Entmenschlichung

 

„Mama, ich muss dir noch was ganz Schreckliches erzählen.“ Dann folgt eine Schilderung über Menschen, die in Züge gepfercht wurden.“ Und weißt du was man dann mit ihnen gemacht hat? Hitler hat sich überlegt wie er sie auf die billigste Art töten kann. Und das war Gas. Was ich aber am schrecklichsten fand: die haben den Menschen eine Nummer eingebrannt. Verstehst du? Damit sie sich nicht mehr als Mensch fühlen und von anderen nicht als Menschen gesehen werden.“

Sie erwartet ein Statement, während ich über einer Vorbereitung brüte. „Ja es stimmt, sage ich, damals ist Furchtbares passiert.“ Ich gehe nicht näher darauf ein, weil ich mich unfähig fühle ihr das zu erklären. Sie ist 11. Noch weiß ich nicht, wie ich ihr diesen Wahnsinn erklären soll.

 

 

5 Kommentare zu “Entmenschlichung

  1. guinness44 sagt:

    Schau Dir mal die Yad Vashem Homepage an.

  2. Die Situation ist herausfordernd. Gut finde ich, dass die Tochter die Geschichte anspricht. Vielleicht hätte ich gefragt, woher sie diese erfahren hat: aus der Schule, von Freunden, aus den Medien?

    Wann und wie sind mir die nationalsozialistischen Verbrechen mitgeteilt und bewusst geworden? Mit elf Jahren womöglich nicht, eher später. Neben unserer Schule, getrennt durch eine hohe Mauer, das Justizgebäude und die Justizvollzugsanstalt, wo die Nürnberger Prozesse des Internationalen Gerichts gegen die Verantwortlichen des Nationalsozialismus stattfanden. In der Jugendarbeit war ich auf das Gedenken an die Pogromnacht 1938 aufmerksam geworden, und ich sprach dies in der Geschichtsstunde an. Der Lehrer sagte: „Herr Arnold, Sie wissen ja, das steht jetzt nicht auf dem Lehrplan“, doch er ließ sich wohl auf ein Gespräch ein. Heute gibt es dort das Memorium Nürnberger Prozesse mit Angeboten für Schüler*innen:
    http://museen.nuernberg.de/memorium-nuernberger-prozesse/

    Als Jugendbuch gab es damals das Buch von Judith Kerr: „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Englische Ausgabe 1971; Deutscher Jugendliteraturpreis 1974 in der Übersetzung von Annemarie Böll. Für welches Lesealter das Tagebuch der Anne Frank passt, weiß ich nicht, doch möchte ich eine Nachfrage in der Schule anregen.

    • Xeniana sagt:

      Sie hatte es aus der Schule. In einem Fach wurde etwas aus dem Tagebuch der Anne Frank vorgelesen. Diese Klasse scheint sehr aufgeweckt zu sein und hat viele Fragen gestellt. Ich fand es trotzdem zu früh. Hier in der Nähe gibt es einen Gedenkstein für ein Arbeitslager. Als wir mit den Vorschulkindern dort vorbeigingen, begannen sie darauf klettern zu wollen. Und sie beließen es auch nicht bei unseren Erklärungen, sondern fragten weiter. Mir selbst ist die Schwierigkeit altersgerechte Antworten zu geben, bewusst. Wir haben das damals in der Situation auch nicht hinbekommen. Trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass das Thema des Holocaust erst später an Karla herangetragen worden wäre. Das werde ich auch rückmelden. (Die Lehrerin mögen die Kinder sehr.) Danke für den Buchtipp. Wir haben das Buch hier und besonderen Dank für deinen Kommentar.

  3. Yael Levy sagt:

    Ich lebe in Israel und die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist hier eine ganz andere. In Israel beteiligen sich Kinder schon im Vorschulalter am Holocaust-Gedenktag – einfach dem Alter entsprechend. Man muss ja nicht gleich das ganze Horror-Szenario auf den Tisch bringen. Für kleinere Kinder spricht man anfänglich in einfachen Geschichten über Einzelschicksale.

    Meine Kinder sind unterdessen 16, 20 und 21 und ich denke, es gibt kein passendes Alter oder keinen passenden Zeitpunkt, sich mit den Nazi-Gräultaten auseinanderzusetzen. Schlimm, unglaublich und nicht in Worte zu fassen ist es immer.

    Für 11-jährige könnte eventuell der Film „die Bücherdiebin“ passen. Der Film kommt meines Erachtens etwas kindgerechter rüber als das Buch (von Markus Zusak).

  4. Xeniana sagt:

    Danke für deinen Kommentar und den Filmtipp. Es wäre gut zu hören wie in Israel sich mit dem Thema auseinandergesetzt wird. Den Film werde ich mit ihr zusammen sehen.

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