Ich bin froh, dass ihr unsere Eltern seid und Denkgebote

 

Das sagte gestern der Mittlere, bevor er ins Bett ging. Er ist mit seinen dreizehn Jahren, mitten in der Pubertät.

Der Satz hat mich berührt. Ich-übergewichtig, unsportlich, mit einer vollen Stelle in einem schönen Beruf, der einem wenig Wertschätzung einbringt, zumindest finanziell.  Mein Mann als freischaffender Künstler, muss auch viel tun um die Familie am Überleben zu halten.  Wir lieben unsere Arbeit, dennoch bleibt es immer ein Spagat.

Aus der Zeitung erfahre ich, dass der Gatte heute nicht hier sein wird. Wir sehen uns selten. Das Gemeine daran ist, dass ich vermutlich die Tagebücher von Albert Speer wieder nicht zu Ende lesen kann. Manchmal habe ich Angst davor, über all dem Tun nur noch zu tun. Der Kopf bräuchte mehr Nahrung. Ich vertröste ihn auf später.

Es freut mich, dass die Kinder sich zunehmend argumentativ auseinandersetzen, in Frage stellen. Nach dem Besuch eines Konzertes : in der der Bürgermeister mit dem „Soundtrack meines Lebens“ auf sein bisheriges Leben zurücksah, sprach der Pastor von Rebellion, Revolution und Reformation.  Anna (14): Der hatte nicht Recht. Der hat gesagt die Reformation ist keine Revolution, sondern in der Rebellion stecken geblieben, weil keine neuen Formen geschaffen wurden. Das ist aber Quatsch. Die Reformation war ja damals neu. “

„Anna, ich glaub genau so hat er es gesagt. Reformation war Revolution, weil sie neue Formen erschaffen hat.“ Ich nehme mir vor Zaimoglus Evangelio zu lesen. Die Frage bleibt: wann?  Der Mittlere äußert sich nicht zum Thema, fand aber die Mucke cool.

„Wen wählst du eigentlich am Sonntag?“, fragt Karla.  Karla die sich irritiert zeigte, als ich eine Seite der Neuen Rechten im Netz las. Ich hatte ihr erklärt, dass ich von Denkverboten nichts halte.  Ich glaube, dass man sich auseinandersetzen muss. Und das es hilfreich wäre, Vertrauen in die Menschen haben, sich ein eigenes Urteil bilden zu können, ohne sofort Rattenfängern blind zu erliegen. „Weißt du Karla, ich komme aus einem Land in dem es Denkverbote gab. Ich erzählte ihr die Geschichte eines Freundes, der im Internat eine Bibel im Regal stehen und sie dort stehen lassen wollte. Hätte er darauf bestanden, hätte er gehen müssen. Oder die Geschichte von dem Schriftsteller, der mit ihrem Großvater befreundet war. bräunig

Weißt du Karla, der war im Jugendheim gewesen und die DDR hat ihm eine Chance gegeben. Ich erkläre ihr Bildung für Alle und so weiter.  Und der hat es geschafft. Er hat wunderbar geschrieben. Seine Bücher wurden verlegt, bis er dieses Buch schrieb: „Rummelplatz“. Er hat nichts Falsches geschrieben, nur geschrieben wie es ist. Aber so wollte man die DDR nicht gesehen wissen. Die DDR sollte strahlend schön und fortschrittlich sein, neue Menschen auf neuem Grund. „Und dann?“ Ist das Buch nicht verlegt worden. Und er ist nicht alt geworden. Als Schriftsteller war er erledigt. Ich sehe ihn immer noch in unserer Neubauwohnung stehen, an den Türrahmen gelehnt, innerlich wie tot. Eine Schattengestalt aus einem Schattenreich. Ich war ja noch nicht mal in der Schule.

„Er ist gestorben?“

„Ja, sehr früh am Alkohohl den er gebraucht hat um sein Leben ohne Schreiben zu ertragen. Ein Leben in dem er nicht mehr wusste, wer Freund und wer Feind ist, einem Leben in dem die Idee ihn verriet.“ Das Buch hat man vor einigen Jahren wiederentdeckt und verlegt. „Und wen wählst du jetzt, das wollte ja eigentlich wissen?“

„Weiß nicht, sage ich. Mal sehen, muss mich noch mal informieren, weiß nur nicht wann.