Am Rand der Gesellschaft/eine Begegnung mit Angehörigen der Roma in Rumänien/87

Ich hielt ein Baby im Arm, der kleine Körper  schlaff. Der dunkle Teint trotzdem  bleich, auf der Stirn kalter Schweiß. Eine Frau mager, abgezehrt mit Kopftuch, hatte mir das Baby in den Arm gelegt.

Ich stand in einer Holzhütte, die  Wände mit Werbung Illustrierter tapeziert.  Zahnlose Alte, barfüssige Kinder mit dunklen Locken und dreckverschmierten Gesichtern, ausgemergelte Frauen und Männer denen man die Armut ansah, versammelten sich in dieser Behausung, um mich, den Gast zu bestaunen. Mit meinen siebzehn Jahren war ich unvermutet mit  einer Armut konfrontiert die ich nicht begriff.

Ich hatte mich schick gemacht. Nun war der lange dunkelrote Seidenrock staubig, das von der Sonne ausgeblichene Haar klebte im Gesicht. Angst verspürte ich nicht.

Man reichte mir Brot, Zwiebeln und Wasser. Ich mochte die Gastfreundschaft nicht ablehnen, hoffte genug Abwehrkräfte zu besitzen um das Essen zu überleben. Es stank nach Müll, die Erde war trocken und staubig .

Hunde bellten,  als ich begleitet von zwei Kindern die „Siedlung“ verließ. Ich kehrte zurück zur siebenbürgischen Hochzeit, noch immer unter Schock. Zwei Welten parallel nebeneinander, nur etwa fünfzehn  Minuten Fußweg voneinander entfernt. Die Gastfreundschaft und das fröhliche Gelächter hallten noch in mir nach.

Zufall, der mich dorthin geführt hatte, jugendliche  Neugier. Über eine Freundin wurde ich zur Hochzeit in Siebenbürgen eingeladen. Sie währte bereits den zweiten Tag. Ich brauchte Luft, Bewegung, lief ein Stück. Zwei Kinder sprachen mich an, gestikulierten lachend, nahmen mich an die Hand. So stand ich hier; in einer windschiefen Hütte, in der sich gerade ein Dorf versammelte.

Ich gab das Baby der Mutter zurück, es hätte einen Arzt gebraucht und Medizin.  Hilflos. Zum Abschied schenkten mir die Kinder ein Bild, rumänische Sonnenstrahlen in einer Flasche verpackt.  „Deutschland: kalt.“

„Zwei Kinder haben mich angesprochen.“

Katinka, die Großmutter der Hochzeitsfamilie, sah mich skeptisch an. Kuckucksuhren tickten  an der Wand. “ Haben sie gebettelt, nicht?“

„Haben sie.“

Sie war erbost, sehr erbost , erbost über meinen versehentlichen Ausflug in die Roma Siedlung, von deren Existenz ich bis dahin nichts wusste. „Wie kannst du uns so ins Gerede bringen?!“  Die Armut würden sie so wollen, sämtliche Förderprogramme des Staates scheitern, der Alkohol alles kaputtmachen.

Ich hatte eine Erfahrung gemacht. Eine Erfahrung die mich nicht mehr loslassen sollte. Wenn den Erwachsenen nicht zu helfen war, was war dann mit den Kindern?

Ich bin  zehn Jahre später noch einmal nach Rumänien gefahren. Hätte dort mit Kindern arbeiten können. Mir  fehlte der Mut. Zu fremd fühlte sich das Land , die Mentalität an. Das Leben der  meisten Roma ist noch immer geprägt von bitterer Armut.  Jemand der sehr viel in Rumänien leistet ist  Jenny Rasche.

Auch Ida Kelarova engagiert sich sehr.

Hier ein Video von Ida Kelarova http://cs.wikipedia.org/wiki/Ida_Kelarov%C3%A1 die seit vielen Jahren Unterstützung leistet und sich mit Herzblut engagiert. Ich selbst habe bei ihr einen Gesangsworkshop besucht. Sie ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit einer ebenso beeindruckenden Art des Singens. Das Video zeigt sie bei einem Besuch einer Roma Siedlung in der Slowakei.

http://www.youtube.com/watch?v=jb_cRS5dtPw

Wer will kann hier mehr über Ida Kelarova und ihre Mitstreiter erfahren.

 

5 Kommentare zu “Am Rand der Gesellschaft/eine Begegnung mit Angehörigen der Roma in Rumänien/87

  1. […] und an mein Romanes, das immer bloß rudimentär war, und das ich immer mehr vergesse: via Familienbande, Ida Kelarova, die ich nur dem Namen nach kannte. Wird sich unsere Gesellschaft jemals so verändern, dass auch an […]

  2. draupadi16 sagt:

    So beeindruckend und ehrlich!!! Danke fürs teilen.

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