„Das Ungeheuer“ von Terezia Mora/Ausgelesen

Wie schreibt man als Laie über ein Buch, dass den Deutschen Buchpreis bekommen hat. Ich weiß es nicht, versuche es einfach.
Er glaubte zu wissen, mit wem er verheiratet war, glücklich verheiratet … Nach dem Selbstmord  seiner Frau (38) wird Darius Kopp bewusst , dass er sie nicht kannte.
Er ist depressiv, nennt es Traurigkeit. Mit der Asche von Flora begibt er sich ins Herkunftsland-Ungarn.

Die Urne und den Laptop mit ihrem übersetztem Tagebuch bei sich, wird es ein Roadmovie im Außen wie im Innen.

Vor ihm entfaltet sich, beim Lesen des Tagebuches ein Paralleluniversum.
Gedanken und Gefühle Floras schienen wenig kongruent zu sein mit dem, was sich im Sichtbaren als ihre Persönlichkeit wahrnehmen ließ. Vielleicht ist auch Darius der, der nicht in der Lage ist mehr wahrzunehmen, als das  Sichtbare.

Flora, ein  „Niemandskind“ am Leben gescheitert und Darius durch den doppelten Verlust (erst der Job, dann die Frau) in seinem Sein tief erschüttert.

Müder und desillusionierter, maroder und hoffnungsloser erscheint Darius Kopp am Ende des Romans.
Zunächst war ich irritiert von der Zweiteilung des Textes. Beide Erzählstränge sind durch eine horizontale Linie voneinander getrennt.
Während  der Text von Darius Kopp  einheitlich fließt, zersplittert Floras Sicht der Dinge wie in einem Kaleidoskop. Trotz des Fragmentarischen, das sicher dem Tagebuchschreiben zuzuschreiben ist, bleibt der Text gut lesbar. Floras  Innenwelt ist beklemmend klar und hoffnungslos.
Darius  Erzählung bleibt im Außen.
Flora lotet die Tiefe aus. Obwohl sie die Sinnfrage nicht stellt, ist sie doch überall zwischen den Zeilen zu finden.
Erholen konnte ich mich bei Darius, aber gegen Ende des Buches, begann man zu ahnen, dass die Leere und Hoffnungslosigkeit (die Bakterien der Schwermut, wie sie Floras Psychologin bezeichnete) einen neuen Ort gefunden hatten. Es war der Moment, in dem ich sagte: „Genug.“

Ein Buch das keine Hoffnung macht und dabei sprachlich messerscharf seziert.

Ein Buch, dass ich schon jetzt zu meinen Lieblingsbüchern zähle.

Der Roman erschien im Luchterhand Literaturverlag und erhielt 2013 den Deutschen Buchpreis.

Lesen

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Manchmal, o glücklicher Augenblick, bist du in ein Buch so vertieft, dass du in ihm versinkst – du bist gar nicht mehr da. Herz und Lunge arbeiten, dein Körper verrichtet gleichmäßig seine innere Fabrikarbeit, – du fühlst ihn nicht. Du fühlst dich nicht. Nichts weißt du von der Welt um dich herum, du hörst nichts, du siehst nichts, du liest. Du bist im Banne eines Buches.

Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

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„Was  würdest du antworten, wenn man etwas über Bautzen wissen wollte? Ständig über Bautzen. Ich bin unschuldig, das würdest du antworten,  und es wäre wahr. Unschuldig und bis zum heutigen Tag unwissend, weil ich das Volk bin, und das Volk hat nicht die Aufgabe nach hinten zu schauen, sondern zu arbeiten und zu konsumieren, Gegenwart und Zukunft, das sind unsere Zeiten, um die Vergangenheit kümmere sich, wer nichts anderes zu tun  hat. So habe ich es gesehen und gelernt.

Alle bekannten Großeltern waren Bauern, aber wir leben, den Krieg sei Dank, in einer anderen  einer neuen Welt, in der Schmutz unter Fingernägeln Hysterie bei Müttern auslöst.

Weite Felder aus hellen Teppichböden und Berge von Schlagsahne zum Filterkaffee am Sonntag, zwei Kannen Minimum, aber eher  drei pro Sitzung , Stunden über Stunden, da brauchst du kein Blei mehr.

Wenn Aufstieg heißt, endlich auch Kleinbürger sein zu dürfen.Nie wieder werde ich Kaffee und Kuchen zu mir nehmen, das schwöre ich hiermit feierlich.

Aus „Das Ungeheuer“ von Terezia Mora

„(Datei visszaterö)

Das Spiel heißt: „Der Wiederkehrer“. Man spielt es so: nimm die Welt und betrachte sie, als wärest du gestern gestorben, aber heute noch einmal da, für einen einzigen Tag. Spiele das so lange, bis es noch wirkt, danach suche dir ein anderes Spiel.“

Aus „Das Ungeheuer“ von Terezia Mora

 

„Stoner“ von John Williams

Stoner ist Sohn von Landarbeitern. Er kennt den alltäglichen Kampf, dem Boden Nahrung abzutrotzen, das Vieh zu versorgen, Wind und Wetter zu widerstehen.
Vermutlich hat er in diesen Jahren die Fähigkeit erworben, das Leben zu nehmen, wie es ist, ohne darin verloren zu gehen.
Seine Eltern möchten, dass er Agrarwissenschaft  studiert.Die Böden sind ausgelaugt, traditionelle Methoden scheinen nicht mehr den gewünschten Ertrag zu bringen. Sie erhoffen sich viel von ihrem Sohn.
Es ist das Jahr 1910.Der junge Erwachsene fügt sich diesem Wunsch, wenn auch nicht voller Freude. An der Universität in der kleinen, abgelegenen Stadt Missouri besucht er  einen Literaturkurs. Er versteht kein Wort von dem was gesagt wird und als der kauzige Dozent Stoner auffordert etwas zum 73. Sonett von Shakespeare zu sagen, versinkt er in Schweigen.  Stoner aber  fühlt sich von Shakespeare so angesprochen , dass hier seine Begeisterung für Literatur seinen Anfang nimmt.
Er bricht aus  seinem bisherigen Leben aus und studiert Literaturwissenschaft.
Er  wird Dozent , lehrt mit Leidenschaft.  In seiner ehe ist er nicht glücklich. Seine Frau liebt ihn nicht und ist fast grausam zu nennen. Ihr gemeinsames Kind erzieht er zunächst allein, weil auch hier seine Frau keine Liebe zeigen kann. Später wird die Ehefrau ihm die Tochter wieder entreissen.
Eine Liebschaft an der Uni endet durch  Intrige, auch beruflich wird es zunehmend schwieriger. Stoner stirbt mit 63 Jahren an Krebs. Er sieht sein Leben noch einmal vor sich ablaufen so wie es war und so wie es hätte sein können.
Die Geschichte beginnt fast langweilig.
Es ist die ganz eigene Persönlichkeit ­Stoners, die den Leser langsam und unmerklich in ihren Bann zieht. (Ich habe eine Nacht durchgelesen, trotz 3 zu versorgender  Kinder am nächsten Morgen).Das Besondere ist die Einstellung die ­Stoner dem Leben gegenüber einnimmt. Ähnlich wie dem Kommen und Gehen der Jahreszeiten, begegnet er Höhen und Tiefen des Alltages.
Er folgt seiner inneren Stimme, beurteilt Situationen und Menschen,  verurteilt nicht und  ist bereit für seine Überzeugungen einzustehen.
Es ist eines dieser Bücher, dass ich am liebsten nach dem Lesen sofort von vorn begonnen hätte. Kein Wunder, dass Anna Gavalda ,  nach der Übersetzung dieses Buches ins Französische, sich in den Protagonisten verliebt hat. Man kommt nicht umhin, es verändert einen beim Lesen.

Das Buch wurde erst nach dem Tode Williams,  selbst Literaturprofessor, wiederentdeckt. Erschienen ist es erstmals 1965 in den Vereinigten Staaten, wiederentdeckt von Edwin Frank 1994.
Erschienen ist „Stoner“ in Deutschland 2013 im dtv, durch dessen Leserunde zum Buch ich aufmerksam geworden  bin.
Unbedingt  empfehlenswert!!!