Märzveilchen-von Sarah Kirsch

9783421045416_Cover[1]Märzveilchen ist ein Buch, das mich vermutlich lange begleiten wird.

Sarah Kirsch, eine der großen deutschen zeitgenössischen Lyrikerinnen, schrieb Tagebuch. Die Lyrikerin entzieht sich Etikettierungen, ebenso in ihrer Prosa . Ihr Tagebuch „Märzveilchen“ gewährt Einblick in das ereignisreiche Jahr 2002. Kleine Miniaturen lyrisch, prosaisch, schnoddrig, spöttisch,  machen auf unverwechselbare Weise  ihr Leben sichtbar. Meist ihren Alltag in Tielenhemme, einem hundertfünfzig Seelenort in Dithmarschen.  Ein Ort, dünn besiedelt, nahezu menschenleer. Hier lebt Sarah Kirsch mit Blick auf den ruhigen Fluss der Eider in einer alten Dorfschule. Mit feiner Beobachtungsgabe beschreibt  sie die Natur. Nebel ,  der wie eine Gummizelle das Haus umschließt, Wind der sich von allen Seiten gegen das alte Schulgebäude wirft.  Politische Ereignisse werden vermerkt: Bombardements in Tora Bora, Übergangsregierung in Afghanistan, Plastiksprengstoff im Strumpf eines Selbstmordattentäters,  George W. Bush in Berlin, Amoklauf in Winnenden.

Erschütternde politische Ereignisse gehen Hand in Hand mit Beschreibungen des gewöhnlichen Alltags.

„Hab wieder mal im Schlafrock mit einem Affenzahn die Mülltonnen rausgerollt, hatte ich gestern vergessen.“ Sie schreibt, malt „Akwareller“, liest,  kocht mit Maxe ihrem Sohn, geht zum Friseur, sieht Tatort. Es ist die Alltäglichkeit welche die kleinen Wunder des Lebens, insbesondere des Landlebens sichtbar macht. Nichts ist zu banal um Eingang in ihre Aufzeichnungen zu finden. Kein Aufregerthema, nichts Dramatisierendes. Das Leben – ein ruhiger Fluss.  Es ist das was für mich den Zauber des Buches ausmacht. Es bildet ein Gegengewicht zu einer Gesellschaft die von Hektik, Atemlosigkeit und Effizienz geprägt ist. „Ein neuer Schwarm Wacholder-und Rotdrosseln seit gestern in den Pappeln, mal am Fluss, mal am Grünen Weg. Hellblau-grau marmorierter Himmel. Dies zu haben ist wunderbar. Abgeschottete Nerven.“

Sie ist eine unkonventionelle Schriftstellerin, die sich jeder Sortierung entzieht.  In ihren Tagebuchaufzeichnungen kommentiert sie mit frecher Berliner Schnauze: „Tach deer Arbeet mit Schrödern in Leipzig.

Sarah Kirsch bearbeitete  ihre Tagebuchaufzeichnungen erst zehn Jahre später,  um sie dann zu veröffentlichen.

Ein leises, sensibles Buch.Ein Buch das ich manchmal täglich aufschlage, dass mich daran erinnert das das Leben ist, mit liebevollen, aufmerksamen Blick.

Zur Autorin: Sarah Kirsch geb. am 16. April 1935 in Limlingerode(Südharz),  verbrachte ihre Kindheit in Halberstadt. Nach dem Abitur begann sie aus Liebe zur Natur eine Forstwirtschaftslehre, brach diese aber bald desillusioniert ab und studierte in Halle/Saale Biologie. Schon hier widmet sie sich bereits der Lyrik und war zusammen mit ihrem Mann Rainer Kirsch Mitglied im „Zirkel junger Autoren“, was einer Kandidatur für den Schriftstellerverband gleichkam. Im Zuge des „Bitterfelder Weges“, der sich dem Bemühen widmete, Arbeits- und Literaturwelt zu verknüpfen, arbeitete sie neben dem Studium am Literaturinstitut Johannes R.Becher in Leipzig in landwirtschaftlichen Großbetrieben und der Produktion. Sie unterschrieb 1976 einen Brief der sich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns wendete. Die Konsequenzen waren umfassend. Sarah Kirsch wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und aus der Partei ausgeschlossen. 1977 siedelte sie nach Genehmigung ihres Ausreiseantrages zunächst nach Westberlin über, lebte aber von 1983-bis zu ihrem Tod im beschaulichen Tielenhemme. Die Landschaft Schleswig-Holsteins, insbesondere des in Dithmarschen liegenden Tielenhemme machte sie zum Gegenstand ihrer Poesie. Sie schrieb Lyrik, journalistische Prosa und Kurzgeschichten. Darüber hinaus verfasste sie zusammen mit Ehemann Rainer Kirsch Hörspiele für Kinder.

Sie starb im Alter von 78 Jahren am 5. Mai 2013.

Ihr Tagebuch „Märzveilchen“ erschien 2012 bei Deutsche Verlags-Anstalt München (Random House Verlagsgruppe).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

20 Kommentare zu “Märzveilchen-von Sarah Kirsch

  1. Eine schöne Rezi, mit Liebe verfasst, danke 🙂

    • Xeniana sagt:

      Dankeschön. Es ist ein Buch das mich sehr berührt und ich freue mich , wenn ich das zum Ausdruck bringen konnte. Ich fürchte es läuft darauf hinaus mir sämtliche Bücher von Sarah einzuverleiben:). Irgendwie schon spannend das ich erst jetzt auf die Bücher gestossen bin.

      • Ich finde es schön auf unentdeckte Talente zu stossen. Leider ist der Buchmarkt heute viel unerbittlicher bei der Aussortierung von alten Schätzen als noch vor 20 Jahren, aber dafür gibt es dann ja Menschen wie dich, die sich die Mühe des Suchens machen 🙂

      • Xeniana sagt:

        Dankeschön! Aber ist sie wirklich ein unentdeckes Talent? Ich kenne einige die ihre Gedichte lieben. Dir einen schönen Abend! Liebe Grüße Xeniana

  2. saetzebirgit sagt:

    Ja, da spürt man die Bewunderung für die großartige Sarah Kirsch!

  3. wildgans sagt:

    Großartig, gleichzeitig sanftschöne Besprechung, die dazu gereicht, dass ich mir das Buch sofort beschaffe! Ich danke dir herzlich! Ihre Gedichte mochte ich immer! Wie sie als Mensch so war, hm. Mir fällt ein, dass jemand mir irgendwann mal was Ungutes über sie erzählt hatte; ich glaube, es ging in die Richtung, dass sie bei einer Veranstaltung in der DDR als abgehoben oder so empfunden wurde…
    Ganz egal, man hört so viel, wenn der Tag lang ist, um es wie meine Omma zu sagen 🙂

    • Xeniana sagt:

      Liebe Wildgans! Vielen Dank für diesen schönen Kommentar. Du hast mir den Tag damit gerettet der soeben am entgleiten war….Schön das du dir das Buch beschaffen willst, könnte mir unbekannterweise vorstellen, dass es sehr gut passt und würde mir das natürlich wünschen. Dir einen schönen Abend liebe Wildgans. Liebe Grüße Xeniana

  4. Maren Wulf sagt:

    Sarah Kirsch und Dithmarschen – eine aparte Kombination. Deine feine Rezension macht mir große Lust, jetzt doch endlich einmal das Tagebuch dieser wunderbaren Dichterin zu lesen.

  5. kitoremi sagt:

    schöne rezi, die lust auf selbst lesen macht 🙂 das cover des buches finde ich sehr ansprechend.

    liebe grüße, kim

  6. Read on sagt:

    Ein wunderschönes Buch und eine sehr poetische Besprechung! Vielen Dank!

    • Xeniana sagt:

      Danke. Ich freue mich über diesen Kommentar sehr. Du hast das Buch gelesen? LG Xeniana

      • Read on sagt:

        Wie alles von ihr sofort verschlungen! eine große Liebe!

      • Xeniana sagt:

        Bin auch gerade am Verschlingen, allerdings wollen die Gedichte mit Muße verinnerlicht werden:) Schöner Gravatar! Erinnert mich an das Rittergedicht.Kennst du das?

      • Read on sagt:

        Das stimmt, Lesehunger und geduldiges Innehalten vertragen sich in meinem Fall leider schlecht….Der Ritter ist aus meiner französischen Heimat bei Aix-en-Provence und ich mag ihn sehr, nicht nur weil ich ihm doch ähnlich bin… Das Gedicht aber kenne ich, glaube ich leider nicht…

  7. Xeniana sagt:

    Wenn ich es finde schick ich´s dir!

  8. […] dem Blog Familienbande macht mich Xeniana neugierig auf Märzveilchen von Sarah […]

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