Erste Tage in Deutschland, Luna ein Hund aus Kreta

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Luna wollte sofort auf den Schoß. Julius war auserkoren. Im Bulli schien sie sich heimisch zu fühlen. Die Fahrt von Hamburg nach Kiel meisterte sie ohne Probleme. Erst Zuhause wurde sie unruhig und hinterließ eine Pfütze auf dem Laminat. Sie musste müde sein, aber die Unruhe trieb sie dazu Runde um Runde zu laufen, immer im Kreis herum. Nur in Julius Nähe wurde sie ruhig. Sie sprang auf seinen Schoß und kuschelte sich eng an ihn. Alle anderen interessieren sie nicht. Ubu interessiert sie nicht.

Am nächsten Morgen: Gassirunden findet Luna toll, aber ihr Geschäft macht sie lieber im Haus. Sie folgt Julius überall hin. Ist er nicht in der Nähe winselt sie unruhig.  „Wie gewöhne ich ihr nur das Zwicken ab?“ Julius will es googlen. „Wie bekommen wir sie stubenrein?“. Das ist meine dringlichste Frage. Luna war kein Straßenhund, sie lebte in einer Familie in der sie Gewalt erlebte. Hier soll der Start in ein glückliches Leben sein.

Es macht nichts, dass wir in diesem Jahr nicht in den Urlaub fahren. Der Gatte buddelt glücklich, Gruben mit einem Minibagger und wir haben auch zu tun:)

Hundsnächte und Niagarafälle

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Es klingt als hätte jemand die Schleusen des Himmels geöffnet. Der Regen pladdert nicht, er knallt auf die Dächer-unaufhörlich. Ubu hat sich den Magen mit Gummibärchen verdorben. Die Kinder hatten für den Besuch  eine Pinata zum Abschied vorbereitet. Ubu hat mitgemacht. Das hat er nun davon. Er winselt, will raus. Es ist 3 Uhr. Es hilft nichts. Hinaus ins nächtliche Unwetter. Urgewalt oder schon Klimawandel? Es gibt nur diesen Regen, sonst nichts. Abtrocknen und wieder schnell ins Bett. Alle Baugruben im Garten sind vollgelaufen. Ubu weckt mich stündlich, winselnd. Ich lese Maja Nowak-Vertrauen. Heute ist ein ganz besonderer Tag, und warum? Das erzähle ich heute abend.

Mein meist gelesenes Buch/Bücher-die Tagebücher von Max Frisch

  1. Das Buch, das Du am häufigsten gelesen hast? fragt Birgit von Sätze und Schätze hier: Klick

Mein meist gelesenes Buch, beispielsweise Bücher, sind die Tagebücher von Max Frisch.

Wann habe ich sie entdeckt? Es muss in der Kieler Dekade gewesen sein, diese begann 1996. Hätte ich es mir einmal träumen lassen, über zwanzig Jahre in einer Stadt zu wohnen? Ich liebe an Kiel die Kühle, den stetigen Wind, den freien Blick, das Wasser, nicht zuletzt die Möwen mit ihrem heiseren Lachen. Sie erinnern mich jedes Mal an meine Zeit in Aberdeen, (allerdings las ich in der Aberdeener Dekade ausnahmslos Rudolf Steiner). Aberdeen, die Granit funkelnde Lady. Ein wenig einschüchternd in ihrer Noblesse, wären da nicht die Spottmöwen gewesen, die nichts allzu ernst zu nehmen schienen.

Was das mit den Tagebüchern von Max Frisch zu tun hat?  Ich weiß es nicht. Vielleicht flüchte ich mich in Assoziationen, um der Beantwortung dieser schwierigen Frage zu entgehen. Warum Frisch? Frischs Sprache ist kühl, klar, frei und zuweilen spöttisch. Man kann es sich in seiner Sprache nicht gemütlich machen, sie legt den Finger auf die Wunde, macht den Blick frei.

Die Fragebögen im Tagebuch von 1966-1971 haben es mir sehr angetan.

Fragen wie: “ Was bezeichnen sie als Heimat:

a. ein Dorf

b. eine Stadt oder ein Quartier darin ?

c. einen Sprachraum ?

d. einen Erdteil ?

e. eine Wohnung?

oder

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

23. Auch Soldaten auf fremden Territorium fallen bekanntlich für die Heimat: wer bestimmt, was sie der Heimat schulden?“

Mit den Fragebogen über die Ehe, haben der Gatte und ich uns einmal, auf dem weiten Weg nach Südfrankreich, die Zeit vertrieben. Hitze, Müdigkeit, ein scheppernder Bulli, die Kinder noch klein und dann Fragen wie diese:

„Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie diese bei andern sehen oder in ihrem eigenen Fall?“

 

Es ging gut-zum Glück.

Was liebe ich  an Max Frisch? Das er trifft. Das schnörkellose, das Spöttische, das Hellwache, das Ringen.

 

„Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit der Handschrift, einmal auch mit dem Tonband, aber das hilft nicht-

Muss ich etwas zu sagen haben? Das sture Gesumme einer dicken Fliege an der oberen Fensterscheibe reicht aus, dass ich verzage, aber ich stehe nicht auf um das Fenster zu öffnen; die Stille wäre genauso öde. Und wenn das Telefon klingelt, lasse ich es klingeln-

Ich bin nicht da. Ich weiss nicht, was los ist.“

oder Fragen wie diese:

„Wen habe ich wirklich gekannt?“  (Entwürfe zu einem dritten Tagebuch)

Wen habe ich eigentlich gekannt? Kenne ich mich? Das Haus muss aufgeräumt werden, ich räume den Schreibtisch.

 

 

Urlaub zu Hause-Es beginnt das Ulysses Projekt

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Plötzlich Urlaub. Vier Wochen. Zu Beginn des neuen Schuljahres werde ich auf keiner vollen Stelle mehr sein.

Vier Wochen Urlaub. In der ersten Woche wird das Haus vor lauter Gästen aus den Nähten platzen. Im Garten wird ein zweiter Wohnwagen aufgestellt.

Ubu wird eine neue Gefährtin aus Kreta bekommen. Wir sind so gespannt auf den Zweithund. Lesen werde ich die Biografie von James Joyce und ich werde lange Strecken gehen am Strand, im Wald.

Es ist Urlaub.

Zehn Fragen zu Büchern von Sätze und Schätze

2. Das Buch, das dich durch deine Jugend begleitet hat. (fragt Birgit von Sätze und Schätze hier:) Klick

Auch diese Frage weckt sofort eine Erinnerung. Eine Erinnerung an den Dachboden meines Großvaters.  Er lebte in einem Gutshof mit Pferden, Schweinen, Hühnern. Welcher Gegensatz zu Halle Neustadt. Hier hatten wir oft an der Elbe gespielt, Iglus gebaut im Winter. Jetzt war Großvater tot und die Söhne und Töchter begannen die Hinterlassenschaft zu sichten. Ich fand ein Buch im weinroten Stoffeinband: „Soja und Schura“ stand mit goldenen Lettern darauf.  Die Geschichte von Soja kannte ich. Mein Vater hatte sie mir erzählt, als ich noch recht klein gewesen war. Atemlos hatte ich der Geschichte der jungen russischen Widerstandskämpferin gelauscht.

„Soja und Schura“ ist die Biografie  von Soja Kosmodemjanskaja, geschrieben von ihrer Mutter.

“ Im Norden des Tambower Gebiets liegt das Dorf Ossinowye Gai. Gai heißt Espenwald. Die alten Leute erzählen, daß hier in früherer Zeit einmal undurchdringliche Wälder gestanden haben. Aber als ich Kind war, gab es sie längst nicht mehr.“

So beginnt Ljubow Kosmodemjanskaja zu erzählen, von ihrer Zeit an einer Grundschule in Sibirien.

„Mein Mann und ich waren den ganzen Tag beschäftigt. Wenn wir morgens das Haus verließen, ermahnten wir Soja:“Denk auch an alles. Die Grütze ist im Ofen, die Milch im Krug. Paß auf, das Schura sich gut beträgt. Laß ihn nicht auf den Tisch klettern, sonst fällt er herunter, stößt sich und weint dann. Seid artig, spielt schön und zankt euch nicht.“ Kamen wir abends aus der Schule zurück, empfing uns Soja mit den Worten:“Bei uns ist alles in Ordnung, wir waren artig.“ Das Haus war natürlich im Chaos versunken.

Erinnerungen an sibirische Jahre. Später stirbt der Vater, die Familie zieht nach Moskau.

Soja und Schura gehen aufs Gymnasium.

„Oberfächlich betrachtet, verlief unser Alltag ohne besondere Ereignisse; unser Leben floß gleichmäßig dahin. Ein Tag war wie der andere: Schule und Arbeit, zuweilen Theater oder Konzert und wieder Aufgaben, Bücher, kurze Ruhepausen-das schien alles zu sein. Aber es war doch nicht alles. Im Leben eines jungen Menschen ist jede Stunde wichtig. Er beginnt selbstständig zu denken und verläßt sich nicht gutgläubig auf andere. Er fragt sich: was ist das Ziel in meinem Leben?“

Dann kommt der 22. Juni. das Leben ändert sich radikal, Luftschutzräume, das Pfeifen und Explodieren von Sprengbomben, Luftdruck der Fensterscheiben in tausend Stücke springen lässt und verschlossene Türen aus den Angeln hebt, Evakuierungen, Flüchtlingszüge die von Flugzeugen beschossen wurden, Galgen, Folterungen, Deportierungen, Massengräber, Alltag im Krieg.

Soja und Schura sind sechzehn Jahre alt. Sie wechseln von der Schulbank in die Fabrik,. Soja näht mit ihrer Mutter Kleidung für die Soldaten. Morgens auf dem Weg zur Arbeit muss sie stets an einem Plakat vorbei:  „Was hast du für die Front getan?“

Und Soja weiß, das es ihr nicht genügt zu nähen oder Munition herzustellen. Heimlich geht sie in den Widerstand.

Soja wird gehenkt, ihr Bruder Schura fällt an der Front.

Diese Buch hat mich durch meine Jugend begleitet. Ich habe es wieder und wieder gelesen. Noch heute nehme ich es manchmal zur Hand. Der Sprachklang von Ljuba Kosmodemjanskaja ist voller Trauer und Wehmut.  Im Buch geht es um das Leben mit ihren Kindern, um Erziehung, Werte, Kultur und dem Schmerz, als die Kinder in den Krieg zogen. Es berührt mich dieses Buch, noch heute.

 

 

Zehn Fragen zu Büchern-gestellt bei Sätze und Schätze

Zehn Fragen zu Büchern, stellte vor einiger Zeit, Birgit in ihrem wunderbaren Blog Sätze und Schätze

Ich habe mir überlegt, jeder Frage einen eigenen Beitrag zu widmen.

  1. Das erste Buch, das du bewusst gelesen hast?

Lesen war mir verhasst.  Die Deutschlehrerin, eine linientreue Matrone, belächelte meine stammelnden Versuche. Ich muss in der 3. Klasse gewesen sein, als ich auf Grund einer Erkrankung meiner Mutter, zu ihrer Schwester kam. Mein Einzelkinddasein in einer Einfraufamilie  in Halle-Neustadt, wurde durch die Sangerhausenepisode abgelöst.

„Ja schau nur wie schmal sie ist“, sagte die Tante.  Und was für dunkle Augenringe. Ja kriegst du denn gar nicht den Mund auf, Kind? Wir werden dich schon aufpäppeln.“ Schüchtern, schweigend, verunsichert, bezog ich ein Bett im Zimmer meiner Cousine.

In Sangerhausen gab es alles was ich entbehrte: Einen Vater, Geschwister, Familienleben. Mein Vater hatte die Familie verlassen. Er war weg, aber im Keller lagen hunderte seiner Bücher, viele von Feuchtwanger.

Meine Mutter arbeitete, besuchte Parteilehrjahre. Sie war jung. Sie war „nur“ Gärtnerin gewesen.  Ihr hatte der Sozialismus eine Chance auf Weiterbildung gegeben. Studiert hatte sie jetzt, an der Humboldt Uni in Berlin. Sie die Tochter einer Flüchtlingsfamilie aus einfachen Verhältnissen, war nun eine studierte Sonderschullehrerin.

Sie las viel, bevorzugt Dostojewski , Scholochow und „Rebecca“. Ich las nie, weil die Buchstaben sich nicht zu Worten fügten. Weil sie herumsprangen wie wild gewordene Trolle.

Auch in der Sangerhausener Schule schrieb man Diktate. Zu meinem Leidwesen. Die erste Note-eine Vier. Die Tante war streng, ich unterschrieb lieber selbst. In großer krakeliger Schrift unterschrieb ich mit Vornamen. Die Deutschlehrerin war zugewandt und humorvoll. In Sangerhausen waren alle Dinge besser, sogar die Deutschlehrer.

Abends las mir die Cousine aus einem Buch vor.  Dieses Mal: Die Kinder im Tobteufelhaus, irgendeine moralisierende Geschichte über gute sozialistische Bauern, die ihr Arbeitskraft dem Staat schenkten und unangepassten, aufmüpfigen Kindern, die ins Tobteufelhaus kamen. Oh das war gruselig. Die Hexe schnappte sich jeden Tag ein Kind und dann!

Dann hörte Nelly auf zu lesen. “ Ich muss noch für die Hänsel und Gretel Oper üben.“ Sprach´s und tauschte das Buch gegen ein Notenblatt aus. Sie wollte zum Vorsingen.

„Bitte Nelly“, lies weiter. Kein Erbarmen. “ Nee, lies selbst.“ Also nahm ich das Buch wütend, zornig, befahl den Buchstaben sich zu fügen.

In meiner Erinnerung las ich bis spät in die Nacht. Die Tante kam rein um das Licht zu löschen, sah mich lesen und verließ das Zimmer wieder. Ich las!

In Halle -Neustadt zurück, zurück im Deutschunterricht, durfte ich schon am ersten Tag vorlesen.  Ich war aufgeregt, in Halle-Neustadt sprangen die Buchstaben, die Lehrerin schaute grimmig.  Ich holperte, stolperte und dann geschah das Wunder auch hier. Ich las, flüssig und betont. Ich sehe es noch wie heute vor mir, die Blicke die sich mir langsam und ungläubig zuwandten. Erlebnisse dieser Art brennen sich in das Bewusstsein ein. Selbstwirksamkeit. Das Lesen hatte ich für mich entdeckt, es war mir Familienersatz, Fluchtmöglichkeit, Ermutigung und Gesellschaft zugleich.

Wie unsere Familie auszog, um Turandot im Public Viewing zu hören und zu sehen, Premiere von Turandot in Kiel-Oper im öffentlichen Raum

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„Großartig!“, schrieb die Freundin, die die diesjährige Sommeroper „Turandot“ in einer Liveübertragung in  Preetz gesehen hatte.

Eine andere: Irre toll!

Der Gatte, ich und die Kinder, mit Fingerfood und einer Decke bewaffnet, bemerkten schon beim Ankommen, dass wir zu spät waren. Noch eine Stunde bis zum Beginn. Alt und Jung (etwa 1500 ) hatten sich bereits versammelt und genossen den regenfreien Sommerabend bei Rotwein und Kaffee. Eine erwartungsvolle Stimmung in der Luft. Uns blieb nur noch ein Platz am Rand.  Auf der großen Leinwand erschien der Oberbürgermeister. Noch zehn Minuten bis zum Beginn.

Mich faszinierte die Klarheit des eisigen Bühnenbildes, das Weiß des Tempels, der eisblaue Boden im Einklang mit den aufwendig gestalteten Kostümen, einfach schön. Nichts Verschnörkeltes, nichts Überladenes, nichts Kitschiges. Klare eindrucksvolle Linien und Farben.

Ähnlich erging es mir mit den Stimmen, klar, kühl, trotzdem emotional und brillant- Turandot. Liu-sehr berührend,  Calaf-einfach herrlich, Stimmen die mich in ihren Bann zogen. Ping, Pang und Pong sangen nicht nur Klasse, sondern waren auch noch urkomisch. Die klangprächtigen Chöre unterstrichen dieses Klare und Monumentale mit einem präzisen und wunderschönen Klang. Ästhetik pur.

Auch die Kinder waren beeindruckt.

Karla: Die beiden Balletttänzer, wie Klasse tanzen die denn? Die können so viel ausdrücken mit ihrem Tanz. Ach ich finde einfach alles toll. Turandot und Ping, Pang, Pong.

Anna: Die Sklavin fand ich auch super.

Julius: Krasse Geschichte, aber irgendwie total cool. Aber wer will schon jemanden heiraten, bei dem man Gefahr läuft, umgebracht zu werden? Muss zugeben Opern sind nicht so, wie ich dachte dass sie es sind.

Am Ende wird alles gut. Die Premiere von Turandot wird frenetisch bejubelt.  Sehr verdient.

Das Public Viewing bietet eine schöne Atmosphäre, trotzdem würde ich mir die Oper gern noch mal real anschauen wollen.

„Großartig. Da schließe ich mich der Freundin an.