Aufbruch-Graf Öderland

Einer war immer fleißig, immer gediegen, immer pünktlich. Einer fiel nie auf, sagte immer ja, fragte nicht. Einer war immer nett, immer adrett, freute sich stets auf Freitag und erschlug dann den Hauswart.

Aus Langeweile, sagt er. Weil das Leben überall Gitterstäbe hat und es egal ist ob man durch sie am Schalter oder im Gefängnis auf das Leben sieht. Das ist der Mörder.

Was würde wohl aus den Menschen werden, wenn man sie der Hoffnung auf Feierabend, Freitag, Wochenende und Urlaub berauben würde? Das fragt sich der Staatsanwalt, der Einzige der den Mörder versteht.

In der Nacht verbrennt er- der Staatsanwalt die Akten , beginnt ein neues Leben. Rebellion.

Im Moment vermag ich kaum bei einem Buch zu bleiben, Graf Öderland aber las ich bis tief in die Nacht und einem Gefühl der Beklemmung.

Mit den Kindern im Kindergarten auf einem Ausflug Bärenklauen gefunden. Der Bär wurde umgehend gesucht. Unterdessen sägte H. mit den „Großen“  Äste zurecht, begann eine Hütte zu bauen.  Nicht irgendeine Hütte-ein Piratenversteck!  Kein Absitzen der Zeit -zum Glück- Freude.

Erinnerungen-wie war das eigentlich damals?

„Wie war das eigentlich damals in der DDR. Du bist doch geflüchtet?“

B. fragt mich das. Spontan habe ich mich am Nachmittag bei ihr auf einen Kaffee eingeladen. Nun sitzen wir im Garten. Es ist nicht warm, aber die Sonne scheint.

In Berlin war B. gewesen, mit ihren Kindern, auch um Reste der Mauer zu sehen.

Wie war das damals? Letztlich war es Enttäuschung die mich auf die andere Seite trieb. Das Land für das Elternhaus und Schule mich erzogen hatten,  enttäuschte.

Die  fürchterlichsten Momente; die:als ich Einsicht nahm in die IM Liste der Stadt Halle. Das war später. Die DDR Geschichte. Aus meiner “ JugendClique“  fand ich Drei. War Bespitzlung auf dem Pausenhof Normalität?

Einsicht in die IM Akten der Stadt Halle:

Namen über Namen. Ich kannte Einige.   Im Alltag erlebte ich Sicherheit, Normalität, solange ich zur richtigen Seite gehörte. Das Monster des doppelten und dreifachen Bodens drang erst später ins Bewusstsein.  In dem Moment als ich mich weigerte nach der Kandidatenschulung in die SED einzutreten.

In dem Moment als A. mir seinen IM Ausweis zeigte, schuldbewusst.

 

A. mit dem ich manchmal abends loszog um  Klingelstreiche zu machen. Mit keinem konnte ich so lachen und quatschen.

“ Gab es dafür Ausweise?“, fragt B.

Wir sitzen im Garten,  die Sonne scheint. „Ja gab es.“

Die Freundschaft zu A. , man hätte sie Verliebtheit nennen können,  löste ich auf.  Es gab keine Wut, keinen Ärger, ehr eine Art Leere. Wer hier schon länger liest weiß, ich war lange begeisterter Pionier und FDJler. Um so tiefer der Fall. Dennoch-auch ich erinnere mich an Schlittenfahrten durch die Dölauer Heide, Kohlrouladen nach dem Samstagsunterricht, gewonnene Wettkämpfe, ersten Liebeskummer. Solange ich glaubte ich stünde auf der richtigen Seite, war das Leben etwas das klare Antworten bot. Wir waren die Guten. Bespitzelung ging über meinen Horizont.

Etwas das blieb oder bleibt ist Skepsis gegenüber geschlossenen Weltbildern und dem Erahnen das die einfachen Antworten selten die richtigen sind.

April in den Städten

„April in den Städten. In den öffentlichen Alleen mit braunen Lachen unter dem laublosen Gezweig ihrer alten Platanen.

Schirme, glanznaß und schwarz, Frauen in schwarzen Stiefeln und lehmhellen Mänteln.Lange ist´s her. Mit Geläute  der Münster! Mit Tauwetter in den Straßen, mit kahlen Alleen und Bänken, mit Bläue, mit Sonne am See, mit ziehenden Spiegelwölken in den Scheiben der Häuser! Man trieb durch die Straßen, heimatlos in Schluchten aus bewohntem Stein, und später hat man doch Heimweh nach alldem! Seltsames Herz!“

Aus:“Stichworte“ Max Frisch

Heute ist sein 25. Todestag.