fasziniert war.

Er fürchtet diese nie wieder zu sehen. Albertine versucht ihn zu beruhigen, man träfe sich immer zwei Mal im Leben.  „In diesem besonderen Falle täuschte sie sich; ich habe das schöne junge Mädchen mit der Zigarette niemals wieder getroffen oder erfahren, wer sie eigentlich war.“

„Oft noch, wenn ich an sie denke, fühle ich mich von irrem Verlangen erfaßt. Aber die Wiederkehr solcher Wünsche legt freilich die Überlegung nahe, daß man, um solche Mädchen mit dem gleichen Vergnügen wiederzusehen, auch zu dem Jahr zurückkehren müßte, auf das seither zehn andere gefolgt sind, und daß während dieser Zeit das junge Mädchen seine Frische sicherlich eingebüßt hat. Man kann zuweilen ein Wesen wiederfinden, doch nicht die Zeit auslöschen.“

„Doch man spürt, daß das Unterfangen zu groß ist für die geringen Kräfte, die man noch besitzt. Die ewige Ruhe hat schon Intervalle eingelegt, in denen man weder auszugehen noch zu sprechen vermag.“

Was noch geschah: Cottard erzählt, dass Madame Verdurin eine Nachricht erhielt. Ihr Lieblingsgeiger (Morel) hatte sie versetzt.  Sie vermutet, er habe den Zug verpasst. Wir wissen warum.

Cambremers tauchen als zu erwartende Gäste auf, Fürstin Scherbatow wird im Zug gesucht und gefunden und ist nicht die Puffmutter, für die man sie hielt.

Kiel: 5.00 Uhr aufgestanden und Proust gelesen. Als ich später die Tageszeitung aus dem Briefkasten holte, es war noch dunkel, traute sich die Katze erstmals ins Freie. Recht selbstbewusst und so gar nicht vorsichtig.

Wetter: Ein fulminanter rosa, hellblauer Morgenhimmel, der trotzdem etwas geradezu merkwürdiges hatte. Krähen als schwarze krächzende Lichtpunkte. Sonniger, kühler Tag.

 

 

Proust lesen Tag 127-Sodom und Gomorrha-Der kleine Clan

Proust:

Ist Marcel nach einem Zwischenstopp in Donciere weitergefahren nach La Raspeliere oder unternimmt er eine erneute Reise in dieselbe Richtung. Reist er mit Albertine oder ohne? Das Ziel ist klar: La Raspeliere, Salon der Madame Verdurin.

Tag: Es ist Mittwoch, die Gäste die ebenfalls zum Salon in La Raspeliere unterwegs sind, erkennt man an ihrer Selbstsicherheit, Eleganz und Vertrautheit untereinander. Man trägt Smoking. Marcel ist erstaunt über den Aufstieg des Salons. „Ich hatte vergessen, daß die Verdurins einen schüchternen, durch die Dreyfus-Affäre verlangsamten und durch die „neue Musik“ beschleunigten Aufstieg zur Gesellschaft begonnen hatten….“

Neu sind im Clan: Ski, der so genannt wird, weil sein polnischer Name unaussprechlich ist, ein ehemaliges Wunderkind, begabt in allen Künsten, aber nicht diszipliniert, Brichot und die Fürstin Scherbatow, sie ist der eigentliche Promi in der Gesellschaft allein durch ihre Zugehörigkeit zum Hochadel. Sie hat weder Familie noch Freunde und ist die hingebungsvolle Getreue, die sich Madame Verdurin immer heranzüchten suchte.

Man befindet sich noch immer im Zug, ist auf der Reise nach La Raspeliere.

Kiel:

Es ist kühl und sonnig, Eichelhäher und Elstern krächzen um die Wette, Wildgänse kommen an.