Erinnerungen-wie war das eigentlich damals?

„Wie war das eigentlich damals in der DDR. Du bist doch geflüchtet?“

B. fragt mich das. Spontan habe ich mich am Nachmittag bei ihr auf einen Kaffee eingeladen. Nun sitzen wir im Garten. Es ist nicht warm, aber die Sonne scheint.

In Berlin war B. gewesen, mit ihren Kindern, auch um Reste der Mauer zu sehen.

Wie war das damals? Letztlich war es Enttäuschung die mich auf die andere Seite trieb. Das Land für das Elternhaus und Schule mich erzogen hatten,  enttäuschte.

Die  fürchterlichsten Momente; die:als ich Einsicht nahm in die IM Liste der Stadt Halle. Das war später. Die DDR Geschichte. Aus meiner “ JugendClique“  fand ich Drei. War Bespitzlung auf dem Pausenhof Normalität?

Einsicht in die IM Akten der Stadt Halle:

Namen über Namen. Ich kannte Einige.   Im Alltag erlebte ich Sicherheit, Normalität, solange ich zur richtigen Seite gehörte. Das Monster des doppelten und dreifachen Bodens drang erst später ins Bewusstsein.  In dem Moment als ich mich weigerte nach der Kandidatenschulung in die SED einzutreten.

In dem Moment als A. mir seinen IM Ausweis zeigte, schuldbewusst.

 

A. mit dem ich manchmal abends loszog um  Klingelstreiche zu machen. Mit keinem konnte ich so lachen und quatschen.

“ Gab es dafür Ausweise?“, fragt B.

Wir sitzen im Garten,  die Sonne scheint. „Ja gab es.“

Die Freundschaft zu A. , man hätte sie Verliebtheit nennen können,  löste ich auf.  Es gab keine Wut, keinen Ärger, ehr eine Art Leere. Wer hier schon länger liest weiß, ich war lange begeisterter Pionier und FDJler. Um so tiefer der Fall. Dennoch-auch ich erinnere mich an Schlittenfahrten durch die Dölauer Heide, Kohlrouladen nach dem Samstagsunterricht, gewonnene Wettkämpfe, ersten Liebeskummer. Solange ich glaubte ich stünde auf der richtigen Seite, war das Leben etwas das klare Antworten bot. Wir waren die Guten. Bespitzelung ging über meinen Horizont.

Etwas das blieb oder bleibt ist Skepsis gegenüber geschlossenen Weltbildern und dem Erahnen das die einfachen Antworten selten die richtigen sind.

29 Kommentare zu “Erinnerungen-wie war das eigentlich damals?

  1. ein wertvolles gut, die skepsis bewahren gegenüber geschlossenen weltbildern.

  2. Ulli sagt:

    Ich frage mich immer wieder, ob die subtile Überwachuung hier wirklich so viel anders oder besser sein soll?
    Kennst du das Buch von Oskar Maria Graf: Das Leben meiner Mutter? Daran musste ich denken, als ich las, dass es ja eben auch die Schlittenfahrten und Kohlrouladen gab … manche haben ihr Leben lang nichts anderes und leben zufrieden, bei ihnen kommt die Welt der Politik und Machenschaften erst gar nicht an- auch wenn es für mich selbst undenkbar ist, gab es Zeiten, in denen ich mich nach genau solch einem „simplen“ Leben sehnte.
    Danke Xenia und herzliche Grüsse
    Ulli

    • Xeniana sagt:

      Ich hab es ja nicht ins Verhältnis zum Hier und Jetzt gesetzt jedenfalls was die Bespitzelung angeht. Das wäre noch mal ein Thema für sich. Der Unterschied liegt sicher darin das die Bespitzelung heute nicht unmittelbar von Person zu Person erfolgt, auch damit behaupte ich nicht das das weniger schlimm wäre nur anders.

    • zeilentiger sagt:

      Ich meine schon, dass sie anders war. Die Regulierungswut, ja, die war und ist gigantisch („Wie groß dürfen Fenster in einem Neubau sein“?), aber nicht die Überwachung in der alten BRD. Das hat sich sicherlich geändert mit dem digitalen Zeitalter.
      Herzliche Grüße!

    • Xeniana sagt:

      Und doch nach kurzer Überlegung: für macht es einen großen Unterschied. Manche kannte ich richtig gut und das macht etwas mit dem Vertauen…

  3. merlanne sagt:

    Meine Tochter muss demnächst eine Hausaufgabe schreiben auf die Frage „Ist Kommunismus deiner Meinung nach eine erstrebenswerte Gesellschaftsform“ (oder so ähnlich). Ich werde ihr mal den Link zu Deinem Blog geben, damit sie einen Einblick bekommt.
    Liebe Grüsse,
    Claudine

  4. zeilentiger sagt:

    Ich lese deine Erinnerungen immer wieder gern.

  5. Trippmadam sagt:

    Ich hatte ja nicht einmal Verwandte in der DDR, deshalb ist das für mich immer wieder sehr interessant zu lesen.

  6. Clara HH sagt:

    Du beschreibst es sehr gut – besonders die Erklärung deiner „Flucht“ fand ich gut im Vergleich zu den heutigen Flüchtlingen, die tatsächlich ihr Leben riskieren.
    In der 10. Klasse (1961) sollte ich eine Resolution unterschreiben, dass ich die Mauer gut finde. Das tat ich nicht und war fortan das schwarze Schaf, das in der 11. Klasse aus der FDJ gestrichen wurde.
    Natürlich habe ich mir meine Akte angesehen – doch alle IM-Namen waren geschwärzt. Ich wusste gar nicht, dass es irgendwo ein Verzeichnis der Klarnamen gibt. Für meine Schulzeit in Görlitz fände ich das hoch interessant, aber ich will jetzt nicht noch einmal diese alten Geschichten aufrühren.

    • Xeniana sagt:

      Vielen Dank liebe Clara. Ich glaube nur in Halle gab es diese Liste mit Klarnamen.

      • Clara HH sagt:

        Bei mir war die Akte geteilt – komplette SChulzeit in Görlitz – diese Akte habe ich nicht gesehen, vielleicht gut so.
        Die Berliner war erträglich. Mich wollten sie ja des Saales verweisen, weil ich so herzhaft gelacht habe, als ich feststellte, dass Briefkopien meines Erstklässlers an seinen Polizeionkel in Wuppertal enthalten waren.

    • Xeniana sagt:

      Manchmal denke ich auch-ach Schluß mit all den alten Erinnerungen. Aber es gibt doch immer wieder Nachfragen, besonders die Kinder. Für mein Seelenheil wäre es besser gewesn ich hätte einiges nicht gewusst, dass ging dir beim Lesen deiner Akte ja vermutlich ähnlich.

  7. daniela sagt:

    ich war eigentlich zu jung um später eine angelegte akte von mir zu vermuten … wenn ich aber jetzt hier lese „15 o. 16 …“ man, das kann doch nicht wahr sein!
    womit wurden die denn geködert? abi geschenkt? ein toller ausbildungsplatz, oder was? da ist es dann doch besser nie nach einer akte gesucht zu haben. was für eine Enttäuschung da warten könnte.
    und in meinem kopf kreist da sofort: wer hätte es bei mir sein können? gab es da potentielle kandidaten? vorstellen kann ich mir alles.

    von heutiger staatlicher beeinflussung oder kollegenbespitzelung wollen wir hier gar nicht erst anfangen, nich? wäre genauso unerschöpflich.

  8. chris sagt:

    Leider werden wir heute auch wieder bespitzelt -,nur viel perfider. Das Internet machts möglich und die Meisten geben bereitwillig mehr preis, als sie müssten. Keine Stasi hätte sich perfektere Instrumente ausdenken können, als heute BND oder NSA zur Verfügung haben. Ich kannte die DDR ganz gut, da ich Verwandte in Rostock und Ost-Berlin hatte und auch öfters dort war. Ich empfand das Land gar nicht als so bedrückend. Im nachhinein wissen wir jetzt, dass auch dort gespitzelt wurde, denn meine Cousine war z.B. ziemlich aktiv in der Kirche. Und dann auch noch Westbesuch, da kann man sich den Rest denken. Zum Glück ist das alles Vergangenheit. Nur befürchte ich für unsere Zukunft auch nichts allzu viel besseres in diesem Land – aber das ist eine andere Geschichte…

    • Xeniana sagt:

      Ja -klar- trotzdem habe ich es mit Absicht nicht Relation zum Hier und Heute gesetzt. Wir geben unsere Daten selbst her- der Unterschied liegt im Persönlichen-der Riß des Vertrauensbruches ging mitten durch die Familien-das war das was anders war-nicht weniger schlimm oder schlimmer-aber anders-

      • chris sagt:

        Klar, ich hatte schon verstanden, was Du meinst. Wenigstens ging in unserer Familie der Riss nur durch die Beziehungen nach außen – die Familie war nicht betroffen. Das muss noch schlimmer sein… 😦 Ich finde es aber trotzdem bedenklich, wie leicht heute die Menschen alles über sich preis geben. Wir hatten 1984 noch gegen die Volkszählung protestiert und sie boykottiert. Das waren drei Seiten Papier. Heute gibt mancher die Menge an Informationen an einem Nachmittag freiwillig her. Das finde ich schon erschreckend!

  9. Lo sagt:

    Ja, wie war das eigentlich? Damals?
    Ich hatte einen älteren Bruder, der 1960, kurz vor dem Mauerbau , der Liebe wegen vom Ruhrgebiet „in die Ostzone“ nach Lauta (Lausitz) zog. In den Jahren danach besuchte ich ihn als kleiner Knirps von etwa elf bis 13 Jahren dort mit meiner Mutter. Die Zugfahrt mit dem Halt an der „Zonen“-Grenze bei Oebisfelde und den Kontrollen empfand ich immer als spannend und angstmachend zugleich.
    Im Hause meines Bruders war es mir verboten, den Sender des Radiogerätes zu verstellen, damit nicht versehentlich ein Westsender zu hören gewesen wäre, denn der Nachbar über der Wohnung meines Bruders sei wohl ein „Spitzel“, man müsse da sehr vorsichtig sein – auch mit dem, was man sagte. Auch gab es dort ein so genanntes Hausbuch, in das jeder Besucher einzutragen war. Dieses Buch befand sich, an einem Bindfaden hängend, im Treppenhaus an einem festen Platz.
    Ich fühlte mich dort immer wohl, fand auch schnell Freunde und durfte sogar einmal mit zum Heimabend der Pioniere, bemerkte aber schon, als aus dem Westen kommend, mit Distanz betrachtet worden zu sein.
    Angenehm empfand ich, wie man sich unter Nachbarn und Arbeitskollegen untereinander half, mit Material, Lebensmitteln oder handwerklichen Gefälligkeiten. Das war schon anders als bei uns. Menschlicher, wärmer.
    Bedrückend, und das spürte ich schon als kleiner Junge, war jedoch diese latente Furcht davor, vielleicht dem einen oder anderen Nachbarn oder Kollegen doch nicht so recht trauen zu können. Das Wort „Parteispitzel“ fiel hin und wieder- leise ausgesprochen.
    Lange her…

    Danke für den Anstoß. 🙂

    • Xeniana sagt:

      Auch dir vielen Dank für das Teilen deiner Erlebnisse. Spannend! Interessanterweise hab ich es im „Osten“ nie als menschlich wärmer empfunden, aber wenn ich darüber nachdenke war in kirchlichen und künstlerischen Kreisen eine andere Vertrautheit-wahrscheinlich auch weil man gemeinsam gegen den Strom schwamm….

  10. guinness44 sagt:

    Manche Dinge will man wahrscheinlich gar nicht wissen.
    Ich finde es toll, dass Du, als auch viele andere, immer wieder Episoden von damals berichten. Es sind diese kleinen Geschichten, die den Alltag transparent machen und Themen in Perspektive bringen.
    Es wäre interessant auch den einen oder anderen IM zu hören, denn ich kann mir gut vorstellen, dass es häufig die Alternative zwischen Pest und Cholera war. Macht es nicht besser aber in der jeweiligen Situation verständlich.

  11. I speak English only but thanks visit my blog. Hope you like the cartoons.

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