Erinnerung

Im Juli 1989 begab ich mich allein auf eine Reise durch Europa. Ich wollte sehen, was mir bisher verwehrt gewesen war. So sass ich eines Morgens auch in Paris auf Treppenstufen und kam in holprigen Englisch mit einer Französin ins Gespräch. Es

stellte sich im Laufe des Gespräches heraus, dass ich keine Ahnung hatte auf welchen Treppenstufen ich sass.

„Das hier, das ist Notre-Dame!“ .

Sie lachte Tränen, ungläubig, bot mir einen Platz auf Ihren Roller an und zeigte mir Paris.

Notre – Dame brennt. Und natürlich ist da in mir eine tiefe Betroffenheit und Erschütterung, die weit über das Persönliche hinausgeht. Aber finde ich keine Worte. Finde keine Worte  für das  Feuer, die Zerstörung und dem das nichts in der Welt Bestand hat.  Eine Kathedrale, deren Bau allein schon zweihundert Jahre dauerte.  Nein ich finde keine Worte für den Wert, die Bedeutung für die Welt, das Christentum.  Ich bin traurig.

Wochenrückblick 2. Aprilwoche 2019

Besucht: im wunderschönen Nordkolleg die MASH-Musicalakademie Schleswig -Holstein bei einer öffentliche Präsentation (sehr spannende und professionelle Angelegenheit mit Benjamin A. Merkl)

Gehört/Gesehen: Sweeney Todd Opernhaus Kiel

Grandios

Gelesen: Eichendorff

Gegessen: Spargel, Bärlauch und Salat

Getrunken: Rotwein, Kantine Opernhaus

Geplant: Hamlet Schauspielhaus

Eloise/ Werftpark

Vor dem Fest /Thalia Theater Hamburg

„Feuer überall“-Sweeney Todd-Oper Kiel

Leider keine Kritik, sondern nur Jägerlatein.

Spontaner Entschluss abends in die Oper Kiel zu gehen.

Es hat sich gelohnt, dieser Musical Klassiker von Stephen Sondheim unter der Regie von Ricarda Ludigkeit.

Ein blutroter Film auf den Bühnenvorhang projiziert.

London zur Zeit der Industrialisierung. In einer grau düsteren Stadtlanschaft hat Mrs . Nelly Lovett, die Pastetenbäckerin, ein Auge auf Sweeney Todd geworfen. Der war mal Barbier, hatte Frau und Kind, bis ihm Übles widerfuhr. Der widerwärtige Richter Turpin, grandios gespielt von Hans Neblung, schickt Sweeney Todd für 15 Jahre in die Verbannung, weil er ein Auge auf Todds Frau geworfen hat.

Sie wird von Turpin missbraucht, ihr Kind wird von Turpin als Mündel aufgenommen.

15 Jahre später

Sweeney Todd kehrt randvoll mit Wut und Rachedurst nach London zurück, um dort in der Fleetstreet einen Barbiersalon zu eröffnen. Sein Pseudonym wird aufgedeckt. Er fliegt auf, wird erpresst und so ist es der Aufschneider und Scharlatan Pirelli, urkomisch dargestellt von Michael Müller-Kasztelan, den er als ersten mit zu scharfer Klinge rasiert. Wohin mit der Leiche? Es entsteht ein durchaus erfolgreiches Unternehmenskonzept. Pasteten.

Heike Wittlieb pragmatisch, geschäftstüchtig und zupackend als Lovett, glänzte stimmlich und schauspielerisch. Der Lobgesang auf die Pasteten hatte es mir in seiner tiefschwarzen,düsteren humoresken Weise, getragen durch einen federleichten Sopran, angetan.

Sweeney Todd, in sich gekehrt und unversöhnlich Rache übend, versorgt Lovett mit menschlichen Material für ihre Backkünste.

Bravourös ist Jörg Sabrowski in dieser dämonisch, getriebenen Rolle.

Eintragender Bariton, der der Dunkelheit eine überzeugende Stimme und der Rachefehde, der ausufernden Wut ein Gesicht verleiht.

Lichtblick in dieser düsteren Hölle aus Korruption, Enthemmung , getrieben sein, Machtmonopol und Machtmissbrauch ist einzig das junge Liebespaar. Sweeney Todds Tochter, großgezogen von Richter Turpin, erweckt in ihrer beginnenden Blüte die Triebe des alten Widerlings Turpin. Turpins Plan: vom Mündel zur Ehefrau, vereiteln Joanna und Anthony durch Flucht.

Dustin Smailes und Katerina von Bennigsen brillieren als junges Liebespaar.

Richter Turpin (Hans Neblung) bestach in seiner Rolle als bar jeder Moral und sich geißelnder Lüstling .

Schauspielerisch sehr stark in ihrer Nebenrolle als Bettlerin, war Katharina Lochmann. Sweeney Todd erkennt in der abgerissenen Wahnsinnigen, die ihren alternden Körper für Liebesdienste anbietet, zu spät seine Frau.

Stimmgewaltig, der Opernchor, einstudiert von Moritz Caffier, wenn er düster „Feuer überall “ singt. Glanzleistung.

Dissonant, Arien und Balladen im schnellen Tempiwechsel. Das Orchester spielt es, so weit ich das zu beurteilen vermag, souverän und düster fröhlich.

Das Bühnenbild spartanisch und gerade dadurch aussagekräftig. Verkleidete Gerüste in ihrer Vielfalt überraschend. Die Beleuchtung tauchte die Bühne mal in fahles oder warmes Licht. So dass es in der Backstube trotz aller Einfachheit urgemütlich wurde. Man fühlte sich sofort in einen Dickens versetzt.

Musikalisch anspruchsvoll, souverän, einfach durch und durch gelungen.

Wochenrückblick zwischen Hamburg und Kiel

(Heute mal ein Wochenrückblick/Ursprungsidee geklaut)

Besucht :

Musical Mary Poppins/ Danke für die Einladung Franzi!

Stadtcafe Kiel

Balzac in Hamburg

Urlaub gemacht im Haus einer Freundin die verreist war/ich liebe fremdwohnen

Gelesen:

Anke Stelling /Schäfchen im Trockenen

Juli Zeh /Treideln

Eichendorff Gedichte/ ja weil sie bei Stanisic auftauchten

Gehört:

Jaques Brel, Kreisler, Piaf

Bach Matthäuspassion

Geplant:

Eloise ansehen/Akademien am Theater Kiel/Jugendchor der Oper

Geärgert:

über Blockade die errichtet wird ohne das Gespräch zu suchen/ erinnert mich an Mechanismen in der DDR

Gefreut:

über Frühlingswetter, dass der Schornsteinfeger absagte und einem Mann der sich das warten an der Ampel mit Rhythmusübungen vertrieb.

Um tanzen zu können

 

Um tanzen zu können, muss man lesen,

lesen was im Wind geschrieben steht,

die Sprünge und die vielen Hypothesen.

Jeder ist sein eigener Interpret.

 

Um tanzen zu können, muss man reisen,

reisen, bis man keine Welt mehr sieht.

Erst dann wird man dich unterweisen,

was beim Tanzen überhaupt geschieht.

 

Georg Kreisler

Lesung von Sasa Stanisic im Literaturhaus Kiel-„Herkunft“

„Sasa Stanisic ist Jugo und hat trotzdem noch nie etwas geklaut. Sieht man mal von ein paar Büchern bei der Frankfurter Buchmesse ab.“

Sasa Stansic ist Jugo und zu spät dran. Die deutschen Regionalzüge habens nicht so mit der Pünktlichkeit. Im Taxi hat er „Eye of the tiger“ gehört und durchmisst nun gut gelaunt,  mit eiligen Schritt den alten botanischen Garten. Nicht ohne herumstehende Gäste freundlich zu grüßen.

Es ist der Sechste, ein weder „weinerlicher noch gefährlicher Märztag“. Vielmehr liegt ein“ Geruch von Löwenzahn, Regenwürmern““ und Aufbruch in der Luft. Vorfrühling.

Die Lesung beginnt pünktlich. Jeder Platz ist besetzt. Junges und altes Volk hat sich zusammengefunden. Ein Mix aus älterem Bildungsbürgertum und sogar vollbärtigen Jungvolk mit Bierflasche.

Neben mir ein kleiner Junge höchstens vier Jahre alt. Erwartung liegt in der Luft.

Sasa Stanisic begibt sich in seinem Roman „Herkunft“ auf die Spuren seiner Vergangenheit und dem „Konstrukt Herkunft“.  Poetisch ist dieses Buch. Und es hat mich berührt, sehr berührt.

Sasa Stanisic: geboren in einem Krankenhaus, das es nicht mehr gibt.  Aufgewachsen in einem Land, das es nicht mehr gibt.“ Der Roman erzählt von der glücklichen Kindheit in Visegrad bei Großmutter Kristina. Diese hat 2009 ihr letztes gute Jahr. Sie verliert ihre Erinnerungen an die Demenz, Stanisic liest die Erinnerungssplitter auf, fügt sie wie in einem Kaleidoskop zusammen. Er findet und erfindet., unternimmt Reisen in das kleine Dorf Oskorusa, das Dorf seiner Ahnen. „Einwohnerzahl ungerade“ und trinkt aus dem Brunnen der Ahnen.

Stanisic erzählt von Drachen auf dem Vijarac, Großmutter Kristinas goldenen Zahn, Nierenbohnen die die Zukunft voraus sagen, sprechenden Flüssen, sich räuspernden Fabriken und Baumdrachen. Er erzählt von seiner Drina die die Unschuld verlor. Er erzählt vom „Makroerzähler Tito“ und den Mikroerzählern die den  Nationalismus  herbei erzählen. (Literarisches Quartett 12.04.2019)

Nach Titos Tod zersplittert das Land und wird mit sich selbst in den Krieg fallen. Die Familie flieht.

In Heidelberg beginnt das neue Leben mit einem zerstörten Schloss, Sprachlosigkeit, beengten Wohnraum, Ausländerbehörde, der Clique die sich an der Tankstelle trifft. Er erzählt von bitterer Vokabularerweiterung, als 1992 Neonazis  ein Wohnheim in dem Vietnamesen leben, in Rostock -Lichtenhagen, brennen lassen.

Von der DAZ Klasse zum Studium,  er wird die deutsche Sprache beherrschen, gekonnt und virtuos.

Sasa Stanisic wird es letztlich einem Beamten der Ausländerbehörde zu verdanken haben, der nicht nach Dienst nach Vorschrift lebte, bleiben zu können. Er darf arbeiten. Das es auf das Schreiben begrenzt bleiben muss kommt ihm entgegen.

Ein Sprachgemisch aus Brillanz, Wehmut, Komik und Magie. Poesie.

Stanisic liest temperamentvoll mit atemberaubenden Tempo und dem Schalk im Nacken.

„Warum hat die Großmutter einen goldenen Zahn?“, fragt der kleine Junge neben mir seine Mutter.

Am Ende wird das Publikum, wie auch der Leser,  sich auf seine eigene Reise begeben, Drachen jagen oder im Altersheim stickige Luft atmen. Ich habe die Geschichte mit Mann und Sohn ausprobiert. Der Sohn entschied sich fürs Drachen jagen.

Was soll man noch sagen zu diesem virtuosen Roman, über Dinge die endgültig verloren sind und in Erinnerungen und Geschichten erhalten bleiben. Pionierhalstücher, Staffelläufe für den Frieden, Nierenbohnen und Flüssen die ihre Unschuld verloren haben.

Mein tiefer Dank gilt dem Beamten der Ausländerbehörde, der nicht Dienst nach Vorschrift verrichtete.

„Balkanschriftsteller, was für ein Quatsch!“

 

(Beitrag von 2018)

Geträumt:

Hab im Hamburger Bahnhof an einer Rolltreppe gesessen. Alle fuhren nach oben, ich nicht. Auf einem Stuhl, schwer und behäbig, einen Stapel Bücher neben mir. Zu müde und unkonzentriert um zu lesen. Bis dieser jungenhafte Schriftsteller kam, auf die Rolltreppe sprang und rief: „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn! Entweder ist man Schriftsteller oder man ist keiner!“

Ich gab zu Bedenken, dass Herkunft doch prägt. Die Bilder der Sprache, die Landschaft, die Menschen.

„Mich nicht“, sprach er, „ich bin ganz neu.“

Ich hatte Einwände, deutete  auf  die Menschenmenge die mit grauen Gesicht und leerem Blick sich gehetzt durch die Wandelhalle manövrierte.

“ Ich bin neu, immer, jeden Tag.“

„Hej warte“, rief ich ihm hinterher, „versprich mir dass du an einem neuen Buch schreibst!“

„Mal sehen“, sagte er und „Balkanschriftsteller, was für ein Blödsinn!“