Eingeforderte Reue und Anderes

Dieses Einfordern der Reue, der Kniefall der erzwungen werden will: das verbinde ich mit Handke und dem Nobelpreis und ich bin angeekelt.

Nur folgerichtig, dass Handke vorerst zu Serbien schweigt, weil keine Verständigung möglich erscheint. Seine Rede hat mich für ihn eingenommen. Sprachliche Schönheit, sprachliches Können.

Dank dieser Nobelpreisdebatte, bin ich zum Handkeleser geworden. Ich lese seine Bücher mit Freude und zunehmender Begeisterung. Sie verändern mich als Leser

Im Moment lese ich neben: „Der Versuch über die Müdigkeit“ auch noch Faust von Goethe.

Leider habe ich kein Foto von der Krippe, das kommt erst morgen in den Blog.

Stürmische Böen werfen sich im Verbund mit Regenschwaden gegen das Haus. Sobald man rausgeht hat man den schräg fallenden Regen mit Verve im Gesicht.

Der Dezember ist gewohnt geschäftig. Ich würde gern verlangsamen. Habt einen schönen 2. Advent!

Blumen gießen bei Tante Ulrike

Tante Ulrike mochte ich sehr, sie kaute immer Wrigley Spearmint Gum,  den ihr Tante Klara aus Hamburg schickte. Tante Ulrike fuhr oft in den Urlaub ans Schwarze Meer, nach Bulgarien und Ungarn.

Mama und ich gossen in dieser  Zeit die Blumen im Wintergarten der Plattenbauwohnung, einem verglasten Balkon. Der Perserkater Felix lag meist unter’m Gummibaum.

In der Wohnung liefen wir sockfuß über schwere orientalische Teppiche, staubten ebenso schwere Möbel ab.

“Bürgertum” sagte Mama, in meiner Erinnerung, wertfrei. Großvater lebte als Schweinezuchtmeister mondäner, fast allein in einem Gutsherrenhaus in einem abgelegenen Dorf.

„Uranabbau“ hatte jemand gesagt und „Normbrecher“.

Opa war Arbeiterklasse, nicht Bürgertum, die Erklärungen von Mama verstand ich nicht.

Tante Ulrike und Onkel Andre waren bürgerlich, vielleicht wegen des Kaugummis.

“Leute wie die, machen unsere Partei kaputt“, hatte mein Vater immer wieder gesagt. Im Schlafzimmer von Tante Ulrike standen am Ende des Bettes, die nicht sehenden, hörenden und sprechenden Affen.

Manchmal luden Tante Ulrike und Gatte, uns zum Diaabend ein. Meist nach einem Urlaub. Sie wollten uns an den Schönheiten Bulgariens oder Ungarns teilhaben zu lassen. Ich staunte über Knoblauchzöpfe.

Ich mochte Ferien in Wernigerode gern, da gab es Esel auf denen man reiten konnte und göttlich schmeckende Brötchen.

“Leute wie die, sagte mein Vater manchmal, haben uns den Sozialismus kaputt gemacht.

Die Wende kam.

Die Datsche von Tante Ulrike wurde nun Hauptdomizil mit angrenzenden Swimmingpool. Perserkater inklusive.

Zwischenstopp-Erinnerung an Papa Juli 2007

 

Hochsommerlicher Tag. Wir kehrten aus Südfrankreich zurück.

Unser alter roter VW Bus schepperte sich den Weg entlang. Seine Farbe blätterte an einigen Stellen bereits ab und zeigte Grün, aus alten Polizeidiensttagen. Jedes Rasseln des verlustig gehenden Auspuffs, erschien wie ein Flehen um Stillstand.

Das Vehikel voll beladen mit Schlafsäcken, Essen und einer Unmenge Legosteine. Die Sitze verschmiert von Sonnencreme und Kekskrümeln.

Endlich ein Parkplatz! Aus dem Bus fielen unsere drei Kinder, sonnenverbrannt mit flachsblonden, von Südfrankreichs Sonne gebleichten Haaren und tiefen Augenringen.  Karla  mit Windel, Schnuller und Fläschchen gierte nach einer Pause. Julius und Anna wollten den sehen, den wir Opa nannten. Jeder hat schließlich einen Opa.

Wir hatten uns bei dem Italiener im Einkaufszentrum verabredet. Das wäre zu Fuß für dich machbar, Bus fahren könntest du nicht mehr. Die Kinder wunderten sich über die Sprache der Bedienung. „Mama ist das noch Frankreich?““ Nein das ist die Pfalz.“

Du kamst langsam auf einem Stock gestützt, sahst weniger gebrechlich aus als ich vermutet hatte.  Das weiße, etwas längere Haar gefönt. Den Bart modisch zurecht gestutzt. „Vittorio!, schau das sind meine Enkel“, riefst du stolz der Bedienung zu.

Du erzähltest viel, auch von der Arbeit an Deinem Buch. Die Schreibklause in deinem Elfenbeinturm, so nanntest du das 5. Stockwerk deines Plattenbau.

Du fragtest nichts.

Die Telefonate hatten noch nicht stattgefunden.

Ich beende mit diesem Beitrag den Vaterkomplex hier im Blog.

Partisanengeschichte-Erinnerung-Soja Kosmodemjanskaja oder wie Aufträge weiter gegeben werden.

Lese gerade bei Tijan Sila, dass sein Protagonist in „Tierchen unlimited“ mit Partisanengeschichten aufwuchs. Ich auch.

Erinnerst du dich Papa? Du liesst mich oft allein nachts. Temporär alleinerziehend und hungrig nach Leben, verschlug es dich abends zu Feiern oder Freunden. Es war nicht ungewöhnlich zu der Zeit.

Du wusstest nichts von meiner Angst, die die über die Zimmerdecke kriechenden Lichtkegel vorbei fahrender Autos verursachten, Sie schufen seltsame Konturen.

Mama studierte in Berlin. Sie kam nur an den Wochenenden nach Hause.

Wenn du noch mal los musstest, schaute Oma Ritter nach mir. Sie wohnte unter uns.  Oma Ritter  roch immer nach frisch gebackenen Plätzchen, trug eine blaugemusteerte Dederonschürze und war alt.

” Träume süss von sauren Gürkchen”  hatte Oma Ritter zur guten Nacht gesagt, wie immer, und dann die Tür von außen zugezogen. Ich mochte keine sauren Gürkchen und auch nicht den Kürbis den sie süß sauer einlegte und den ich manchmal probieren musste. Ich hatte auch eine Oma, noch weiter  weg als Mutti, die schickte zu Weihnachten Haribo und Kaugummistangen.

Eines nachts- ich war noch wach, kamst du heim. Geruch von Wein und Rauch.” Die Nacht ist schon auf dem Weg in den Morgen, warum schläfst du nicht, Töchterchen?” Ich erzählte dir von der Angst.

Angst müsse man überwinden, erklärtest du mir. Eine Kerze brannte oder ein Nachtlicht. Ich lauschte dem was du erzähltest. Und erzählen konntest du. Mit deiner tiefen Stimme verjagtest du die Geister, warst für mich der stärkste, klügste, mutigste Papa. In diesen frühen Morgenstunden erzähltest du die Geschichte der  jungen russischen Widerstandskämpferin, Soja Kosmodemjanskaja, die obwohl so jung, mutig genug war sich ins Hinterland schicken zu lassen. “Es war Krieg Töchterchen und sie wollte nicht tatenlos zusehen wie Hitlerdeutschland alles zerstörte was ihr lieb und teuer war. Sie wurde gefasst. Man hat sie verhört, stundenlang nachts barfuß im Schnee stehen lassen. Sie wollten die Namen der  anderen Partisanen. Aber sie verriet niemanden.”Bevor sie gehenkt wurde,  hielt  sie eine Rede.Eine flammende Rede über die Notwendigkeit des Kampfes und das Glück für sein Volk sterben zu dürfen.”

Die Dichte dieser Erzählung lässt sich schwer in Worte fassen. Atemlos rief ich am Ende aus : “Das könnte ich nie!”

“Doch das könntest du, wenn es nötig wäre.”

Später,  ich war  bereits in der ersten Klasse, sollte meine Lehrerin sich bei meiner Mutter beschweren, dass ich immer mit dreckiger Kleidung in die Schule käme. “Was sollte ich machen,  sagte meine Mutter, „du warst immer ordentlich angezogen, aber du bist vor der Schule noch auf den Spielplatz gegangen. Ich war doch schon los zur Arbeit. Ich habe dir dann Wechselkleidung mitgegeben.”

Sie wusste nichts von meinem geheimen Partisanentraining. Das flog erst auf, als sie mich fragte, warum meine Haut so rau sei im Gesicht. Ich würde mich nicht eincremen, erklärte ich ihr, weil ich meine Haut abhärten wolle. Partisanen hätten im Einsatz keine Zeit für sowas .

Erst das Jahr in der Kandidatenschulung und meiner daraus folgenden Entscheidung, nicht Mitglied der SED zu werden brachte so etwas wie einen eigenen Blick, desillusioniert aber näher an der eigenen Empfindung für Wahrheit und dem eigenen Weg.

Erinnerung

Die Gebäudewirtschaft liegt am Rand der Plattenbaustadt.

Ich steige hinab, zu dem fensterlosen Raum. Die Guppys drücken ihre Fischmäuler an der Aquariumscheibe platt. In meiner Erinnerung schreibt er immer. Tief gebeugt über das Brigadetagebuch, im blassblauen Kittel und schwarzer Hornbrille. Spöttische, satirische Verse auf Arbeitsmoral und Opportunismus.

Villon ist sein Vorbild.

Ich trage mein blaues Halstuch. „Kind“, sagt er. „Schön, dass du mich besuchst.“

„Wir sollen ein Gedicht schreiben.“

Ich setze den Lederranzen ab, die Katzenaugen klappern.

„Und bist du dem General für heute entkommen?“ Er meint die Hortnerin, die mit militant autoritären Tonfall für Zucht und Ordnung sorgt.

Ich mag die Schule nicht und den Hort erst recht nicht.

Er beugt sich über die krakelige Schrift. „Hell blühen die Blumen im Frühling. Es blüht auch der Friede in unserem Land. Da war es einmal vor Jahren, dass Thälmann den Weg zum Frieden fand.“

„Nun, schön, aber lass es uns gleich noch mal durchgehen.“ Er erhebt sich. Kontrolliert etwas an den Gasrohren.

„Das Versmaß stimmt nicht. Und schau, dieses: Und Thälmann getroffen am Boden lag und keiner vergisst mehr diesen Tag, das grenzt an Kitsch. Lass es einfach weg.“ Zeile für Zeile gehen wir durch. Er trinkt schwarzen Tee mit Zitrone, raucht Cabinett. Es dämmert bereits als ich aus den Katakomben aufsteige. „Lass dich mal öfter sehen Töchterchen.“

Die geschwungene Brücke über fdie Magistrale laufe ich hinüber zum Viertel und dem Zuhause mit der dreistelligen Nummer. Ich will werden wie Thälmann oder Janoschik-Held der Berge oder wie mein Vater.

Zitat aus Rechenschaft vor El Greco-Nikos Kazantzakis

„Ich werfe einen letzten Blick um mich, von wem soll ich Abschied nehmen? Wovon soll ich Abschied nehmen? Von den Bergen, dem Meer, von der fruchttragenden Rebe an meinem Balkon, von der Tugend, der Sünde, dem frischen Wasser?

Vergebens, vergebens, all dies steigt mit mir zusammen in die Erde.

Ich drücke ruhig, zärtlich einen Klumpen kretischer Erde.

Aber jetzt ist die Sonne untergegangen, und der Arbeitstag ist zu Ende, was soll ich mit der Kraft.

Ich strecke die Hand, greife die Klinke der Erde, um die Tür aufzumachen und zu gehen, aber ich halte noch ein wenig auf der lichten Schwelle an. Es ist schwer, sehr schwer, daß die Augen, die Ohren, die Eingeweide sich von den Steinen, von den Kräutern der Erde losreißen. Du sagst: Ich bin satt, ich bin ruhig, ich will nichts mehr, ich habe meine Pflicht erfüllt und gehe, aber das Herz klammert sich an die Steine und an die Kräuter, wehrt sich, bittet: „Bleib noch!“

Ich kämpfe, mein Herz zu trösten, es zu versöhnen, daß es frei das ja sagt. Damit wir nicht weggehen von der Erde wie Sklaven, verprügelt, verweint, sondern wie Könige, die gegessen, getrunken haben, satt sind, nichts mehr begehren und vom Tische aufstehen.

Aber das Herz schlägt noch in der Brust, wehrt sich, ruft:

„Bleib noch!“

Ich bleibe stehen, werfe einen letzten Blick auf das Licht, das sich auch wehrt wie das Herz des Menschen und kämpft.

Der erste Nachtvogel seufzt, und sein Kummer rollt über das nachtdunkle Laub, lieblich, sehr lieblich in die feuchte Luft. Ruhe, süße, große Ruhe, niemand im Hause.“

Nikos Kazantzakis

Für E. 1932-2019