Einmal im Jahr

Morgens stehst du in der Tür. Überraschung! Du rüttelst am Haselnusszweig. Ich muss zur Arbeit, wenn du willst zeig ich dir was. Du wirfst die Blätter vor dir her und fährst den Kindern durchs noch sommerblonde Haar.

Los hilf mir mal. Du lächelst, als du den Bollerwagen mit den Äpfeln ziehst. Einen Schluck selbstgepressten Apfelsaft schlägst du nicht aus. Hm Boskop. Diesmal bist du nicht zu früh gekommen. Listiges Lächeln.Vielleicht bleibe ich deshalb länger.

Bleib solang du willst.

Ich mag den nicht, ruft der kleine J. Aber ich, sag ich, ich liebe den. Du weißt schon: Bienenwachskerzen, Holundersaft, warme Schals und lesen ohne schlechtes Gewissen. Meinetwegen bleib bis zum Frühjahr. Mal sehn, mal sehn, brummelst du. Hängt von der Erntedanksuppe ab, die du mir morgen kredenzt. Willkommen Mr. Herbst.

Alltagssplitter-und noch einmal Kermani

Ich habe Proust gern gelesen und Kermani auch. Das nun ein neuer Kermani inklusive  Proust erscheint, löst Vorfreude aus. Auch wenn der Interviewerin der „Zeit“ das Buch nicht gefiel. Der Vorabdruck im „Spiegel“ macht neugierig.. Auch Terezia Mora erscheint morgen neu. Während Karla singt, werde ich die Buchhandlung plündern. Weihnachten ist morgen.

Der Garten ist eine Müllhalde. Wir reißen Palisaden und Schuppen ab. Die Stadt möchte unbebautes Gelände zurück.

Der Boskop ist reif.

Meine Friseuse gerade erst gefunden, ist geflüchtet. Verärgert nehme ich eine Neue in Kauf. Diese ist nett, schneidet mir aber einen Topfschnitt.

Jetzt siehst du wirklich alt aus, sagt Anna. In den Nächten bescheinigen mir Neurologen eine angeborene Renitenz. Ich mag den Herbst und freue mich auf die kürzer werdenden Tage.

Für das wilde Leben bleibt keine Zeit-Weiberabend

Es muss ein Versehen sein. Sina mit hoyerswerdischer Schnodderschnauze zieht die Schultern hoch. Wir werden alt- Nele.

Nele kann sich nicht beschweren, werfe ich ein. Gemeinerweise sieht sie aus wie das blühende Leben. Wechseljahre kommen mir nicht in die Tüte. Nele bedeckt, vor Elan sprühend, die Arbeitsplatte der neuen Küche mit roten Kartoffeln und Zuchini. Eigene Ernte! Wie kann man nur so unverschämt gut aussehen?  Sie ist berufstätig und alleinerziehend. Und dann auch noch Gemüse aus eigener Ernte präsentieren können. Luise beginnt das Gemüse zu waschen. Nö lass mal erst nen Kaffee trinken. Sina hakt Nele unter.  Xeniana hat nen Traubenbaum, muss man gesehen haben. Man muss die Momente feiern wie sie fallen, sag ich euch. Sina pflückt sich eine Traube: mich hat das Leben im letzten Jahr am Kragen geschnappt. Hinter sich her geschleift hat es mich. Hier-meine Augenringe bezeugen es. Von Bluthochdruck, Zahnschmerzen und schmerzenden Hüftgelenk ganz zu schweigen, Wechseljahre inklusive. Meine Damen wir werden alt. Ich nicht, ruft Nele. Ich auch nicht ruft Luise und pflückt sich eine Traube. Was macht deine Bildhauerei Sina? Sina winkt ab. Meine Eltern sind beide krank. Entweder bin ich am Wochenende zu ihnen ins Krankenhaus gefahren oder ich saß auf dem Zahnarztstuhl.  Die Werkstatt läuft auch nicht von allein. Und du Xeniana? Als ich das letzte Mal auf die Waage stieg, ging sie kaputt. Ähnlich erging es dem Handy,  als ich mich drauf setzte. Die Haare werden grau, die einst makellosen Augen benötigen seit diesem Jahr eine Dioktrin mehr. Das Alter-sagt der Augenarzt. Wechseljahre inklusive. Und ich hab ne volle Stelle, neben Kindern, Haus und Garten. Ich züchte nur Quecke-Nele. Von wunderbaren Kindern im Pubertätsmodus,  Lateinhausaufgaben und Muttertaxifuhren ganz zu schweigen.  M. hat mich gefragt, ob es für mich nicht schwierig sei, meine Kreativität kaum leben zu können. Ich hätte früher so wild gelebt. Fasr bin ich sauer geworden-aus Selbstschutz. Es nützt ja nichts-fürs wilde Leben bleibt keine Zeit. Und die Arbeit macht mir Spaß, wenn mir auch ein paar Stunden weniger lieber wären. Luise, wie war dein Jahr? Gut. Wisst ihr das das Wasser gerade fluoresziert an der Förde? Das ist nachts ein tolles Schauspiel. Und den Delphin würde ich gern noch sehen. Ich lade euch übrigens zu meinem 50zigsten ein.

War es nicht erst gestern als wir uns das erste Mal hier trafen. Nele stillte damals noch die kleine Emma. Sina gab Bildhauerkurse und tanzte Tango .Wir machten Pläne, lästerten über die Männerwelt und lachten bis zum Morgengrauen. Dieser Weiberabend war ernst, wir zogen Zwischenbilanz, sorgten uns um die Eltern und versuchten der Vergänglichkeit ins Gesicht zu sehen. Unversehen ist es Herbst geworden.

 

Ein letzter Herbst im Garten

 

img_20160917_173625Ein letztes Feuer an dieser Stelle.  Der Wein ist mit dem  Apfelbaum eine Beziehung eingegangen. Er umgarnt ihn bis zur Krone und schenkt blaue süße Trauben von Apfelzweigen. Selbst die Quitte ist dieses Jahr etwas geworden Auch hier eine letzte Gabe. Ein letzter Herbst unter der großen Tanne mit Kronleuchter. Ein letzter Blick auf den Teich. Julius reißt seine Hütte ab. Und dennoch, die Freude überwiegt. Unser Haus ist kein Mietobjekt mehr. Es gehört jetzt uns. Ein Teil des 2000 Quadratmeter großen Gartens wird vermutlich Bauland. Der Marder versucht erneut in das frisch gedeckte Dach zu gelangen. Keine Chance. Die Eichhörnchen huschen über die Straße. Selbst Rebhühner gibt es, neben Ringelnattern, Greifvögeln und heiser krächzenden Wildgänsen.

Wenn dieses Lebensjahr so weitergeht wie es begonnen hat, kann man sich nur warm anziehen. Am Geburtstag erreicht mich die Nachricht.Irgendwo in einer der trostlosen Plattenbauten, fand man X. mit zertrümmerten Schädel. Er wurde nur 60 Jahre alt. In den Medien -keine Meldung. Hautfarbe dunkel.