Samstag-Julius ist nach zehn Wochen endlich fieberfrei und Stanisic erhält den Preis für freiheitliches Denken

Stanisic hat den Preis für freiheitliches Denken bekommen. Keine Ahnung warum mir das so gute Laune bereitet. Er ist, was die Gegenwartsliteratur anbetrifft, mein Lieblingsautor.

Ich liebe Kunst, die um ihrer selbst willen entsteht. Kunst die entsteht, weil man etwas zu sagen hat, etwas das nicht ungesagt bleiben kann. Schöpferisches Tun, das nicht darauf aus ist  auf der Mainstreamwelle mitzuschwimmen .

Wenn mir etwas wichtig ist, wenn ich meinen Kindern etwas mitgeben möchte dann dieses:  Man stellt sich in den Dienst der Liebe zur Musik, zum Schauspiel, zum Schreiben oder egal was man tut. Theaterstücke, Musik, gute Bücher, Skulpturen machen die Welt schöner, das Leben lebenswerter. „Wenn du Theater spielen willst um berühmt zu werden, lass es lieber. Es geht nicht um A oder B Besetzung, sondern darum ob ihr euren Teil dazu beitragen könnt, das Publikum zu erreichen.“

Fast beschämt stelle ich fest, dass ich die Likefunktion unter  meinen Blogbeiträgen, um glaubwürdig  zu bleiben, liquidieren müsste. Aber meine Blogbeiträge sind keine Kunst. Sie sind öffentliches Tagebuchschreiben. Natürlich will ich likes und viele Folllower:)

Samstagsputz.  Anna erwartet Freundinnen zum gemeinsamen Bandtraining. Julius ruiniert die frisch geputzte Küche mit dem Zubereiten des Mittagsmahles. Karla kommt vom Reiten, will sofort weiter zu Bibi und Tina. Ich werde mir den Nachmittag mit Backen vertreiben, würde gern später in “ Ein wenig Leben “ lesen. Der Roman ist unerträglich. Kann das Leben gelingen trotz einer traumatischen Kindheit? Ich hätte das Buch gern halb gelesen weggelegt. Zuviel Schmerz, zu viele Abgründe und leider wirklich gut geschrieben. Kein Roman der einem die Option lässt halbgelesen zu bleiben.

Es regnet-Lieblingswetter. Die Mädchen proben in der Villa. Im Haus ist es still, nur das Klackern der Tastatur, das gutmütige Brummen des Backofens, Vogelgesang und das Geräusch rollender Reifen über nassen Asphalt. Anna hat mit Harfe spielen aufgehört. Am Telefon der neue Eigner der Konzertharfe, die eine Mietharfe ist. Die Übergabe wird vereinbart während Anna Schlagzeug spielt. Sie hatte eine wunderbare Harfenlehrerin, um sie tut es mir wirklich leid. Ich backe Plätzchenfüße während ich „Vor dem Fest“ von Stanisic höre. Ein gelungenes Hörspiel.Morgen geht es in die Käthe Kollwitz Ausstellung und abends kommt Sina vorbei. Sind wir wirklich schon fünfundzwanzig Jahre befreundet?

Über einem Glas Chai-Erste Gedanken zu „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Das Konzert wird erst in einer Stunde beginnen. Im Cafe lese ich weiter in „Ein wenig Leben“.  Die Sogwirkung beginnt genau hier über einem Glas zimtigen Chai, herumwuselnden Kellnern, Kindergeschrei. Judes Schmerz kriecht unter die Haut. Jude- nicht gewollt-schon zu Beginn -entwickelt die Geschichte Trostlosigkeit, tiefen Schmerz und die Frage was den Erwachsenen Jude am Leben hält. Wovon träumt er? Was will er außer zu überleben? Die existenziellen Fragen, die die man gewöhnlicherweise tief in seinem Innern verbirgt, vergräbt. Gefühle, Ängste, Sorgen, Ringen um einen Platz in der Welt, erbarmungslos wird die Tiefe ausgelotet, die Masken fallen gelassen und der Schmerz bleibt nicht fremd. Das Buch kriecht einem unter die Haut, lässt mich nicht mehr los. Auch dann nicht als ich im Konzert sitze. Ich sehe Julius mit dem Cello. Er spielt so wie er ist -sensibel und ernsthaft. Man wünscht ihm zum Schutz das Pokerface Annas. Ihre Maske die sie auch hinter dem Schlagzeug nicht fallen lässt. Die sie schützt. Ich fühle mich verletzlich, beunruhigt. Es ist nur ein Buch, aber es berührt die existenzielle Frage nach dem Sinn auf eine irritierende Art und Weise. Nachts wache ich auf, greife zum Buch. Unruhige Nacht.

Julius und das Fieber

Vielen Dank für eure lieben Kommentare. Einige fragten nach Pfeifferschen Drüsenfieber und Borreliose. Der Arzt hat beides ausgeschlossen. Vielleicht muss ich dazu sagen, dass Julius trotz des leichten Fiebers (38,0-38,5) zur Schule geht und irgendwie damit klar kommt.  Ab 38,5 lassen wir ihn zu Hause. Das wäre früher undenkbar gewesen, aber der Arzt meint er wäre schultauglich und  bei G8 kann man sich lange Fehlzeiten nicht leisten. Schwindel und Abgeschlagenheit sind nur sporadisch da. Allerdings fühlt er sich insgesamt etwas schlapp.  Die meiste Zeit ist er ein ganz normaler Junge, lacht, tobt auch mal, schreibt Arbeiten aber all das eben mit Fieber. Ich hoffe sehr, dass es eine vorübergehende Episode ist und der Arzt diesem Temperaturanstieg auf die Spur kommt. Einen anderen Kinderarzt ziehen wir derzeit nicht in Erwägung, da unserer einfach gut ist. Aber klar sollte der Zustand so bleiben müsste man überlegen wie weiter vorzugehen ist. Irgendwo muss ein Entzündungsherd sein.In zwei Wochen wissen wir mehr. Vielen Dank für eure Anteilnahme und die guten Wünsche.

Angst

Fast zehn Wochen hat Julius nun schon dieses Fieber. Das kleine Blutbild ergab-nichts.

„Kommen sie in 2 Wochen wieder“, sagte der Arzt. Denn auch Ultraschall und Co waren unauffällig. Der Versuch ruhig zu bleiben-misslingt. Die Temperatur fällt nicht-sie steigt, langsam und stetig.  Keine weiteren Symptome. Nur ich bekomme Angst, wenn er nach ein paar Treppenstufen kurzatmig ist, diese ewig glühenden Wangen und der wiederkehrende Schwindel. Abends halte ich Zwiegespräche mit Gott und manchmal auch mit mir selbst, ermahne mich nicht zu dramatisieren, ruhig zu bleiben und kann doch diese dunkle Wolke der empfundenen Bedrohung nicht abschütteln. Ich sehe die Schatten unter seinen Augen, vielleicht waren sie schon früher da, aber jetzt-jetzt machen sie mir Angst. Und ich verfluche den Arzt, den ich für einen sehr guten Kinderarzt halte. Nicht noch zwei weitere Wochen…Das Leben ist nicht sicher. Immer wieder die Frage wie man sich wappnet. Und gleichzeitig das empfundene Glück wunderbare Kinder zu haben. Hätte ich es gewagt? Hätte ich es gewagt, Kinder zu bekommen, wenn mir Jemand gesagt hätte das Angst und Sorge ab dem Zeitpunkt der Schwangerschaft dazu gehören?

Der Tag an dem wir zweimal Schneeweißchen und Rosenrot sahen

Karla ist langweilig. Sie mag es nicht,  nicht zur Schule dürfen. Sie hat die Vögel gefüttert und eine neuentdeckte Meisenart identifiziert. Nun wird sie ungnädig. „Willst du nicht lesen?“

„Nee geht nicht mit dem Fieber.“ Ich schlage ihr vor mit mir Schneeweißchen Rosenrot zu sehen. „Ich bin 11, Mama.“ Entweder das oder nichts, sage ich. Ich müsse das Theater-Waldprojekt bearbeiten. Und wann haben wir das letzte Mal am hellichten Tag ferngesehen? Das muss Jahre her sein.  Grummelnd und fiebernd wirft sie sich auf die Couch. Der Film ist schlecht, richtig schlecht, trotzdem halten wir durch. Nebenbei schäle ich  Kartoffeln, Pastinaken und Äpfel. Es soll einen Auflauf geben. Am Ende des Films ist der Auflauf im Ofen und die Wäsche gefaltet. „Lass uns noch mal schnell in die 2012er Verfilmung reinschauen. Der ist mit Detlef Buck, da kann eigentlich nichts schief gehen.“ Herrliche Verfilmung, intelligent und witzig. Wir lachen Tränen. Später als alle Pubertiere eingetroffen sind, wird der Auflauf verschlungen.  „Was ist denn da drin?“

“ Verrat ich nicht.“ Ich kenne meine Kinder. Beim Wort Pastinake würde der Teller weggeschoben werden.  Während Julius einen Auftritt hat und Anna Hausaufgaben macht, fiebert Karla vor sich hin. Mein Fieber ist am Ende des Tages gefallen.  Die Vögel im Garten haben sich mit lauten Rufen auf ihren Schlafbäumen zusammengefunden.  Ich lese 4321.

Morgenspaziergang im Kindergarten

Minus 5 Grad. Warm eingepackt stehen die Kinder  in der  morgendlichen frostigen Luft. Sie kullern sich einen Berg herunter, bis der Trommelwirbel eines Spechtes sie innehalten lässt. Wo ist er? Wir locken einen Kleiber mit seinem eigenen Ruf an. Es klappt. Ich hatte sein Rufen gehört und antwortete mit einer Audiodatei. Auch ein Eichelhäher wird gesichtet. Später im Morgenkreis erzählt der Waldtrupp den Anderen was sie gesehen haben. Und die Kinder versuchen Vogelrufe zu erkennen. Möwe, Krähe, Käuzchen…

Die Idee : Geschichtenerzählen und Theaterpädagogik mit dem Wald zu verbinden. Wie verankere ich Schneeweißchen und Rosenrot in der Natur? Vom geborgenen Zuhause führt uns der Wald in eine Welt voller Abenteuer.

Zum lesen von Auster komme ich heute nicht, dafür liest Karla in jeder freien Minute „Talon“.

Wald und Naturpädagogik-Fortbildung

naturmandalaZugegeben; die ersten sechs Stunden bei unter null Grad waren eine Herausforderung.  Die frostharten Waldkindergartenerzieher schienen allerdings unbeeindruckt. Aber ich; einen Großteil meiner Arbeitszeit unterm Dach verbringend,  hatte zu kämpfen. Trotzdem: Es war toll.

Das erste Wochenende war dem Kennenlernen und der Wahrnehmung gewidmet. Thema: Flowlearning.

Wir legten ein großes Naturmandala, schrieben Geräuschemaps, ließen uns mit verbundenen Augen durch den Wald führen und spielten Bewegungsspiele zum Aufwärmen. Meine Kondition zeigte sich als verbesserungswürdig. Frühstück und Mittagessen auf dem Waldsofa. Die Profis verrieten Tricks gegen die Kälte. Irgendwann fror ich dann doch.

Das 2. Wochenende war dieses. Zur Kälte kam ein gemeiner Ostwind. Mit  Fernglas, Isomatte und in fünf Schichten Kleidung gehüllt,  ging es in den Wald, diesmal mit Vogelkundler. Wir liefen über gefrorenes Laub,  trieben Blaumeisen vor uns her. Warum baut der Specht jedes Jahr eine neue Höhle?  Wie erkennt man Wacholderdrosseln im Flug? Wie ruft der Kleiber? Goldhähnchen, Schwarzspecht, Graureiher, Erlenzeisige, Kleiber, Baumläufer und Singschwäne sahen und hörten wir.

Kalt wurde mir dieses Mal nicht. Spannend waren die Geschichten. Wusstet ihr das Spechthöhlen bis zu achtzig Jahre halten und von verschiedensten Vogelgenerationen bewohnt werden?  Der 2. Teil fand dann im Warmen statt und war BNE gewidmet. Wie groß ist unser ökologischer Fußabdruck? Welche Ideen gibt es, um Kindern Nachhaltigkeit nahe zu bringen.

Der Kurs hält mehr als ich mir davon versprochen habe. Es ist eine nette Gruppe und es sind gute Dozenten aus den verschiedensten Bereichen. Die ersten Ideen habe ich

gleich in der Praxis ausprobiert. Die Kinder hatten sehr viel Spaß, als blinde Raupe durch  den Wald zu gehen, Bäume zu ertasten und dem Wald zu lauschen. Naturmandalas, Tinte aus Galläpfeln, Limonade aus Brennesseln, Mehl aus Bucheckern mahlen, Räuchermännchen selbst schnitzen, Holunderpfeifen herstellen- diese Dinge haben wir im Kindergarten bereits umgesetzt.   Die Natur selbst ist Therapie in unserer schnelllebigen, von Medien dominierten Zeit. Eine Zeit lang habe ich mit einigen Kindern Morgengrauenspaziergänge gemacht.  Urlaubs und krankheitsbedingt war nun eine Pause. Immer wieder fragten die Kinder nach dieser Morgenzeit im Wald. Und morgen geht es wieder los.